Ja, auch ich habe Weihnachten gefeiert!
VON: SUNYA BAAROUN
Eine kritische Anmerkung zum Fest der Liebe
Sunya Baaroun hat nordafrikanische Vorfahren. Was das mit Weihnachten zu tun hat? Nichts. Denn genau wie Nordamerikaner können auch Nordafrikaner Weihnachten feiern. Unsere Autorin ist Muslimin. Ja, auch das hat rein gar nichts mit Weihnachten zu tun. Nun, ein bisschen vielleicht schon. Denn Weihnachten ist ein christliches Fest. Doch warum sollen nicht auch Muslime daran teilhaben können? Glauben wir nicht alle an das Gleiche? An Liebe, Frieden und eine Welt ohne Vorurteile? Diese vorurteilsfreie tolerante Welt scheint sich doch zu oft zu verstecken. Eine persönliche und kritische Anmerkung zum Fest der Liebe.
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| ![]() Quelle: pixelio.de/p.kirchhoff |
Ach, wie ärgerlich! Meine absoluten Lieblingsschuhe sind nicht in meiner Größe vorrätig, teilt mir die Verkäuferin gerade mit. Man könne die Schuhe aber gerne aus einer anderen Filiale bestellen – da sage ich doch nicht nein! Schließlich wollte ich sie doch schon so lange. Wann kann ich wiederkommen? „Am Mittwoch den 23. Dezember wären die Schuhe dann bei uns. Wir haben da aber nur bis 14 Uhr geöffnet“. Weder das Datum, noch die verkürzte Ladenöffnungszeit sagen mir etwas. Ja, fast scheinen diese Informationen gar nicht zu mir durchzudringen. Ich weiß nur: Am Mittwoch schaffe ich es nicht hier her. Wohl aber in den darauffolgenden 3 Tagen. Ich erinnere mich nicht, an diesen Termine zu haben. Als ich der Verkäuferin also mitteile, lieber am Donnerstag gegen 18 Uhr noch einmal vorbeizukommen, schaut mich diese verdutzt an. „Äh, da haben wir den ganzen Tag geschlossen“. Warum denn, frage ich deutlich irritiert. „Na, da ist doch Heiligabend“, lautet die pikierte Antwort. Hm. Stimmt. Wie unangenehm. In Millisekunden überlege ich, wie ich mich nun am besten aus der Affäre ziehen kann. „Wissen Sie“, führe ich mit einem souveränen Lächeln an (während ich voll auf mein südländisches Erscheinungsbild setze) „wir feiern kein Weihnachten, da ist dieses Datum nicht immer gleich präsent“. Ich merke wie es im Kopf der Verkäuferin rattert: Braune Augen, dunkles welliges Haar, kein Weihnachten: Bestimmt Türkin! Genauso lasse ich das Ganze auch stehen, vertage das Abholen meiner Schuhe auf das Jahr 2010 und verlasse so schnell wie möglich den Laden. Draußen auf der schneebematschten Straße halte ich inne. Ich habe geflunkert. Denn bin ich weder türkischer Abstammung, noch habe ich jemals in meinem Leben KEIN Weihnachten gefeiert.
Arabisch kochen und essen bis zum Umfallen
Meine Mutter ist Deutsche. Mein Vater stammt aus Tunesien. Wir haben stets Weihnachten gefeiert. Nie wirklich als christliches, sondern viel eher als Familienfest. Dieses hat sich zudem oft unüblich gestaltet. Da sich der deutsche Part meiner Familie zumeist abkapselte, haben wir an Weihnachten, vor allem in meiner Kindheit, nicht selten die Geschwister meines Vaters zu Besuch gehabt. Wir kochten gemeinsam (meist arabisch), aßen bis zum Umfallen und beschenkten uns natürlich. Für die Erwachsenen dominierten kleinere und vor allem günstigere Aufmerksamkeiten. Einmal, ich muss 11 Jahre alt gewesen sein, konnte mein Onkel nicht wie zuvor angekündigt an Weihnachten erscheinen. Dafür hat er uns an Heiligabend aber per Kurier ein riesiges Paket zukommen lassen, voll mit wundersamen Dingen. Meine kleineren Geschwister fanden den größten Gefallen am Karton selbst. Aus diesem bauten sie mit Hilfe einer Decke eine Höhle. Es war ein buntes Fest, voller Spaß und Farben. Ich habe Weihnachten geliebt. All die Lichter, das gemütliche Beisammensein, die Nüsse, der Lebkuchen, oder das Weihnachtsmärchen von Bibi Blocksberg, das ich bestimmt rund 100 mal anhörte. Einmal haben wir Weihnachten auch in Tunesien gefeiert. Ich fand an all dem nichts Ungewöhnliches. Meine tunesische Oma samt Rest der Familie ebenso wenig.
„Wie, du feierst Weihnachten?“
Viel weniger Toleranz wurde mir dagegen in Deutschland entgegengebracht. In der Oberstufe beispielsweise, wollten ein paar türkische und marokkanische Schulkameraden einfach nicht verstehen, dass ich und im besonderem mein Vater Weihnachten feierten. „Wie, du feierst Weihnachten?“, hieß es dann oft abfällig. Ich fühlte mich beinah schuldig, verstand ich doch nicht, warum dies so schlimm sein sollte. Etwas anders handhabte es sich dann mit meinen deutschstämmigen Arbeitskollegen oder Bekannten. Mit fast furchterfülltem Gesichtsausdruck fragten diese pünktlich zu Dezemberbeginn: „Ihr feiert aber doch Weihnachten, oder?“ Das klingt fast so wie: „Du wirst dann aber später nicht an einen Kameltreiber verheiratet, oder?“ (Diese Frage wurde mir wirklich öfter mal gestellt). Ganz nach dem Motto: Ein muslimischer Vater schön und gut, aber wehe, er reißt an unserem säkular geprägtem westlichem Kulturreichtum…
Ich habe Weihnachten vergessen
Zurück zum Schuhladen. Diese Szene eröffnete mir an diesem Tag etwas bemerkenswertes: Ich habe Weihnachten vergessen. Ich, die Weihnachten einst mehr liebte als den eigenen Geburtstag. Wann nur ist dieses Licht erloschen? Ich weiß es nicht so genau.
Weihnachten steht unmittelbar vor der Tür und mir das Ganze relativ gleichgültig. Vielleicht liegt es auch daran, dass unsere Familie leider längst nicht mehr in der Art zusammen Weihnachten feiert, wie es früher einmal üblich war. Wie gesagt, für meine Geschwister und mich war Weihnachten ein Familienfest, ein paar Tage voller Lichter und Freude. Die meisten Leute in unserem Umfeld, zuweilen meist oberflächliche Bekanntschaften, wissen das nicht. Wenn ich heute etwas zur Weihnachtszeit zu sagen habe, dann, dass ich Glühweinstände zutiefst verabscheue. Nicht mehr und nicht weniger. Ich bin es einfach leid. Daraus ziehen die Leute dann ihr ganz eigenes Bild. Übelicherweise das der Alkoholmeidenden, zu radikaleren Kreisen tendierenden Muslima. Denn die meist zuvor bestehende Info, dass ich muslimisch bin, schließt für einen Großteil der Menschen bereits vorab aus, dass mir die Weihnachtsgeschichte von Bibi Blocksberg auch nur ansatzweise ein Begriff hätte sein können.

