BUCHTIPPS: “Osama bin Laden schläft bei den Fischen” & “Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine”

Osama bin Laden schläft bei den Fischen/ Herder Verlag

Osama bin Laden schläft bei den Fischen/ Herder Verlag

Osama bin Laden schläft bei den Fischen

Milad Karimi bewegt sich sein ganzes Leben zwischen scheinbar unvereinbaren Polen: westliche Populärkultur und islamische Geistesgeschichte, die Übersetzung des Koran und gleichzeitig eine Doktorarbeit über Hegel, eine besondere Vorliebe für Mafia-Filme und die persische Mystik, eine Kindheit in der afghanischen Oberschicht und das Leben als illegaler Flüchtling in einem Moskauer Plattenbau, die Ankunft in einem Asylantenheim in der deutschen Provinz und die Berufung als Professor an eine der angesehensten Universitäten dieses Landes. Für Milad Karimi gehört das alles zusammen. Er zeigt in seinem autobiografischen Buch, wie aus den kulturellen und konfessionellen Grenzüberschreitungen ganz Neues entsteht, wie Vielfalt bereichert und »Heimat« nicht an nur einen Ort gebunden sein muss. Ein furioses literarisches Roadmovie, klug, witzig, authentisch, zum Denken anregend. [Read more...]

Ahmad Milad Karimi
Osama bin Laden schläft bei den Fischen
Warum ich gerne Muslim bin und wieso Marlon Brando viel damit zu tun hat
Herder Verlag, 192 Seiten
€ 17,99

 

 

Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine/Kunstmann Verlag

Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine/ Kunstmann Verlag

Lieber Picass, wo bleiben meine Harlekine

»Können Sie nachweisen, dass Ihre Großeltern Franzosen waren?« Diese irritierende Frage auf einem französischen Passamt konfrontiert die in den USA geborene Anne Sinclair unerwartet mit ihrer Familiengeschichte. Anlass genug, den Spuren ihres berühmten Großvaters nachzugehen: des jüdischen Galeristen Paul Rosenberg, der zu den bedeutendsten Kunsthändlern des 20. Jahrhunderts zählt. 1910 gründet Paul Rosenberg seine Galerie in der Rue La Boétie, die bald mit Einzelausstellungen von Picasso, Braque, Léger, Matisse u.v.a. Aufsehen erregt. Zu den Künstlern unterhält der leidenschaftliche Kenner, der »seine Bilder liebt wie lebendige Wesen«, enge persönliche Beziehungen: Pablo Picasso wohnt im Haus nebenan und malt mehrere Porträts der Familie Rosenberg. Paul vertritt ihn bis 1940 exklusiv, ebenso wie Matisse und Braque, dessen Gemälde er vor den Nazis zu retten versucht. Der Einmarsch der Deutschen zwingt Paul Rosenberg zur Flucht in die USA; sein Haus wird geplündert, die Galerie zu einem Zentrum antisemitischer Hetzpropaganda umfunktioniert. Nach der Rückkehr 1945 wird der Wegbereiter der modernen Malerei jahrelang um die Rückgabe von über 400 gestohlenen Gemälden kämpfen müssen. Anne Sinclair hat das Familienarchiv geöffnet und zeichnet aus akribischer Recherche und eigenen Erinnerungen das erste authentische, berührende Porträt des bedeutenden Kunsthändlers und leidenschaftlichen Förderers der Moderne.

Anne Sinclair
Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine?
Mein Großvater, der Kunsthändler Paul Rosenberg
Kunstmann Verlag, 208 Seiten
€ 19,95

 

 

 

BUCHTIPPS: “Orientalismus in der Popmusik” & “Als Fatima ihr Recht forderte”

Orientalismus in der Popmusik

Orientalismus in der Popmusik

Orientalismus in der Popmusik/ Tectum Verlag

Lebt in der Popmusik der Orientalismus? Ja! Das zeigt zum ersten Mal in der Orientalismusforschung diese Publikation. Denn gut 35 Jahre nach Erscheinen des Schlüsselwerkes „Orientalism“ von Edward Said hat die Debatte um Orient und Okzident nichts von ihrer gesellschaftlich-politischen Bedeutung eingebüßt. Der bislang vernachlässigte Blick auf orientalistische Phänomene in der Popmusik bringt erstaunliche Erkenntnisse hervor: Madonna hat mithilfe von Orientalismen Image-Veränderungen eingeleitet, 50 Cent reichert Musikvideos mit sexuellen Haremsfantasien an und Eminem löst gezielt Angstkitzel mit Anspielungen auf islamistisch-terroristische Bedrohungen aus. Der Song Beautiful Liar von Beyoncé und Shakira, den der Autor Markus Henrik Wyrwich untersucht hat, zeigt auf welche Funktion Orientalismus innerhalb der Musikindustrie einnehmen kann und welche soziokulturelle Brisanz von ihm ausgeht.

Markus Henrik Wyrwich
Orientalismus in der Popmusik
Tectum Verlag, 398 Seiten
€ 24,95

 

 

 

Als Fatima ihr Recht forderte / Holzhausen Verlag

Als Fatima ihr Recht forderte / Holzhausen Verlag

Als Fatima ihr Recht forderte

Was wissen wir hierzulade über die Rechte der muslimischen Frau? Nicht allzu viel. Die wissenschaftliche Publikation “Als Fatima ihr Recht forderte”  beschäftigt sich mit der Frage, ob Konstrukten schiitischer Frauenbilder nach der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte noch relevant sind. Die Autorin erforscht, ob die mit den Frauenbildern verbundene Symbolik einen Spielraum für moderne Interpretationen zulässt und wie Biografien historischer Frauengestalten im Geschichtsbild der Zwölfer-Schia über die volkstümliche Verehrung hinaus mit der modernen Frau verbunden werden können. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt bei diesen Forderungen das Frauenbild im Islam, das von der Religion geprägt ist. Für Gender-relevante Entwicklungen in schiitischmuslimischen Gesellschaften ist von Interesse, in welcher Weise die Darstellung von Frauengestalten auf die soziale Position der Frau Einfluss nimmt: Kann die religiöse Symbolik zu einer Aufwertung der Frau in diesen Gesellschaften beitragen oder fördert sie ein einschränkendes Rollenbild der Frau? Diesen Fragestellungen wird anhand von Literatur, Interviews und ExpertInnenengesprächen sowie Beispielen visueller Symbolik nachgegangen.

Liselotte Abid
Als Fatima ihr Recht forderte
Holzhausen Verlag, 322 Seiten
€ 42,00

IM KINO: “45 Minuten bis Ramallah”

Bild: Zorro

Von Dunja Ramadan

Hingerissen zwischen Amüsement und der Unsicherheit, ob mensch amüsiert sein darf – diese Emotionen machen die schwarze Komödie des deutsch-iranischen Regisseurs Ali Samadi Ahadi „45 Minuten bis Ramallah“ aus.

Der Geschichte des Films beginnt in Deutschland und spielt weiter im Nahen Osten. Protagonist ist der Palästinenser Rafik, der in Hamburg lieber Teller abspült, als sich in Ostjerusalem von seinem dominanten Vater tyrannisieren zu lassen. Der Palästinenser mit israelischem Pass muss auf Wunsch seiner Mutter jedoch auf die Hochzeit seines Bruders nach Ostjerusalem – und es kommt wie es kommen muss zum Familienstreit. Allerdings regt sich der Vater dermaßen auf, dass ihn der Schlag trifft und er stirbt. Sein letzter Wunsch: ein Grab in Ramallah, jenseits der Grenze. Zähneknirschend packen die zerstrittenen Brüder die Leiche in den Kofferraum – und die eigentlich kurze Strecke nach Ramallah wird von israelischen Grenzsoldaten, russischen Autoschiebern, palästinensischen Terroristen und einer durchtriebenen Frau – nun ja – verkompliziert. [Read more...]

 

Gehörige Portion Satire

Der Film zeigt die schonungslosen Seiten der Besatzung und deren Wirkung, doch nicht auf eine anklagende oder dramatische Art und Weise, sondern vielmehr mit einer gehörigen Portion Satire und schwarzem Humor. Der Nahostkonflikt begleitet die zwei Brüder während ihrer gesamten Reise, er ist eine Art Kulisse, der die Handlung ständig beeinflusst, allerdings soll die Geschichte mit Humor genommen werden.

 

Das Lachen fällt teilweise schwer

Gelegentlich fällt das Lachen schwer, wenn zum Beispiel ein älterer palästinensischer Mann ohne Grund die Grenze nicht passieren darf, obwohl er einen Arzttermin hat. Zwar gelingt dem Film der humoristische Charakter und die Lacher sind bei der einen oder anderen Szene mit Sicherheit garantiert, allerdings fällt es bei einigen Szenen schwer die dortigen Missstände, die zum traurigen Alltag der Menschen gehören, einfach mit einem Lachen zu übergehen.

 

45 Minuten bis Ramallah jetzt im Kino.

Deutschland, Regie: Ali Samadi Sahadi. Mit Karim Saleh, Navid Akhavan, Julie Engelbrecht.

90 Minuten. Ab 12 Jahren.

 

Trailer zu 45Minunten bis Ramallah

Abschied vom arabischen Klischee. Wo Powerfrauen auf der Gewinnerseite stehen

Karim El-Gawhary (c)Manfred Weis

Karim El-Gawhary (c)Manfred Weis

 

IM INTERVIEW – Karim El-Gawhary

Wie ergeht es den Frauen im arabischen Raum nach dem sogenannten arabischen Frühling? Der Journalist und ORF-Auslandskorrespondent Karim El-Gawhary hat sein neues Buch den Frauen aus der arabischen Welt gewidmet. Er hat ihren zugehört und ihre Erlebnisse, Gedanken und Hoffnungen in “Frauenpower auf Arabisch” aufgeschrieben. Gazelle-Autorin Dunja Ramadan hat sich mit ihm über die Pionierinnen, Aktivistinnen und Verliererinnen in seinem Buch unterhalten.

 

Warum haben Sie dieses Buch – anders als die beiden vorherigen – allein den arabischen Frauen gewidmet, gab es einen bestimmten Anlass?
Karim El-Gawhary: Es besteht einfach eine gewisse Schieflage, wenn es um das Image der arabischen Frau geht. Dieses Image einer machtlosen, grauen Maus, die unterdrückt wird. Das widerspricht sich sehr mit den Frauen, die ich im Laufe meiner 20 Jahre als Korrespondent getroffen habe, das waren nämlich vor allem unheimlich starke Frauen. Eine lybische Frauenrechtlerin hat mal einen schönen Satz gesagt: „Karim, es kommt ja nicht darauf an, was wir auf dem Kopf haben, sondern was wir im Kopf haben!” Und das ist eigentlich so das Motto des Buches. Meistens wird eben nur ÜBER arabische Frauen geredet, aber nicht MIT ihnen und meistens wird dabei auf den Diskurs der Rückständigkeit der Religion eingegangen. Das Buch soll dazu beitragen, diese Schieflage etwas auszugleichen. Die Frauen sprechen im Buch über sich selbst und ihr Leben spricht eben auch für sich. Man macht sie nicht zum Objekt, sondern zum Subjekt. [Read more...]

 

Bemängeln sie damit die einseitige mediale Berichterstattung in Deutschland bzw. denken Sie, dass ein thematisch ausgewogener Nachholbedarf besteht?
Nicht nur die Medien, sondern auch das allgemeine Image muss überdacht werden. Sicherlich wird dieses Image auch durch die Medien mitbeeinflusst. Wenn zum Beispiel ein Bericht über Ägypten und die Muslimbrüder kommt, dann muss an irgendeiner Stelle eine tiefverschleierte Frau vorkommen. Oder auch in Zeitungen, was da teilweise an Bildern ausgesucht wird…Man arbeitet gerne mit Stereotypen, weil es einfacher ist sie zu bedienen. Alles andere ist einfach komplizierter und bedarf mehr Ausführungen als ein kurzer Fernsehbericht oder ein kurzer Zeitungsartikel.

 

Sie haben mit den unterschiedlichsten Frauen gesprochen – von LKW-Fahrerinnen bis zu Freiheitskämpferinnen. Jede der 25 Frauen hat ihre eigene Geschichte. War es schwer an diese Frauen und vor allem an ihre Geschichten zu kommen?
Nein, das war überhaupt nicht schwer. Auch da ist wieder dieses Image, dass arabische Frauen schwer zugänglich sind und mit keinem Mann sprechen wollen. Aber das war bei keiner einzigen der Fall oder gar ein Problem. Man besorgt sich irgendwie die Handynummer, wie zum Beispiel von der LKW-Fahrerin und dann sagt sie okay, komm fahr einen halben Tag mit und dann erzählt sie mir von ihrem Leben. Natürlich gibt es auch Fragen, die zu direkt sind, dann schlucken sie halt schon ein bisschen. Aber das sind alles Interviews, bei denen man nicht mal eine halbe Stunde mit jemandem zusammensitzt, da verbringt man schon mal einen ganzen Tag zusammen und dann kommt ziemlich viel dabei raus.

 

Ihr Buch beginnt mit positiven Erfolgsgeschichten von Frauen und endet mit tragischen Gestalten, die sich und andere Menschen in den Tod reißen und von Hass erfüllt sind. Waren Sie vollkommen frei in der Auswahl ihrer Geschichten oder gab es hier Tabus?
Nein, ich war vollkommen frei in der Auswahl. Ich wollte nichts Schönreden. Das sind alles starke Frauen, aber da sind eben auch starke Frauen mit dabei, die sehr schlimme Geschichten erlebt haben – auch was Männer angeht oder Krisen und Kriege. Und es geht ja auch nicht darum zu sagen, alle arabischen Frauen sind stark und alles ist toll. Sondern ein Teil dieses Buches nennt sich die „bitteren Verliererinnen“ und das sind eigentlich, finde ich, sehr traurige Geschichten. Gerade das zeigt mir auch, dass diese Frauen in fast allen Fällen einen Kampf bergauf kämpfen. Sei es ob sie den Kampf in einer traditionellen Gesellschaft ausfechten oder weil sie im Krieg leben oder weil sie ökonomisch ums Überleben kämpfen müssen. Der größte Feind der arabischen Frauen ist nicht der Konservatismus, sondern die wirtschaftliche und soziale Lage. Das vergisst man ja immer. In jedem Fall kämpfen arabische Frauen unter äußerst widrigen Umständen – unter viel viel widrigeren Umständen als Frauen hier für ihre Rechte kämpfen müssen – das heißt für mich, dass sie allen arabischen Männern das Wasser reichen können. Alle 25 Frauen, die da vorkommen, können nicht nur den arabischen Mann das Wasser reichen, sondern auch jeder europäischen Frau. Das war für mich wichtig als Message. Das sind richtige Kämpferinnen, die sich eigentlich noch viel mehr beweisen müssen als die Frauen hier.

 

Das Thema Selbstmordattentäter ist ja hierzulande ein sehr kontroverses. Was war ihr Ziel mit der Geschichte der jungen Palästinenserin? Warum haben sie sich diese Familie ausgesucht?
Ich glaube, dass hier ein großer Fehler begangen wird. Aber nicht nur die Medien begehen ihn. Dinge werden einfach verurteilt – auch wenn sie natürlich verurteilungswürdig sind – aber man fragt nicht die Frage nach dem „warum?“. So als ob ein Mensch als Terrorist geboren wäre. Und wenn man sich die Frage nicht stellt, warum dieser Mensch so etwas tut, nicht nach den Beweggründen sucht, dann kann man auch nichts verändern. Meistens sind diese Geschichten ja politisch motiviert und wenn ich den Grund nicht verstehe, die Diagnose des Ganzen nicht stellen kann, dann kann ich auch nichts heilen. Im Journalismus wird viel zu selten die Frage nach dem „warum?“ gestellt. Im Buch habe ich versucht herauszufinden, warum ein 19-jähriges Mädchen in Palästina sich und andere in den Tod reißt. Warum hat dieses Mädchen das gemacht? Das ist eine durchaus legitime Frage. Das heißt ja nicht, dass man das rechtfertigt. Aber man muss sich mit den Beweggründen eines solchen Menschen auch mal auseinandersetzen.


Gab es eine Geschichte, in der sie auch an ihre Grenzen kamen?

Ja, gerade die Geschichten im Mittelteil. Die Geschichten über die Pionierinnen waren der Teil, der total Spaß gemacht hat. Der Teil mit den Aktivistinnen war sehr beeindruckend und der Teil mit den Verliererinnen war echt hart. Ich habe bei vielen Geschichten geschluckt. Zum Beispiel die Geschichte der beiden Mütter von Port Said, das ist fast eine biblische Geschichte mit Rache und Vergebung. Ich weiß selbst nicht, wie ich bei so einer Geschichte reagiert hätte. Das habe ich mit der Geschichte eben auch gewollt: Einerseits ist es eine brutale Geschichte, andererseits kann man sich auch in die Mütter hinein versetzen. Ich kann sie verstehen. Oder die Geschichte über den Gazakrieg mit Ghada und dem Phosphor. Bei Lesungen werde ich oft gefragt, ob ich sie noch einmal erzählen kann. Und das kann ich nicht. Ich habe sie einmal aufgeschrieben und das war’s. Das sind Geschichten, die einen umhauen. Ich habe erst jetzt gerade ein Posting auf Facebook gemacht. Eine syrische Mutter war am 11. Oktober diesen Jahres auf einem Boot mit 160 anderen von Ägypten auf dem Weg nach Europa und das Boot ist gesunken. Sie hatte als einzige die Schwimmweste an und die vier Kinder im Alter zwischen drei und acht Jahre klammerten sich an sie, doch die Schwimmweste kann nicht alle über Wasser halten. Die Mutter kann sich nicht entscheiden, wenn sie als erste loslässt. Und dann entscheidet die Kraft der Kinder: eins nach dem anderen lässt vor den Augen der Mutter los und versinkt. Fünf Stunden später werden sie und ihre älteste Tochter von der ägyptischen Küstenwache aus dem Wasser gezogen. Die anderen drei sind gestorben. Das sind so Geschichten, das ist so gar für mich zu viel. Wenigstens kann ich das dann aufschreiben, das hat etwas Therapeutisches.

 

Das Thema Syrien macht ihnen derzeit am meisten zu schaffen?
Ja, und dann denke ich mir: Ein Land wie Deutschland nimmt nur 5000 Flüchtlinge auf! Da ist irgendetwas so falsch. Wenn man von deren Seite die Geschichten sieht und die Leute interviewt…Furchtbare Geschichten und dann kommt aber auf der anderen Seite fast nichts an.

 

Werden Sie da wütend?
Ja auch. Wütend schon. Diese Geschichten gehen einem so nah. Es gibt ja Lösungen dafür. Es ist ja nicht gottgeben, dass diese Frau im Mittelmeer versinkt. Es macht mich schon wütend, klar.

 

Vieles was sie schreiben ist ja auch eine Art internationale Anklage. Möchten Sie als Journalist den Fokus auf bestimmte internationale Missstände lenken?
Ich möchte kein Oberlehrer sein. Ich schreibe diese Geschichten und die Geschichten sprechen für sich. Jeder soll seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen. Ich bin nicht derjenige, der die Schlussfolgerungen präsentiert. Wenn dieses Buch einen ganz kleinen Beitrag dazu leistet, diese Schieflage zu korrigieren, dann habe ich etwas erreicht, denke ich mir.

 

Denken Sie, dass die Rolle der arabischen Frauen sich nach dem arabischen Frühling verschlechtert hat?
Das kann man so pauschal nicht sagen. Ja, wenn man auf die politische Ebene schaut: Wie viele sind Ministerinnen, wie viele sind im Parlament? Wenn man ihre Rolle in den Aufständen betrachtet, dann haben sie da ja eine tragende Rolle gespielt und wurden dann letztlich wieder an die Seite gedrängt. Aber wenn man auf die gesellschaftliche Ebene schaut, dann sind die Frauen auf der Gewinnerseite. Unheimlich viele Tabus sind gebrochen worden. Allein wie die Frauen in Ägypten gegen sexuelle Belästigung vorgehen, früher wurde verschämt darüber geschwiegen, dabei existierst diese Epidemie seit vielen, vielen Jahren. Und jetzt gehen sie ganz offensiv damit um und reden in Talkshows im Detail was ihnen passiert ist. Eine Geschichte in dem Buch handelt von der ersten Anzeige gegen sexuelle Belästigung in Ägypten. Toll, wie sich eine 23-jährige auf der Polizeistation durchgesetzt hat. Auch wie die Frauen in den Familien jetzt politisch mitreden. Man muss also auf beide Ebenen schauen, nicht nur auf die obere.

 


Was beschäftigt sie derzeit als Journalist im Nahen Osten am meisten?

Die Frage der syrischen Flüchtlinge. Vor zwei Wochen war ich an der ägyptischen Mittelmeerküste und bin in eine Polizeistation gekommen, auf der ungefähr 100 syrische Flüchtlinge waren, unter ihnen vor allem Kinder. Die waren alle auf einem Schiff, das von der ägyptischen Küstenwache aufgehalten und beschossen wurde. Es gab aus Italien und Deutschland Anfragen, dass man den Flüchtlingsstrom unterbinden sollte, und die ägyptische Küstenwache macht dann eben die Drecksarbeit für Europa. Bei der Aktion wurden zwei Flüchtlinge erschossen. Ich habe dann auf der Polizeistation einen 13-jährigen Jungen getroffen, Ibrahim, das war der Junge dessen Mutter neben ihm erschossen wurde. Das sind so Momente…Ich meine, ich arbeite seit 22 Jahren als Journalist. Aber das sind so Momente, wo du nicht weißt, was du mit dem Jungen reden sollst. Und dann habe ich ihn gefragt, was hättest du gemacht, wenn du mit deiner Mutter nach Europa gekommen wärst? Und dann hat er gesagt, na dann wäre ich endlich wieder in die Schule gegangen. Und dann habe ich ihn gefragt, was willst du denn mal werden. Und dann hat er gesagt, ich will Arzt werden, damit ich Menschen helfen kann. Das sind so Momente, da fällt dir nichts mehr ein. Vor allem, wenn du dann wieder auf die Seite hier guckst…

 

Vielen Dank für das Gespräch, Karim al-Gawhary!

 

Cover_Frauenpower_Karim El GawharyKarim El-Gawhary
Frauenpower auf Arabisch: Jenseits von Klischee und Kopftuchdebatte
Verlag: Kremayr & Scheriau, 192 Seiten
€ 22,00

 

 

 

 

 

Joy Frempong – “Das Leben ist wie ein Marktplatz”

Die Schweizer Musikerin Joy Frempong nimmt uns mit ihrem neuen Projekt OY mit auf eine Reise durch Afrika. Erst vor Kurzem zog sie nach Berlin und dort entstand auch ihr aktuelles Album KOKOKYINAKA, das sie gemeinsam mit dem Produzenten und Schlagzeuger Lleluja Ha aufgenommen hat. Als klassisch ausgebildete Künstlerin  – sie besuchte in der Schweiz die Jazzschule – experimentierte sie schon früh mit elektronischer Musik und den Möglichkeiten des Sampling von Stimmen. Vornehmlich ihrer eigenen Stimme.

Auf KOKOKYINAKA verarbeitet Joy Erlebnisse und Begegnungen einer mehrwöchigen Reise durch verschiedene afrikanische Länder: Mali, Burkina Faso, Südafrika, Swaziland und Ghana. In Ghana, der Heimat ihres Vaters und dem derzeitigen Wohnort ihrer Eltern, entstand auch das Video zu der Single “Marketplace”, einer Hymne an das Leben und die Lebensphilosophie, der man in afrikanischen Kulturen so oft begegnet. “Life is like a marketplace, you come, you buy, you leave.” Diese und andere gesammelte Anekdoten und Weisheiten, Unterhaltungsfetzen, ebenso wie Sprichwörter und traditionelle Geschichten, finden sich in den Songs wieder. So entstand ein aufregendes musikalisches Kaleidoskop, ein ungewöhnliches Album einer Musikerin, die mithilfe analoger Klänge und interessanten Geschichten ihre elektrolastigen Songs zu etwas Besonderem macht.

Gazelle Autorin Alia Mohammed traf  Joy Frempong an einem sonnigen Vormittag im Café des Haus der Kulturen der Welt in Berlin.

OY Kokoyinaka

Foto: OY in Accra, Ghana. 2013. (c) Nana Kofi Acquah

Hallo Joy! Als allererstes: Wie bist Du auf das Thema und vor allem auf den Titel für dein neues Album gekommen?

JOY: Es hilft mir eigentlich immer, mir vorab ein Thema zu überlegen, mit dem ich mich musikalisch beschäftigen möchte. Das habe ich auch schon bei meinem ersten Album so gemacht. Das hilft mir auch, mich nicht in der Wahl der Instrumente und Samples zu verlieren, wenn ich ein grobes Thema habe. Nach dem ersten Album, als es dann erschienen war und ich es auch live gespielt hatte, habe ich angefangen darüber nachzudenken, was nun als Nächstes kommt. Ich weiss nicht mehr genau, wann es war, aber ich war schon ziemlich lange an dieser Idee dran, ein Album zum Thema Afrika zu machen. Der Kokokyinaka ist ein blauer Vogel, der im Wald lebt. Das Ashanti-Volk aus Ghana sieht in ihm ein mystisches Wesen, das den Männern des Stammes das Trommeln beibrachte. [Read more...]

 

In Afrika gibt einen grossen Reichtum an Menschlichkeit und Wohlbefinden, was mit Armut oder Reichtum nichts zu tun hat.”

 

KOKOYINAKA ist ja ganz klar als Konzeptalbum zu erkennen. Wie kam es dazu? Ich habe zum Beispiel im Vorfeld zu unserem Gespräch erfahren, dass du schon mehrmals durch verschiedene afrikanische Länder gereist bist und dort zum Teil auch auf Tour warst.

Entstanden ist es tatsächlich durch die Tatsache, dass man als Jemand wie ich, mit meinem Background in der Schweiz, immer wieder mit diesem Anderssein, anders Aussehen, konfrontiert wird. Es kommen immer wieder Fragen, “Wie ist es da?” und es wird in Bezug auf Afrika auch alles in einen Topf geworfen. Man meint ein afrikanisches Land und spricht dann doch nur vom ganzen Kontinent. Das hat bei mir eine Neugierde geweckt: Wie sind all die anderen Länder dort? Was gibt es für Besonderheiten? Dazu kommt, dass in den Medien allgemein immer eher ein negatives Bild von Afrika gezeichnet wird. Dadurch sehen die meisten Afrika nur als Kontinent mit Hunger, AIDS, Kriegen, Diktatoren und so weiter. Aber immer, wenn ich dort bin (Anm. d. Red.: in Ghana, Heimatland ihres Vaters), fühle ich mich gut. Das ging mir auch immer so bei den kurzen, drei- bis vierwöchigen Besuchen, die wir über die Jahre immer wieder gemacht haben. Es gibt dort einen sehr grossen Reichtum an Menschlichkeit und Wohlbefinden, was mit Armut oder Reichtum nichts zu tun hat. Natürlich gibt es auch Elend, aber das ist nicht das Erste, dem man begegnet, wenn man dort hinkommt.

Für mich ging es deshalb auch darum, mehr über Afrika zu erfahren, über die Geschichte und wie es dazu kam, dass die Länder seit der Unabhängigkeit die Entwicklungen machten, die wir heute kennen.

 

Du bist Schweizerin, hast eine schweizer Mutter und einen ghanaischen Vater und bist in Ghana geboren. Inwiefern hat dich das, auch musikalisch und konkret im Entstehungsprozess deines neuen Albums, beeinflusst?

Ja, die ersten sieben Jahre haben wir in Ghana, genauer gesagt in Accra, verbracht. Nachdem wir aus Ghana in die Schweiz gezogen waren, reisten wir etwa alle drei Jahre für ein paar Wochen hin. Musikalisch habe ich damals meine afrikanische Seite eher verdrängt. Als ich jünger war, hat mich dunkle Musik mehr angesprochen und ich habe auch viel Experimentelles gehört, Improvisation und richtig schräge Musik und das hatte eigentlich so gar nichts zu tun mit afrikanischer Musik. Trotzdem hat die Musik, die ich in Ghana hörte, heimatliche Gefühle ausgelöst. Auch wenn ich mich nicht mehr an bestimmte Lieder erinnere, ist in meiner Erinnerung eine bestimmte Melodie und Rhythmik, ein bestimmter Stil, geblieben. Sehr melodiös und leicht – und natürlich auch sehr rhythmuslastig.

Aber ich habe das lange Zeit verdrängt. Vielleicht kam das auch von der Jazzschule, die ich besuchte, da dort eher eine elitäre, europalastige Herangehensweise herrschte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich nicht diesen Stempel aufgedrückt bekommen wollte, weil man eh schon immer so auffällt und die Leute sowieso schon immer sehen, dass man anders ist. Ich fand es früher auch doof, wenn man sagte: “Joy Frempong aus Ghana”, speziell in der Musikszene, da es oft als Exotenbonus genutzt wurde. Nach dem Motto, ah, die ist von dort, die kann ja eh gut singen. Das fand ich doof, denn, hey, ich bin in der Schweiz aufgewachsen und wenn ich in Ghana bin, bin ich auch fremd und die Menschen dort sehen mich als Weiße.

Natürlich war es dann auch ein grosser Schritt für mich, doch dieses Album zu machen und zu sagen, okay, es gibt diese Seite und eigentlich bin ich stolz darauf, es ist ein Teil von mir. Ich habe mich jahrelang als Schweizerin ‘ausgegeben’ und jetzt kann ich eben auch mal diejenige aus Ghana sein.

Wenn das Publikum bei meinen aktuellen Konzerten merkt, dass ich eine Geschichte mit ganz klarem roten Faden erzähle, werden sie fast wieder zu Kindern und hören ganz gespannt zu.”

 

Das finde ich sehr interessant. Gab es denn für diese Entscheidung einen konkreten Auslöser?

Es war eher so, dass ich dem nicht mehr ausweichen wollte. Was schon lange da war, war mein Interesse an afrikanischen Geschichten. Schon während meiner Jazzausbildung habe ich bei einem Projekt eine afrikanische Geschichte vertont und in einen Song umgewandelt – die Schnarchgeschichte, die auch auf dem Album ist (Anm. d. Red.: “No I Don’t Snore”). Bei meinen aktuellen Konzerten habe ich gemerkt, dass eine ganz andere Aufmerksamkeit beim Publikum herrscht. Wenn sie merken, dass es nicht nur Musik mit irgendwelchen Texten ist, sondern eine Geschichte mit klarem roten Faden. Dann werden sie fast wieder zu Kindern und hören ganz gespannt zu. Wobei die Geschichten, die ich ausgewählt habe, ja auch oft für Erwachsene gedacht sind oder bei Streitfällen genutzt werden, um zu schlichten. Daher kommt zum Beispiel der Begriff Palaver. Bei Streitfällen werden solche Geschichten als Beispiele erzählt und es wird dann diskutiert, bis sich alle einig sind und eine Lösung gefunden ist. Außer solchen Geschichten habe ich auch Sprichwörter als Ausgangspunkt für meine Songs ausgesucht, weil es davon auch viele interessante Beispiele gibt.

 

Wie kam es zu der Idee, die Atmosphäre einer Reise durch Afrika, die sich in Form von Verkehrsgeräuschen, Stimmengewirr und anderen lebendigen Alltagssounds auf dem Album wiederfindet, mithilfe von “field recordings” zu kreieren?

Während meiner Reisen durch Mali, Burkina Faso, Swasiland und Südafrika hatte ich immer ein Aufnahmegerät dabei. Die Idee war, Material zu sammeln, das ich dann auf meinem Album in Klänge umwandeln konnte. Zum Teil war es schwierig, Geräusche zu finden, die sich als Bass oder als Flöte eigneten oder manchmal hatte ich einfach Hemmungen, in bestimmten Situationen meinen Recorder zu zücken und etwas aufzunehmen, weil es nicht angebracht schien. Dennoch hatte ich am Ende der Reise genügend Material gesammelt. In Südafrika, der letzten Station dieser Reise, habe ich dann begonnen, diese Sounds auszuwerten, zu schneiden und einzelne, die ich als Klangmittel besonders interessant fand, in meine Songs einzubauen. Es war unglaublich spannend zu merken, was sich daraus entwickelte. Und natürlich war ich auch erleichtert, dass sich die ganze Arbeit gelohnt hatte.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Album OY – KOKOKYINAKA ist auf dem Label Creaked Records erschienen.

OY auf Facebook

Das Video von OY: Marketplace

Caroline Link: “Ich bestehe nicht darauf, Recht zu haben.”

Sie ist eine der renommiertesten Regisseurinnen Deutschlands, Oscar-Preisträgerin und stolze Mutter. Am 24. Oktober läuft Caroline Links neuer Film “Exit Marrakech” in den Kinos an. Gazelle Autor Kai Döring sprach mit ihr über die Dreharbeiten in Marokko, Familien-Beziehungen

Caroline Link

Caroline Link (c) 2013 STUDIOCANAL GmbH/Mathias Bothor

und den Umgang mit Kritikern.

Frau Link, Ihr Film „Exit Marrakech“ hat bei den Filmfestspielen in München seine Uraufführung gehabt. Danach wurde er beim Internationalen Filmfestival in Toronto gezeigt. Wie hat das Publikum jeweils reagiert?

Caroline Link: Die Kanadier sind allgemein sehr höflich und die Menschen in Toronto extrem filmaffin. Nachdem „Exit Marrakech“ gezeigt worden war, kamen ganz normale Menschen, also keine Journalisten oder Filmkritiker, auf mich zu, um mit mir über meinen neuen und auch über meine früheren Filme zu sprechen. Sehr viele von ihnen kennen „Jenseits der Stille“ und „Nirgendwo in Afrika“ und erinnern sich sogar an Details. Das hat mich sehr beeindruckt. Überhaupt unternehmen die kanadischen Zuschauer einiges an Anstrengungen für einen Platz im Kino bei diesem Festival. Sie stehen stundenlang in der Schlange und bezahlen um die 40 Kanadische Dollar für eine Eintrittskarte. Dieses Mal kam es mir so vor als wären die Meinungen der Zuschauer in Kanada differenzierter formuliert als die der Zuschauer in München. Sie können sehr genau benennen, was ihnen gefallen hat und was nicht. In Deutschland befindet man sich als Filmemacher schnell in einer vorgefertigten Schublade. Zwischen ‘toll’ und ‘Mist’ gibt es wenige Nuancen. [Read more...]

 

Wie ist der Umgang der Kritiker in Deutschland?

Ich kann mich nicht beklagen, auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, nicht wirklich genau ‘gesehen’ zu werden. Das betrifft Lob genauso wie Kritik. Es fällt mir zum Beispiel auf, dass man in Deutschland oft auf Kosten anderer gelobt wird. ‘Jenseits der Stille’ wurde dann positiv verglichen mit den ‘hirnlosen’ Komödien der 90er Jahre. Solche Vergleiche finde ich unnötig. Es gibt nur wenige Kritiker, die einen Film für das beurteilen, was er versucht zu sein. Oft sind Kritiken ziemlich persönlich und zuweilen sehr verletzend.

 

Lassen Sie sich von Kritiken beeinflussen?

Das kommt ganz darauf an, wie sie formuliert sind. Wenn jemand sagt: „Ich mag die Art der Filme wie Du sie drehst nicht.“, kann ich nicht viel damit anfangen. Wenn dagegen jemand inhaltliche Probleme äußert oder Figuren nicht überzeugend findet, nehme ich mir das schon zu Herzen. Ich höre mir immer mehrere Kritiken an und ziehe daraus meine Schlüsse. Ich bestehe nicht darauf, Recht zu haben. Wichtig ist mir nur, dass Kritik kompetent ist und nicht vernichtend.

 

Kritisieren Sie sich doch mal selbst. Wie gefällt Ihnen Ihr neuer Film „Exit Marrakech“?

(lacht) Die Struktur des Films ist sicher gewagt. Ich bin oft gefragt worden, warum ich mit der Prostituierten Karima eine Hauptfigur erst einführe, sie dann einfach aus der Handlung fallen lasse und dann geht die Handlung auch noch an einer ganz anderen Stelle weiter. All das habe ich bewusst und sehenden Auges so gemacht. Für mich ist dieser Film eine Reise, die ins Ungewisse führt. Deshalb mäandert die Handlung hin und her. Ob dieses Konzept aufgeht, muss der Zuschauer entscheiden. Ich jedenfalls sehe meinen Hauptdarstellern sehr gerne beim Spielen zu. Ulrich Tukur als Heinrich spielt in „Exit Marrakech“ sehr reduziert und verkörpert die ambivalente Figur des Vaters ausgesprochen gut. Und Samuel Schneider als sein Sohn Ben ist eine echte Entdeckung. Verzaubernd in ihrer Vielschichtigkeit ist Hafsia Herzi, die die Prostituierte Karima verkörpert.

 

Warum haben Sie sich ausgerechnet eine Vater-Sohn-Geschichte ausgesucht? Wäre eine Mutter-Tochter-Beziehung nicht näher liegend gewesen?

Wieso sollte sie das? Als Autorin und Regisseurin kann ich mich genauso in einen Mann hineinversetzen, ohne selbst einer zu sein. Ansonsten dürfte ich ja immer nur weibliche Figuren beschreiben. Mich hat interessiert, wie viele Jungs heute ohne Väter aufwachsen und sehr stark geprägt werden von ihren allein erziehenden Müttern. Irgendwann stellt sich ein Sohn aber vielleicht die Frage: Wo ist der zweite Teil meines genetischen Materials?? Wenn mein Vater angeblich ein Idiot ist, bin ich dann auch einer ? Vielen Jungs fehlen männliche Rollenvorbilder.

 

Im Film hat sich der Vater im Beruf selbst verwirklicht und sich dabei von seinem Sohn entfernt. Waren Sie mal an einem Punkt, an dem Ihnen der Beruf so wichtig gewesen ist, dass es für die Familie gefährlich geworden ist?

Eigentlich nicht. Bei mir hat es nur etwas lange gedauert bis ich schwanger geworden bin. Ich wusste, dass ich unbedingt Kinder haben möchte, habe dann aber so lange gewartet, bis es fast zu spät gewesen wäre. Mir macht meine Arbeit sehr viel Spaß, aber sie ist nie das alles Entscheidende.

 

Hatten Sie eigentlich zuerst die Idee, eine Vater-Sohn-Beziehung zu verfilmen oder einen Film in Marrakesch zu drehen?

Vage Ideen für solch eine Konstellation hatte ich schon länger. Vor allem aber war mein Wunsch sehr groß, einen Film in Marokko zu drehen. Ich war vor über 20 Jahren schon einmal dort und wollte unbedingt noch einmal dorthin. Gemeinsam mit meinem Produzenten Peter Herrmann habe ich dann eine Reise durch Marokko gemacht – ohne den geringsten Entwurf eines Drehbuchs. Das ist dann erst Stück für Stück während der Reise entstanden.

 

Wie sehr hat sich Marokko seit Ihrem letzten Besuch verändert?

Schon sehr stark. Ich hüte mich aber davor, diese Veränderung zu bewerten. Ich finde es nicht gut, wenn man als Tourist in ein Land kommt und sagt, vor 20 Jahren waren alles so schön pittoresk und archaisch und jetzt haben alle Strom und fahren Auto statt mit dem Eselkarren. Marokko hat sich in einer Weise verändert, die den Menschen das Leben zum Teil sicher leichter macht. Zum Teil ist die Veränderung aber auch schrecklich. Marrakesch hat viel von seinem Zauber verloren. Es wurden viele Hotels gebaut, die nun zu einem großen Teil leer stehen. Es wurden Unmengen von Golfplätzen angelegt, die nun bewässert werden müssen. Das hat zur Folge, dass das Grundwasser sinkt. Die Entwicklung hat Licht- und Schatten-Seiten.

 

War es für Sie schwierig, in ihrem Film die schönsten Bilder wegzulassen, um nicht in Klischees abzugleiten?

Es ist nicht so, dass sich in Marokko die Schönheit zwangsläufig aufdrängt. Wenn Sie etwa vom Flughafen ins Zentrum von Marrakesch fahren, sehen Sie wenig Ästhetisches. Die Frage beim Drehen war eher, ob wir Bilder, die man aus Hochglanzmagazinen kennt, bewusst suchen. Das haben wir nicht gemacht. Wir wollen zeigen, was ist. Für mich drückt sich das übrigens am meisten in der Person von Karima aus, die ihr Geld als Prostituierte im modernen Marrakesch verdient und es dann ihrer Familie bringt, die im traditionellen Marokko lebt. Karima ist eine Art Wandlerin zwischen Moderne und Tradition.

 

Wird Ihr Film eigentlich auch in Marokko gezeigt werden?

Ich hoffe sehr, dass er beim Filmfestival in Marrakesch laufen wird. Ob er in Marokko auch ins Kino kommt, weiß ich im Moment noch nicht. Wahrscheinlich wird es ihn eher als Raubkopie für einen Euro am Straßenrand zu kaufen geben. (lacht)

 

Sie haben mit “Nirgendwo in Afrika” bereits einmal den Oscar gewonnen. Woran liegt es, dass Deutschland meistens Filme für den Wettbewerb einreicht, in denen es entweder um die Zeit des Nationalsozialismus oder die DDR geht?

Ich denke, das liegt weniger an uns als daran, dass Filme über diese Zeit aus Deutschland von den Amerikanern besonders gern gesehen werden. “Nirgendwo in Afrika” hätte sicher auch nie den Oscar bekommen, wenn er sich nicht auch mit dem Nationalsozialismus und jüdischen Schicksalen in dieser Zeit befassen würde. Das muss man hinnehmen. Ich befürchte, die meisten Amerikaner unterscheiden kaum zwischen Nazi- und Stasi-Geschichten . Solange die Deutschen die Bösen sind, kommt das eigentlich immer gut an. (lacht)

 

Vielen Dank für das Gespräch!

KINO: Exit Marrakech – Kein Märchen aus tausendundeiner Nacht

Neuer Film von Caroline Link: Exit Marrakech (c)Studiocanal

Neuer Film von Caroline Link: Exit Marrakech (c)Studiocanal

Von Samy Charchira

Caroline Link ist Regisseurin, Schauspielerin und Oscarpreisträgerin. Mit ihrem berührenden und wunderbaren Film „Jenseits der Stille“ wurde sie 1998 für den Oscar in der Kategorie “bester fremdsprachiger Film” nominiert. 2003 hat sie den begehrten Oscar dann für„Nirgendwo in Afrika“ bekommen.

Mit ihrem neusten Werk „Exit Marrakech“ (ab 24.10.2013 im Kino) kehrt Caroline Link nun nach Afrika zurück, diesmal in den Norden des Kontinents – nach Marokko. Das ist eine exzellente Auswahl, denn in kaum einem anderen afrikanischen Land prallt Orient und Okzident derart aufeinander, wie in diesem nordafrikanischen Staat. Ein Land, das für sich nicht weniger als ein Schmelztiegel der Kulturen und Religionen zu sein, beansprucht. Ein kurzer historischer Blick auf das arabo-islamische Land genügt, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Doch als Teil der arabischen Welt ist auch das marokkanische Königreich vom „arabischen Frühling“ erfasst. Das Land befindet sich im Wandel und durchlebt große gesellschaftliche Umwälzungen. Doch gerade das scheint der Filmhandlung eine äußerst interessante Tiefe und starken Auftrieb zu geben. [Read more...]

 

Vater und Sohn

Als der 17-jährige Ben (Samuel Schneider) seinen Vater Heinrich (Ulrich Tukur), den gefeierten Regisseur, der in Marrakesch an einem internationalen Theaterfestival teilnimmt, besucht, beginnt für ihn kein Märchen aus tausendundeiner Nacht. Seine Umgebung ist ihm genauso fremd wie sein geschiedener Vater, mit dem er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder seine Sommerferien verbringen soll. Während die beiden immer weiter auseinanderdriften, öffnet sich Ben mehr und mehr dem ihm fremden Land und sucht sich, fernab von Vaters Luxushotel, seine eigenen Wege in der unbekannten Welt. Er verliebt sich in die junge Karima (Hafsia Herzi) und folgt ihr in ihr entlegenes Heimatdorf im Atlasgebirge. Als Ben sich tagelang nicht meldet, macht sich Heinrich erst widerwillig, dann zunehmend besorgt, auf die Suche nach seinem verschwundenen Sohn. Während sie beide das ihnen fremde Land bereisen, scheint alles möglich zu sein: sich endgültig zu verlieren oder einander wieder neu zu finden…

„Exit Marrakech“ ist ein wunderbares Abenteuer und  ein nahe gehendes Familiendrama. Es ist aber auch eine sehr sympathische und unbekümmerte Liebesgeschichte mit großem Symbolcharakter und viel Spielraum für Interpretationen. Der Film ist eine Reise, eine Reise zueinander, aber vor allem zu sich selbst und zur eigenen Vergangenheit. Auf dieser Reise liefert das Kamerateam um Caroline Link ein ganzes Bouquet von authentischen Bildern. Marokko kommt in all seiner Vielfalt und Farbenprächtigkeit zur Geltung. Schöne Bilder von echtem marokkanischen Leben gepaart mit einem passenden und rhythmischen Soundtrack.

 

Viel schauspielerisches Talent

Die Vater-Sohn-Geschichte versucht gänzlich ohne Klischees auszukommen. Die sympathische Regisseurin Caroline Link verwendet wahrlich viel Sorgfalt darauf. Es gelingt ihr nicht immer. Dennoch hat sie sehr veranschaulich den Orient-Okzident-Twist im islamischen Land herausgearbeitet. Die Kontroversen marokkanischer Bevölkerung bleiben sichtbar, wenn auch nicht immer verständlich.  Großes schauspielerisches Talent beweist Ulrich Tukur („John Rabe“, „Das weiße Band“) erneut und trägt somit einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg von „Exit Marrakech!“ bei. Aber auch der begabte Jungschauspieler Samuel Schneider („Boxhagener Platz“) überrascht tatsächlich mit einer beachtlichen schauspielerischen Leistung und ist allemal ein Grund ins Kino zu gehen. Die „andere Seite“ der kulturellen Konfrontation wird von der französischen Schauspielerin Hafsia Herzi verkörpert. Herzi ist eine erfahrene Actrice und zählt in ihrer Filmografie nicht weniger als stolze 15 Produktionen. Sie wurde 2008 als beste Nachwuchsdarstellerin dreifach ausgezeichnet, unter anderem mit dem französischen César (Couscous mit Fisch) und dem italienischen Marcello-Mastroianni-Preis. Beindruckend spielt sie in „Exit Marrakech“ Karima, die einerseits einen offenen und unabhängigen Lebensstil in der marokkanischen Metropole Marrakech lebt und sich andererseits in eine konservative, eng hängende Dorfgemeinschaft auf dem Land manövriert. Von der Figur Karima wird künstlerisch viel abverlangt, und Hafsia Herzi erfüllt wahrlich alle Erwartungen und legt eine exzellente Darbietung dar. Chapeau!

 

Empfehlenswert …

„Exit Marrakech“ ist ein kunstgerecht produziertes Werk mit sehr interessanten Figuren, inspirierenden Bildern, beindruckender Musik, großartigen Schauspielern und unbedingt empfehlenswert!

Der Film kommt zu einem interessanten Zeitpunkt in die Kinos: Die Marokkostämmige Community in Deutschland feiert in diesem Jahr ihr 50. Jubiläum. Ein schöner Zufall, der die Attraktivität und Aktualität des Filmes erheblich steigern dürfte.

Mehr zum Film unter www.exitmarrakech.de

BUCHTIPPS: “Die Araber” & “Sex und die Zitadelle”

Die Arabische Region erlebt seit dem Arabischen Frühling medial eine immense Aufmerksamkeit. Allerdings wirft die Berichterstattung viele  Fragen auf. Viele fragen sich, wo die Wurzeln der Unruhen liegen? Warum tut sich Fortschritt und Demokratiesierung dort so schwer? Was bewegt die Menschen vor Ort? Wie lebt sich das Private? Welche Rolle spielt Sexualität in der Geschichte und Freiheitsbewegung? Gazelle stellt zwei Sachbücher vor, die helfen Fragen zu beantworten:

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Die Araber

Eine Geschichte von Unterdrückung und Aufbruch

DIE ARABER

Mehr als 200 Millionen Araber zwischen Persischem Golf und Atlantik versuchen sich dem Joch despotischer Regime zu entledigen. Eugene Rogan, Kenner der arabischen Welt, bietet mit seiner großen Geschichte der Araber eine hervorragende Grundlage zum Verständnis der aktuellen Ereignisse in Ägypten, Syrien, Tunesien oder Libyen. Rogans Darstellung beginnt mit der Eroberung der arabischen Welt durch das Osmanische Reich zu Beginn des 16. Jahrhunderts und führt bis zum revolutionären Aufbruch heute. Es ist eine lange Geschichte der Unterdrückung und Ausbeutung, von denen Rogan zu erzählen weiß. Aber auch die reiche Kultur dieser Länder und die vielen kaum bekannten Versuche der arabischen Völker in der Vergangenheit, sich gegen ihre Unterdrücker aufzulehnen, Freiheit und Wohlstand zu erlangen und in der Moderne anzukommen, werden anhand einer Fülle von Originalquellen anschaulich dargestellt. Wer die arabische Region verstehen will, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen!

Zum Autor:  Eugene Rogan ist Direktor des Middle East Centre der Oxford University. Er lehrt und erforscht der amerikanische Historiker seit 1991 die Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens.

Eugene Rogan
Die Araber
Eine Geschichte von Unterdrückung und Aufbruch
Propyläen, 736 Seiten
€ 26,99

 

 

Sex in der Zitadelle

Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt

SEX IN DER ZITADELLE

Die Autorin Shereen El Feki hat fünf Jahre lang Frauen und Männer in Ländern wie Ägypten, Marokko, Tunesien und den Golfstaaten befragt, was sie über Sex denken und welche Rolle er in ihrem Leben spielt. Bewegende, schockierende Schicksale sowie hoffnungstimmende Bewegungen hat sie dabei in ihrem Buch zusammenegtragen. Historische Hintergründe liefern zudem aufschlussreiche Zusammenhänge. Anhand der verschiedenen Aspekte von Sexualität eröffnet sie völlig neue Einblicke in das Innenleben der sich wandelnden arabischen Welt. Sie betont, dass der Islam eine positive Haltung zur Sexualität auszeichnet. Dennoch bleibt es nicht aus, einen freieren, offeneren Umgang mit diesem Thema zu pflegen um politisch-soziale Entwicklung in den arabischen Gesellschaften voranzutreiben. Sehr lesenswert, aufschlussreich und spannend!

Zur Autorin: Die Kanadierin Shereen El Feki ist studierte Immunologin und war stellvertretende Vorsitzende der von der UN eingesetzten Global Commission on HIV and the Law und arbeitete als Journalistin u.a. für Al-Dschasira und den Economist. www.sexandthecitadel.com. Sie ist Tochter einer Waliserin und eines Ägypters. Sie lebt in London und Kairo.

Shereen El Feki
Sex und die Zitadelle
Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt
Hanser Berlin, 416 Seiten
€ 24,90

AACHEN: 22.09.2013 – Frauenvereinigung feiert 50 Jahre Deutsch-Marokkanische Migration

Marokkanische Frauenvereinigung e. V.   Aachen

Marokkanische Frauenvereinigung e. V. Aachen

Am 22. September 2013 feiert die Marokkanische Frauenvereinigung e.V. und das Deutsch-Marokkanische Kompetenznetzwerk in Aachen “50 Jahre Deutsch-Marokkanische Migration”.

Zeit: 12:30 – 16:00 Uhr

Ort: Konferenzraum 1.OG im Eurogress Aachen Monheimsallee 48, 52062 Aachen

 

 

 

 

 

BUCHTIPP: Die vierzig Geheimnisse der Liebe – Elif Shafak

Von Sunya Baaroun

Elif Shafak glänzt mit einem neuen Schmuckstück. Ihr aktuelles Werk „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ gilt als Geheimtipp. Nach „Der Bastard von Istanbul“ war die Messlatte hoch angesetzt. Doch wieder einmal beweist sich die türkische Erfolgsautorin.

Diesmal geht es um Ella, eine gut gestellte Mutter und Hausfrau aus Northampton. Eigentlich eine alte Geschichte. Die Ehe eingefroren, mechanisch und lieblos. Über das Kochen, die Kinder und ihren Hund hinaus, gibt es kaum etwas, dass Ellas Begeisterung weckt. Und so lebt sie ein Leben voller Kalkulierbarkeit und Müdigkeit Tag für Tag vor sich hin. Eine Neuigkeit gibt es dann allerdings doch. Ella ergattert einen kleinen Job in einer Literaturagentur. Als Gutachterin soll sie eingereichte Manuskripte unter die Lupe nehmen. Bald liegt ihr „Süße Blasphemie“ von Aziz Zahara vor. Das Manuskript behandelt die bewegende Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft: [Read more...]

„Süße Blasphemie“
Kleinasien im dreizehntem Jahrhundert – Konya, hier begegnen sich Schams-e Tabrizi, ein Wanderderwisch, und der berühmte Islamgelehrte und Dichter Rumi. Im Mittelpunkt steht Schams, eine Person sondergleichen. Charakterstark, gewitzt und überaus klug. Er kann Träume deuten und den Menschen in die Seele blicken. Seine Aufgabe ist es, Rumi, der schon alles zu wissen scheint, die Welt noch einmal ganz neu zu erklären. Das soll sein Lebenswerk sein. Schams ist es, der sich den Säufern, einer Hure und sonstigen Außenseitern der Stadt nähert, ihr Leid ergründet und Kraft spendet. Und obwohl er im Sinne Gottes handelt, wirkt Schams überraschend unkonventionell, ja lässt zu Weilen Dinge von sich, die gar nicht in den Mund eines Muslims passen. Er schert sich um nichts und wieder nichts und sorgt somit für Aufsehen. Wie kann der angesehene und gesellschaftlich etablierte Rumi, sich auf das Niveau dieses verrückten Sufis hinablassen? Die Lage spitzt sich zu, als Rumis Familie erkennt, dass Schams keinen Platz mehr in Rumis Leben haben darf. Ein fragwürdiger Plan wird geschmiedet, der Rumi letztlich das Herz bricht.

Mehr als nur Liebe
Ella ist von dem vorliegendem Roman eingenommen. Schams Weisheiten brechen in ihr etwas auf, was sie verloren glaubte. Eines Tages kontaktiert sie den Autor. Per E-Mail schreiben sich Ella und Aziz bald häufiger. Eine Vertrautheit und Zuneigung entwickelt sich, die Ella völlig vor den Kopf stoßt. Und so vorhersehbar der weitere Verlauf sein könnte, so unerwartet endet die Geschichte dann. Denn Aziz, der Schams im Übrigen sehr ähnelt, trägt eine schwere Last mit sich.

Elif Shafak webt in ihrem Buch einen Teppich von kleinen Geschichten. Gemeinsam berichten sie von viel mehr als nur der Liebe, dem Islam und suchenden Herzen. Ein Meisterwerk, angelehnt an eine wahre Begebenheit, denn Schams und Rumi existierten wirklich. Letzterer zählt heute zu den Größen des Sufismus. Die Autorin diskutiert in ihrem Roman zeitlose Fragen, ob religiöser oder zwischenmenschlicher Natur. Man könnte meinen, dass sie an zahlreichen Stellen Bezug zu aktuellen, gesellschaftlichen Geschehnissen nimmt. Es geht um Säkularisierung, die Scharia und vor allem um die Wahrheit. Shafak erzählt anhand von Bildern, die zwischen den Zeilen entstehen.

Einzig gelegentliche Übersetzungsdefizite lassen beim Lesen etwas stolpern. Dennoch: Ein Bewusstseinserweiterndes, spannendes Werk. Schmaus für die Seele.

Elif Shafak
Die vierzig Geheimnisse
Kein & Aber Verlag
512 Seiten
ISBN-10: 3036956662
ISBN-13: 978-3036956664