Kopf einschalten statt Emotionen laufen lassen

Paare reden am Tag durchschnittlich 8 Minuten miteinander. Nicht selten gehen Beziehungen wegen einer nicht funktionierenden Kommunikation zwischen den Partnern in die Brüche. In extremen Fällen kann der Gang zum Paartherapeuten hilfreich sein.

 

Wer kennt das nicht? Mein Liebster kommt nach Hause, stapft mit Straßenschuhen über die nassen Fliesen, knallt seine Sachen in die Ecke, setzt sich auf die Couch und erzählt fröhlich von seiner Arbeit. Kaum zu glauben, dass er den Eimer und die feuchten Spuren auf dem frisch gewischten Boden nicht gesehen hat. Ich bemühe mich, das entstehende Chaos in Schach zu halten und Schatzi fragt auch noch zuckersüß, warum ich so griesgrämig schaue. „Hast du was?“ Da platzt mir der Kragen und ich motze ihn entnervet an, ob er denn nicht sehe, dass hier frisch geputzt sei. Außerdem hätte ich schon den ganzen Tag Kopfschmerzen, die Kinder spuren nicht, die Waschmaschine sei kaputt und, und, und...

Die Wut ist groß, der Streit unproduktiv und keiner weiß wirklich, um was es hier eigentlich gerade geht. Laut einer Studie reden Paare durchschnittlich 8 Minuten pro Tag miteinander, andere Quellen sprechen von ganzen 10 Minuten. Abhilfe hierfür bieten beliebig viele Ratgeber zur verbesserten Kommunikation. Zum Thema Kommunikation gibt es unzählige Modelle und Hypothesen.

Modelle und Theorien

Der Psychologe Karl Bühler zum Beispiel unterscheidet in seinem Organon-Modell die drei wesentlichen Aspekte der gesprochenen Kommunikation: Darstellung des Sachverhalts, Ausdruck des Sprechenden und Apell des Zuhörers. Friedemann Schulz von Thun, Psychologe an der Universität Hamburg, entwickelte das Kommunikationsquadrat, in dem er die Sachinformation, die Selbstkundgabe, den Beziehungshinweis und den Appell voneinander unterscheidet. Komplizierter wird die Theorie noch durch den Zusatz, dass der Sprecher mit „vier Schnäbeln“ spricht und der Zuhörer gleichzeitig mit „vier Ohren“ hört.

Dieses so genannte „Vier-Ohren-Modell“ bildet heute die Grundlage vieler Kommunikationsseminare und Ratgeber. Da darf auch der im vergangenen Frühjahr verstorbene Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick nicht fehlen. Er prägte folgenden Ausspruch: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Das heißt also, ich kommuniziere nicht nur durch mein Gerede mit meinem Herz-Aller-Liebsten, sondern schon meine Körperhaltung, das Lachen oder Naserümpfen sowie sein Augenrollen gehören auch zu unserer Unterhaltung dazu.

Kopf einschalten statt Emotionen laufen lassen

Für den Hausgebrauch lässt sich die simple Regel anmerken, dass der Gesprächspartner einfach anders tickt. Jeder hat andere Prioritäten, empfindet andere Dinge als störend, eventuell sogar unerträglich. Zudem geht es bei der Streiterei um die Zahnpastatube oft um ganz andere Sachen, die blöde Tube bietet sich nur grad als Katalysator an.

In solchen Momenten sollte sich jeder nochmals hinterfragen, warum man eigentlich gerade so wütend ist. Was oder wer ist der wirkliche Auslöser? Oft stecken verborgene Emotionen hinter dieser Streitsituation. Sie zu entlarven kann eine sehr schwere Aufgabe sein.

Therapeuten können helfen

Unerfüllte Erwartungshaltungen an sich selbst oder an den Partner, Unzufriedenheiten über Nichtigkeiten, all jene Dinge, die das alltägliche Leben ausmachen, können tiefliegende Motivationen sein. Und diese „anderen“ Motive hat unser Gegenüber ja auch noch. Das kann bedeuten, dass eine harmlose Äußerung bei ihm etwas auslöst, womit weder er noch ich gerechnet haben. Nach dem Vier-Ohren-Modell ist die Möglichkeit, immer die gleiche Wellenlänge zu haben, auch gar nicht so einfach. Der gleiche Satz hat eventuell bei Sprecher und Zuhörer ganz unterschiedliche Bedeutung.

Dies alles soll aber nicht heißen, dass es nicht möglich sein kann, in einer Partnerschaft auch friedlich zu kommunizieren. Manchmal reicht es schon, sich selbst zu hinterfragen. Bei einer anderen Gelegenheit kann eine interessierte Frage den aufkeimenden Konflikt schon lösen. Falls sich aber eine Beziehung schon tief in die kommunikative Sackgasse verirrt hat, bieten sich genügend seriöse Partnerschaftsberatungen an. Gerade kirchliche Träger haben sich diesem Thema verschrieben. Frau und Mann sollte den Mut haben, Hilfe zu suchen. Denn aus falschem Stolz sollte keine Beziehung riskiert werden.