Von Rafiqa Younes
Das Haus der Kulturen der Welt lud ein zu Vortrag und Diskussion zum Thema „Deutschlands Muslime und europäischer Islam“. Unter den Teilnehmenden befanden sich Sawsan Chebli, Cem Özdemir, Hilal Sezgin und der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan. Eine Nacherzählung von Gazelle-Autorin Rafiqa Younes.
Das erste Panel zum Titel „Die Muslimisierung des Anderen“ durfte Sawsan Chebli mit ihren Beschreibungen über die Wahrnehmung von als muslimisch markierten Deutschen beginnen. Sie äußerte ihren Unmut darüber, dass in Deutschland bisher nicht mehrere Identitäten anerkannt werden würden, wie muslimisch und gleichzeitig deutsch sein, obwohl es doch längst gelebte Realität sei.
Blond, blauäugig – deutsch?
Ihren persönlichen Erfahrungen zufolge, werde sie nie als wirkliche Deutsche wahrgenommen. Daraus ließe sich schlussfolgern, Mensch könne nur Deutsch sein, wenn Mensch auch Deutsch aussähe – also weiß, blond und blauäugig. So sei es auch nicht verwunderlich, wenn sich vor allem Jugendliche immer stärker selbst als Muslime markieren würden, um sich zumindest einer Gruppe zugehörig zu fühlen, da ihnen die soziale Anerkennung als deutsche Bürger verwehrt würde.
Cem Özdemir griff das von den Medien entworfene und von der Mehrheitsgesellschaft reproduzierte Bild des „wahren Muslim“ an. So müsse er sich in Diskussionen immer zuerst mit den Vorurteilen seiner Gesprächspartner herumschlagen, also dass man auch Muslim sein könne, ohne die gängigen Klischees des gewalttätigen, frauenunterdrückenden und sozialschmarotzenden Muslims zu bedienen.
Hilal Sezgin konnte leicht scherzend der ganzen Diskussion sogar etwas Positives abgewinnen, so würden sich ihre Texte zu Feminismus und Vegetarismus heute viel besser verkaufen, da sie als Exotin gelte. Jedoch bedauerte auch sie das Verlorengehen des Pluralismus, man hätte sich zu entscheiden, will man deutsch oder muslimisch sein. Sonst hätte man mit Diskriminierung vielfältiger Art zu rechnen, sei es in der Schule oder bei der Suche nach einer Ausbildung, eines Arbeitsplatzes oder einer Wohnung.
Doch alle, die sie auf dem Podium saßen, weigern sich, sich diesem Entscheidungsdruck zu fügen und glauben daran, dass es irgendwann normal sein wird, deutsch und eben nicht blond und blauäugig, zu sein, wie Chebli abschließend erklärte.
Niemand darf sich als Minderheit betrachten!
Endlich war es soweit, Tariq Ramadan betrat die Bühne und begann seinen Vortrag zum Thema „Islam in Europa“. Er stellte gleich zu Beginn klar, dass er sich ganz selbstverständlich als Muslim und als Europäer sähe. Bei den gegenwärtigen Konflikten würde es sich also nicht um einen „Clash of Civilizations“, sondern um einen „Clash der Wahrnehmungen“ handeln und nur über das Sichtbarwerden der Muslime und ihre Mitgestaltung an der hiesigen Gesellschaft könnten diese Vorurteile aufgehoben werden. An diesem Punkt sprach er auch die Muslime an, die ebenfalls Blöcke konstruieren würden, von „dem Westen“ und „dem Islam“.
Ramadan betonte, dass die Situation sich nicht bessern könne, wenn dieser Diskurs nicht als falsch erkannt werden würde. Niemand dürfe sich als Minderheit betrachten, sondern als Teil der Gesellschaft als Franzose oder Deutscher, als Europäer und als Muslim. So müsse gemeinsam eine Vision von Pluralismus und von einem inklusiven „Wir“, eine europäische Identität mit europäischen Werten entwickelt werden.
Im Kommentar von Gudrun Krämer plädierte auch sie für die Selbstverständlichkeit, deutsch und zugleich muslimisch zu sein und rief dazu auf, das Thema Islam mit einer gewissen Leichtigkeit zu behandeln. Dan Diner beschrieb die Präsenz von Muslimen als Herausforderung des christlich-säkularisierten Selbstverständnisses Deutschlands, welches neu zu überdenken sei.
Die Redner dieses Abends begriffen alle das Muslim- und Deutschsein als eine Selbstverständlichkeit, fragt sich nur, wann dies auch für den Rest unserer Republik gelten wird.

