“Frauengesundheit” – #07 Zweitmeinung

»Was Frauen unbedingt wissen sollten!«

Thema 7: Zweitmeinung/ Second opinion

Gespräch mit Krebsspezialist Prof. Dr. Jalid. Sehouli aus der Berliner Charité

Dr. Jalid Sehouli ist Direktor der Frauenklinik an der Berliner Charité und Schriftsteller

Dr. Jalid Sehouli ist Direktor der Frauenklinik an der Berliner Charité und Schriftsteller

Die Medizin hat sich in den letzten Jahren aufgrund intensiver nationaler und internationaler Forschungsaktivitäten erheblich weiterentwickelt. Dennoch erreichen viele medizinische Verbesserungen trotz ihrer Verfügbarkeit noch nicht alle Frauen. Information und Wissen sind die Grundpfeiler für eine aktive Einbindung der Frau in den medizinischen Entscheidungsprozessen.
Daher haben wir nun diese Serie für Sie ins Leben gerufen. Wir starteten diese Reihe mit dem Thema Eierstockkrebs. Dieser und die folgenden Beiträge zum Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) und seiner Krebsvorstufen (Dysplasien), Gebärmutterkrebs (Endometriumkarzinom), Myome, Endometriose, Brustkrebs und Unterbauchschmerzen können Sie im Archiv nachlesen.

Prof. Dr. Jalid Sehouli, Direktor der Klinik für Gynäkologie der Berliner Charité, Frauenarzt und renommierter Krebsspezialist beantwortet hierzu in der Gazelle exklusiv die wichtigsten Fragen, gerne können Sie uns Anregungen zu den nächsten Themen und Ihre Fragen an die Redaktion zusenden. Heute sprechen wir über das Thema medizinische Zweitmeinung.

 

Was ist eine Zweitmeinung?

Prof. Dr. J. Sehouli: Eine Zweitmeinung, oder neudeutsch (engl.) auch als „Second opinion“ bezeichnet, ist das aktive Einholen einer zweiten Meinung zu einem medizinischen Problem.

Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten eine Zweitmeinung einzuholen. Eine schriftliche oder mittels einer persönlichen Vorstellung bei einer Ärztin oder einem Arzt.

 

Und was ist denn besser?

Dies kann nicht so einfach beantwortet werden, aber eine persönliche Vorstellung ist meist besser, da die Ärzte sich selbst ein Bild von dem medizinischen Problem machen können und neben dem Studium der Dokumente auch weitere Fragen an die PatientInnen gestellt werden können und eigene Untersuchungen vorgenommen werden können. Die Befunde können sich auch über die Zeit verändern, so dass zum Zeitpunkt der Vorstellung inzwischen ganz andere Befunde vorliegen können als in den Dokumenten vor einigen Wochen oder Monaten beschrieben waren.

 

Werden die Kosten einer Zweitmeinung von den Krankenkassen übernommen?

Ja, in der Regel werden die Kosten übernommen. Bei Unklarheiten kann man aber bei der Krankenkasse direkt nachfragen.

 

Wann sollte man denn eine Zweitmeinung einholen?

Immer dann, wenn eine schwere Krankheitssituation vorliegt und Zeit besteht eine Zweitmeinung einzuholen. Also bei chronischen Erkrankungen, Krebserkrankungen oder seltenen Krankheiten. Hierbei gilt es also mehr um die Diskussion der verschiedenen Therapiemöglichkeiten und z.B. die Möglichkeit zur Teilnahme an einer klinischen Studie.

 

Klinische Studie, was ist denn dabei der Vorteil?

Im Rahmen von klinischen Studien werden häufig neue und innovative Medikamente eingesetzt, die versuchen einen neuen Therapiestandard zu entwickeln. Außerhalb der Studien ist eine Behandlung mit den neuen Medikamenten i.d.R. nicht möglich. Zudem ist die Studienteilnahme ein Qualitätsmerkmal des Zentrums, d.h. wenn eine Klinik oder Praxis eine Studie neben den klassischen Therapien anbietet, ist dies ein Hinweis, dass das Zentrum eine besonders gute Qualität bietet, das sind die Ergebnisse einer deutschen Studie.

 

Welche Vorteile hat die Patientin zusätzlich mit einer Studienteilnahme?

Wie bereits aufgeführt: Mit der Studienteilnahme hat die Patientin einen exklusiven Zugang zu modernen Therapien, wie z.B. immunologische Krebstherapien oder Behandlungen mit sog. krebsspezifischen Antikörpern, die außerhalb von Studienbehandlungen nicht verfügbar sind. Die Entwicklung von neuen Medikamenten geht rasant voran, aber dennoch vergehen meist von der Entdeckung neuer Krebstherapieansätze bis zur freien Verfügbarkeit und Kassenzulassung meist 10 bis 20 Jahren. Im Rahmen kontrollierter Studien ist der Zugang zu den innovativen Therapieansätzen aber sofort möglich. Die Behandlung im Rahmen einer Studie stellt eine zusätzliche Behandlungsoption dar, was besonders bei seltenen und chronischen Krankheiten von immensem Vorteil ist, da hier die Möglichkeiten häufig limitiert sind und die Behandlungserfolge häufig unbefriedigend sind. Weiterhin kann die Patientin durch die Studienteilnahme einen wichtigen (Selbst-)Beitrag für die Weiterentwicklung der Therapie und die Forschung in der Medizin leisten, von denen dann in Zukunft andere Patienten profitieren können. Eine Studienteilnahme ist einer der besten Instrumente der Qualitätskontrolle und Qualitätssicherung.

 

Wie kann eine Patientin eine „Zweitmeinung“ veranlassen?

Verschiedene Zentren bieten einen Zweitmeinungsservice an, wichtig ist, sich auch bei den „Ratgebenden“ über Qualitätsindikatoren zu erkundigen, so können bestimmte Zertifizierungen (z.B. Krebszentrum) und die Teilnahme an klinischen Studien und die Veröffentlichung in Fachzeitschriften Hinweise zur Qualität des Zweitmeinungsservice geben. Skeptisch bin ich stets über sog. Zentren, die nach Vorkasse eine Zweitmeinung per Post oder Mail zusenden, ohne mit den betroffenen Patienten vorab zu sprechen und eine eigene Anamnese erhoben haben. Fragen Sie Ihre betreuenden Ärzte Ihres Vertrauens nach einer Empfehlung für eine Zweitmeinung.

Allgemein halte ich eine persönliche Vorstellung immer besser, die alleinige Zusendung von Krankenunterlagen kann nur eine erste Orientierung geben. Für eine „gute“ Empfehlung müssen verschiedenste Faktoren in die Therapieentscheidung einbezogen werden, hierzu zählen u.a. Vorbefunde, eine allgemeine körperliche Untersuchung, das aktuelle Beschwerdebild und verschiedene Laborbefunde. Für die „richtige“ Therapiewahl ist zudem der Wunsch (Präferenz) der Patientin bezüglich Nebenwirkungen, Komplikationen und Wirksamkeit von ganz entscheidender Bedeutung. Daher nochmals mein Appell: Keine Empfehlung ohne persönliche Vorstellung!

 

Stimmt die Gewebediagnose (Histologie) bei einer Krebserkrankung immer oder gibt es doch auch Fehldiagnosen?

Nach verschiedenen nationalen und internationalen Studien ist insbesondere bei seltenen Tumoren die jeweilige Gewebediagnose schwierig und in einigen Fällen fehlinterpretiert. Daher kann es durchaus angebracht sein, die Gewebeschnitte der letzten Operation oder Gewebeprobe von einem spezialisierten Institut (Referenzpathologie) zu überprüfen. Auch das gehört zum Instrumentarium einer Zweitmeinung.

 

Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Ahmed Abida.