DAS MÄRCHEN VOM LETZTEN GEDANKEN

VON: ELEONORA ROLDÁN MENDÍVIL

Eleonora Roldán Mendívil besuchte für Gazelle Online, die Premiere des Theaterstücks “Das Märchen vom letzten Gedanken” im Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg. Thema ist der türkisch-armenische Konflikt. Erzählt wird vom Vergessen und Erinnern. Von der Suche nach den eigenen Wurzeln und damit der eigenen Geschichte.

DAS MÄRCHEN VOM LETZTEN GEDANKEN/ Ballhaus Naunynstraße, Berln
DAS MÄRCHEN VOM LETZTEN GEDANKEN/ Ballhaus Naunynstraße, Berln

 

Beim Eintreten in den Raum wundert man sich: Wo bitte ist die Bühne? Warum steht dieser Kasten mitten in dem Kreis von Bänken? Und vor allem: Warum werden Blätter aus diesem Kasten auf den Boden geworfen?

 

Es ist Donnerstagabend und wir befinden uns im Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg. Der Filmemacher Miraz Bezar stellt sein Theaterdebüt „Das Märchen vom letzten Gedanken“, nach dem Roman des deutsch-jüdischen Schriftstellers Edgar Hilsenrath, vor.

 

Nachdem sich das Publikum eingefunden hat, fängt auch gleich der Protagonist Thovma Khatisian, an, zu erzählen: Er kenne seinen Vater nicht, wisse nicht, wer seine Mutter ist. Auf einmal taucht eine Frau auf - eine Meddah - eine Märchenerzählerin und verspricht Thovmas Geheimnis zu lüften. In Anlehnung an die orientalische Tradition der Fabulierkunst (des Geschichtenerzählens) führt die Märchenerzählerin den 94 Jahre alten Thovma, bis in das Jahr 1915, auf eine Landstraße in Anatolien zurück. Eine armenische Frau gebärt, inmitten einer Deportationskolonne, einen kleinen Jungen. Sie lässt ihn zurück, denn es ist seine einzige Chance zu überleben.

 

Eindrucksvoll erzählen die Schauspieler Recai Hallaç, Bea Kerbekian Ehlers und Mehmet Yilmaz, in zich verschiedenen Rollen, von der verzweifelten Suche nach den eigenen Wurzeln, nach dem, wo sich nicht nur in Geschichtsbüchern sondern auch in Gedächtnissen Lücken befinden. Sie schildern die Suche nach Anerkennung und Verantwortung. Sie bringen uns das Schicksal des alten Thovma näher, und damit das Schicksal tausender Armenier.

 

Der Regisseur Miraz Bezar schöpft hier nicht nur aus einer Fülle von Bildern und Sagen der Jahrtausende alten armenischen Kultur, sondern präsentiert dem Publikum auch historische Eckdaten.

 

Um zu den anfänglichen Fragen zurück zu kommen: Das ist alles schon richtig so. Bezar spielt mit Elementen aus dem Orta Oyunu – einer anatolischen Theatertradition, in der die Schauspieler und oftmals die zentrale Figur des oder der Meddah, inmitten des Publikums spielen. In dem Kasten sitzt der alte Thovma und die Blätter sind Teile verschiedener Akten. Akten in denen er seine Herkunft sucht.

Sehr bewegend hinterfragt nicht nur der Roman (Alfred-Döblin-Preis 1989), sondern auch das Theaterstück, Prozesse des Vergessens und Erinnerns. Hinterfragt wird auch der Umgang mit der Vergangenheit und der Gegenwart. Die Licht- und Soundeffekte unterstreichen die lebensfrohe oder lebensbedrohlichen Situationen gekonnt.

Dieses Stück schafft neben dem tiefen Mitgefühl, vor allem eins: Den Anstoß an das eigene Gedächtnis sich niemals wieder mit trüben Erinnerungen zufrieden zu geben.

Ein sehr gelungenes und empfehlenswertes Debüt.

 

Weitere Aufführungen Do 21, Fr, 22, So 24. Mo 25 Januar 2010. Ballhaus Naunynstraße, Naunynstraße 27, 10997 Berlin; Online: www.ballhausnaunystrasse.de


Links:

Webseite zum Theater:

www.ballhausnaunystrasse.de


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