KINO: Exit Marrakech – Kein Märchen aus tausendundeiner Nacht

Neuer Film von Caroline Link: Exit Marrakech (c)Studiocanal

Neuer Film von Caroline Link: Exit Marrakech (c)Studiocanal

Von Samy Charchira

Caroline Link ist Regisseurin, Schauspielerin und Oscarpreisträgerin. Mit ihrem berührenden und wunderbaren Film „Jenseits der Stille“ wurde sie 1998 für den Oscar in der Kategorie “bester fremdsprachiger Film” nominiert. 2003 hat sie den begehrten Oscar dann für„Nirgendwo in Afrika“ bekommen.

Mit ihrem neusten Werk „Exit Marrakech“ (ab 24.10.2013 im Kino) kehrt Caroline Link nun nach Afrika zurück, diesmal in den Norden des Kontinents – nach Marokko. Das ist eine exzellente Auswahl, denn in kaum einem anderen afrikanischen Land prallt Orient und Okzident derart aufeinander, wie in diesem nordafrikanischen Staat. Ein Land, das für sich nicht weniger als ein Schmelztiegel der Kulturen und Religionen zu sein, beansprucht. Ein kurzer historischer Blick auf das arabo-islamische Land genügt, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Doch als Teil der arabischen Welt ist auch das marokkanische Königreich vom „arabischen Frühling“ erfasst. Das Land befindet sich im Wandel und durchlebt große gesellschaftliche Umwälzungen. Doch gerade das scheint der Filmhandlung eine äußerst interessante Tiefe und starken Auftrieb zu geben. [Read more...]

 

Vater und Sohn

Als der 17-jährige Ben (Samuel Schneider) seinen Vater Heinrich (Ulrich Tukur), den gefeierten Regisseur, der in Marrakesch an einem internationalen Theaterfestival teilnimmt, besucht, beginnt für ihn kein Märchen aus tausendundeiner Nacht. Seine Umgebung ist ihm genauso fremd wie sein geschiedener Vater, mit dem er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder seine Sommerferien verbringen soll. Während die beiden immer weiter auseinanderdriften, öffnet sich Ben mehr und mehr dem ihm fremden Land und sucht sich, fernab von Vaters Luxushotel, seine eigenen Wege in der unbekannten Welt. Er verliebt sich in die junge Karima (Hafsia Herzi) und folgt ihr in ihr entlegenes Heimatdorf im Atlasgebirge. Als Ben sich tagelang nicht meldet, macht sich Heinrich erst widerwillig, dann zunehmend besorgt, auf die Suche nach seinem verschwundenen Sohn. Während sie beide das ihnen fremde Land bereisen, scheint alles möglich zu sein: sich endgültig zu verlieren oder einander wieder neu zu finden…

„Exit Marrakech“ ist ein wunderbares Abenteuer und  ein nahe gehendes Familiendrama. Es ist aber auch eine sehr sympathische und unbekümmerte Liebesgeschichte mit großem Symbolcharakter und viel Spielraum für Interpretationen. Der Film ist eine Reise, eine Reise zueinander, aber vor allem zu sich selbst und zur eigenen Vergangenheit. Auf dieser Reise liefert das Kamerateam um Caroline Link ein ganzes Bouquet von authentischen Bildern. Marokko kommt in all seiner Vielfalt und Farbenprächtigkeit zur Geltung. Schöne Bilder von echtem marokkanischen Leben gepaart mit einem passenden und rhythmischen Soundtrack.

 

Viel schauspielerisches Talent

Die Vater-Sohn-Geschichte versucht gänzlich ohne Klischees auszukommen. Die sympathische Regisseurin Caroline Link verwendet wahrlich viel Sorgfalt darauf. Es gelingt ihr nicht immer. Dennoch hat sie sehr veranschaulich den Orient-Okzident-Twist im islamischen Land herausgearbeitet. Die Kontroversen marokkanischer Bevölkerung bleiben sichtbar, wenn auch nicht immer verständlich.  Großes schauspielerisches Talent beweist Ulrich Tukur („John Rabe“, „Das weiße Band“) erneut und trägt somit einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg von „Exit Marrakech!“ bei. Aber auch der begabte Jungschauspieler Samuel Schneider („Boxhagener Platz“) überrascht tatsächlich mit einer beachtlichen schauspielerischen Leistung und ist allemal ein Grund ins Kino zu gehen. Die „andere Seite“ der kulturellen Konfrontation wird von der französischen Schauspielerin Hafsia Herzi verkörpert. Herzi ist eine erfahrene Actrice und zählt in ihrer Filmografie nicht weniger als stolze 15 Produktionen. Sie wurde 2008 als beste Nachwuchsdarstellerin dreifach ausgezeichnet, unter anderem mit dem französischen César (Couscous mit Fisch) und dem italienischen Marcello-Mastroianni-Preis. Beindruckend spielt sie in „Exit Marrakech“ Karima, die einerseits einen offenen und unabhängigen Lebensstil in der marokkanischen Metropole Marrakech lebt und sich andererseits in eine konservative, eng hängende Dorfgemeinschaft auf dem Land manövriert. Von der Figur Karima wird künstlerisch viel abverlangt, und Hafsia Herzi erfüllt wahrlich alle Erwartungen und legt eine exzellente Darbietung dar. Chapeau!

 

Empfehlenswert …

„Exit Marrakech“ ist ein kunstgerecht produziertes Werk mit sehr interessanten Figuren, inspirierenden Bildern, beindruckender Musik, großartigen Schauspielern und unbedingt empfehlenswert!

Der Film kommt zu einem interessanten Zeitpunkt in die Kinos: Die Marokkostämmige Community in Deutschland feiert in diesem Jahr ihr 50. Jubiläum. Ein schöner Zufall, der die Attraktivität und Aktualität des Filmes erheblich steigern dürfte.

Mehr zum Film unter www.exitmarrakech.de

BUCHTIPPS: “Die Araber” & “Sex und die Zitadelle”

Die Arabische Region erlebt seit dem Arabischen Frühling medial eine immense Aufmerksamkeit. Allerdings wirft die Berichterstattung viele  Fragen auf. Viele fragen sich, wo die Wurzeln der Unruhen liegen? Warum tut sich Fortschritt und Demokratiesierung dort so schwer? Was bewegt die Menschen vor Ort? Wie lebt sich das Private? Welche Rolle spielt Sexualität in der Geschichte und Freiheitsbewegung? Gazelle stellt zwei Sachbücher vor, die helfen Fragen zu beantworten:

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Die Araber

Eine Geschichte von Unterdrückung und Aufbruch

DIE ARABER

Mehr als 200 Millionen Araber zwischen Persischem Golf und Atlantik versuchen sich dem Joch despotischer Regime zu entledigen. Eugene Rogan, Kenner der arabischen Welt, bietet mit seiner großen Geschichte der Araber eine hervorragende Grundlage zum Verständnis der aktuellen Ereignisse in Ägypten, Syrien, Tunesien oder Libyen. Rogans Darstellung beginnt mit der Eroberung der arabischen Welt durch das Osmanische Reich zu Beginn des 16. Jahrhunderts und führt bis zum revolutionären Aufbruch heute. Es ist eine lange Geschichte der Unterdrückung und Ausbeutung, von denen Rogan zu erzählen weiß. Aber auch die reiche Kultur dieser Länder und die vielen kaum bekannten Versuche der arabischen Völker in der Vergangenheit, sich gegen ihre Unterdrücker aufzulehnen, Freiheit und Wohlstand zu erlangen und in der Moderne anzukommen, werden anhand einer Fülle von Originalquellen anschaulich dargestellt. Wer die arabische Region verstehen will, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen!

Zum Autor:  Eugene Rogan ist Direktor des Middle East Centre der Oxford University. Er lehrt und erforscht der amerikanische Historiker seit 1991 die Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens.

Eugene Rogan
Die Araber
Eine Geschichte von Unterdrückung und Aufbruch
Propyläen, 736 Seiten
€ 26,99

 

 

Sex in der Zitadelle

Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt

SEX IN DER ZITADELLE

Die Autorin Shereen El Feki hat fünf Jahre lang Frauen und Männer in Ländern wie Ägypten, Marokko, Tunesien und den Golfstaaten befragt, was sie über Sex denken und welche Rolle er in ihrem Leben spielt. Bewegende, schockierende Schicksale sowie hoffnungstimmende Bewegungen hat sie dabei in ihrem Buch zusammenegtragen. Historische Hintergründe liefern zudem aufschlussreiche Zusammenhänge. Anhand der verschiedenen Aspekte von Sexualität eröffnet sie völlig neue Einblicke in das Innenleben der sich wandelnden arabischen Welt. Sie betont, dass der Islam eine positive Haltung zur Sexualität auszeichnet. Dennoch bleibt es nicht aus, einen freieren, offeneren Umgang mit diesem Thema zu pflegen um politisch-soziale Entwicklung in den arabischen Gesellschaften voranzutreiben. Sehr lesenswert, aufschlussreich und spannend!

Zur Autorin: Die Kanadierin Shereen El Feki ist studierte Immunologin und war stellvertretende Vorsitzende der von der UN eingesetzten Global Commission on HIV and the Law und arbeitete als Journalistin u.a. für Al-Dschasira und den Economist. www.sexandthecitadel.com. Sie ist Tochter einer Waliserin und eines Ägypters. Sie lebt in London und Kairo.

Shereen El Feki
Sex und die Zitadelle
Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt
Hanser Berlin, 416 Seiten
€ 24,90

AACHEN: 22.09.2013 – Frauenvereinigung feiert 50 Jahre Deutsch-Marokkanische Migration

Marokkanische Frauenvereinigung e. V.   Aachen

Marokkanische Frauenvereinigung e. V. Aachen

Am 22. September 2013 feiert die Marokkanische Frauenvereinigung e.V. und das Deutsch-Marokkanische Kompetenznetzwerk in Aachen “50 Jahre Deutsch-Marokkanische Migration”.

Zeit: 12:30 – 16:00 Uhr

Ort: Konferenzraum 1.OG im Eurogress Aachen Monheimsallee 48, 52062 Aachen

 

 

 

 

 

BUCHTIPP: Die vierzig Geheimnisse der Liebe – Elif Shafak

Von Sunya Baaroun

Elif Shafak glänzt mit einem neuen Schmuckstück. Ihr aktuelles Werk „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ gilt als Geheimtipp. Nach „Der Bastard von Istanbul“ war die Messlatte hoch angesetzt. Doch wieder einmal beweist sich die türkische Erfolgsautorin.

Diesmal geht es um Ella, eine gut gestellte Mutter und Hausfrau aus Northampton. Eigentlich eine alte Geschichte. Die Ehe eingefroren, mechanisch und lieblos. Über das Kochen, die Kinder und ihren Hund hinaus, gibt es kaum etwas, dass Ellas Begeisterung weckt. Und so lebt sie ein Leben voller Kalkulierbarkeit und Müdigkeit Tag für Tag vor sich hin. Eine Neuigkeit gibt es dann allerdings doch. Ella ergattert einen kleinen Job in einer Literaturagentur. Als Gutachterin soll sie eingereichte Manuskripte unter die Lupe nehmen. Bald liegt ihr „Süße Blasphemie“ von Aziz Zahara vor. Das Manuskript behandelt die bewegende Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft: [Read more...]

„Süße Blasphemie“
Kleinasien im dreizehntem Jahrhundert – Konya, hier begegnen sich Schams-e Tabrizi, ein Wanderderwisch, und der berühmte Islamgelehrte und Dichter Rumi. Im Mittelpunkt steht Schams, eine Person sondergleichen. Charakterstark, gewitzt und überaus klug. Er kann Träume deuten und den Menschen in die Seele blicken. Seine Aufgabe ist es, Rumi, der schon alles zu wissen scheint, die Welt noch einmal ganz neu zu erklären. Das soll sein Lebenswerk sein. Schams ist es, der sich den Säufern, einer Hure und sonstigen Außenseitern der Stadt nähert, ihr Leid ergründet und Kraft spendet. Und obwohl er im Sinne Gottes handelt, wirkt Schams überraschend unkonventionell, ja lässt zu Weilen Dinge von sich, die gar nicht in den Mund eines Muslims passen. Er schert sich um nichts und wieder nichts und sorgt somit für Aufsehen. Wie kann der angesehene und gesellschaftlich etablierte Rumi, sich auf das Niveau dieses verrückten Sufis hinablassen? Die Lage spitzt sich zu, als Rumis Familie erkennt, dass Schams keinen Platz mehr in Rumis Leben haben darf. Ein fragwürdiger Plan wird geschmiedet, der Rumi letztlich das Herz bricht.

Mehr als nur Liebe
Ella ist von dem vorliegendem Roman eingenommen. Schams Weisheiten brechen in ihr etwas auf, was sie verloren glaubte. Eines Tages kontaktiert sie den Autor. Per E-Mail schreiben sich Ella und Aziz bald häufiger. Eine Vertrautheit und Zuneigung entwickelt sich, die Ella völlig vor den Kopf stoßt. Und so vorhersehbar der weitere Verlauf sein könnte, so unerwartet endet die Geschichte dann. Denn Aziz, der Schams im Übrigen sehr ähnelt, trägt eine schwere Last mit sich.

Elif Shafak webt in ihrem Buch einen Teppich von kleinen Geschichten. Gemeinsam berichten sie von viel mehr als nur der Liebe, dem Islam und suchenden Herzen. Ein Meisterwerk, angelehnt an eine wahre Begebenheit, denn Schams und Rumi existierten wirklich. Letzterer zählt heute zu den Größen des Sufismus. Die Autorin diskutiert in ihrem Roman zeitlose Fragen, ob religiöser oder zwischenmenschlicher Natur. Man könnte meinen, dass sie an zahlreichen Stellen Bezug zu aktuellen, gesellschaftlichen Geschehnissen nimmt. Es geht um Säkularisierung, die Scharia und vor allem um die Wahrheit. Shafak erzählt anhand von Bildern, die zwischen den Zeilen entstehen.

Einzig gelegentliche Übersetzungsdefizite lassen beim Lesen etwas stolpern. Dennoch: Ein Bewusstseinserweiterndes, spannendes Werk. Schmaus für die Seele.

Elif Shafak
Die vierzig Geheimnisse
Kein & Aber Verlag
512 Seiten
ISBN-10: 3036956662
ISBN-13: 978-3036956664

IM KINO: “Nach der Revolution” in Ägypten

Von Kai Doering

Freundinnen: Reem und Fatma Foto: revolution-derfilm.de

Freundinnen: Reem und Fatma (c) revolution-derfilm.de

Die Bilder gingen um die Welt: Menschemassen auf dem Tahrir-Platz in Kairo und die Soldaten von Husni Mubarak, die versuchen, das alte Regime gegen die Wirren des Arabischen Frühlings zu verteidigen. Was mit den Menschen in Ägypten in dieser Zeit geschah, erzählt der Spielfilm “Nach der Revolution”.

Die Revolution tötet die Tiere zuerst. Reihenweise liegen die Kadaver von Kamelen und Pferden am Straßenrand. Es gibt nicht genug Futter, um sie zu ernähren. Wir befinden uns im Frühjahr 2011. Einige Wochen zuvor haben Zehtausende auf dem Tahrir-Platz in Kairo gegen die Regierung des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak demonstriert. Nach Tunesien ist der so genannte Arabische Frühling auch ins Land der Pharaonen übergeschwappt.

Die Situation ist unübersichtlich. Am 2. Februar haben Pro-Mubarak-Kräfte auf dem Tahrir-Platz Regimegegner angegriffen. Unterstützt wurden sie von Reitern auf Kamelen und Pferden. Der Tag wird als „Schlacht der Kamele“ bekannt werden. Unter den Reitern war auch Mahmoud. Die Demonstranten haben ihn vom Pferd gezerrt und verprügelt. Zu sehen ist das auf Internetvideos auf Youtube. Mahmoud verliert seine Arbeit, seine Freunde meiden ihn. Und Futter für sein Pferd gibt es von der Hilfsorganisation, die es kostenlos an Bedürftige verteilt, auch nicht mehr. [Read more...]

 

Hoffnung auf ein freies Ägypten

Reem war am Tag der „Schlacht der Kamele“ auch auf dem Tahrir-Platz. Sie ist eine Gegnerin des Regimes, gebildet und glühende Feministin. Reem hofft auf ein schnelles Ende der Mubarak-Regierung und auf ein freies Ägypten. Reem und Mahmoud könnten unterschiedlicher kaum sein als sie wenige Wochen nach den Ereignissen des 2. Februar aufeiandertreffen – und sich eine Romanze zwischen ihnen entwickelt.

Regisseur Yousry Nasrallah nimmt die Begegnung von Reem und Mahmoud als Ausgangspunkt für seinen Film „Nach der Revolution“ (Baad El Mawekaa). Er erzählt darin die Situation in Ägypten zwischen Februar und Oktober 2011 mithilfe einer fiktiven Geschichte nach. Der Hintergrund freilich ist nichts als die Realität.

Die soziale Situation der Menschen wie Mahmoud, die wegen der ausbleibenden Touristen ihre Existenzgrundlage verlieren, die Kämpfe, die Frauen am Rande der Revolution ausfechten müssen, um auch wenigstens ein bisschen von den neuen Freiheiten zu profitieren, und das Vorgehen der alten Machthaber, die um ihre Pfründe fürchten und versuchen, möglichst viel ihres Einflusses in die neue Zeit zu retten – all das entspricht der Wirklichkeit im Ägypten des Jahres 2011. „Der Film hat auch einen dokumentarischen Aspekt, berührt die Realität und ist dennoch frei erfunden“, sagt der Regisseur selbst dazu.

 

Auf der Suche nach einem neuen Platz

Die Geschichte ist schön erzählt. Reem (Menna Shalabi), die versucht, Mahmoud (Bassam Samra), seiner Frau Fatma (Nahed El Sebai) und den Kindern zu helfen und dabei ihre Eifersucht unterdrückt während ihre Freudin ihr rät, „aus einer Liebesgeschichte keine politische Sache“ zu machen. Mahmoud, der verzweifelt, weil er auf die Einflüsterer Mubaraks gehört hat, die ihm versprachen, wenn der Präsident bleibe, würden auch die Touristen zurückkehren und sich deshalb gegen die Demonstranten stellte. Und Fatma, die die Anziehung zwischen ihrem Mann und Reem spürt und sich dennoch aus vollem Herzen mit der Nebenbuhlerin befreundet, deren freier Lebensstil sie fasziniert und von der sie nach und nach politisiert wird. Sie alle stehen stellvertretend für die gesellschaftlichen Gruppen, die in diesen Tagen im Jahr 2011 ihren Platz in einem neuen Ägypten suchten und deren Hoffnungen allzu oft enttäuscht wurden.

Yousry Nasrallah hat einen sehr ruhigen Film gedreht, der ohne dramatische Musik und spektakuläre Kameraeinstellungen auskommt. “Unsere Arbeit wurde sehr stark von den realen Ereignissen beeinflusst, wir reagierten auf das, was geschah”, erzählte Nasrallah über die Dreharbeiten, die über einen Zeitraum von acht Monaten an Originalschauplätzen stattfanden. Dabei gerieten der Regisseur und sein Team einmal selbst zwischen die Fronten. Am Tahrir-Platz wurden sie fast verprügelt.

“Für die gesprochenen Worte gab es ein Drehbuch, das allerdings am Vorabend des jeweiligen Drehtags, manchmal wenige Stunden zuvor, noch geändert wurde”, verrieht Nasrallah in einem Interview. Seinem Film tut das gut. Er überzeugt durch die Geradlinigkeit der Erzählung und die Leistung der Schauspieler. Die Einbeziehung von Originalaufnahmen der Ereignisse im Frühling und Sommer 2011 werten den Film zusätzlich auf und verleihen ihm Authentizität.

„Ägypten wird genauso sein wie früher – nur ohne Mubarak“, sagt Haj Abdallah, der lokale Stellvertreter des Regimes, dem sich Mahmoud aus lauter Verzweiflung zwischenzeitlich als Leibwächter andient, in der zweiten Hälfte des Films. Er will Mahmoud damit beruhigen. Beim Zuschauer bewirkt er eher das Gegenteil.

 

Info: Nach der Revolution (Baad El Mawekaa),(Frankreich, Ägypten 2012), 122 Minuten, mit Menna Shalabi, Bassem Samra, Nahed El Sebai, Salah Abdallah u.a.) Kinostart am 30. Mai www.revolution-derfilm.de

 

Musikalische Begegnung der besonderen Art: “Sacrées Journées de Strasbourg” Festival

Sacrées Journées

Sacrées Journées

Das Straßburger Festival „Sacrées Journées“ verfolgt das Ziel, die großen Weltreligionen zusammenzuführen und über die Musik Raum für Begegnungen und Austausch zu schaffen.

Das Besondere sind dabei die vielfältigen Kombinationen von Künstlerinnen und Künstlern mit ihrer religiösen Musik, die nacheinander im gleichen Konzert an unterschiedlichen Veranstaltungsorten spielen. Die Konzertorte sind allesamt Gotteshäuser der verschiedenen Weltreligionen.

Während der acht Konzerte im Festivalzeitraum 24. bis 26. Mai 2013 treten jeweils drei bis vier Ensembles unterschiedlicher Weltreligionen auf – aus Christentum, Islam, Judentum, Hinduismus, Buddhismus und dem Zoroastrismus. [Read more...]

Deba - Femme de Mayotte

Deba - Femme de Mayotte

Dabei überschreitet das französische Festival in diesem Jahr erstmals die Grenze nach Deutschland: In der Kehler Friedenskirche sind am 26. Mai, um 17 Uhr die indische Sängerin Bombay Jayashree Ramnath mit ihrem Ensemble, ein Frauenchor von der Insel Mayotte im Indischen Ozean, sowie der Chor der rumänisch-orthodoxen Gemeinschaft und der achtstimmige Solistenchor “Hebraïca” aus Straßburg zu entdecken.

Ausführliche Informationen zum Programm und Musikausschnitte der internationalen Ensembles finden sich auf der (französischen) Internetseite www.sacreesjournees.eu. Im Vorverkauf sind in Deutschland für alle Konzerte Tickets über die Reservix-Vorverkaufsstellen sowie unter www.reservix.de erhältlich.

“Schluss mit dem Kleid von der Stange”

 

Wer die Bonner Altstadt kennt weiß, dass sie nicht groß- und auch ziemlich unscheinbar ist. Sie hat trotzdem eine Menge zu bieten

Uniformen

Foto: Andreas Wosnitza

und das nicht nur Kneipentechnisch. Zwischen den endlosen Altbauten findet man einen kleinen Hof, der zum Frauenmuseum führt. Frauenmuseum, was da wohl ausgestellt wird? Das habe ich mich auch gefragt und das Museum darum einfach mal besucht. Was ich gesehen habe war alles andere als eine langweilige Ausstellung und Exponate aus der Steinzeit. Das Frauenmuseum hat nämlich, zugegebener Maßen wider Erwarten, mit Pepp und einer ganzen Menge an Überraschungen überzeugt.

 

1981 wurde das Frauenmuseum von der heutigen Direktorin Marianne Pitzen gegründet und es hat sich zum Ziel gemacht, Künstlerinnen zu fördern und deren Kunst in der Geschichte zu verankern. Aber nicht nur das ist eine wichtige Aufgabe, der das Museum nachkommt, es liegt den Macherinnen auch am Herzen, die Frauengeschichte nicht in der Versenkung verschwinden zu lassen und weibliche Vorbilder an die Oberfläche zu bringen. Eine wichtige Sache, denn wenn wir uns an den Geschichtsunterricht erinnern, an den letzten Besuch im Kunstmuseum oder an die großen zeitgeschichtlichen Vorbilder, fällt wahrscheinlich kaum jemandem eine Frau ein. [Read more...]

Bevor Marianne Pitzen das Frauenmuseum gründete, gab es weltweit keine vergleichbare Institution, heute ist das Museum international anerkannt und ist Sitz des 2012 gegründeten Verbandes International Association of Women’s Museums.

Das alles ist eigentlich schon Grund genug, beim nächsten Bonn-Besuch mal im Frauenmuseum vorbeizuschauen, aber es gibt noch mindestens ein besseres Argument. Einmal im Jahr veranstaltet das Frauenmuseum eine Modemesse, die „femme“.  In diesem Jahr präsentierten insgesamt 60 Designerinnen unter dem Motto „Schluss mit dem Kleid von der Stange – femme 3“ an drei Tagen ihre Kreationen. „Das ist für ein Museum völlig untypisch aber wiederum für Frauen der Gipfel“ sagte Marianne Pitzen über das Modeevent im Museum. Von Kunstkleidern bis alltagstauglicher Mode war wirklich alles dabei. Egal ob Schick, klassisch, sportlich-elegant oder total schrill, es gab für jeden Typ etwas zu entdecken und darauf, so sagte mir die Pressesprecherin des Frauenmuseums Dr. Klaudia Nebelin, legten die Macher der femme bei der Auswahl der Aussteller auch jedes Jahr besonders großen Wert.

Aber nicht nur für Modemacherinnen ist die femme eine tolle Plattform sich zu etablieren und zu präsentieren, denn den Schmuck und die Accessoires zum neuen Kleid, gab’s natürlich auch auf der Modemesse. Jeder Ring, jede Kette und jedes Armband ist ein Handgefertigtes Unikat und trotzdem nicht unbezahlbar für den durchschnitts-Bürger.

Der Höhepunkt der Veranstaltung war sowohl für die Besucher als auch für die ausstellenden Designerinnen mit Sicherheit die Modenschau am Eröffnungstag. Eine bunte, gut gelaunte Show mit Catwalk und einer Front Row voller Presse, wie bei den ganz Großen.

 

Ganz besonders schön waren für mich die bunten Seidenschals von AZEZANA. Nicht nur schön anzusehen, auch die Geschichte dahinter hat mich fasziniert. AZEZANA, was für „Arzoe Zane Afghan“ steht und übersetzt „Die Hoffnung Afghanischer Frauen“ bedeutet, ist ein Unternehmen, das Witwen, Waisen und notleidenden Frauen in Afghanistan dabei hilft, den Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu finden. Die Frauen können bei AZEZANA das traditionsreiche Handwerk der Seidenweberei erlernen, es wird ihnen eine schulische Ausbildung ermöglicht und sie werden medizinisch versorgt. Shaima Breshna gründete das soziale Unternehmen mit der Hoffnung, die afghanische Seidenindustrie wiederzubeleben und den ärmsten der Bevölkerung, den Frauen, eine Existenzgrundlage zu schaffen.

Alle Materialien, von Seide bis hin zu den Webstühlen werden in Afghanistan produziert, was bedeutet, dass das Unternehmen nicht nur den Angestellten Frauen hilft, sondern auch eine Unterstützung für lokale Seidenbauern oder Tischler ist.

 

Mit all ihren künstlerischen-, kreativen- und sozialen Aspekten, war die Modemesse femme 3 insgesamt ein sehr inspirierendes Erlebnis. Wirklich sehenswert, wirklich interessant und wirklich empfehlenswert.

Allah Unser – Eine Zugfahrt zwischen zwei Religionen

Von Dunja Ramadan

Jeder kennt dieses Gefühl: Zufällig einem Dialog zwischen zwei Menschen zu lauschen. Sei es in einer Arztpraxis, in einem Café oder eben in einem Zug. Selten ist dieser Dialog jedoch so intensiv, dass er den heimlichen Zuhörer derart vereinnahmt, selten offenbaren sich ihm dadurch völlig neue Perspektiven. Doch in dem Buch „Allah Unser“, das auf wahren Begebenheiten beruht, ist genau das der Fall.

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Eine Christin und eine Muslimin treffen sich zufällig im Zug, kommen ins Gespräch und lassen auf der Strecke Wien-Bratislava kein Thema aus: Religion, Liebe, das Leben nach dem Tod. Die beiden Studentinnen merken ziemlich schnell, wie ähnlich sie sich trotz vieler offensichtlicher Unterschiede doch sind.

Unverblümt unverständliche Religionsfragen zu stellen ohne Angst zu haben, den anderen durch seine Fragen zu brüskieren – das ist nur wenigen gewährt. Doch einer deutschen Christin und einer serbischen Muslimin gelingt ein ungezwungener Dialog mit der Schlussfolgerung: “Kein Grund zur Aufregung, es gibt nur einen Gott!” Britta Mühl ist 22 Jahre alt, aufgewachsen in Zell an der Mosel und studiert Theologie. Alisa Ljajic ist 27 Jahre alt, lebt in Wien und studiert Kultur- und Sozialanthropologie.

Vom Beichten bis zum Dschihad

Die jungen Frauen nehmen kein Blatt vor den Mund, während sie über das Beichten, den Papst, den Dschihad oder die Rolle der Frau im Islam sprechen. So ist zum Beispiel die Praxis der Beichte der Muslima fremd: „Im Islam würde sich das ein Geistlicher nie anmaßen. Das heißt nicht, dass bei uns Sünden nicht vergeben werden. Urteilen kann aber nur Allah und wir müssen ihn selbst um Vergebung unserer Sünden bitten. Es reicht bei uns nicht, in einer Moschee über unsere Sünden zu sprechen und das war‘s dann.“

Britta versteht ihre Einwände, lange Zeit stand sie der Beichte auch kritisch gegenüber. Doch je intensiver ihre Beziehung zu Gott wurde, desto mehr hat sie ihre eigenen Fehler bemerkt: „Ich war nicht mehr sicher, ob Gott mir wirklich vergab. Also setzte ich mich mit der Beichte auseinander. Gott will, dass wir immer wieder mit uns und unseren Mitmenschen versöhnt sind. Das ist der Kern der Beichte. Deshalb hat Jesus seinen Aposteln, deren Nachfolger die Bischöfe sind, den Auftrag gegeben, Menschen in Gottes Namen von ihren Sünden loszusprechen.“ Das Gefühl nach der Beichte beschreibt Britta als „Geschenk“, das ihr ermöglichte von da an unbelastet weiterzuleben. Ein Zitat, das sie zufällig in einem Buch gelesen hatte, beschreibt ihr Gefühl besonders gut:

Die Sekunde nach der Lossprechung ist wie eine Dusche nach dem Sport. Wie die frische Luft nach einem Sommergewitter. Wie das Aufwachen an einem strahlenden Sommermorgen. Wie die Schwerelosigkeit eines Tauchers. So wie der verlorene Sohn bei seiner Rückkehr vom Vater mit offenen Armen wieder aufgenommen wird, so heißt Versöhnung: Wir sind wieder mit Gott im Reinen.

Auch für die Theologie-Studentin sind einige Dinge im Islam unklar, unter anderem der islamische Dschihad, den sogenannten „heiligen Krieg“ und seinem Terror: „Kann es wirklich der Sinn des Islam und von Allah gewollt sein, Andersgläubige zu bekämpfen?“ Alisa erklärt den Dschihad einerseits historisch andererseits als spirituelle Bemühung auf dem Gottes. Einerseits ist damit die islamische Expansion vom Jahr 635 bis in das 8. Jahrhundert gemeint. Andererseits, und das macht für Alisa die Grundbedeutung des Dschihads aus: „Kriege, egal ob Dschihad oder Kreuzzug, sind für mich mit keiner Religion zu vereinbaren. Das Wort beschreibt die Bemühungen und Anstrengungen eines Gläubigen auf seinem Weg zu Allah. Dieser wahre Dschihad beinhaltet den unermüdlichen Einsatz jedes einzelnen Muslim gegen sein schwaches Selbst, das zum Bösen verleitet, und seine Bemühungen und Anstrengungen, ein ständig guter Mensch zu sein und gute Taten zu vollbringen. Für mich ist der Dschihad auch eine innere Suche nach Allah, der Versuch, ihn mit dem Herzen zu spüren, denn der wahre Glaube beginnt meiner Meinung nach im Herzen. Man glaubt nur mit dem Herzen gut. So steht es auch im Koran über den Dschihad geschrieben.“ An dieser Stelle ist ein Koranzitat eingebracht:

Und setze dich mit aller Kraft dafür ein, dass Allah Gefallen an dir findet, so intensiv, wie es nur geht, und wie es ihm gebührt. Er hat euch erwählt und euch keine Härte in Glaubensangelegenheiten auferlegt. Folgt dem Bekenntnis eures Vaters Ibrahim.“

 Das Buch empfinden die jungen Frauen als ein Friedensbuch, das dazu aufruft einen ungezwungenen Dialog der Religionen zu führen, der die Gemeinsamkeiten – von denen es ja anscheinend genügend gibt – statt die Unterschiede betonen soll: “Bibel und Koran wollen genau dasselbe, nämlich Menschen auf ihrem immer höchst persönlichen Weg zu Gott inspirieren.” Ein schönes Beispiel dafür, wie leicht es doch eigentlich wäre.

Internationale Frauenfilmfestival Dortmund | Köln 2013 – zwei Filmtipps

Fast live berichtet GAZELLE-Autorin Barbara Crombach vom IFFF in Dortmund.

Auch am Wochenende konnten sich die eingefleischten Film-Fans wieder stundenlang auf dem Frauenfilmfestival ganz unterschiedliche Filme anschauen. GAZELLE hat sich zwei Filme angesehen: Pluto von Su-won Shin (Korea 2012) und Anton’s right here von Lyubov Arkus (Russland 2012). [Read more...]

Pluto von Su-won Shin (Korea 2012) gehört zu den acht Filmen, die beim diesjährigen Regiewettbewerb antreten. Su-won Shin, selbst ehemalige Lehrerin, erzählt vom Druck und der harten Auslese des koreanischen Schulsystems. Pluto erzählt die Geschichte von June, der auf ein Internat in Seoul kommt und dort unbedingt in die Eliteklasse der besten zehn SchülerInnen kommen möchte – denn nur der beste dieser Zehn darf auf die Seoul National University. Dafür lernt er pausenlos, versucht sich einen Platz in der Hierarchie zu erkämpfen und merkt jedoch bald, dass in der Eliteklasse selbst ganz eigene Gesetzte gelten. Durch den sehr emotionslos dargestellten Alltag der SchülerInnen erhalten die ZuschauerInnen einen deutlichen, aber auch bewegenden Eindruck des Konkurrenzkampfes, dem die SchülerInnen durch das System ausgesetzt sind. Die SchülerInnen wissen, wenn sie es nicht in die Elite schaffen, haben sie im Leben keine Aufstiegschancen. Dieser Film zeigt eine harte Welt, in der nur zähe junge Menschen überleben können.

Internationale Frauenfilmfastival Dortmund | Köln 2013

Nilay Erdönmez im Gespräch mit Stefanie Görtz nach dem Film

Fast live berichtet GAZELLE-Autorin Barbara Crombach vom IFFF in Dortmund.

Watchtower von Pelin Esmer

Türkei/Frankreich/Deutschland 2012, Spielfilm, 96’ [Read more...]

Zwei Menschen versuchen vor ihrer Vergangenheit davonzulaufen. Nihat möchte vor seinen Erinnerungen entkommen und übernimmt den Posten des Brandwächters auf einem einsamen Wachturm. Seher dagegen läuft vor ihrer Familie und der Zukunft davon und arbeitet bei einem Busunternehmer. Sie lernen sich durch eine Notsituation kennen, doch beide sind nicht in der Lage wirklich aufeinander zuzugehen. Sie sind so in ihrem
jeweiligen Unglück gefangen, dass sie zwar im Wachturm eine Notgemeinschaft bilden, sich jedoch weiterhin vor dem anderen abschotten.