Herta Müllers Atemschaukel
VON: BARBARA CROMBACH
Dem Lageralltag in der Sowjetunion kann keiner entkommen. Leopold Auberg, Herta Müllers Protagonisten, erscheint das Lager schon fast wie eine Art „Zuhause“. Trotz Hungerengel und stundenlanger harter Arbeit, hier kennen ihn die Insassen, die Wächter und sogar die Hunde....
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Herta Müller erzählt die Geschichte von Leopold Auberg. Der 17 jährige Deutsche wird aus seiner Heimatstadt, Hermannstadt in Rumänien, in ein Lager nach Russland deportiert. Zwar geht der Krieg gerade zu Ende, doch am 15. Januar holen zwei Polizisten, ein Rumäne und ein Russe, den jungen Mann ab. Schon fast mit etwas Vorfreude packt er seinen Koffer – wie für eine „normale“ Reise. Rasierzeug, einen Flacon Toilettenwasser und einen Seidenschal. Das was kommen soll, kann sich keiner vorstellen. Dass die alltäglichen Bedürfnisse einmal wie Luxus einer anderen Welt erscheinen, kann Leopold noch nicht wissen.
Mehr und mehr entfernt sich Leopold vom bekannten Leben
Dann die Reise mit dem Wagon. Sogar der Wagon bietet Schutz – draußen in der Steppe. Mehr und mehr entfernt sich Leopold vom bekannten Leben. Die Gedankenwelt des Leopold Auberg ist teilweise total abstrus, wirkt verwirrt. Doch irgendwie scheint es so sein zu müssen. Das Lagerleben durchdringt alles. Den Körper, die Persönlichkeit und die Gedankenwelt.
Aber auch die persönlichen Beziehungen zwischen den Lagerinsassen gehorchen einer eigenen Gesetzgebung. Der Kriminalfall mit dem Brot eröffnet eine ganz eigene Sichtweise auf Schuld und Sühne. Jeder ist sich selbst der Nächste, in bestimmten Situationen helfen sie einander aber doch.
In den letzten Kapiteln erleben die LeserInnen noch das „Heimkommen“ des Leopold Auberg. Die bizarren Gefühle in der Heimat. Die gemeinsamen Essen mit der Familie, die „Unberührbarkeit“ Leopolds; all diese alltäglichen Kleinigkeiten, die ein „normales Leben“ ausmachen werden durch Leopolds Lagererfahrungen ganz neu bewertet.
Eine wunderbare Leseerfahrung
Langsam, ganz behutsam führt Herta Müller Leopold, und somit die LeserInnen, ins Lager. Die Beschreibungen werden bildhafter. So wie Leopold erst langsam begreift, so haben auch die LeserInnen Zeit, sich dem menschenunwürdigen Lagerleben anzunähern. Die Veränderungen des Leopold Aubergs sind anschaulich, erkennbar, ja sogar in sich logisch. Die Heimkehr zeigt dann die umgekehrte Wandlung und vor allem die gewaltigen Anpassungsschwierigkeiten an das „Normale“.
In den vergangenen Monaten ist Herta Müller schon sehr viel für ihre Sprache gerühmt worden. Tatsächlich haben mich ihre sprachlichen Bilder auch wirklich beeindruckt. Wie viel Kraft, Klang und gleichzeitig Aussage in einem Wort stecken kann – es ist poetisch und doch stark. Eine wunderbare Leseerfahrung.
Infos zum Buch:
Atemschaukel von Herta Müller
Roman, 304 Seiten
ISBN 978-3-446-23391-1
Hanser Verlag
Links:
www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html

