Der Shitstorm im Windfang – Asiatisches Leben in Deutschland

Seht ihr nicht? (c)girl.got.skillz

Seht ihr nicht?! (c)girl.got.skillz

Von Danica Bensmail

Das Bild war kaum größer als zwei Postkarten. Etwa drei Jahre hing es im Windfang des Berliner Volkstheaters Heimathafen. Es zeigte eine blonde Frau, die mit den Fingern ihre Augen zu zwei Schlitzen verzog.
Als Teil einer Collage hatte eine Besucherin das Bild im Januar entdeckt. Sie beschwerte sich über die beleidigende Darstellung asiatischer Menschen. Ein offener Brief an das Theater folgte. Man habe das Foto auf die Beschwerden hin entfernt, sagt die Geschäftsführerin Stefanie Aehnelt. Die Beschwerdeführer fordern jetzt eine öffentliche Diskussion. [Read more...]

Bereits 2011 sah sich Dieter Hallervorden mit ganz ähnlichen Vorwürfen konfrontiert. Als künstlerischer Leiter des Berliner Schlosspark Theaters hatte er im Rahmen des Stückes „Ich bin nicht Rappaport“ die Figur des schwarzen Midge Carter mit einem weißen Schauspieler besetzt, der sein Gesicht schwarz anmalte.
Während die Medien sich damals auf das Thema stürzten, blieb die Resonanz im Falle des Schlitzaugen-Foto-Vorfalls aus. Der Shitstorm blieb, wie das auslösende Foto selbst, im Windfang stecken.

 

Beschaulich klein

Im vergangenen Jahr feierte Deutschland das 50-jährige Anwerbeabkommen der Koreaner. Während das gleiche Abkommen zwischen Deutschland und der Türkei 2011 in großem Rahmen zelebriert wurde, blieb das koreanische Jubiläum ein beschauliches Fest.
Beschaulich ist auch die Zahl der Asiaten in Deutschland. Die größte Gruppe bilden die Chinesen mit knapp 100,000 Menschen. Mit knapp 5500 Menschen sind die Taiwanesen die kleinste Gruppe. Zwar stellt Asien noch immer das Gros der Weltbevölkerung, dennoch ist ihr Bevölkerungsanteil in der BRD kaum größer als Gelsenkirchen: 250,000 Menschen.
Tatsächlich ist diese Zahl sehr ungenau. Sie beruht auf dem westlichen Verständnis des Asiatischen. Und das setzt bestimmte äußere Merkmale voraus – die Augen. Die Politik fasst den Begriff des Asiatischen deutlich weiter. So zählt die UN beispielsweise auch Georgien, Zypern und Israel zu ihren asiatischen Mitgliedsstaaten. Ginge es danach, wären die Asiaten hierzulande die größte Einwanderergruppe. Noch vor den 1,5 Millionen Türken.
Mag die vermeintliche asiatische Gemeinde in Deutschland beschaulich sein, so ist sie doch vielschichtig. Trotz einer wachsenden Community und zunehmender popkultureller Relevanz ist das Bewusstsein von Medien und Politik für die gern zitierten Musterbeispiele deutscher Integration ausbaufähig. Warum eigentlich?

 

Unrelevant?

„Asiaten sind politisch einfach nicht relevant genug“, sagt der Autor Martin Hyun. In seinen Büchern beschäftigt er sich mit Integration. Das Bild des angepassten asiatischen Vorbildmigranten ist für ihn mehr Fluch als Segen.
Für eine entsprechende Relevanz müsse man selber sorgen, findet Hyun. „Die Asiaten müssen einfach mal auf den Tisch hauen.“ In Deutschland gelten sie als strebsam, ruhig und integriert. Dementsprechend die Vermutung: wer nicht auffalle, werde auch nicht diskriminiert. „Ein Irrglaube“, sagt Hyun.
You Jae Lee ist Professor am Asien-Orient Institut der Universität Tübingen. Das deutsche Bild der Asiaten empfindet er als ambivalent. Historisch gesehen, seien sie als hohe Kulturnation respektiert worden. Dem stehe jedoch das Schreckgespenst der gelben Gefahr gegenüber.
Das Bild der Asiaten als unauffällige Mustermigranten ist keine zehn Jahre alt. Die von Sarrazin ausgelöste Debatte über Zuwanderung hat dazu beigetragen, diese Wahrnehmung zu festigen. Mit einem simplen Kniff zementierte der Berliner Finanzsenator A.D. das alte Stereotyp. „Er hat die Asiaten dem Negativbild der anderen Migranten ganz beiläufig gegenüberstellt“, sagt Lee.
Kritische Masse
„Wenn die Asiaten weiter entsprechend ihren lakaienhaften Stereotyp leben, ist alles gut“, sagt Martin Hyun. Die asiatische Community in Deutschland müsse zukünftig stärker darauf bedacht sein, ihre Rechte einzufordern. „Das haben uns die Türken voraus!“
Die Asiaten als Ganzes zu bewerten, findet Lee schwierig. Eine kritische Masse von Asiaten in Deutschland, die sich als Gemeinschaft betrachten, fehle bislang. Asien müsse als Einheit noch konzipiert werden. Ein Perser gehöre rein geografisch auch zu Asien. „Ob er sich aber als Asiate versteht und mehr Gemeinsamkeiten mit den Chinesen und Japanern sieht, oder mehr mit den Griechen und Europäern, ist nicht klar“, sagt Lee.
Der Foto-Vorfall im Heimathafen hat für ihn trotz allem auch eine gute Seite. „Aus dieser Diskriminierungserfahrung heraus, bildet sich eine eigene Identität als deutsche Asiaten.“ Wie viel die deutsche Öffentlichkeit davon wahrnimmt, ist für ihn zu diesem Zeitpunkt unwichtig. Die gemeinsame Identitätsbildung sei bedeutend wichtiger. Ist sie doch die Voraussetzung für eine tatsächliche Gemeinschaft deutscher Asiaten in der Zukunft.

 

Mehr über den Verein Korientantion: www.korientation.de

 

BERLIN: Black Intervention – 20. Feb. 2013

Black Intervention Ballhaus Naunynstrasse Berlin

Black Intervention Ballhaus Naunynstrasse Berlin

BERLIN – 20. Februar 2013, 19 Uhr – Eintritt frei

Mit Kurzperformances und Impulsen von:

Joshua Kwesi Aikins, Simone Dede Ayivi, Nadine Golly, Noa Ha, Philipp Khabo Koepsell,

Mekonnen Mesghena, Noahso, Nadja Ofuatey-Alazard

Seit einigen Wochen tobt in Feuilletons und Kulturmagazinen eine Debatte, die erneut zeigt, wie weit die Mitte der deutschen Gesellschaft von einer Akzeptanz ihrer realen Vielfalt noch entfernt ist, und wie sehr es mit der Sensibilität für eine inklusive und herrschaftsfreie Sprache noch im Argen liegt. Sprache ist mehr als ein Kommunikationsinstrument. Sie ist auch ein Barometer sozialer Beziehungen und Verhältnisse. Bis heute aber bedienen sich zahlreiche populäre Kinderbücher der Spracharithmetik der Kolonialzeit. [Read more...]

Die durch Mekonnen Mesghena angestoßene sprachliche Anpassung des Kinderbuches “Die kleine Hexe” hat in Deutschland und weit über die Grenzen hinaus große Wellen geschlagen. Insbesondere die Nomenklatura der deutschsprachigen Feuilletonseiten verteidigt den Erhalt diskriminierender Begriffe in Kinderbüchern vehement und unter Anrufung verschiedenster Feindbilder: „Zensur“, „Sprachpolizei“, „Political Correctness“. Meinungsvielfalt: Fehlanzeige. Weiße Männer diskutieren miteinander über Rassismus, und darüber, ob Minderheiten sich diskriminiert fühlen dürfen oder nicht: Was damals für den weißen Mann richtig war, das kann heute nicht falsch sein. Nur zaghaft wurden einzelne Stimmen zugelassen, die koloniale Altlasten anprangerten. Begleitet wird die Debatte mit persönlichen Diffamierungen, rassistischen Angriffen und Hassmails, insbesondere gegen den Initiator der Debatte.

Aus aktuellem Anlass bietet die Veranstaltung “Black Intervention” Raum für Schwarze, PoC und postmigrantische Stimmen und Perspektiven aus Wissenschaft und Kunst.

Beteiligte:

In der Kinderbuchdebatte fordern die Apologeten des Status Quo anstelle der Änderung und Anpassung von Texten die Kommentierung von rassistischen Begriffen. Bettkantentaugliche Formulierungsvorschläge sind sie bisher schuldig geblieben. Der Politologe und Aktivist Joshua Kwesi Aikins präsentiert die fehlende Fußnote und verweist auf ein mangelndes Wissen über die Geschichte des Rassismus in Deutschland – ein Mangel, der die Debatte in der gegenwärtigen Form erst möglich macht.

 

Die Regisseurin Simone Dede Ayivi hat bereits mehrmals am Ballhaus Naunynstraße inszeniert. An der „Kinderbuchdebatte“ beteiligte sie sich mit einem viel diskutierten Artikel im Berliner Tagesspiegel. Derzeit hinterfragt sie in ihrer Soloperformance „Krieg der Hörnchen“ anhand der Demographieentwicklung einheimischer roter und eingewanderter grauer Eichhörnchen die Xenophie im „Deutschen Wald“.

Nadine Golly ist Sozialwissenschaftlerin und beschäftigt sich u.a. mit Schwarzer Deutscher Geschichte und dem Aufwachsen von Schwarzen Kindern in Deutschland. Sie begleitet in ihrer wissenschaftlichen Funktion Aus- und Fortbildungen von Kindergärtner-Innen und LehrerInnen und setzt sich in diesem Zusammenhang intensiv u.a. mit Kinderbüchern in Deutschland auseinander. Sie liest für „Black Intervention“ aus einem von ihr zusammen mit dem Hip Hop Musiker und Songwriter Austin Francis verfassten Kinderbuch.

Noa Ha  ist Stadtforscherin und promoviert an der TU Berlin zum Straßenhandel im öffentlichen Raum von Berlin aus einer dekolonialen und rassismuskritischen Perspektive. Desweiteren ist sie aktiv bei korientation e.V., einem asiatisch-deutschen Netzwerk. Sie liest aus ihrem Text „Der Mutmacher“, der in der kommenden Ausgabe des Literatur- und Gesellschaftsmagazins „Freitext“ erscheint.

Philipp Khabo Koepsell ist Berliner Spoken Word Performer deutsch-südafrikanischer Herkunft. Er ist Autor des Buches “Die Akte James Knopf. Afrodeutsche Wort- und Streitkunst” und Herausgeber der 2013 erscheinenden Anthologie Schwarzer Stimmen in englischer Sprache “Arriving In The Future. Stories Of Home And Exile”. Seine Texte sind poetische Verhandlungen von afrodeutscher Identität und handeln von Alltagsrassismen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft, Empowerment-Strategien und vom Sinn und Unsinn moderner Popkultur.

Der Journalist und Publizist Mekonnen Mesghena leitet das Referat “Migration & Diversity” in der Heinrich-Böll-Stiftung. Er engagierte sich als Sprecher des “Dritte Welt Journalisten Netzes” und hat 1993 “Media Watch Germany” mitgegründet. Nach dem Ende des 30jährigen Unabhängigkeitskrieges in Eritrea 1991 beteiligte sich Mekonnen Mesghena an der Umstrukturierung des eritreischen Rundfunks. Er schreibt für diverse inländische und internationale Magazine, Rundfunkanstalten und Websites. Der Brief, in dem er nach der gemeinsamen Lektüre des Kinderbuchs „Die kleine Hexe“ mit seiner Tochter den Thiemann-Verlag zur Anpassung rassistischen Vokabulars aufforderte, wurde zum Auslöser der aktuellen „Kinderbuchdebatte“. Seitdem ist Mekonnen Mesghena mit persönlichen Diffamierungen, rassistischen Angriffen und Hassmails konfrontiert.

Nadja Ofuatey-Alazard ist Diplomjournalistin und lebt in München. Die gebürtige Schwarzwälderin absolvierte die Ausbildung der Deutschen Journalistenschule München und studierte in New York Film- und Videoproduktion. Sie promoviert an der Universität Bayreuth wo sie außerdem ein afrikanisch(-diasporisches) Literaturfestival co-leitet. Nach “PerspektivWechsel”, einem kulturpolitischen Interviewfilm zur Situation von minoritären Kulturschaffenden in Deutschland, war „PerspektivWechsel II: Schwarze Kinder und Jugendliche“ ihr zweiter Film. 2011 gab sie gemeinsam mit Susan Arndt das kritische Nachschlagewerk “Wie Rassismus aus Wörtern spricht. Kerben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache” heraus.

Live Klangperformance »Rest, Rooms« von Noahso. Die bekannte Autorin, Aktivistin und Künstlerin Noah Sow schafft ein akkustisches Manifest der Anwesenheit in Abwesenheit. Sie greift Inhalte, Aussagen und Subtexte des Abends auf und webt aus ihnen eine Klangcollage. Sprache, Vokalkunst, erinnerte Melodien und frische Geräuschmarkierun-gen. Persönliches träufelt ins Kollektiv und bereitet den Weg vom Schaffenmüssen zum Seinkönnen. Analoger und digitaler Controllerism, Afrodeutsche Identität™ auf Resilienzgratin, dazu Tonschleifen, kaum Gruppenzwang. www.noahso.com

Webseite des Ballhaus Naunynstrasse: www.ballhausnaunynstrasse.de

IM KINO: “Paradies: Liebe” auf Irrwegen

Paradies: Liebe (c) Neue Visionen Filmverleih

Paradies: Liebe (c) Neue Visionen Filmverleih

Eine Gastkritik von Nadia Shehadeh

Wider besseren Wissens tut man ja vieles. Zum Beispiel: Ins Kino gehen. Um sich Filme anzugucken, von denen man ahnt, man sollte besser die Augen und Ohren davon lassen. “Paradies: Liebe” ist so ein Film.

Die Story geht so: Die Österreicherin Teresa (im Übrigen grandios gespielt von Margarethe Tiesel) fliegt nach Kenia, um dort nochmal sowas wie Liebe zu erleben. Im Zweifelsfall gegen Bares. Sowas gibt es ja in echt, sagt das Feuilleton, also weibliche Prostitutionskundinnen. Und Ulrich Seidl, der Filmemacher, würde auch zeigen, wie sehr das Ganze Business mit Rassismus durchzogen ist. [Read more...]

 

 

Allein unter unpünktlichen BildungsbürgerInnen
Nun ich, in einem Kino in Deutschland: Warum auch immer habe ich mich also entschieden, mir diesen Film anzugucken. Der Saal ist halbleer oder halbvoll – je nachdem, wie man es nimmt. Ich schaue mich um und bemerke schnell, dass ich von deutschen BildungsbürgerInnen umzingelt bin. Ich bin die Einzige von allen, die sowas hat, was BildungsbürgerInnen im Allgemeinen einen Migrationshintergrund nennen.

Pünktlichkeit funktioniert nicht. Zwischen Filmvorschau, Filmvorschau, Filmvorschau zwängen sich weitere Kino-BesucherInnen durch die Sitzreihen. In der linken Hand vorzugsweise ein Weinglas balancierend, um den rechten Arm beigefarbene Trenchcoats gewickelt. Während mir die nächste Kinogängerin ihren Hintern ins Gesicht hält, herzlich bemüht dabei nicht ihren Cabernet zu verkippen, läuft die Vorschau von “The Beasts of the Southern Wild”, die ich gerade noch so aus den Augenwinkeln verfolgen kann. Der Film, von dem ich da schon weiß, dass ich ihn eigentlich viel lieber gucken würde. Tja.

Kurz vor Filmbeginn ein weiterer unglücklicher Sachverhalt: Der Sitzplatz rechts neben mir wird von einem Herren eingenommen, eingenebelt in “Old Spice”, der direkt die linke Armlehne in Beschlag nimmt und sich gefährlich weit in meinen Tanzbereich herüberlehnt. Zu kurze Reaktionszeit. Nach rechts gibt es kein Ausweichen, und ein Umzug in die vorderen, leereren Reihen wäre zwar noch  möglich, aber, der Filmvorspann läuft bereits, und meine fehlgeleitete Moral verbietet es mir (die ich mich noch über die ganzen Zuspätkommer aufgeregt habe) jetzt nochmal Extraumzugswürste anzustreben.

 

“Endlich mal einer der kapiert, wo es langgeht!”
Ich quetsche mich so gut es geht auf den rechten Bereich meines weinroten Kinositzes und suche für meine Gesichtshaltung jeweils die Milimeter Saalluft, die mir nicht die ganze Flasche Old-Spice-Feeling in die Nase jagen. Ich weiß schon jetzt, dass ich eigentlich gar keinen Bock auf diesen Schwerenöter neben mir habe, wenn spätestens gegen Mitte des Films zu erwartende explizite Sexszenen abgespult werden. Ja, ich bin vielleicht albern, aber, so ist es.

Der Film läuft seit zehn Minuten, und die nächsten zu spät kommenden Weinglashalter entern den Kinosaal, drängen sich durch die Reihe hinter mir, zischeln, als ob es das irgendwie besser machen würde “Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung”, aber so, dass auch alle es hören können. “MEIN GOTT!”, schnaubt eine ältere Dame hinter mir angesichts des durch die Unpässlichen getrübten Film-”Vergnügens” beim Aufstehen und Menschen durchlassen, und eigentlich will ich mich sofort umdrehen und “Check” sagen, und ihr zur Versicherung meiner Solidarität meine High-Five anbieten. Doch das geht ja nicht, der Film läuft ja bereits.

Der Film. Teresa hat grad ihre halbwüchsige Tochter bei der Tante abgeliefert, um ihren Urlaub anzutreten. Und vorab: Margarethe Tiesel spielt super. Durchweg. Teresa kommt in Kenia an. Teresa wird im Kleinbus mit anderen Gästen ins Hotel gefahren und lernt das Wort, das dank Seidl in den nächsten Tagen auch ganz viele andere BildungsbürgerInnen lernen werden: “Jambo”. Dann liegt sie in der nächsten Szene mit ihrer Freundin am Strand, die eingeflochtene Haare hat, damit man merkt, dass bei ihr die Überidentifikation mit Kenia bereits schon volle Pulle eingetreten ist, und die Freundin erzählt Teresa von ihrem Boyfriend, und das ist jetzt “endlich mal einer der kapiert, wo es langgeht, ha!”.

Und dann sagt sie, dass sie sowieso jetzt zum ersten Mal im Leben den ganzen Quatsch sein lässt, wie rasieren, oder an ihren Haaren rumdoktern, oder sonst was, all den ganzen Scheiß, den sie früher immer gemacht hat um ihren jeweiligen Partnern in Österreich kurzzeitig “zu gefallen”. Das könnte eine empowernde Szene sein – ist es aber nicht, weil der ganze Film die spielenden Frauen zum Opfer der eigenen Optik macht. Der Body-Control-Impetus des Films schreit so hart und laut “Unvorteilhaft! Unvorteilhaft! Unvorteilhaft!”, dass ein paar Sitze weiter die Frau in der vorderen Reihe ihre Schokolade wieder in die Handtasche stopft.

 

Nicht ohne das N-Wort
Mäßigung. Bescheidenheit. Demut. Disziplin. Anti-Aging. Bloß nicht so enden wie Teresa und ihre Hood in Kenia! Die ganze White Male Sexualangst entlädt sich hier in einer nicht enden wollenden Bilderflut. Wohlfrisierte BildungsbürgerInnen im Filmsaal kichern wohlerzogen. So viel Voyeurismus, und das für unter zehn Euro! Das muss Kino sein! Am Strand stehen die männlichen Strandgänger hinter einer Absperrung und warten auf die ganzen Teresas. Das, immerhin, muss man dem Filmteam anrechnen: Es wurde direkt vor Ort gecastet. Und alle engagierten SchauspielerInnen spielen exzellent.

Irgendwann findet Teresa ihren ersten Boyfriend, Munga, und irgendwann geht es dann zur Sache. Mein Sitznachbar atmet schwer. Ein Bildungsbürger-Paar aus der ersten Reihe verlässt entrüstet den Kinosaal, schwungvoll werden die Mäntel auf die Arme bugsiert und im Lahmarschtempo der Saal verlassen, so dass man neben den Filmimpressionen auf der Leinwand auch noch die genervten Schattenfressen zweier Menschen sehen kann. “Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung!”, rufen sie in den Kinosaal, und ich denke mal wieder: “Kannste Dir nicht ausdenken.”

Eine Szene an der Hotelbar: Zwei Frauen versuchen, den Barkeeper zu bezirzen, und zwar mit Sprüchen, die so unlustig sind, dass sie sogar noch die Faustregel “So schlecht, dass es schon wieder witzig ist” torpedieren. Sie müssen dabei natürlich auch ganz oft das N-Wort sagen. Vielleicht ist das eine der Szenen, in denen Seidl “diesen Rassismus” zeigen wollte. Ist natürlich missglückt, erstens, weil man sich diesen Scheiß dramaturgisch genauso wie Blackfacing sparen kann, und zweitens, weil bei den anderen Kinobesuchern sowieso keine der subtilen Botschaften ankommen würde, weil sie sich ausgerechnet bei dem schlechtesten Witz der ganzen Szene (Barkeeper setzt sich Sonnenbrille auf. Urlauberin sagt: “Oh, coool, Man in Black!”) totlachen. Die reine Reproduktion des Rassismus. Ich wünsche mir eine Ladung Cabernet, literweise, intravenös, und am liebsten direkt ins Gehirn.

 

“So is das da halt in Afrika, schon schlimm”
Die Kenia-Impressionen: Slums und arme Leute. Noch mehr arme Leute, noch mehr Slums. Ach ja, und dann noch: Slums und arme Leute. “So is das da halt in Afrika, schon schlimm, ne”, flüstert ein Mann irgendwann seiner Begleitung zu. Ich erinnere mich an den letzten Kackfilm über Kenia, “Die weiße Massai”. Auch ein schlimmes Artefakt weißer Kolonialisierung der Neuzeit – nicht zuletzt deswegen, da Corinne Hoffmann aus ihrem Ex-Mann der Einfachheit halber einfach mal einen Massai gemacht hat, obwohl er Samburu ist. Corinne Hoffmanns Lebensgeschichte kommt mir auf einmal vor wie eine detaillierte, aufrichtige und ehrenwerte Fallstudie. Irgendwas stimmt hier nicht.

Die Kinobesucher müssen inzwischen auch kapiert haben, was “Hakuna Matata” heißt. Einige flüstern es nämlich zwischendurch und kichern dann wie bekloppt. Die Last des ansonsten spaßbefreiten Lebens fällt ihnen hier von den Schultern. Meine Spaßbefreiung läuft auf vollen Touren. Teresa, die sich ein paar Bier in einer Kneipe genehmigt hat, geht zurück zu Mungas Wohnung (aka Zimmer), mit dem sie sich vorher gestritten hat. Er ist nicht da. Also geht sie zu seiner Schwester. Die weiß nicht wo Munga ist und motzt Teresa an, sie solle verschwinden. Ein Raunen im Kinosaal, als die Schwester Teresa noch ein Schimpfwort hinterherruft, dass die Weiße nicht verstehen kann. Ich denke: Vielleicht kommt ja jetzt noch die große Wende.

Die kommt nicht. Aus Ermangelung an Munga sucht sich Teresa den nächsten Gefährten, und entdeckt dann an einem anderen Tag Munga mit seiner vermeintlichen Schwester, die eigentlich seine Ehefrau ist, am Strand. Die Frau hält das gemeinsame Kind auf dem Arm, während Teresa Munga an den Haaren aus dem Wasser an den Strand zieht, um ihm ein paar Backpfeifen zu geben. Unterwürfig entschuldigt er sich. Das Publikum macht erleichtert “Puh”, denn so geht`s ja nicht, und jetzt hat sie`s ihm ordentlich zurückgegeben. Die Kolonialisierung ist jetzt weiblich, wenn sie dem Schwarzen Mann was auf die Fresse geben kann – das soll wohl die Botschaft sein. Der männliche Protagonist bleibt selbst in seiner Rolle das kolonialisierte Objekt, als Schauspieler wird ihm nicht einmal der Raum geboten, den er durchaus füllen könnte. Ich möchte gerne kotzen.

 

Progressiv und feministisch ist was anderes
Irgendwann am Ende des Films läuft die Szene, die die Feuilletonisten (ja, ich weiß: “Hahaha!”) im Zuge von “Frauen holen nach, was Männer sich immer schon geholt haben!” als super-progressiv und feministisch feiern: Eine Orgie von vier Frauen mit einem Mann, der auf keine der Beteiligten Bock hat. Das hat nix mit Feminismus zu tun, und progressiv ist es auch nicht: Da zeigt sich nur der alte Scheiß, dass wer genug Kapital hat – oder, in diesem Fall: vielleicht auch noch weiß genug ist um mit seiner ansonsten bescheidenen Gehaltsklasse anderswo den Zampano zu machen, und zwar aufgrund verschiedener Lebenshaltungskosten – sich eben nimmt was er will. Keine Pointe.

Was “Paradies: Liebe” zumindest geschafft hat: Dass sich zum Beispiel die WELT mit Headlines á la “Suche flotten Afrikaner, bezahle für Sex” schmücken kann. Hahahaha!  “Ulrich Seidl ist bekannt für seine schonungslose Analyse sozialer Verhältnisse”, sagt man. Das schonungslose Analysieren sozialer Verhältnisse sollte man dann zukünftig lieber wieder den Geisteswissenschaftlern vor Ort überlassen. (Erstmals erschienen am 04.01.13 auf shehadistan.wordpress.com)

Paradies: Liebe seit 3. Januar 2013 im Kino.

Stellungnahme NEUE DEUTSCHE MEDIENMACHER zu Mely Kiyak

Ein strittiger Satz über Thilo Sarrazin reichte aus, um rassistischen Hetztiraden in digitalen Medien über die Kolumnistin Mely Kiyak vorzufinden. Zunder gaben allseits bekannte rechte Foren, die Mely Kiyak jenseits jeglicher Geschmacksgrenzen schon länger attackieren. Die Kollegin bedauerte diesen Satz. Aber leider fängt hier die Geschichte erst an. Denn befeuert wurde die Jagd zusätzlich von der Springer-Presse.

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Was bisher „nur“ in rechten Internetforen, in Kommentaren unter Zeitungsartikeln und in persönlich adressierten Briefen an die Journalistin und ihre Redaktion zum Ausdruck kam, haben drei BILD-Journalisten am 26. Mai 2012 salonfähig gemacht. Unsere Kollegin wurde öffentlich zum medialen Abschuss frei gegeben. Andere Journalisten aus dem Hause Springer nahmen sich ein paar Tage später erneut der „Causa Kiyak“ an und zündelten weiter. Dass die Journalisten des Hauses Springer Sarrazin als „Opfer“ stilisieren und zu Wort kommen lassen, ist dabei nur das kleinere Übel. Sie übernahmen Aussagen von Vertretern der rechten und antimuslimischen Onlineforen.

Wir als “Neue Deutsche Medienmacher“ nehmen Anstoß daran, dass sich Journalisten und Redaktionen als Zugpferde der Tastatur-Nationalisten und selbsternannten Deutschlandretter im Internet vor deren Karren spannen lassen.
Tagtäglich sind in Deutschland Journalisten und Journalistinnen mit und ohne berühmt-berüchtigtem „Migrationshintergrund“ demütigenden Anfeindungen ausgesetzt. So wie Mely Kiyak. Ihre und unsere Anwesenheit in der deutschen Medienlandschaft ist Einigen offenbar ein Dorn im rechten Auge.

Wir wünschen uns von den Redaktionsleitern und den Redaktionen in diesem Land, dass sie sich wie die „Frankfurter Rundschau“ hinter ihre MitarbeiterInnen stellen, wenn sie mit rassistischen Hasstiraden und verzerrenden BILD-Artikeln zu kämpfen haben.

Wir wünschen uns ebenfalls mehr KollegInnen und Redaktionsverantwortliche, die diese Hass-Mails publik machten. Mely Kiyak ist kein Einzelfall. In diesem Land gibt es weitaus mehr AutorInnen und PublizistInnen, die derart angefeindet werden. Das sollte die Öffentlichkeit erfahren.

Wir hoffen ebenfalls, dass in einigen Online-Redaktionen endlich der Groschen fällt und eindeutig rechte Kommentare abmoderiert werden. Solcherart rechtslastige Kommentare sind inakzeptabel. Punkt.

Wir zollen Mely Kiyak und allen anderen KollegInnen Respekt dafür, dass sie sich trotz Hassmails und Shitstorms nicht aus der Ruhe bringen lassen. Trotz und gerade deswegen halten sie mit ihrer Arbeit täglich dagegen an. Der Rückhalt durch ihre Redaktionen sollte ihnen umso mehr sicher sein.

Liebe Mely Kiyak! Wir stehen hinter dir und freuen uns auf viele weitere klug formulierte und pointierte Kolumnen.
Ebru Tasdemir für Die Neuen Deutschen Medienmacher

LINKTIPP: Morde der Zwickauer Terrorzelle

Ein Angriff, der uns allen gilt

Ein Gastbeitrag von Naika Foroutan in der Süddeutschen Zeitung zur Gedenkfeier der NSU Opfer, Rassismus und der nach wie vor verfehlten Diskussion zu diesem Thema:

Mit einer Schweigeminute wird der zehn Opfer der Zwickauer Terrorzelle gedacht. Doch dieses gefühlvolle Zeichen alleine reicht nicht aus. Deutschland muss nach den Morden der Neonazis endlich über ein offensichtliches Problem diskutieren: den wachsenden Rassismus, der immer mehr Menschen ganz normal vorkommt.

Der vollständige Artikel kann hier gelesen werden.

 

Alte Tradition: Dunkle Schuhcreme und deutsches Theater

Werbeplakat zu "Ich bin nicht Rappaport"

Werbeplakat zu "Ich bin nicht Rappaport"

Von Dihia Wegmann

Anfang Januar bat das Schloßpark Theater Berlin seine Facebook-Fans um Meinungen zu den Werbeplakaten für die Vorführung zu „Ich bin nicht Rappaport“. Im Original aus den 1980er Jahren sind die zwei Rollen des jüdischen Nat und des Schwarzen Midge durch einen Weißen und einen Schwarzen Schauspieler besetzt. Auf dem Plakat des Schloßpark Theaters wird die Rolle des Nat von Dieter Hallervorden besetzt. Die Rolle des Schwarzen Midge wird von Joachim Bliese, der mittels Schminke „schwarz“ angemalt wurde, gespielt.

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Die Berliner Studentin der Medien- & Kulturwissenschaften Kristin Lein hatte eigentlich vor, das Theater darauf aufmerksam zu machen, dass die Tatsache, einen weißen Schauspieler schwarz anzumalen, rassistische Züge habe. „Ich bin ehrlich gesagt fast ein bisschen naiv an die Sache rangegangen. Die Reaktion des Theaters auf meine E-Mail und auf den Protest bei Facebook haben mich dann schnell wieder wach werden lassen.“ Auch Philipp Khabo Köpsell, Spoken Word Performer aus Berlin und Autor der „Akte James Knopf“ verfolgte die Umsetzung des Stückes. Er vermutet, dass das Schauspielhaus sich nicht bewusst sei darüber,  in welcher Tradition sie sich befinden, wenn sie ihre weißen Schauspieler in schwarzer Schminke auf die Bühne schicken.“ Philipp Khabo Köpsell Empfinden nach zeigt die Umsetzung des Theaterstückes, dass Schwarze Menschen in Deutschland nicht als Zuschauer_innen und „partizipierendes Publikum“ wahrgenommen werden. Schwarze Menschen scheinen in der „Gedankenwelt weißer Intendanten“ keine Rolle zu spielen. Neben Kristin Lein und Philipp Khabo Köpsell versuchten auch weitere kritische Facebook-User_innen das Schloßpark Theater über ihre Umsetzung aufzuklären. Aber nicht nur auf Facebook wurde diskutiert, sondern auch die Presse im In- und Ausland nahm sich des Eklats an. Die BBC Online News widmeten sich dem Thema am 10. Januar 2012 und hielten fest „Die als blackface gekannte Technik ist vom Schlosspark Theatre in Berlin für seine letzte Produktion ‘Ich bin nicht Rappaport’  verwendet worden. Vorwürfe des Rassismus leugnet und streitet die Theatergruppe vehement ab.“

 

Stereotype Wahrnehmungen
Für Tahir Della, Vorstandsmitglied der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD Bund) e.V. ist die Kritik an der Umsetzung des Stückes klar: „Die Blackface-Praxis an deutschen Bühnen zeigt zweierlei auf: Zum einen wird ein Stilmittel angewandt, das eindeutig und historisch belegt eine rassistische Tradition hat und zum Zweiten, die damit einhergehende Ausgrenzung schwarzer Schauspieler_innen aus dem Deutschen Theaterleben.“

Diese Praktik, weiße Menschen mittels Farbe als Schwarz erscheinen zu lassen hat ihren Ursprung vor allem, aber nicht nur, in amerikanischen Minstrel-Shows. Die Darstellungen transportierten auf diese Weise eine stereotype Wahrnehmung Schwarzer Menschen und legitimierten auf gewisse Art die unterschiedlichen Stellungen von Weißen und Schwarzen in der Gesellschaft. Eine weiße Person durch z.B. Schuhcreme als Schwarz darzustellen wird „Blackface“ genannt und wissenschaftlich als rassistisch wahrzunehmen.
Die Reaktion des Schloßpark Theaters auf die Kritik konnten viele Menschen nicht nachvollziehen. Eine von ihnen ist ebenfalls Vorstandsmitglied der ISD und Autorin der Novelle „things i think while smiling politely“, Sharon Dodua Otoo. Die gebürtige Britin lebt seit fast sechs Jahren in Berlin und gehörte zu denen, die sich an der Auseinandersetzung mit dem Schloßpark Theater beteiligten. Nach einigen Beiträgen wurden sie und Tahir Della von den Betreiber_innen der Fanseite geblockt. „Der letzte Beitrag, den ich gepostet hatte, war eine Zusammenfassung unser Hauptkritikpunkte. Ich war echt bemüht, mit einigen kreativen Beispielen zu zeigen was genau das Problem für uns war. Und plötzlich darf ich nicht mehr an der Diskussion teilnehmen – aber andere, weniger reflektierte Personen, die ganz offensichtlich beleidigende, sexistische, homophobe sowie rassistische Nachrichten gepostet haben, durften sich völlig ungestört austoben.“

 

Fehlendes Bewusstsein
Auch Tahir Della kritisiert neben der Blackface-Aufführung des Theaters ebenfalls die anschließende Reaktion. Er befürchtet, dass den Verantwortlichen der Schauspielhäuser gar nicht klar sei, dass sie sich seit Beginn der Auseinandersetzungen in zutiefst rassistische Reflexe verstrickt hätten. „Sie verstecken die stattfindende Ausgrenzung hinter vorgeschobenen Argumenten wie z.B. es gäbe im Repertoire für Schwarze Darsteller_innen nicht genügend Rollen oder es gäbe schlichtweg zu wenig Schwarze Schauspieler_innen. In Wahrheit jedoch ist es so, daß sich die Leitungen der deutschen Theater nicht mit den neuen Realitäten auseinandergesetzt haben und es nicht geschafft haben, die zahlreichen Schwarzen Schauspieler_innen zu gewinnen und ihnen die Möglichkeit gegeben haben sich in dem Theaterbetrieb einzuschreiben.“

In diesem Zusammenhang wird die weiße Dominanzkultur und ihr Anspruch auf Definitionsmacht deutlich. Das Schloßpark Theater spiegelt die Denkweise der Mehrheitsgesellschaft wider: Was nicht rassistisch gemeint war, kann auch nicht rassistisch sein. Aus dieser und ähnlichen Reaktionen wird klar:  Rassismus ist vor allem ein Problem der weißen Mehrheitsgesellschaft.
Wenn Sharon Dodua Otoo die Umsetzung des Theaterstückes im internationalen Kontext sieht, wird ihr Unverständnis noch größer. „Ich bin in Großbritannien sozialisiert. Da gilt: “The customer is always right!” Und ich bin immer wieder erstaunt, dass in Deutschland, besonders in Berlin, der Leitsatz eher ‘Der Kunde ist ein Idiot’ zu sein scheint. In London, wären die Plakate auf der Stelle abgehängt worden, man hätte in den großen Zeitungen eine Entschuldigung gedruckt und möglicherweise ein Gespräch mit Vertreter_innen verschiedene Communities gesucht. Doch, wenigstens eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Kritik hätte ich erwartet. Ich finde nach wie vor, das Schlosspark Theater hat gehandelt als wären ausschließlich die weißen Theaterinteressierten ihre einzige Zielgruppe“. Auch Philipp Khabo Köpsell ist mehr als enttäuscht von der Reaktion des Schloßpark Theaters auf die geäußerte Kritik: „Sich über die Einwände derer hinwegzusetzen, die mit Hilfe schwarzer Schuhcreme dargestellt werden – mit der Begründung, ihre Kritik wäre unbegründet und subjektiv und sie selbst überempfindlich – ist an Dreistigkeit kaum zu übertreffen. Es ist die einfachste Form Rassismuskritik zu ignorieren. Mich persönlich stört die Lernrenitenz der Verantwortlichen. Allein das Internet bietet bereits genug Essays und Videoclips, die erklären warum Blackface ein unerwünschtes Stilmittel ist und Schwarze Menschen kein Interesse daran haben, auf diese Weise dargestellt zu werden.“

 

Kritik reflektieren
Eine „rassistisch begründete Besetzungspolitik ist Kern der Kritik, nicht nur am Verhalten des Schlossparktheaters, sondern auch anderer Häuser wie dem Deutschen Theater in Berlin“ stellt Tahir Della fest. Nur wie sollte nach einer rassistischen Handlung mit der Kritik daran umgegangen werden? Kristin Lein hätte sich eine „glaubhafte Entschuldigung in Form eines Zusammentreffens mit Vertretern von PoC (People of Color) wie z.B. der ISD und sofortige Abänderung, bzw. Absetzung des Stückes“ gewünscht. Dies sieht Tahir Della ähnlich, für ihn wäre „eine glaubhafte Entschuldigung für den bisherigen Umgang mit den Befindlichkeiten von Menschen mit Rassismuserfahrung“ angebracht gewesen. Für die Musikerin Krawalla hätte die geübte Kritik für einen Lernprozess genützt werden können. Anstatt die Rassismuskritik direkt abzuwehren würde sie sich wünschen: „Erst mal zuzuhören, sich selbst mal kurz zurück nehmen, die Kritik dann reflektieren und überlegen inwiefern das vielleicht stimmt und was man besser machen könnte.“
Nach wie vor ist offen, ob das Schloßpark Theater sich bewusst der rassistische Praktik bedient oder bis heute nicht verstanden hat, was der Kritikpunkt der Menschen war. Beruhigend: Der Blog Bühnenwatch schaut seit den neuesten „blackface“ Skandalen genauer auf deutsche Theaterbühnen.

„Die Sklavenhalter sitzen heute in den Börsen“

Jean Ziegler

Jean Ziegler © Adrian Moser

Von Eren Güvercin

Der Schweizer Soziologe und Politiker Jean Ziegler gilt als Globalisierungskritiker. Seit Jahrzehnten kämpft er gegen Hunger und Armut und den für diese verantwortlichen kapitalistischen Bedingungen. Er war viele Jahre Abgeordneter für die Sozialistische Partei im Nationalrat. 2000-2008 war er UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. 2008 wurde er in den Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats gewählt.


Herr Ziegler, der Titel Ihres neuen Buches lautet „Der Hass auf den Westen“. Welchen Hass meinen Sie?

Ich muss zugeben, der Titel meines Buches „Der Hass auf den Westen“ kann schockieren. Es geht in meinem Buch über zwei Arten des Hasses. Der Hass der südlichen Hemisphäre, wo immerhin 4,5 Milliarden der 6,7 Milliarden Menschen leben, hat zwei ganz unterschiedliche Gesichter. Es gibt einen pathologischen Hass. Das ist Al-Kaida, der Terrorismus, das ist organisiertes Verbrechen. Und es gibt den vernunftgeleiteten Hass, den Willen zum Aufstand gegen den kannibalischen, vom Westen über den Planeten erricheteten Weltordnung. In Bolivien zum Beispiel ist seit 3 Jahren zum ersten Mal seit 500 Jahren ein Indianer demokratische gewählter Präsident. Eine unglaubliche Identitätsbewegung ist im Gange, eine demokratische Widerstandsbewegung, gemacht aus den fünf großen indianischen Völkern des Andenhochlandes. Evo Morales hat dank dieser Widerstandsbewegung die Macht über 200 ausländische Konzerne zu übernehmen, ganz neue Bedingungen zu diktieren und plötzlich hat dieser bitterarme bolivianische Staat das Geld, sein Volk aus dem Unglück und Hunger zu führen. Das ist der vernunftgeleitete Hass.

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Woher kommt dieser Hass? Die Zeit des Kolonialismus gehört doch längst der Vergangenheit an…

Er hat drei Quellen. Die erste Quelle ist das verwundete Bewusstsein. Das ist wie beim Holocaust, man weiß nicht warum ein verwundetes Bewusstsein, ein fürchterliches Verbrechen zwei, drei Generationen braucht, bis es Bewusstsein wird. Dasselbe erleben jetzt die Völker des Südens. Zwei fürchterliche Wunden, die im Gedächtnis fortleben, das ist die Sklaverei und das sind die Kolonialmassaker, und heute erst, Generationen nachdem diesen Massakern, wird dieses verwundete Gedächtnis zum politischen Bewusstsein. Ich möchte ihnen eine Anekdote erzählen, um das zu illustrieren. Im Dezember 2007 kommt der französische Staatspräsident Sarkozi zum ersten Mal nach Algier, um Erdölverträge zu verhandeln. Die französische Delegation setzt sich an den Tisch im Präsidentenpalast von Algier. Bevor die Verhandlungen beginnen, steht Präsident Bouteflika auf und sagt: „Zuerst möchte ich eine Entschuldigung für Sétif!“ Sétif ist das fürchterliche Massaker, das die Fremdenlegion verursacht hat am 8. Mai 1945 an der algerischen Zivilbevölkerung, das über 42 000 Tote und Verwundete gekostet hat. Ganz verstört antwortet Sarkozy: „Ich bin nicht der Nostalgie wegen gekommen.“ Die Antwort von Bouteflika: „Das Gedächtnis vor den Geschäften!“ Daraufhin gab es keine Verhandlungen. Die letzte Staatsvisite, die Bouteflika in Paris machen sollte, war im letzten Juli. Die wurde abgesagt, weil die Entschuldigung für Sétif immer noch nicht eingetroffen ist.
Die zweite Quelle des vernunftgeleiteten Hasses ist die permanente westliche Doppelzüngigkeit, wenn es um Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit geht. Ich bin Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrates des Uno-Menschenrechtsrates. Ich erlebe bei jeder Versammlung des Uno-Menschenrechtsrates diese westliche Verlogenheit. Auch Präsident Obama foltert weiter. In Bagram wird weitergefoltert. Er kriegt den Nobelpreis, während er zwei Kriege führt. Die Doppelzüngigkeit des Westens wird nicht mehr ertragen von den Völkern des Südens. Ich möchte ihnen auch hier ein Bespiel geben. In meinem Buch spielt Nigeria eine große Rolle, das bevölkerungsreichste Land in Afrika und einer der größten Erdölexporteure der Welt. Seit 1966 wird Nigeria von wechselnden Militärdiktaturen unter demokratischer Maske regiert, und das Land wird von Erdölkonzernen geplündert. Die Bevölkerung leidet dabei an Hunger, an verseuchtem Wasser und Analphabetismus. Im April 2007 fanden wieder sogenannte Wahlen in Nigeria statt. Die Europäische Union stand unter dem Vorsitz von Frau Merkel. Frau Merkel hat die Wahlbeobachtung angeordnet. Die EU kann das sehr gut. Sie hat den Wahlprozess beobachtet und das Fazit war absolut vernichtend. Es war ein totaler Wahlbetrug. Es wurden sogar oppositionelle Politiker erschossen. Der neue nigerianische Präsident Amaru hat überhaupt keine demokratische Legitimation. Zwei Monate später findet in Heiligendamm der G8-Gipfel statt. Frau Merkel lädt als Ehrengast aus Afrika Amaru ein, den Wahlbetrüger. Frau Merkel ist gefangen im Ethnozentrismus der Europäer. Sie sieht nicht die tiefe Wunde, die Beleidigung, die sie dem nigerianischen Volk antut, wenn sie den Mann, den sie zwei Monate vorher als Wahlbetrüger bloßgestellt hat, jetzt als Ehrengast zum G8-Gipfel nach Heiligendamm einlädt. Diese Blindheit des Westens ist unerträglich für den Süden.

 

Der Hass auf den Westen

Der Hass auf den Westen

Was sind die Gründe für diese schizophrene Haltung des Westens?

Der Westen, der mit 12,8 Prozent der Weltbevölkerung eine Minderheit ist, herrscht über den Planeten seit über fünfhundert Jahren. Ende 15. Jahrhundert, als die Erde rund geworden ist, nach der vierten Reise von Kolumbus, der Genozid in Lateinamerika, dann 350 Jahre Sklavenhandel, dann 150 Jahre lang die Kolonialmassaker und die Territorialbesetzung und heute die Tyrannie des globalisierten Finanzkapitals. Letztes Jahr haben die fünfhundert größten Privatkonzerne der Welt nach Weltbankstatistiken gemeinsam über 52 Prozent des Weltsozialproduktes beherrscht. Dieses Finanzkapital in den Händen einiger westlicher Oligarchen hat eine Macht, die es nie zuvor in der Geschichte der Menschheit ein König, ein Kaiser oder ein Papst gehabt hat. Diese Finanzdiktatur wird von den südlichen Völkern als letzte Etappe der Ausbeutung und Unterdrückungsstrategie des Westens gesehen. Die Sklavenhalter sitzen heute in den Börsen, bestimmen die Rohstoffpreise durch Spekulation und sind heute – wenn auch der Allgemeinheit nicht sichtbar – verantwortlich für den Hunger hunderttausender Menschen. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kinder unter 10 Jahren. Dieses Jahr im April hat zum ersten Mal die Zahl der permanent unterernährten Menschen die Milliardengrenze überschritten. Das auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt. Es gibt heute keine Fatalität mehr, ein Kind, was jetzt wo wir reden am Hunger stirbt, wird ermordet. Diese Weltordnung, die der Westen dem Planeten aufzwingt, der schafft seine eigene Theorie. Der Westen glaubt an die Universalität seiner eigenen ethnozentrischen Werte. Ich komme gerade aus der Generalversammlung der Uno aus New York. Jeder westliche Botschafter so klug, so subtil und so kultiviert er ist, wenn er redet, redet er im Namen der Menschheit, der universellen Werte, und gibt seine Belehrungen an die Völker Lateinamerikas, Asiens und Afrikas ab. Das ist fast konsubstanziell dem westlichen Diskurs, und das kommt aus dieser totalen Blindheit, weil die materielle Unterdrückung, die vom Westen produziert wird, produziert den eigenen Legitimationsdiskurs. Und dies wird heute überhaupt nicht mehr toleriert.

 

Wird die Weltgeschichte mehr und mehr vom Süden ausgehen? Ist das nicht allzu utopisch?

Heute diktiert zwar die euroatlantische Welt, seit sie die paar korrupten Oligarchien der Peripherie Chinas und Indiens in ihr Ausbeutungsgeschäft integriert hat, die Rohstoffpreise und immer noch ganz massiv den Süden plündert. Die Demokratische Republik Kongo, dieser Subkontinent, wo die Menschen zu tausenden jeden Tag an Hunger sterben, ist ein geologisches Wunder. Da liegen unglaubliche Reichtümer. Die Plünderung geht aber weiter, weil es den Konzernen gelungen ist, in vielen Ländern korrupte Herrschaften einzusetzen, die diese Scheinverträge, diese Ausbeutungsverträge unterschreiben. Die tatsächliche Geschichte, die Geschichte der Mobilisation, des Widerstandes, dort wo Leben entsteht, Solidarität zu politischen Kraft wird, das geschieht heute im Süden. Was heute im Andenhochland an Mobilisierung entsteht, was in Venezuela oder Ecuador entsteht, das ist radikal neu. Auch in Afrika sind diese Kräfte am entstehen. Marx hat gesagt, der Revolutionär muss im Stande sein, das Gras wachsen zu hören. Und dieses Gras wächst überall an der Peripherie der westlichen Weltfinanzdiktatur.

 

Sie erzählen in Ihrem Buch viel von Bolivien und den Veränderungen unter Evo Morales. Sind diese Entwicklungen in Südamerika wirkliche Alternativen zum – wie sie es nennen – „Raubtierkapitalismus“? Viele kritisieren die Entwicklungen etwa in Bolivien als totalitär…

Man kann alle politischen Vorurteile haben. Man kann links sein, rechts sein. Wir leben ja in freien Gesellschaften in Westeuropa. Aber die Ignoranz und die hochmütige Verurteilung der revolutionären Bewegungen an der Peripherie ist unwürdig. Die kreative, gemeinschafts- und solidaritätsschaffende Geschichte, die findet auf den Anden, in den 12 000 indianischen Stämmen, die Bolivien ausmachen, statt. In vielen Teilen Südamerikas wird Geschichte geschaffen, und wir sollten von ihnen lernen. Aber auch in Europa passiert etwas. Ich glaube nicht mehr an den europäischen Nationalstaat, dessen Souveränitätsrechte sofort überdeteminiert sind durch die kapitalistische Warenrationalität. Die EU ist ja nichts anderes als ein Konzernverwaltungsrat. Da sind keine Werte, keine Ambitionen mehr vorhanden. Aber es gibt die Zivilgesellschaft, diese wundersame Bruderschaft. Ich komme zurück auf Heiligendamm im Sommer 2007. Ich war auf der anderen Seite des Stacheldrahts. Da waren wir 140 000 Menschen aus 41 Nationen aller politischer Coleur. Es waren Pastoren da, Trotzkisten, Junge und Alte. Alle sind dort gewesen und haben diskutiert. Sie waren alle getrieben von dem moralischen Imperativ, nicht vom politischen Imperativ oder irgendwelchen Parteiideologien. Immanuel Kant hat gesagt: „Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.“ Diese moralische Imperativ ist der Motor einer neuen Zivilgesellschaft, die eine Welt nicht mehr tolerieren will, wo alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger stirbt. Diese Zivilgesellschaft in Deutschland sehr stark, von der Welthungerhilfe über Geenpeace bis zu attac. Der Aufstand des Gewissens wird kommen. Deutschland ist die lebendigste Demokratie in Europa. Es gibt keine Ohnmacht in einer Demokratie, Die Grundrechte gibt es, und die kann man brauchen, um unsere Regierung zu zwingen, auf das Agrardumping der EU in Afrika zu verzichten, die Schuldknechtschaft der Dritten Länder zu brechen, anstatt die Gläubigerinteressen der Deutschen Bank und der anderen großen Banken immer zu fördern. Ich bin ganz zuversichtlich, dass dieser Aufstand des Gewissens bei uns nahe bevorsteht.

 

Sein aktuelles Buch ist 2009 erschienen und trägt den Titel:

Der Hass auf den Westen -Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren
Verlag: C. Bertelsmann Verlag
288 Seiten, 19,95 €

 

Der Mord an Marwa el-Sherbini – Verschleierungen und Versäumnisse

Marwa el-Sherbini

Marwa el-Sherbini

Von Silvia Horsch

Am 1. Juli hat ein Mord aus Fremdenfeindlichkeit und Islamhass stattgefunden. Das Motiv ist vielleicht selten so offensichtlich wie in diesem Fall: Der Täter, Alex W. hatte die kopftuchtragende Marwa el-Sherbini ein Jahr zuvor auf einem Spielplatz als „Islamistin“ „Moslemschlampe“ und „Terroristin“ beschimpft. Ein Dresdner wurde Zeuge dessen und rief die Polizei, es kam zu einem Verfahren wegen Beleidigung. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

Die wichtigen Fragen wurden nicht gestellt

In den ersten Tagen wurde über das Verbrechen unter Überschriften wie „Streit um eine Schaukel“ in der Rubrik vermischtes“ berichtet. Man dachte an ein Gerichtsdrama und einen eskalierten Nachbarschaftsstreit – schreckliche Dinge, die aber nun mal leider vorkommen. Dann wurden die Motive „Rassismus“ und „Ausländerhass“ aufgrund der ägyptischen Herkunft von Marwa el-Sherbini vermutet und vom Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigt. Ihr Kopftuch, das sie als Muslimin erkennbar machte, wurde in den meist kurzen Artikeln der ersten Tage zwar ab und an erwähnt, aber die Frage nach einem islamophoben Hintergrund der Tat nicht gestellt.

Solche und solche Opfer

Die Berichterstattung erinnert auch an den medialen Umgang mit den Ergebnissen einer Studie, die vom BMFSFJ in Auftrag gegeben und im Januar 2007 veröffentlicht wurde. Es ging um „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“. Zwei der Ergebnisse lauteten:

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1.    38% der türkischen Migrantinnen erlebten Gewalt durch den eigenen Partner, gegenüber 25% der mehrheitlich deutschen Gruppe der Hauptuntersuchung,

2.    61% der türkische Migrantinnen haben psychische Gewalt durch wenig oder nicht bekannte Personen im öffentlichen Raum erlebt (gegenüber 42% der mehrheitlich deutschen Frauen) und 54% geben an, aufgrund des Geschlechts, des Alters oder der Herkunft benachteiligt oder schlecht behandelt worden zu sein (gegenüber 26%).

Welches Ergebnis wurde in den Medien häufig erwähnt und welches wurde kaum thematisiert? Richtig geraten. Eine muslimische Frau ist als Opfer ihres eigenen Ehemanns, Vaters oder Bruders offenbar viel interessanter denn als Opfer fremden- und islamfeindlicher Personen in ihrer Umgebung.

Fassungslosigkeit in Ägypten

Dass sich die Medien schließlich der Islamophobie doch noch annehmen, liegt nicht daran, dass eine Frau aus islamfeindlichen Motiven ermordet wurde, sondern an den Protesten im Ausland, vor allem bei der Beerdigung Marwa el-Sherbinis in Ägypten, und der dortigen Berichterstattung, die Islamhass in Deutschland beklagte.

Ablenkungsmanöver und Verdrängungsstrategien

Nach solchen Nachrichten echauffiert man sich in der Welt über „emotionale Debatte über den Mord“ und weist darauf hin, dass Deutschland jetzt – nachdem Axel Köhler (KRM) auf eine islamophobe Stimmung bis in die Mitte Gesellschaft aufmerksam gemacht hat – stärker durch islamistische Anschläge gefährdet sei. Die Suedddeutsche hält fest, dass „die mörderische Tat des erst 2003 nach Deutschland gekommenen Mannes mindestens so viel über die in Russland vorherrschende Islamphobie aussagt wie über Fremdenfeindlichkeit in Deutschland.“ Islamophobie gibt es demnach nur in Russland. Überhaupt fällt oft auf, dass die Herkunft von Alex W. in einer Art und Weise in den Vordergrund gestellt wird, die die Frage nach einer möglichen Mitverantwortung der deutschen Öffentlichkeit für eine solche Tat gar nicht erst aufkommen lassen soll. Der Täter ist ein „Ausländer“ wird auf diese Weise suggeriert.

Es fällt den Medien, aber auch der Politik ganz offensichtlich schwer, Islamophobie als Phänomen ernst zu nehmen und in diesem Mordfall als Hintergrund der Tat angemessen zu thematisieren. Mit Sicherheit ist Alex W. ein Rassist und fremdenfeindlich. Aber es gibt mittlerweile eine islamophobe Unterart des Rassismus, die mit dem Kriterium der „Rasse“ zwar verbunden werden kann, aber auch ohne „Rasse“ auskommt und nur auf die Religionszugehörigkeit abzielt.  Rassismus/Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie als Motive gegeneinander auszuspielen, macht keinen Sinn. Ebensowenig macht es Sinn, nur über die Begriffe und nicht über die damit bezeichneten Phänomene zu diskutieren. Eine islamophobe Einstellung kann sich unter anderem in verbalen Herabsetzungen und Verunglimpfungen, strukturellen Diskriminierungen oder auch tätlichen Angriffen gegenüber Menschen mit muslimischem Hintergrund ausdrücken.

Endlich Reaktionen

Vereinzelt wird schließlich das Phänomen beim Namen genannt. Zuvor hatten sich eine Reihe von Organisationen und Gruppen der Zivilgesellschaft kritisch zu Wort gemeldet, die islamischen Verbände (zum Teil erstaunlich spät, der KRM gab erst eine Woche später eine Erklärung ab), der Interkulturelle Rat und das Institut für Medienverantwortung. Vertreter der Wissenschaft ( wie Iman Attia und Peter Widmann) und nicht zuletzt der Zentralrat der Juden. Deren Generalsekretär Stephan Kramer besuchte gemeinsam mit dem Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, den verletzten Ehemann. Kramer übte deutliche Kritik an den „unverständlich spärlichen“ Reaktionen von Politik und Medien. Es scheint jedoch, dass diese gemeinsame Aktion eines Juden und eines Muslims offenbar mehr mediale Aufmerksamkeit findet als der Mord selbst.

Nach massiven Forderungen verschiedener Politiker der Grünen, Linken, FDP und SPD gibt die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer am 10.07. (!) eine Presseerklärung ab.
Dem innenpolitischen Sprecher der Fraktion von CDU/CSU fällt hingegen nur folgendes ein: “Wenn es ein politisches Phänomen wäre, dass typischerweise Russlanddeutsche auf islamische Frauen losgehen, dann müsste sich die Politik äußern”, sagte Hans-Peter Uhl. Die Tat sei aber ein Einzelfall. Anscheinend brauchen wir erst eine Mordserie, bevor Christdemokraten erwägen, über die zunehmende Islamfeindlichkeit in Deutschland nachzudenken.

Antiislamische Hetze und islamophobe Einstellungen

In den  Stellungnahmen wird auf Webseiten und Gruppierungen, wie Politically Incorrect (PI) und Pro NRW hingewiesen, die islamfeindliche Einstellungen verbreiten. Die Artikel und Kommentare von PI-Lesern zeugen von einer nicht erträglichen und nicht hinnehmbaren Menschenverachtung. Ähnliche Äußerungen wie auf PI finden sich auch in den Kommentaren zu Artikeln der Welt: Der Täter Alex W. wird als „Freiheitskämpfer“ bezeichnet und für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen, ein Leser registriert erfreut „Ein Pinguin/Schleiereule weniger“ und einige Kommentare weiter unten ergänzt ein anderer: „ +Pinguinbaby ;o)“.

Sicherlich sind dies die Ansichten einer radikalen Minderheit, die im Internet besonders lautstark ist. Nur stellt diese 1. – wie der Mord in Dresden deutlich gemacht hat – eine reale Bedrohung für in Deutschland lebende Muslime dar, ist 2. mit Hilfe von Steuergeldern in rechtsextremen Parteien gut organisiert und 3. als extreme Spitze des Eisbergs ein Indikator für die in der deutschen Gesellschaft weiter verbreiteten Ressentiments, die sich z.B. im Verlauf der „Kopftuchdebatte“ auch in der Mitte der Gesellschaft ganz unverhohlen gezeigt haben. Die im Verlauf dieser Debatte gefallenen Äußerungen über das Kopftuch – nicht vom extremen Rand, sondern aus der Mitte der Gesellschaft, von politischen und kirchlichen AmtsträgerInnen und bekannten Intellektuellen – haben zu einer Atmosphäre beigetragen, in der viele meinen, ihrem Hass auf den Islam offen Ausdruck verleihen zu können. Dass der verbalen Gewalt irgendwann die physische folgt, ist dann nur eine der Frage der Zeit.

Wo ist die Bundesregierung?

Es hätte daher eine eindeutige Reaktion erfolgen müssen und von Seiten der Politik Maßnahmen gegen Islamophobie ergriffen werden. Bis jetzt warten wir allerdings vergeblich auf das Mindeste, was man hätte erwarten können: Eine öffentliche Äußerung der Bundeskanzlerin oder des Bundesinnenministers. Frau Merkel hat am Rande des Gipfels mit Mubarak, dem Staatschef Ägyptens, darüber gesprochen (offenbar waren da die Umstände klarer) – als ob es sich bei dem Mord um ein Problem der internationalen Beziehungen handele, und nicht um einen Vorfall, der die in Deutschland lebenden Muslime und die deutsche Gesellschaft insgesamt betrifft. Nun, das deutsch-ägyptische Verhältnis scheint sich durch eine vom deutschen Botschafter in Auftrag gegebene, großformatige Todesanzeige und Beileidsbekundung in der ägyptischen Tageszeitung al-Ahram wieder gebessert zu haben. Eine Adresse an die in Deutschland lebenden Muslime hingegen – Fehlanzeige. Das ist einfach beschämend. An die vier Millionen Muslime in Deutschland, die nicht nur durch den Mord, sondern auch (und vor allem!) durch die Reaktionen der Medien und der Politik verunsichert sind, ein persönliches Wort der Abscheu über diese Tat zu richten, wäre nicht nur ein Gebot der Menschlichkeit sondern auch der politischen Vernunft gewesen.

Verstörende Schlussfolgerungen

Es ist bedenklich, dass es erst einen Mord braucht, um Islamophobie zum Thema zu machen. Vor einigen Jahren gab es schon einmal beinahe ein Todesopfer: Eine junge Libanesin, Nasrine C., und ihre Schwiegermutter, beide Kopftuchträgerinnen, wurden im Januar 2002 in Berlin-Hellersdorf in der Straßenbahn von Nazi-Schlägern angegriffen und zusammengeschlagen. Von einer größeren Anzahl anwesender Passanten griff nur ein junger Mann und der Straßenbahnfahrer ein. Nasrine C. wurde lebensgefährlich verletzt, aber sie überlebte. Eine nachhaltige Debatte über Islamfeindlichkeit kam nicht in Gang – ob es diesmal der Fall sein wird, bleibt erst noch abzuwarten.

 

Muslimische Reaktionen

Im Internet wurde der Mord unter Muslimen von Anfang an heftig diskutiert. Die Reaktionen, die von großer Anteilnahme geprägt sind, haben eine große Bandbreite, die vom Bemühen um sachliche Information bis zu Verschwörungstheorien reicht. Der salafitische Prediger Pierre Vogel hat am Sonntag nach der Tat ein Totengebet und eine Kundgebung in Berlin organisiert und stieß damit in eine Lücke, die die Verbände mit ihren zum Teil verspäteten Reaktionen gelassen hatten. Das Totengebet war eine wichtige Handlung, um Marwa auch in Deutschland die letzte Ehre zu erweisen und ihrer Familie zu zeigen, dass die Muslime in Deutschland an ihrem Schicksal anteilnehmen. Sich bei dieser Gelegenheit jedoch abfällig über die “weichgespülten” muslimischen Verbände zu äußern, ist mehr als unangemessen, da der Tod Marwas auf diese Weise zur Profilierung gegenüber anderen Gruppen ausgenutzt wird.
Auch die Märtyrerverehrung, die jetzt eingesetzt hat, erscheint bedenklich. Sicherlich ist es richtig, dass Marwa als Märtyrerin bezeichnet werden kann, insofern ihre (sichtbare) Religionszugehörigkeit ein maßgeblicher Grund für ihre Ermordung gewesen ist. Die Formulierung “Märtyrerin des Kopftuchs” ist allerdings problematisch, suggeriert sie doch, dass das Kopftuch eine im Islam so wichtige Sache wäre, dass man für sie in den Tod gehen müsste und ist damit ein Beispiel für die – nicht zuletzt durch die Kopftuchdebatte geförderte – maßlose Überbewertung des Kopftuchs unter vielen Muslimen.

Was kann man jetzt konkret und sinnvoll tun?

Vor allem stehen wir – Muslime und Nichtmuslime – vor der Aufgabe, die Gefahr der Islamophobie bewusst zu machen. Notwendig ist z.B. eine Dokumentation islamophober Übergriffe, aber auch von Diskriminierungen im Alltag und im Berufsleben aufgrund der Zugehörigkeit zum Islam. Auch die Kopftuchverbote für Lehrerinnen in verschiedenen Bundesländern und die aggressive Debatte darüber müssen vor diesem Hintergrund noch einmal angesprochen werden.

Muslime können als Einzelpersonen, Moscheen oder Gruppen lokal vor Ort über den Islam und die Muslime aufklären mit Vorträgen, Tagen der offenen Moschee, Nachbarschaftseinladungen, kommunalen Festen usw. Sie sollten Kontakte zu lokalen Politikern, Gewerkschaften, Kirchen und sonstigen gesellschaftlichen Akteuren pflegen und sich aktiv am Leben vor Ort beteiligen. Dabei müssen sie immer wieder auf konkrete Vorfälle hinweisen und sich dafür einsetzen, dass diese wahrgenommen und die notwendigen Konsequenzen gezogen werden.