“Jeder Mensch auf der Welt fühlt beim Hören von Musik auf seine eigene Art und Weise”

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Monia Rizkallah – Nach internationen Stationen – heute in Berlin an der Deutschen Oper

Monia Rizkallah wurde in Bordeaux als Tochter von marokkanischen Einwandern geboren. Sie studierte in Bordeaux und am Pariser Conservatoire National. Danach an die Mozart-Akademie und schließlich in Berlin an die Hochschule der Künste. Monia Rizkallah gewann Preise, gastierte bei internationalen Orchestern, wie zum Beispiel bei den Berliner Philharmonikern, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunk, im Orchester des Palau de les Arts Reina Sofia in Valencia unter Zubin Mehta sowie bei der Filarmonica Artura Toscanini in Italien unter Lorin Maazel. Konzertreisen führten sie in viele Länder Europas und Asiens sowie in die USA. Als Solistin gab sie Konzerte u. a. in Marokko, Neuseeland, Taiwan und Frankreich.  Seit 2000 ist sie Mitglied im Orchester der Deutschen Oper Berlin, seit 2002 als Stimmführerin der 2.Violinen. Seit 2009 wirkt sie zudem im Orchester der Bayreuther Festspiele mit. Mit Gazelle sprach Sie über ihren Weg zur klassischen Musik.

 

Was war Ihre Motivation klassische Musik, insbesondere Geige, zu lernen?

Unser Vater hat uns Kindern angeboten, dass jeder ein Musikinstrument erlernen darf. Er war von Beruf LKW-Mechaniker, liebte die klassische Musik und hätte gerne selber ein Instrument gelernt. Gemeinsam mit ihm sahen wir uns viele Sendungen mit klassischer Musik im Fernsehen an. Mit den Augen einer 7-jährigen habe ich schnell bemerkt, dass der Geiger vorne im Orchester mehr  Aufmerksamkeit bekam als die anderen Mitglieder des Orchesters – vor allem auch die Blumen am Ende des Konzertes. Das gedämpfte Licht im Zuschauerraum, die schönen Kleider der Leute auf der Bühne und im Publikum, die Bühnendekoration, die ganze Atmosphäre. All das hatte mich verzaubert. Ich wollte Geige lernen und mein Vater war begeistert. Ich fing also in der Musikschule in meinem Viertel in Bordeaux bei einer tollen Lehrerin an, Unterricht zu nehmen. Mit ihr bin ich heute noch gut befreundet.

Welche Schwierigkeiten hatten Sie am Anfang?

Bereits sehr früh habe ich gemerkt, dass viele meiner Kommilitonen teurere Geigen besitzen als ich und Privatunterricht nahmen. Ich spürte, dass die Welt der klassischen Musik elitär war. Uns zu Hause fehlte es an nichts, aber für Luxus gab es wenig Raum. Meine Geige war damals eine Spende einer Kollegin meiner Geigenlehrerin. Das Instrument war sehr dunkel und hatte überall Kratzer. Ich mochte Sie meinen Kommilitonen nicht gerne zeigen. Eines Tages besuchte ein Star-Professor aus Paris – Pierre Doukan – das Konservatorium in Bordeaux. Er war auf der Suche nach neuen Talenten und potentiellen Kandidaten für die Aufnahmeprüfung für das renommierte Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse in Paris. Das ist DIE Musikhochschule schlichtweg in ganz Frankreich. Er zeigte großes Interesse und gab mir sofort eine Privatstunde. Er wusste, dass wir nicht viel Geld hatten und als ich ihn fragte, wieviel ich ihm schulde, antwortete er: „Sie schulden mir, gut zu spielen“. Dieser Satz begleitet mich bis zum heutigen Tag und ich geben ihn gerne auch an meine Studenten weiter.

Können Sie uns von Ihrem Umzug von Frankreich nach Deutschland erzählen?

Ich hatte einen Deal mit meinem Vater ausgehandelt. Ich sollte erst Abitur machen und dann dürfte ich nach Paris gehen, um dort zu studieren. Jedes Mal, wenn ich in Bordeaux ein Auto mit Kennzeichen „75“ sah (das war damals die Nummer von Paris) träumte ich von der Hauptstadt – das war meine „Idée fixe“. Ich machte also Abitur und bereitete mich auf die Aufnahmeprüfung für das Konservatorium in Paris vor. Es kamen 300 Bewerber aus Frankreich und dem Ausland und nur sieben Studienplätze wurden vergeben. Ich wurde einstimmig aufgenommen – ich war im Himmel! Ein Stipendium erhielt ich auch und meine Eltern waren einverstanden. Der Weg für Paris war frei. Zum Abschluß dieses Studiums erhielt ich zwei erste Preise und lernte beim Französischen Nationalen Jugendorchester einen großen Dirigenten namens Marek Janowski kennen. Ich spielte ihm vor und er sagte mir, dass ich unbedingt nach Berlin gehen müsse. Als Vorbereitung dafür machte ich einen Wettbewerb für die „Mozart-Akademie“ in Warschau mit, welchen ich gewann. Ich zog für ein Jahr da hin und bereitete mich intensiv auf die Aufnahmeprüfung in Berlin vor, welche ich dann auch bestand. Ich bekam also einen Studienplatz in Berlin und realisierte, dass ich nun wirklich meine Freunde und Familie für längere Zeit verlassen musste. Es war nicht einfach und ich sagte mir, dass ich nicht versagen darf, der Druck war groß.

Wie sind Ihre Erfahrungen in der Berliner Oper als erste Stimmführerin?

Im Jahr 2000 gewann ich einen Aushilsvertrag im Orchester der Deutschen Oper Berlin. Kurz darauf folgte ein Engagement für eine feste Stelle. Zwei Jahre später wurde eine Stelle als 1. Stimmführer frei und meine Kollegen, die mich immer sehr unterstützt haben, rieten mir, mich dafür zu bewerben und vorzuspielen. Ich machte also erneut ein Probespiel, gewann diesen und nach einer einjährigen Probezeit bekam ich die Stelle fest. Mein Wunsch ging in Erfüllung – ich war angekommen. Dieser Posten öffnete mir die Türen zu den größten Festivals der Welt und gab mir auch die Möglichkeit, junge Musiker an der Orchester-Akademie der Deutschen Oper zu unterrichten. Neben der Freude und dem Stolz über diesen Job lernte ich auch, dass diese Position mit viel Verantwortung verbunden ist, ein hohes Maß an Disziplin voraussetzt und man die Fähigkeit haben muss, zu vermitteln und Konflikte zu lösen. Dieser Lernprozess war ein wichtiger Grundstein dafür, meinen langjähren Wunsch zu verwirklichen, den jungen Leuten im Land meiner Vorfahren Marokko zu helfen und sie an meinen Erfahrungen teilhaben zu lassen.

Vor einigen Jahren haben Sie ein Projekt zur Unterstützung junger Musiker in Marokko gegründet. Worum geht es genau und wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Bei einer Konzerttournee durch Marokko im Jahr 2008 hatte ich die Gelegenheit, viele junge marokkanische Musikstudenten kennen zu lernen und sie zu unterrichten. Ich habe sofort gemerkt, dass viele „Rohdiamanten“ darauf hoffen, dass jemand auf sie aufmerksam wird und ihnen eine Chance gibt, sich weiter zu entwickeln. Ich habe also einen Weg gesucht, etwas für sie zu tun. Ich habe eine Spenden-Aktion für Musikinstrumente und Noten gestartet. Viele meiner Kollegen und Freunde aus der ganzen Welt wollten helfen. Anfangs war es schwierig finanzielle Mittel zu finden und von Berlin aus etwas in Marokko zu organisieren. Also ich habe bei verschiedensten Projekten in Oman, Bosnien und der Türkei Erfahrungen gesammelt, bevor ich schließlich in Marokko ein fertiges Konzept für Marokko im Kopf hatte.

Im Jahr 2017 rief ich mein Projekt El Akademia ins Leben und gründete das erste Nationale Marokkanische Jugendorchester. Seither wächst das Interesse ständig. Für den Sommer 2019 gab es bereits über 130 Bewerber aus dem ganzen Land, wovon 70 ein Stipendium für das Jugendorchester bekommen. Wir werden eine 10-tägige Masterclass in Fes veranstalten, wo sechs Dozenten aus Berlin die jungen Menschen unterrichten werden und am Ende ein großes Open Air Konzert statt finden wird.

Welche Rolle kann klassische Musik im kulturellen Dialog zwischen Deutschland und Marokko spielen?

Klassische Musik wird größtenteils in Gruppen gemacht. Teils sind diese sehr klein (beispielsweise nur 4 Musiker). Oft spielt man in einem Orchester von bis zu 100 Instrumentalisten. Das gemeinsame Musizieren und Erarbeiten von Stücken ist ein Prozess, der ein starkes Gemeinschaftsgefühl erzeugt und man viele Emotionen miteinander teilt. Beim Konzert springt dieses Gefühl dann auch fast immer auf das Publikum über, was unsere Musiker mit großer Freude erfüllt. Es ist nicht nötig, dieselbe Sprache zu sprechen, jeder Mensch auf der Welt fühlt beim Hören von Musik auf seine eigene Art und Weise. Ich hatte das große Glück, das in Deutschland über viele Jahre hinweg zu erleben und möchte mit meinem Projekt El Akademia diese großartigen Erfahrungen an die jungen Menschen in Marokko weiterzugeben. Dazu lade ich OrchesterkollegInnen sowie MusikstudentInnen aus Deutschland ein, mit den marokkanischen Studenten vor Ort zu arbeiten, um ihnen die Möglichkeit zu geben, dasselbe auch zu erleben.

Frau Monia Rozkallah Vielen Dank für das Interview.

Interview geführt von Abderrahmane Ammar.

Mehr zu El Akademia hier: https://de-de.facebook.com/byMoniarizkallah