Ein Leben im falschen Körper

Miriam Kassner

Miriam Kassner

Nur wenige Menschen können sich vorstellen, wie es einem täglich ergeht, wenn man im falschen Körper geboren worden ist und mit diesem Gefühl versucht zu Leben. Die Realität vieler Transsexueller ist uns heute noch unbekannt. Einen Einblick in eine persönliche und wahre Geschichte gewährt uns Miriam Kassner, die über ihr Leben und ihre Entscheidung das Buch Option B bitte geschrieben hat. Ein Gastbeitrag von Miriam Kassner.

‚Wie ich mich fühle‘, werde ich oft gefragt. Immer und immer wieder. Woran das liegt? Ich lebte einst im falschen Körper, ehe ich mich 2007 vor Familie und Freunden outete. 15 Jahre Geheimhaltung waren genug, mehr schauspielerische Begabung einen ‚Mann‘ vorzugaukeln war mir nicht vergönnt. Nachdem die Gespräche mit meinen Liebsten mehr als nur positiv verliefen, schöpfte ich neuen Mut und wurde von sämtlichen Seiten mit offenen Armen empfangen. [Read more...]

Ich rechnete nicht damit, dass es so einfach werden würde, meinem alten Dasein ‚Ade’ zu sagen. Ende 2007 begann ich eine Hormonbehandlung, beantragte meinen neuen Vornamen und ließ an mir 2009 eine geschlechtsangleichende Operation durchführen. Und so kann ich die Frage stets grinsend mit „Mir geht es sehr gut“ beantworten. Denn ich lebe seitdem mein wahres zwangloses Leben.

Die Offenbarung
Sie schlief neben mir ein, so lieblich und wild zugleich. Ich schaute zu ihr hin und verliebte mich Hals über Kopf. Binnen Stunden schien es derart bergauf zu gehen. Ein perfektes Empfinden bis, ja bis ich innerlich vom Blitz getroffen wurde.

Und so übermannte mich ein Gefühl, eine Wahrnehmung, welche so stark in der Form noch nie aufgetreten war. Ich sah sie an, und war ich auch noch so begeistert von ihr, kam es schnell und unaufhaltsam in mir hoch. Die Offenbarung in Form von unerklärlichem Neid. Ich verspürte Missgunst und realisierte erst nach einigen Minuten, was da soeben wirklich mit mir geschah. Es prasselten so viele Datenmengen auf mich ein, ich war regelrecht überfordert. Ich wehrte mich nicht mehr dagegen und fügte mich dem, was nun folgen sollte. Ich war neidisch auf Jessica, neidisch auf ihre Figur, auf ihren ganzen Körper. Neidisch auf ihr Aussehen, neidisch auf ihr ‚Frau sein‘. Es zerriss mich, mir platzte sinnbildlich der Kopf. Was geschah mit mir? Wieso plagten mich diese Gedanken? Und wieso
steigerten sich die, naja, nennen wir es mal Symptome? Wieso an einem so unglaublich schönen Abend? War diese Nacht denn nicht schon einschneidend genug? Wieso ich? Fragen über Fragen. Doch die Antworten sollten nicht lange auf sich warten lassen. Wie eine Flutwelle kamen sie bei mir an. Sekunden reichten aus, um mir einen Katalog voller Enthüllungen zu liefern. In dieser Nacht wurde mir eindrucksvoll klar, dass ich niemals zu einem Mann heranwachsen sollte. Ich war derart durcheinander, das wohligste Erlebnis gepaart mit grundsätzlichem Unwohlsein. Ich erkannte, diese Nacht würde mich für immer in meinem Handeln verändern. Der innerliche Wendepunkt war in vollem Gange. Völlig erschöpft schlief ich ein. Mit dem Wissen: Ich lebte im falschen Körper!

Ich habe dieses Buch geschrieben, um selbst mit dem Thema abzuschließen und zugleich Betroffenen und Angehörigen eine Art Leitfaden zu geben. Mit der Hoffnung, einen Teil dazu beizutragen, dem Schubladendenken entgegenzuwirken.

 

‚Miriam Kassner – Option B bitte: Einzelfahrschein‘ ist als Buch und eBook im Handel erhältlich. Infos unter www.option-b-bitte.de

 

Miriam Kassner ist 33 Jahre alt. Wohnhaft in Ennepetal. 2001 machte sie ihr Fachabitur. Nach ihrer Wandlung hat sie sich der Autorenschaft und dem Theater gewidmet.

 

 

 

 

 

 

Weiter zum Thema erschienen:

Gazelle No.6

Ich war Mann und Frau

Mrs. Atatürk

In der Türkei ist er der Vater der Türken und hat nach dem Osmanischen Reich die Türkei in die Moderne geführt. Es ist die Rede von Kemal Atatürk. Sein Konterfei hängt nicht nur in der Türkei bei jedem Händler an der Wand, sondern auch in so manch deutsch-türkischen Kleinbetrieb und Verein hierzulande. Er ist in Deutschland auch Nicht-Türken ein Begriff. Aber wer weiß hier schon etwas über Latife Hanim? Sie war Frau Atatürk und stand ihm mit ihrer Intelligenz und Unerschrockenheit stärkend und vor allem beratend zur Seite. Für zahlreiche türkische Frauen war sie Vorbild und setzte sich sowohl für das Frauenwahlrecht als auch für ein modernes Scheidungsrecht ein. Hierzulande ist sie allerdings weitestgehend unbekannt. Umso erfreulicher ist es, dass der Berliner Orlanda Verlag „Mrs. Atatürk- Latife Hanim“ von der türkischen Politikwissenschaftlerin und Frauenrechtlerin Ipek Calislar den deutschen Leserinnen zugänglich macht. [Read more...]

Ipek Calislar ermöglicht einen Blick hinter den Schleier des mystifizierten Staatsgründers und die Beziehung dieses Paares, welches zweieinhalb Jahre verheiratet war. Nach der Trennung erklärt sie wie es dazu kam, dass auch in der Türkei über Latife Hanim ein halbes Jahrhundert geschwiegen wurde und wie ihr Leben nach der Trennung verlaufen ist. Auf 300 Seiten mit Fotografien und alten Artikeln lernt man die junge türkische Republik von einer neuen Seite kennen und welche Leistungen diese ihrer ersten First Lady zu verdanken haben.

 

Mrs. Atatürk – Latife Hanim
Ipek Calislar
ISBN 978-3-936937-64-0
Orlanda Verlag, 17,90€

 

 


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