BUCHTIPP: Ausgeblendet von Maïssa Bey

Von Azyadé Hana Douniazed

Frankreich in den 1990er Jahren. Drei Unbekannte sitzen in einem Zugabteil: ein etwas betagter Franzose, der mit zwanzig als Militärdienstleistender im Algerienkrieg war. Eine Algerierin, während des Befreiungskriegs noch ein Kind, die in Frankreich Schutz vor dem islamistischen Terrorismus in ihrem Land sucht. Ihr Vater wurde damals von der französischen Armee festgenommen, gefoltert und umgebracht. Der Verlust ihres Vaters beschäftigt die Frau bis heute. Und Marie, eine junge Französin, die Algerien nur aus den Erzählungen ihres Großvaters kennt, eines „Pied-noir“, der in Algerien geboren wurde und 1962, nach der Unabhängigkeit Algeriens, das Land verlassen musste. Er schwelgt in schwärmerischer Nostalgie.

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Bei der Lektüre ihres Buches „Der Vorleser“ von Bernard Schlink, denkt die Frau während der Zugfahrt an den Algerienkrieg. Beide kommen ins Gespräch. Der Leser verfolgt vor allem die Gedanken des Mannes, der provoziert durch die Fragen der Frau, an seine Zeit in Algerien. An seine Kamaraden, an die Fellagas, wie die Franzosen die algerischen Unabhängigkeitskämpfer nannten und an Folterung. „Es ist, als hätte man die Ventile geöffnet, um den Schmutz herauszulassen, den ganzen Schlamm der Vergangenheit, die plötzlich so ganz nah und so greifbar erscheint. Als würde man mit dem Finger über eine alte Narbe streichen, die man verheilt glaubte. Sie betastet und ein leichtes Nässen spüren, das sich nach und nach zu einem immer stärker auslaufenden und nicht mehr aufzuhaltenden Eiterherd verwandelte.“

Es kommt zu einer Art Gespräch, in deren Verlauf sich herausstellt, dass er in jenem Dorf stationiert war, aus dem die Frau stammt, und dass er, so muss er sich am Ende fast qualvoll eingestehen, an der Folter ihres Vaters beteiligt war. Doch er bleibt sehr vage, äußert sich nicht dazu, bis zum Schluss, wo er doch einen Ansatz wagt.

„Ausgeblendet“ (Entendez-vous dans les montagnes…) ist eine untypische Erzählung; zu Recht lautet der Untertitel „Fragmente“. Die Sprache ist nüchtern, die Sätze sind meist kurz, enden oft mit drei Punkten, es werden viele Fragen aufgeworfen, die nicht alle beantwortet werden, und die nach dem derzeitigen Stand der Geschichtsaufarbeitung sowohl in Frankreich als auch in Algerien noch schmerzhaft offen sind.
Die Erzählung lässt einen beim Lesen nicht los. Sie stellt die wichtige Frage des Umgangs mit der Aufarbeitung der Geschichte: 2012 feiert Algerien 50 Jahre Unabhängigkeit. Maïssa Bey stellt Fragen in den Raum, klagt nicht an, aber fordert Position.

Kennt man sich mit der Problematik des Algerienkriegs aus, kann man sich bei der Lektüre bereits vieles erschließen oder denken, doch verfolgt man die Gedankengänge der Figuren dennoch gespannt und ist am Ende doch über die Ehrlichkeit und die Zurückhaltung überrascht.
Die Übersetzerin hat es verstanden, Maïssa Beys Stil ins Deutsche zu übertragen. Der Text ist im französischen sowie im deutschen gleichermaßen stark.

Maïssa Bey
Ausgeblendet
Aus dem Französischen von Christine Belakhdar
Verlag Donata Kinzelbach
88 Seiten, 16€