“Müssen alle Menschen super politisch sein?” - Warum die deutsche Jugend nur bedingt an Politik interessiert ist
VON: ELEONORA ROLDÁN MENDÍVIL
Gazelle hat 11 junge Wahlberechtigte - Jahrgang 1980 bis 1989 - aus Berlin und Hamburg zum Thema Mode, Politik und politisches Engagement befragt. Darüber hinaus sprachen wir mit dem Buchautor, Soziologen und Philosophen Dr. Julio Roldán über seine soziologischen Einschätzungen. Mit Heiko Thomas – Direktkandidat von BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN im Wahlkreis Pankow (Berlin) – sprachen wir über politische Ansätze und Erfahrungen im Wahlkampf.
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| ![]() © pixelio.de/Julian Rokitta |
Was passiert am 27.09.09? Ohne Ausnahme folgte mehr oder weniger schnell: Na, die Bundestagswahlen. 1:0 für die befragten Wahlberechtigten. Ob es daran lag, weil sie politisch auf dem Laufenden sind oder daran, dass die meisten schon ihre Wahlbenachrichtigung per Post nach hause bekommen haben, sei dahingestellt. Festzuhalten ist: trotz schulischem Politikunterricht und reger politischer Anwerbung: Lauscht man den Gesprächen junger Menschen, lässt sich normalerweise wenn überhaupt nur ein Hauch von einem politischen Nebensatz hören. Wir klammern hier bewusst Organisationen wie die JuLis (Junge Liberale), die JUler (Junge Union), die JuSos (JungSozialisten), die Grüne Jugend oder die Linksjugend aus; ihr politisches Engagement in der Freizeit und im Beruf ist die Ausnahme – nicht die Regel. Anders als vermutet, ist nicht von den sogenannten bildungsfernen Schichten die Rede, sondern von deutschen Abiturienten und Studenten. Von jenen jungen Menschen, welche in Zukunft die starken Schultern unseres Landes und damit die gesellschaftlichen Verantwortungsträger (auch in Form politischer Ämter) darstellen werden.
Auf den Zahn gefühlt
11 junge Wahlberechtigte – Jahrgang 1980 bis 1989. Heraus kam ein zwar nicht repräsentatives Bild einer Generation – die Befragtengruppe ist in Alter, auf sozio-kulturellem Niveau und in ihren beruflich-kulturellen Anstrebungen recht homogen – jedoch ein Einblick in die Köpfe einiger, zumindest potenzieller junger Wählerinnen und Wähler.
Die Mehrzahl der Befragten hat schon regional sowie national und kontinental gewählt und hat eine ungefähre Idee der politischen Parteienprogramme. Bei der Frage, ob man sich mäßig bis gut mit einem Programm einer zur Wahl stehenden Partei auskennt, antworteten 4 Befragte klar mit Nein. Zwei gaben an, sich direkt vor der Wahl zu informieren, und die restlichen 5 kennen sich einigermaßen mit bestimmten Parteiprogrammen aus; vor allem mit dem der GRÜNEN. In den Medien hört man immer wieder, dass gerade vor bestimmten Wahlen, die Parteiplakate in den Städten und Ortschaften omnipräsent wären; in den Köpfen junger Menschen anscheinend nicht.
Wie vom Soziologen Dr. Roldán zusammengefasst, interessiert sich die befragte Gruppe zwar für Politik im Allgemeinen. Jedoch politisch aktiv zu sein? Nein, Danke.
Heiko Thomas - Direktkandidat von BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN im Wahlkreis Pankow (Berlin) und Gastdozent (Politikwissenschaft) an der Universität Duisburg – schildert seine Erfahrungen so: „In den letzten Monaten bin ich logischerweise sehr viel in meinem Wahlkreis Pankow unterwegs gewesen. Ich habe dort wieder viel Licht und etwas Schatten gesehen. Ja es stimmt, manche Jugendliche sind gegenüber politischen Problemen völlig uninteressiert. Wenn aber junge Menschen erleben müssen, wie Unternehmen sie ein halbes Jahr lang mit anderen zur Probe einstellen und am Ende höchstens einen nehmen, dann darf sich niemand wundern, wenn viele Jugendliche von der Politik nichts mehr erwarten.“
Gleichzeitig hat die Mehrheit der Befragten bei Märschen und politischen Demonstrationen teilgenommen. Ist das denn nicht eine politische Aktivität, auch wenn sie manchmal z.B. durch verlockende Unterrichtsbefreiung motiviert ist? Nur eine Person gab an, mäßig politisch aktiv zu sein, wobei es interessant ist, dass für die meisten „politisch aktiv“ heißt, einer politischen Partei anzugehören oder zumindest dessen Interessen und Ziele gebührend zu vertreten bzw. sich aktiv bei politischen Projekten zu engagieren. Nur 2 Befragte sagten, es reiche aus sich über nationale und internationale Medien politisch am Laufenden zu halten, um ein politisch aktives Mitglied der Gesellschaft zu sein. Es scheint als müsse man seine ganze Freizeit opfern und sein Leben ganz nach einer Partei oder einer politischen Ideologie richten um „politisch aktiv“ zu sein; kein Wunder, dass das politische Interesse da so in den Keller rutscht.
Nach Dr. Roldán hat dieses politische Desinteresse jedoch auch andere Gründe: „Die Entpolitisierung ist ein historisches Merkmal der deutschen Gesellschaft. Die Aktivität und politische Militanz, scheint lediglich den Eliten oder den politisch Aktiven der Parteien vorenthalten zu sein. Es scheint als sei das ideologische Desinteresse in der Bevölkerung durch die konservativen Sektoren, welche kein größeres Interesse daran haben, dass sich die Bevölkerung politisiert, bedingt und veranlasst; im Maße, dass eine wenig politisierte Bevölkerung sehr leicht zu manipulieren und zu instrumentalisieren ist. Dieses Phenomän wiederholt und wiederspiegelt sich evident nicht nur bei den Befragten jungen Menschen - welche von Natur aus als unruhig, rebellisch und revolutionär gelten. Es ist bedauerlich, dass junge Menschen keine gefestigte politische Bildung haben bzw., dass sie sich nicht für aktive Politik interessieren, mit welcher sie das politische Geschehen in ihrem Land beeinflussen könnten.”
Kleider machen Leute
Gerade in den Modestädten Hamburg und Berlin, scheinen Einheimische, oder zumindest diejenigen, die man in den jeweiligen Innenstädten und modischen Szenevierteln antrifft, doch eher modebewusst: ein gepflegtes Äußeres zusammen mit vollen Einkaufstaschen prägen einen gewissen sozialen Status.
Dr. Roldán beobachtet hierzu, „dass es normal ist, dass diese jungen Menschen sich viel eher für Mode als für aktives „Politischsein“ interessieren. Für fast alle Befragten ist das äußere Erscheinungsbild wichtig, welches sich repräsentativ mit einem zweimal gefallenem Zitat der Befragten unterstreichen lässt: „ Mir ist mein äußeres Auftreten sehr wichtig, denn Kleider machen Leute.“ In der Gesellschaft in der wir leben spielt die Kleidung eine sehr wichtige Rolle, wobei wir sehen, dass sich ein gängiges Prinzip der Erkenntnistheorie erfüllt: Die Augen entscheiden mit“ - nicht nur beim Essen, sondern auch bei unserer Einschätzung des Gegenübers.
“Das ideologisch-politische Desinteresse lässt sich, auf die historisch sozio-politische Struktur der deutschen Gesellschaft, auf bestimmte Bildungslücken und vorallem auf die Kraft der Massenmedien, zurückführen. Letztere lösen mit ihren Programmen und Werbung eine Konsumflut aus. Dementsprechend ist es kein Zufall, dass die große Mehrheit der jungen Menschen sich für den Konsum (…) interessiert. Mit anderen Worten: wichtiger ist der Schein als die Essenz. Das Haben hat eine größere Wichtigkeit als das Sein”, so Roldán. Heiko Thomas hebt hervor, dass auch Elternhaus, Arbeitgeber oder Schulen, einen mindestens genauso wichtigen Teil zur (Ent-) Politisierung junger Menschen beitragen: “Insgesamt muss sich die Gesellschaft aber die Frage stellen, wie wollen wir eigentlich zukünftig zusammen leben und miteinander umgehen?“
Zuschauen statt mitentscheiden
Interessant ist hier auch die Rolle junger Deutscher mit ausländischen Wurzeln. Viele von ihnen besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft und dürfen am Sonntag wählen; andere sind Nicht-EU-Bürger oder gar staatenlos und dürfen sich höchstens Gedanken machen - wählen dürfen sie hier in Deutschland jedoch nicht. Gerade im Wahlkampf merkt man wie unterbesetzt dieser – doch wichtige - Teil der Gesellschaft an den Informationsständen ist. Sich direkt angesprochen fühlen sich diese jungen Deutschen oftmals leider nicht, wenn auch bestimmte Parteien gerade um ihre Gunst (als Mitglied oder Wähler) werben.
„Wenn wir unseren parteiinternen Politikstil nicht ändern, werden wir immer größere Probleme haben, Jugendliche wirklich für eine Mitarbeit zu gewinnen. Wir müssen viel stärker in Projektgruppen arbeiten als bisher. Langjährige Mitarbeit in Arbeitsgemeinschaften wird in Zukunft eher die Ausnahme sein“, so Heiko Thomas.
Festzuhalten ist die Frage eines Interviewpartners: “Müssen alle Menschen super politisch sein?” und die Antwort einer Interviewpartnerin: .“.. sonst darf man nachher auch nichts kritisieren“ und deshalb gab sie auch an, wie die Mehrheit der Befragten, am 27.09. wählen zu gehen. Lediglich 2 Interviewpartner sagten aus keinen Sinn im Wahlgang zu sehen: „Ich bin der Meinung, dass ich nicht die Person/ Partei wähle, die mich dann eh verarscht.“
Trotzdem: Parteien haben, gerade in Wahlkampfzeiten gute Chancen, Menschen – ob jung oder alt – für Politik zu gewinnen.
Zu hoffen bleibt ein weiter so aktives Engagement von Seiten der politischen Jugendorganisationen, und ein baldiges Erwachen – vorallem am Sonntag - der Deutschen Jugend in seiner Masse.

