AUFRUF: Strukturelle Diskriminierung an deutschen Schulen – kein Thema für Deutschlands Medien?

Von  Neuen Deutschen Medienmacher

Der aktuell veröffentlichte „Chancenspiegel“ der Bertelsmann-Stiftung und des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der TU Dortmund haben der Republik einmal mehr vor Augen geführt, dass die soziale Herkunft eines Kindes erheblichen Einfluss darauf hat, ob es nach der Grundschule in Deutschland auf ein Gymnasium geht oder nicht, oder ob es gar auf der Förderschule landet und abgehängt wird. Was dabei oft nur als ein Aspekt zur Sprache kommt und selten explizit skandalisiert wird: Kinder mit ausländischer Herkunft sind davon besonders und seit langem betroffen. Wir möchten daher als Neue Deutsche Medienmacher dazu aufrufen, diesen lautlosen, alltäglichen Skandal in unserem Land nicht einmal mehr in der Schublade verschwinden zu lassen – die institutionelle Diskriminierung im deutschen Schulwesen. [Read more...]

Worum es uns geht:

Kinder aus Einwanderer- und Arbeiterfamilien werden in Deutschland oftmals trotz guter Noten auf Haupt- und Sonderschulen geschickt, die ihre Chancen auf ein erfolgreiches Leben deutlich mindern. Die Pisa-Studie 2009 belegte bereits, dass Einwandererkinder bei vergleichbarer Leistung   eine vier- bis fünfmal geringere Chance haben, eine Empfehlung für das Gymnasium zu erhalten, als Kinder aus deutschen Familien. Ein Beispiel aus der Praxis: Der heute 20-jährigen Sara Pias aus Wuppertal wurde nach der Grundschule die Hauptschule empfohlen. Erst nach drei Schulwechseln schaffte die Tochter einer italienischen Arbeiterfamilie das Abitur – viele Eltern sind nicht so hartnäckig. Saras Erfahrung mit struktureller Diskriminierung ist einer von vielen Fällen. Sie passieren auch heute tagtäglich, sie sind mitverantwortlich für die Bildungsmisere, doch ihnen fehlt die angemessene Publizität.

Dass bei der Benachteiligung die ethnische Herkunft eine Rolle spielt, belegte auch der Befund des Nationalen Bildungsberichts, der konstatiert, dass Einwandererkinder selbst bei gleichem sozioökonomischen Status doppelt so häufig an Hauptschulen zu finden sind wie Kinder ohne Migrationshintergrund. Bildungsforscher wie Mechtild Gomolla und Frank-Olaf Radtke haben vielfach nachgewiesen, dass diese Diskriminierung Teil des derzeitigen Schulsystems ist. Lehrkräfte, die sich dem entgegen stellen, bekommen Probleme. So wurde die bayerische Grundschullehrerin Sabine Czerny strafversetzt, weil ihre Schüler zu gut in Mathematik waren und zu wenige an die Hauptschule empfohlen werden konnten. Jeder weiß es, kaum jemand spricht es offen aus: Die Kinder, die diese Schulform „befüllen“ sollen, sind meist Einwandererkinder.

Die Vereinten Nationen kritisieren Deutschland für die systematischen Benachteiligungen aufgrund der frühen Selektion. Es handelt sich hier um die Verletzung eines Menschenrechts – des Rechts auf Bildung. Dabei handelt es sich nicht um ein Randgruppenthema: Fast jeder dritte Jugendliche in Deutschland hat einen Migrationshintergrund.

Umso unverständlicher ist es, dass darüber in Deutschland nicht angemessen berichtet wird. Auch nach den Ergebnissen der PISA-Tests ging es in der Berichterstattung meist eher um das Aufholen in einzelnen Kompetenzen und nicht um die strukturelle Benachteiligung. Sicher, es gibt auch zu diesem Thema vereinzelt Beiträge und Artikel. Aber ganz im Gegensatz zu seiner Bedeutung findet dieses Thema in den Medienformaten, die die öffentliche Debatte prägen, faktisch nicht statt.

In den vergangenen Jahren hat kein einziges der politischen Talk-TV-Magazine die beschriebene Diskriminierung von Einwandererkindern im Schulsystem explizit zum Thema gemacht. Gleichwohl stand etwa das Thema „Integrationsverweigerer“ mehrfach im Fokus, ebenso wie Sendungen zur Frage, wie viele Einwanderer respektive „Islam“ Deutschland vertrage. War Bildung das Thema, wurde gefragt, ob die Jugend „dumm“ (Maybrit Illner) oder „zu doof“ (Anne Will) sei. Ähnliches gilt auch für die Titelgeschichten der auflagenstärksten Printmagazine und Zeitungen. Gerade bei den meinungsbildenden Leitmedien ist diese Einseitigkeit bei der Themensetzung nicht hinzunehmen und mehr journalistische Ausgewogenheit gefragt. 

Wir wollen dazu aufrufen, dieses Thema, das Einwanderer und ihre Nachkommen in Deutschland aber auch die Gesamtgesellschaft existenziell betrifft, nicht mehr zu vernachlässigen. Wir sprechen dabei auch aus eigener Erfahrung, denn vielen von uns, die wir diesen Aufruf unterzeichnen, wurde fälschlicherweise auch nicht zugetraut, das Abitur zu machen und zu studieren. Wir fordern daher die Programm- und Blattmacher_innen, die Chefredaktionen und Sendeanstalten, Wochenmagazine und Tageszeitungen auf, diesen Missstand im Jahr 2012 als ein Schwerpunktthema zu setzen. Die Neuen Deutschen Medienmacher, eine Initiative von 400 Journalistinnen, Journalisten und Medienschaffenden mit Migrationshintergrund, bieten an, dabei ihr spezifisches Wissen und ihre journalistische Kompetenz einzubringen.

Ansprechpartner für Interviews, Infos, Kontakte sind Miltiadis Oulios, m.oulios@online.de und Tina Adomako, tina@tinaadomako.de.

UnterzeichnerInnen:

  1. Miltiadis Oulios, freier Journalist, WDR, Stadt Revue, Zeit, taz, suhrkamp
  2. Sheila Mysorekar, Journalistin, Vorsitzende der Neuen Deutschen Medienmacher
  3. Golineh Atai, Köln, ARD-Morgenmagazin
  4. Marjan Parvand, Redakteurin, ARD-Aktuell
  5. Hatice Akyün, Berlin, freie Autorin
  6. Dr. Nkechi Madubuko, Redakteurin, 3sat Kulturzeit
  7. Mo Asumang, Filmemacherin, Moderatorin
  8. Göksen Büyükbezci, Redaktionsleiter PHOENIX
  9. Ferda Ataman, Journalistin, Tagesspiegel, seit 2010 Regierungsangestellte und Referatsleiterin, Beisitzerin NDM Vorstand
  10. Özlem Sarikaya, Journalistin und Moderatorin, BR
  11. Kemal Calik, Wirtschaftsredakteur, Frankfurt am Main
  12. Daniela Milutin, Journalistin, WDR, seit 2011 Pressesprecherin des NRW-Integrationsministeriums, Beisitzerin NDM Vorstand
  13. Cengiz Tarhan, Journalist, Radio Bremen
  14. Rana Göroglu, freie Journalistin
  15. Nilüfer Sahin, Journalistin, WDR, Deutsche Welle
  16. Siruan H. Hossein, freier Journalist, WDR
  17. Konstantina Vassiliou-Enz, Journalistin, RBB, 2. Vorsitzende der Neuen Deutschen Medienmacher
  18. Vivian Perkovic, Radiomoderatorin, WDR
  19. Joachim Legatis, Redakteur, Alsfelder/Gießener Allgemeine Zeitung
  20. Mercedes Pascual Iglesias, Journalistin, WDR, Vielfalt – Das Bildungsmagazin
  21. Federica Guccini, Studentin, freie Journalistin
  22. Ekrem Şenol, MiGAZIN-Chefredakteur
  23. Florian von Stetten, freier Journalist, ARTE, ARD, ZDF
  24. Dr. Bärbel Röben, Journalistin und Medienwissenschaftlerin
  25. Melahat Simsek, Köln, Journalistin
  26. Mehmet Ata, Journalist, Express
  27. Pari Niemann, NDR, Lfh Niedersachsen, Gleichstellungsbeauftragte
  28. Mark Terkessidis, freier Journalist und Publizist
  29. Canan Topçu, Redakteurin, Frankfurter Rundschau
  30. Sibel Balta, Journalistin
  31. Rahmi Turan, Journalist (Sabah), Kommunikationswissenschaftler (LMU), München
  32. Dr. Chadi Bahouth, Politologe, Autor, Journalist
  33. Noah Sow, Autorin, Produzentin, Musikerin, Dozentin
  34. Nuray Eser, Dipl.-Soz./freie Hörfunk-Journalistin
  35. Vito Avantario, Journalist, Buchautor, Reporter greenpeace magazin
  36. Dagmara Dzierzan, Journalistin, Bayerischer Rundfunk
  37. Gabriele Gün Tank, Diplom-Journalistin, Integrationsbeauftragte Berlin Tempelhof-Schöneberg
  38. Melih Serter, Sozialwissenschaftler, Journalist, WDR
  39. Navina Sundaram, Publizistin, bis 2003 Redakteurin „Zeitgeschehen“, NDR
  40. Eren Önsöz, freie Journalistin & Filmemacherin
  41. Matilda Jordanova-Duda, freie Journalistin Print und Hörfunk
  42. Christian Stahl, Journalist, “stahlmedien”
  43. Ute Hempelmann, freie Journalistin, ARD Hörfunk
  44. Peter Giefer, Fotograf und Journalist, Priv.Doz. Fotojournalismus
  45. Fatema Mian, Journalistin, Bayerischer Rundfunk
  46. Prof. Dr. Sabine Rollberg, WDR/ arte
  47. Murad Bayraktar, Redaktionsleiter, WDR Hörfunk
  48. Ebru Tasdemir, freie Journalistin
  49. Tina Adomako, Journalistin
  50. Rebecca Roth, freie Journalistin
  51. Dorothee Plass, Filmemacherin und Lehrerin
  52. Sandra Fejjeri, Journalistin
  53. Carmela Mudulu, freie Journalistin
  54. Tarek Chafik, freier Journalist
  55. Natalie Akbari, Moderatorin und Redakteurin, WDR und SWR
  56. Elisabetta Gaddoni, freie Journalistin
  57. Prof. Dr. Klaus J. Bade, Migrationsforscher
  58. Prof. Dr. Ulrich Pätzold i.R., Journalistik, TU Dortmund
  59. Prof. Dr. Rainer Geißler, Soziologe
  60. Prof. Dr. Axel Schulte i.R., Politologe

Mehr über die Neuen deutschen Medienmacher unter www.neuemedienmacher.de

BUCHTIPP: “Schön! Stark! Frei!”

Schön! Stark! Frei! - Ulrike Helmer Verlag

Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden

Frauen, die lesbisch leben, sind im Alltag zunehmend präsent. Auch in der Popkultur, Filmen und Vorabend-Serien bedienen kuschelnde lesbische Pärchen das Bedürfnis nach Abwechslung. Doch in den Tageszeitungen dominieren schwule Männer die Berichterstattung.

Die Journalistin und Kommunikationswissenschaftlerin Elke Amberg analysierte Zeitungsartikel zur lesbisch-schwulen Gleichstellungspolitik sowie rund um das alljährliche Szene-Event Christopher-Street-Day. In »Schön! Stark! Frei!« präsentiert sie jetzt erstmals Zahlen und Fakten zur bisher nur gefühlten »Leerstelle Lesben«. Amberg erläutert die wenigen, oftmals verzerrenden Darstellungen lesbischer Frauen und zeigt auf, warum Lesben im öffentlichen Diskurs nur selten sichtbar werden.

 

Autorin

Elke Ambergs Portfolio umfasst Pressearbeit und Marketing, Studien, Fachtexte, Redaktion und Dokumentation zu Frauen, Mädchen, Lesben, Behinderung, Migration und Bildung. Sie leitet journalistische Workshops und war u.a. Hörfunkjournalistin für die ARD und redaktionelle Mitarbeiterin für ZDFs »Mona-Lisa«.

Wolf Schneider – Deutsch für junge Profis. Wie man gut und lebendig schreibt

Von Barbara Crombach

Schon in den ersten 20 Sekunden können Sie ihre LeserInnen vergraulen. Falls Sie das innerhalb dieser Zeit noch nicht geschafft haben, könnten Sie die LeserInnen aber wenigsten mit langen, umständlichen Sätzen ermüden. Wenn Sie allerdings als Autor interessant und sogar lesbar schreiben wollen, gibt es jetzt eine Lösung: Wolf Schneider hat ein neues Buch geschrieben!

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Für die Unwissenden: Wolf Schneider ist so etwas wie der Guru der Deutschen Sprache. Er ist Journalist, Autor vieler Bücher und zudem Ausbilder an mehreren Journalistenschulen – also ein echter Profi.

In Deutsch für junge Profis – Wie man gut und lebendig schreibt können alle lernen, wie Texte besser lesbar gemacht werden können. Schneider erklärt, wie Sätze sein sollen – kurz und knapp. Verschachtelte Haupt- und Nebensätze erschweren nur den Lesefluss. Freilich sind auch lange Sätze erlaubt, wenn sie eine klare Struktur haben und außerdem nichts Unnützes erzählen. Wolf Schneider zeigt Satzstrukturen und verdeutlicht seine Tipps zudem mit vielen Beispielen. Ganz nebenbei erläutert er noch den angehängten Nebensatz, den vorausgestellten Nebensatz und natürlich den eingeschobenen Nebensatz. Hatten Sie auch vergessen? Dieses Grundwissen sollte allerdings jeder Schreiberling haben, oder nicht?

Schneider betont: Es leben die Hauptsätze! Mach die Sätze einfacherer! Die LeserInnen erfahren immer wieder Neues und Vergessenes über die deutsche Grammatik. Denn gerade die Kleinigkeiten können einen Schreibstil verändern.

 

Nur Twitter kommt zu kurz

Seine nützlichen Tipps hat Wolf Schneider in 32 handliche Rezepte gepackt. Manche sind grade mal drei – wenige auch mal fünf Seiten lang. Alle Rezepte sind lesbar und unterhaltsam geschrieben, so wie es sein soll. Im ersten Teil bietet Schneider genau an den Stellen Zwischenbilanzen, an denen Notizen fällig gewesen wären. Mit diesen Zwischenbilanzen können die ganzen Infos nochmals überflogen werden. Dieser Service macht das kleine Buch fast schon zu einer Art Nachschlagewerk. Zumal am Ende auch ein sehr ausführliches Namen- und Sachregister zu finden ist.

Der im Einband angedeutete Bezug zu den „neuen“ Formen der Kommunikation – also Mails, Blog und Twitter – fällt leider etwas kurz aus. Von den 179 Seiten sind schon 132 für die Gemeinsamkeiten aller Texte reserviert; demnach bleiben „nur“ knappe 50 für diese neuen Textformen. In diesen 9 Rezepten bezieht Wolf sich auf die Unterschiede der jeweiligen Medien und betont dadurch die wichtigsten Merkmale jedes einzelnen Mediums. Dabei erwähnt er auch viel Allgemeines über die jeweiligen Medien, was diesen zweiten Teil sehr interessant macht.

Wolf Schneiders neues Buch bietet wieder einmal die Möglichkeit, vieles über unsere eigene Sprache zu erfahren. Ein kleines, handliches Buch mit unzähligen praktischen Tipps. Ein Buch für alle, die sich für Sprache allgemein und Deutsche Sprache im Besonderen interessieren.

 

Wolf Schneider: Deutsch für junge Profis. Wie man gut und lebendig schreibt
rowohlt BERLIN
Hardcover, 192 Seiten
ISBN 978-3-87134-672-9
16,95 Euro

„Ich berichte hautnah, ich bin mittendrin.“

Ashwin Raman by Ashwin Raman

Ashwin Raman by Ashwin Raman

Von Mana Alia Mohammed

Ein Gespräch mit dem Journalisten und Dokumentarfilmer Ashwin Raman über Alltag in Kriegsgebieten, Risiken bei der Arbeit und seine Reportage „Somalia – Land ohne Gesetz. Reise durch einen gescheiterten Staat“.

Somalia – Land ohne Gesetz. Reise durch einen gescheiterten Staat“ wird am Mittwoch, den 21. April 2010 um 22:45 im ZDF ausgestrahlt.

 

Es ist Mittwochmittag. Wir haben uns zu einem Telefongespräch mit dem Journalisten Ashwin Raman verabredet. Die Leitung ist frei, es klingelt kurz und dann haben wir einen Mann am anderen Ende des Telefons, der mit ruhiger und gelassener Stimme von seinen letzten Erlebnissen während seiner rund vierwöchigen Reise für eine Reportage über die Lage in Somalia erzählt.

Somalia. Vielen ist das Land am Horn von Afrika in Verbindung mit der Flugzeugentführung der „Landshut“ 1977 ein Begriff, andere denken an den Hollywood-Kriegsfilm „Black Hawk Down“ und wieder ein Großteil assoziiert das Schlagwort Piraterie mit diesem Namen. Positives gibt es tatsächlich nicht von dem derzeit als gefährlichsten Ort der Erde bezeichnetem Land zu berichten, das von der UNO als „failed state“, als gescheiterter Staat, deklariert wurde.

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Ashwin Raman, Jahrgang 1946, wurde in Mumbai, Indien geboren und ist seit nunmehr fast vierzig Jahren Kriegsreporter. Das Berichten von den Krisenherden und vergessen Orten dieser Welt ist sein Spezialgebiet. Nach einem Literaturstudium begann er als Reporter für die Times of India zu arbeiten, ihn interessierten schon damals die unbequemen Wahrheiten. Er berichtete in den Siebzigern hautnah vom Bürgerkrieg in Nicaragua, später waren es Afghanistan und der Irak. Er lebte eine zeitlang in den USA, kam auf Umwegen nach Deutschland und arbeitete weiter als Journalist und schrieb unter anderem für den SPIEGEL, DIE ZEIT und die Los Angeles Times. Irgendwann begann er sich aber immer mehr auf das Filmen zu konzentrieren. Als Autodidakt produzierte er mit einer gebraucht gekauften 16 mm. Ariflex-Kamera seine erste, noch wackelige Dokumentation „With the Sandistinas“. Bis heute hat er als Ein-Mann-Team über 200 Dokumentationen gedreht.

 

Als Dokumentarfilmer ist es nicht mein Job, irgendeine Agenda zu haben

Ashwin Raman ist ein unaufgeregter Mann, dem sein Mut nicht erwähnenswert erscheint, er sehe es als Journalist als seine Aufgabe, die Wahrheit zu zeigen, unverfälscht und so, wie er sie vorfindet: „Als Dokumentarfilmer ist es nicht mein Job, irgendeine Agenda zu haben. Ich muss fair bleiben und so von den Sachen berichten, wie ich sie vorgefunden habe. Wenn ich zum Beispiel einen Regierungsbeamten treffe, stelle ich ihm meine Fragen und er antwortet. Dann gehe ich zu seinem Gegner und stelle ihm vielleicht die gleichen Fragen und er erzählt seine Version, und dann berichte ich das. Ich funke nicht dazwischen und sage, aber der hat Recht und der nicht.“

Vor seiner Reise nach Somalia betrieb er sorgfältige Recherche, suchte Kontakt zu in Europa lebenden Somalis und fand schließlich einen Kontaktmann, der ihm vertrauenswürdig erschien und der ihm half, seine Reise durch das Land,

angefangen im Süden des Landes bis nach Norden, an die Grenze zu Dschibuti, zu planen. Vier Bodyguards begleiteten Raman während seiner Reise auf Schritt und Tritt. „Sie wurden von meinen Leuten ausgesucht. Wenn die Bodyguards gesehen haben, eine Situation ist zu gefährlich haben sie mir gesagt, das geht nicht, mach’ das nicht. Sie haben sehr gut auf mich aufgepasst und mich immer geschützt.“

 

Willkommen, Sie sind der einzige zivile Ausländer in diesem Land

Ausgestattet mit einer kleinen Handkamera, einer kugelsicheren Weste und dem Namen und Kontakt seines Helfers, flog er im Herbst 2009 über Nairobi, Kenia nach Somalia. Erst am Flughafen von Nairobi traf er seinen Kontaktmann zum ersten Mal, der ihn bis nach Mogadischu begleiten würde. „Am Flughafen sahen wir uns das erste Mal, mit ihm bin ich dann weiter nach Mogadischu geflogen. Der erste Moment auf dem Flughafen von Mogadischu war schon sehr eigenartig, denn alle haben mich angestarrt. Der Zollbeamte sagte zu mir: ‚Willkommen, Sie sind der einzige zivile Ausländer in diesem Land.’ Ich hatte auch kein Visum, also wurde dann vor Ort erst einmal durch meinen Kontakt gemauschelt und irgendwie habe ich dann ein Visum bekommen.“

 

Raman konnte vor Ort die Allgegenwärtigkeit der Al-Shabaab Miliz, einer von den USA als terroristisch eingestufte islamistische Organisation mit angeblich engen Verbindungen zu Al-Kaida, und ihren zunehmenden Einfluss in Somalia beobachten. Er übernachtete während seines Aufenthalts in Mogadischu in dem einzigen noch existierenden Hotels der Stadt. Schiessereien und andere Gefechte machten das Schlafen nahezu unmöglich, zu groß war die Angst, plötzlich entführt zu werden. „Normalerweise schlafe ich sehr gut, aber in Mogadischu habe ich keine Nacht richtig durchgeschlafen. Ich war immer wieder wach. Die Geräuschkulisse, dauernde Schiessereien und so weiter. Man hatte permanent Angst, entführt zu werden. Oft dachte ich, mein Gott, hoffentlich kommt nicht Jemand und klopft an meine Tür.“

Und doch beobachtete er während seiner Reise, dass auch in einem Land wie Somalia der Alltag weitergeht. „Die Menschen helfen sich gegenseitig und besonders von den einfachen Menschen habe ich sehr viel Großzügigkeit erfahren. In allen Kriegsgebieten geht das Leben irgendwie weiter. Einerseits gibt es diese ständigen Gefechte. In ruhigen Momenten bewegen sich die Menschen auf den Straßen, du siehst Kinder, die Fußball spielen, Marktplätze auf denen die Menschen einkaufen. Es ist wie in jeder anderen afrikanischen Stadt oder Dorf. Somalia, das muss man verstehen, hat diesen Zustand seit den neunziger Jahren, mal schlecht und mal schlechter, aber immer schlecht. Irgendwann gewöhnen sich die Menschen notgedrungen an diese Situation und machen das Beste daraus.“

Was den Journalisten während seiner Reise durch Somalia besonders faszinierte und beschäftigte, war die Tatsache, dass das Einzige, das in diesem Land einwandfrei zu funktionieren scheint, das Telekommunikationsnetz ist. In Mogadischu

besitzt beinahe jede Familie ein oder mehrere Mobiltelefone. „Ich habe in einem solchen Land noch nie ein so effizientes und gut funktionierendes Telefonnetz erlebt. Wenn man beispielsweise von Deutschland aus nach Somalia anrufen würde, hört man die Person am anderen Ende kristallklar. Woran das liegt? Meine ganz eigene Vermutung und Interpretation ist, dass die Geheimdienste die ganzen Satelliten und Mobilfunkgesellschaften indirekt finanzieren, damit sie Informationen sammeln können. Denn nur so kommen sie an Informationen aus Somalia. Die Telefone sind dort sehr günstig, es sind Billigimporte aus China. Es gibt dort einen riesigen Gebrauchtmarkt für so etwas.“

Auf seiner Reise quer durchs Land sprach Raman mit allen wichtigen Protagonisten dieses von der Weltgemeinschaft fast vergessenen Konfliktes. „Mein Spezialgebiet ist die hautnahe Darstellung der Ereignisse. Erste Hand, und nicht zweite Hand. Hautnah, ich bin mitten drin.“

„Somalia“ gesteht er uns am Ende des Gesprächs, „war das bisher ambitionierteste und gefährlichste Projekt meiner Karriere.“ Herausgekommen ist eine Reportage, wie sie so bisher noch Niemand sehen konnte.

 

Die Reportage „Somalia – Land ohne Gesetz. Reise durch einen gescheiterten Staat“ wird am Mittwoch, den 21. April 2010 um 22:45 im ZDF ausgestrahlt.