
Dor Guez Pioneer Tree, 2011 two-channel video installation Installation view carlier | gebauer, 2011 (c) Screenshot
Besuch einer Ausstellung von Dor Guez in der carlier/gebauer Galerie, Berlin von Shelly Harten
Der deutsche Wald begegnete mir 1993 das erste Mal in Thüringen. Mein Vater war noch im Geist der Wiedervereinigung davon eingenommen, seiner 11 jährigen Tochter zu zeigen, was Deutschland ausmacht und aus welchem kulturellen Urquell die Sagen, Gemütlichkeit und Weltschmerz, Luther und Grimms Märchen entspringen. In der Dämmerung der Abendstunden, als die Äste raschelten und wilde Tiere in ihrem Versteck schnaubten, konnte ich nachvollziehen, wie dieser Zauber ein Teil der deutschen Geschichte wurde. Ideologisch wurde der deutsche Wald sowohl unter den Romantikern als und auch unter den Nationalsozialisten vereinnahmt und wurde zum Wahrzeichen der Heimat und des Blut und Boden Ideals.
Die Heine der Nation
Ein zweites Mal begegnete mir der deutsche Wald überraschend letzte Woche in der Berliner Galerie carlier/gebauer bei einer Ausstellung des israelisch-palästinensischen Künstlers Dor Guez. Guez stellt seine Foto-, Video- und Scanarbeiten mit dem Titel “The Nation’s Groves” (dt. Die Heine der Nation) aus. Am Eröffnungsabend, zwischen COS und dicken Brillengestelltragenden Kunstleuten mit obligatorischer I-Phone/Pod/Pad/Mac Ausrüstung und zwischen dem Nahost-interessierten Publikum hätte ich wohl am wenigsten erwartet, einem authentischen deutsche-Wald-Déja-Vu ausgesetzt zu werden. Und doch stand ich plötzlich Bildern eines geschichtstragenden Tannenwirrwarrs gegenüber.
Dor Guez, der Künstler, erzählt in der Ausstellung zwei Geschichten: die seines christlichen, palästinensischen Großvaters und die der zionistisch motivierten Bepflanzung weiter Landstriche Israels.
Nach dem Krieg von 1948, als 720.000 bis 800.000 Palästinenser aus ihren Häusern flohen, bemühten sich die Israelis, um die physische Aneignung des Landes: sie investierten in Landwirtschaft, sie siedelten in palästinensischen Häusern, sie bauten Städte und Siedlungen, initiierten archäologische Ausgrabungen und pflanzten Nadelwälder. Seit ihren Anfängen ist die jüdische Nationalbewegung in ihrem Verhältnis zum Land ambivalent. Zum einen ist die lokale Einbindung, die enge Verbindung zum Boden, zum Essen, zur nahöstlichen Kultur essentiell für das israelische Selbstverständnis. Zum anderen sehen sich Israelis als Europäer. Diese beiden Ansätze – lokale Zugehörigkeit und europäische Kultur – kommen zusammen, wenn Tannen in Israel angepflanzt werden, und zwar dort wo sie natürlich nie wuchsen und nun die ursprüngliche Natur kaputt machen.
Sehnsuchts- und Heimatslandschaft
Dor Guez’ Großvater, der kürzlich verstorben ist, erzählt in einem der Videos in der Ausstellung wie er nach der israelischen Machtübernahme bei der Bepflanzung mitarbeiten musste. Er lebte in der Stadt Lod. Wie alle Palästinenser in Israel wurde er von 1949 bis 1966 unter Kriegsrecht daran gehindert sich ohne Reisegenehmigung fortzubewegen. Wegen dem extremen Mangel an Arbeitsplätzen in Lod, sah er sich gezwungen Arbeit bei den Besatzern anzunehmen. Während er uns im Video von dem Verlauf seiner Bepflanzungstätigkeit erzählt und wie er Erfolg in der Führung von Arbeitern hatte, sprechen die Bewegungen seiner Hände die Sprache eines noch immer zutiefst erschütterten und an der politischen Realität verzweifelten Mannes.
Die intime, im Grunde familiäre Situation, in die Guez uns einlädt, wirkt nach und gibt zu denken. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist unendlich kompliziert und dennoch wissen wir nach der Ausstellung, dass die Palästinenser, so wie Guez’ Großvater, in ihrer Würde, in ihrem Recht auf Eigentum und Freiheit von Israel verletzt wurden.
Der Wald, der in Israel an sich keinen Sinn macht, außer sich in der Landschaft zu manifestieren und ein kulturelles europäisches Erbe auszurufen, kann die tiefe Verwurzelung des deutschen Waldes weder kulturell noch der örtlichen Natur angemessen nachahmen. Nur ideologisch erfüllt er den gleichen Zweck einer Sehnsuchts- und Heimatslandschaft. In der zentralen Fotoarbeit der Ausstellung sieht man palästinensische Reiter durch den kargen Wald reiten. Sie sind durch ihre Geschwindigkeit nur verwischt aufgenommen und sehen aus wie Geister, wogegen die Bäume klar und scharf abgebildet sind. Die mythischen Gestalten des Waldes, die Figuren aus der die israelische Geschichte erzählt werden sollte, so wie Rittersagen und Hexenmärchen die deutsche Geschichte prägten, wehren sich gegen die Vereinnahmung durch Israel.
Link zur Ausstellung: http://www.carliergebauer.com/artists/dor-guez/the-nations-groves.html


Die Frauen von “Machsom Watch”, einer unabhängigen Menschenrechtsorganisation, fahren sommers wie winters zu den israelischen Checkpoints auf Palästinensergebiet, um die Besatzung zu beobachten. Sie stehen da und halten Wache, erklären, vermitteln, üben Druck auf die Soldaten aus, und am Ende des Tages schreiben sie ein “Protokoll der Besatzung”. Lia Nirgad schloss sich diesen Frauen an. Im Herbst 2003 kam sie zum erstem Mal nach Qualandia. Und was sie dort erlebte schrieb sie in diesem Buch nieder. Auf 288 Seiten lernt der Leser die täglichen Demütigungen am Checkpoint kennen und dass es auch Israelis gibt, die sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen. Ein sehr lesenswertes Buch. (sm)