Islam im Krankenhaus

VON: NOHMA EL-HAJJ

Der Umgang mit muslimischen Patienten in deutschen Krankenhäusern kann sich oft als sehr schwierig erweisen. Nicht selten ist das Pflegepersonal mit Eigenheiten und Wünschen konfrontiert, die sogar zu Konflikten und Unzufriedenheit auf beiden Seiten führen können. Die Krankenpflegeschule des Katholischen Klinikum Mainz St. Hildegardis bietet Islamunterricht

an, um die zukünftigen KrankenpflegerInnen in die fremde Kultur einzuführen und sie für den Umgang mit muslimischen Patienten sensibel zu machen.

Muhammad Sameer Murtaza ist  Islamwissenschaftler und Mitbegründer des Projektes ,,Eine Menschheit“ und referiert an der Mainzer Pflegeschule über muslimische Patienten.

Muhammad Sameer Murtaza
Muhammad Sameer Murtaza

 

Herr Murtaza, wie sieht die Themenauswahl im Unterricht aus? Wo setzen Sie Ihre Schwerpunkte?


Schwerpunkt für mich war eigentlich, dass interkulturelle Kompetenz über den Beruf hinaus gehen muss. Wir haben nicht nur in unserem Berufsfeld mit Menschen anderen Glaubens zu tun, sondern auch darüber hinaus im Alltag und wir haben bestimmte Stereotype von dem anderen und es war für mich wichtig, diese Stereotype aufzubrechen. Dass die Leute nicht mehr die Muslime als Kollektiv sehen, sondern verstehen, dass der Muslim als Individuum wahrgenommen werden muss.


Wie wurde das Seminar aufgebaut?

Am Anfang wird sehr stark darauf gezielt, zu zeigen: Muslime sind ganz normale Individuen, die ganz unterschiedlich sind. Angefangen von den verschiedenen muslimischen Konfessionen, was schon zeigt: Den "Islam" als Monolit gibt es nicht. Wir haben säkulare Muslime, orthodoxe Muslime, nichtpraktizierende und praktizierende Muslime. Für die eine Frau ist das Kopftuch essenziell für die andere Frau nicht. Aber sie ist genau so gläubig, wie die Frau, die ein Kopftuch trägt. Wir haben also ein Mosaik von Muslimen und wenn wir das verstehen würden, dann würden wir aufhören, die Muslime zu stigmatisieren und zu reduzieren auf ihre Religion, sondern als Individuen und auch als Personen wahrzunehmen.


Was heißt das aber jetzt für die Praxis der Krankenschwester? Was genau nimmt sie mit?


Am Anfang sage ich zu den Leuten: "Heute wollen wir mal nicht politisch korrekt sein. Sagt was ihr denkt und habt auch keine Rücksicht darauf, dass der Referent hier Muslim ist." Ich bitte die Leute zu erzählen, was ihnen unter Islam einfällt. Es sind hauptsächlich negative Klischees.
Wenn der Gedanke vom einheitlichen Islam aufgebrochen ist, dann gehen wir auch zu den Themenbereichen "Fasten" im Krankenhaus oder Beten im Krankenhaus über. Und dann sind sie auch viel offener. Und ich sage ihnen auch, sie sollen sich klar machen, was ihre eigenen Werte sind. Ihre eigene Vorstellung von Toleranz. Das heißt ja nicht, dass eine Krankenschwester jetzt in jedem Punkt zurückstecken muss.


Könnten Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Als Beispiel folgender Fall: Was ist, wenn ein muslimischer Patient sich beschwert, dass ein Kreuz im Krankenzimmer hängt. Das Krankenhaus hat einen katholischen Träger. Wie geht man damit um? Im Laufe der Diskussion kommen wir alle zusammen auf den Schlusspunkt, dass ein Muslim das Kreuz akzeptieren muss, weil er sich entschieden hat, in ein christliches Krankenhaus zu gehen. Die Muslime müssen natürlich auf der anderen Seite ebenfalls andere Religionen tolerieren und dann bleibt das Kreuz eben dran. Die pflegende Person muss sich bewusst sein, wo die Toleranzgrenze für sie ist. Aber andererseits, wenn ich dann frage: ''Wie wäre es wenn der Patient bettlegrig ist und in seinem Bett das Gebet verrichten muss und vor ihm befindet sich nunmal das Kreuz in Gebetsrichtung." Dann sagen alle: "Dann ist das kein Problem, dann hängen wir das Kreuz zur Gebetszeit gerne runter.''
Man geht aufeinander zu und erreicht so einen gewissen Bewusstseinswandel.


Drehen wir den Spieß einmal um: Sie unterrichten Einwanderer aus muslimischen Ländern, was würden Sie ihnen beibringen zu den Eigenheiten der Deutschen?

Ich glaube,wichtig ist der Gedanke des Pluralismus. Viele Muslime kommen ja aus Ländern, die sehr geprägt sind von Tradition. Hier stößt man eben doch auf sehr viele Lebensentwürfe. Das ist für viele Muslime neu. Ich spreche mal Themen an, wie sexuelle Orientierung. Das ist ja ein aktuelles Thema, mit dem viele Muslime ein absolutes Problem haben. Und ich denke, wir müssen lernen  Pluralismus und andere Lebensentwürfe zuzulassen.