My Belgrade - Stadt im Wandel
VON: SARAH-JANINA KHAYATI
Boris Kralj, Berliner Mode- und Portraitfotograf, zeigt eindringliche und überraschende Bilder der ehemaligen jugoslawischen Hauptstadt Belgrad und beweist, wie sehr es sich lohnen kann, genauer hinzuschauen.
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| ![]() © Boris Kralj ![]() |
Mit dem Vergessen ist das so eine Sache. Wirtschaftskrise, Europawahlen, Datenaffären bei Telekom, Lidl und Co: Haben wir alles, hilfreich unterstützt von Headlines und Nachrichten in den Medien auf unserem inneren Bildschirm. Aber wie lange? Wer denkt heute noch an den Krieg und seine Folgen in Jugoslawien?
Boris Kralj ist so jemand: Einer der dran bleibt. Der die Aufmerksamkeit auf Dinge richtet, die schon längst aus unserem Fokus verschwunden sind. Oder ersetzt wurden. Abgeklungene Krisen bedeuten nicht zwangsläufig Entspannung, Wiederaufbau und Wohlstand. Keine neue Erkenntnis – aber wohl eben eine verdrängte.
Eigentlich arbeitet Boris in der Modeindustrie. Als Fotograf veröffentlichte er bereits Strecken in der ELLE und der Vanity Fair, porträtierte Karl Lagerfeld und Vivienne Westwood. Sein privates Engagement widmet er jedoch der Geschichte, genauer gesagt: Belgrads Geschichte. Der Vergangenheit einer Stadt, die konstant für ihre Schönheit gerühmt wurde, aber wohl auch so häufig wie kaum eine andere unter Gewalt und Zerstörung gelitten hat. Allein die kurze Suche über ‚Google’ zählt von der Antike, über das Byzantinische und Osmanische Reich bis zur Moderne und den Nato-Luftangriffen 1999 etwa fünfzig Konflikte. Unbeachtet, vergessen, untergegangen…
1976 in Göppingen bei Stuttgart geboren und aufgewachsen besucht Boris, Sohn einer Serbin und eines Kroaten, regelmäßig das ehemalige Jugoslawien. Parallel zur Jugend in Deutschland erlebt er so in den 1990er Jahren das Ausmaß des Leides und der Angriffe auf die ehemalige Heimat seiner Eltern – Belgrad. Es lässt ihn nicht los. Als er 2000 ein Photodesignstudium am Berliner Lette Verein beginnt, ist er schon mittendrin in der Recherche, fotografiert Gesichter, Häuser, Kriegsschauplätze. Seine Abschlussarbeit ‚Frühling in Belgrad’ dokumentiert die Stadt nach den Gefechten, zeigt den Preis der Unabhängigkeit – morbide, bröckelnde Fassaden einer einst vibrierenden Kulturstadt.
In Deutschland erhält Boris erste Aufträge – Künstlerportraits, eine Ausstellung auf der Modemesse Premium. Die Verbindung zu Belgrad bleibt. „Grade die ungeschönten ‚Belgrad Bilder’ sind ein wichtiger Gegenpol zur inszenierten Schönheit der Modefotografie“ erzählt der 33jährige und beschreibt eine „unverzichtbare Rolle im Spannungsfeld seines künstlerischen Schaffens“:
„Belgrad ist für mich ein mystischer Ort. In dieser Stadt auf dem Balkan begegneten sich einst Orient und Okzident. Und noch heute spiegeln sich die Spuren der unterschiedlichen Kulturen in einem vibrierenden Dialog im Stadtbild wider. Für einen Außenstehenden ist es schwer vorstellbar, sich in diese Stadt zu verlieben. Denkt man an Belgrad, hat man kein konkretes Bild vor Augen. Man erinnert sich höchstens an Bilder vom Fernsehen, die die Stadt mit Unruhen und Verbrechen zusammenbrachten. Doch dieses ausschließliche Bild ist alles andere als gerechtfertigt!“
Boris’ aktuelles Fotoprojekt „My Belgrade“ setzt hier an und verfolgt die Entwicklung der heutigen Hauptstadt Serbiens. „Nach dem Bürgerkrieg und der Diktatur Milosevics demonstrierten Hunderttausende gegen die autoritäre Herrschaft und für Demokratie – mit Erfolg. Belgrad mausert sich zu einer lebendigen und äußerst weltoffenen Metropole und gilt als ein besonderer Geheimtipp für kultur- und abenteuersuchende Menschen aus aller Welt.
„My Belgrade“ soll aufklären“, wünscht sich der Fotograf, „die Menschen sollen ein Gefühl für die Stadt bekommen und in ihrem Innern bewegt werden.“ Die Intensität seiner Bilder verdeutlicht dieses Vorhaben. Sensibel widmet sich Boris Belgrads Vergangenheit, zeigt in melancholischen Aufnahmen improvisierten Alltag und Ruinen der Stadt, gibt aber ebenso ihren Aufbruch und ihre neugestaltete Lebendigkeit in kraftvollen Portraits wieder.
Seine Impressionen stimmen nachdenklich, man weiß nicht, was einen mehr berührt: Ist es die Geschichte und Entwicklung der Stadt, ihrer Menschen und Monumente? Oder ist es der vehemente Hinweis seiner Bilder auf allzu schnelles Vergessen? Das dringliche Pochen darauf, den Geschehnissen in der Welt nicht voreilig den Rücken zuzuwenden, sondern zu verweilen, zu beobachten und zu erkennen?
Untergang, Wandel und Neubeginn liegen nahe beieinander – in jedem Fall sollte man hinsehen.
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