Buchtipp – Can Merey: Der ewige Gast

Rezension von Werner Felten

Am Beispiel seines Vaters erläutert dpa-Korrespondent Can Merey in seinem Buch „Der ewige Gast“, ein Titel der Assoziationen an das Böse weckt, die Geschichte des deutsch-türkischen Verhältnisses der vergangenen 70 Jahre. Die Biografie des Vaters gilt auch als Vorwand, tief in die Geschichte einzusteigen und sich mit der jüngsten Vergangenheit auseinanderzusetzen und sehr viel Politik in das Buch zu packen.

Der ewige Gast von Can MereyCan Mereys Vater Merey ist kein „klassischer Gastarbeiter“, sondern Jahre vor dem Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und Deutschland aus Istanbul nach Deutschland gekommen um zu studieren und Deutsch zu lernen. Sein Vater war Industrieller und sein Sohn Tosun sollte das Unternehmen später übernehmen. Aber das Leben spielte anders und Tosun blieb viele Jahre in Deutschland. In den siebziger Jahren wird er mit in den Topf voller Vorurteile gegenüber Türken geworfen. Leider geht der Autor wenig darauf ein, dass das einseitige Bild der Deutschen eher von den Türken aus Anatolien, als von Studenten aus Istanbul geprägt wurde.

Spurensuche in Istanbul

Der Vater vermutet, dass seine missglückte berufliche Karriere in Deutschland seiner türkischen Abstammung geschuldet sei. Sein Sohn dagegen hat den Mut zu hinterfragen, ob er vielleicht seinen Job nicht so gut gemacht hätte. Chapeau für diese Frage, die nicht jeder Sohn seinem Vater stellt oder stellen darf. Allerdings: Tosun weiß es nicht, der Autor weiß es nicht und der Leser bleibt deshalb im Unklaren. Vielleicht wurde Tosun auch Opfer einer self-fulfilling prophecy, einer Eigenart, mit der nicht wenige Menschen aus einer Minderheitsgesellschaft zu kämpfen haben: Gerne werden Misserfolge mit der Ablehnungshaltung der Mehrheitsgesellschaft entschuldigt.

Der Autor und sein Vater begeben sich auch auf Spurensuche nach Istanbul und tauchen in die Welt ihrer Vorfahren ein. Hier gewinnt das Buch fast poetische Tiefe und gerade an den erzählten Beispielen kann das Leben des Vaters sehr gut nachvollzogen werden.

Akribisch, teilweise überquellend

Can Merey arbeitet sehr akribisch mit Fußnoten und Belegen. Es ist schon alles gesagt geworden, aber das noch nicht oft genug und das ist gut so. So ist das Buch für Interessierte informativ, teilweise ein wenig überquellend zumal der Autor historische Hintergründe erklärt, die mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun haben.

Dass die Verwerfungen zwischen Deutschen und Deutsch-Türken auch religiöse Gründe haben könnten, auch darauf geht der Autor nicht ein. Er hebt sein Thema auf eine intellektuelle Ebene und vergisst dabei, dass oft Konflikte auch in sozial schwierigem Milieu auf beiden Seiten entstehen.

Integration ist keine Einbahnstraße

Einen großen Teil seines Buches verwendet Can Merey damit zu erläutern, warum so viele Türken in Deutschland, wie auch sein Vater, Anhänger von Präsident Erdogan sind. Dabei geht er zwar darauf ein, dass die mangelnde Anerkennung der Türken eine Rolle spiele würde, lässt sie aber nicht als alleinigen Grund gelten. Stattdessen ruft er eindringlich zur Integration auf.

Für Can Merey muss das Ziel daher sein, dass Deutschtürken sich in erster Linie als Deutsche und erst danach als Türken fühlen.  Die Voraussetzung dafür ist, dass ihnen die die Mehrheitsgesellschaft das Gefühl vermittelt, geleichwertige Mitglieder der Gesellschaft zu sein, denn Integration ist keine Einbahnstraße. Demnach ist Integration ein Gefühl. Diese Art der Definition war vor Can Merey in der expliziten Form noch nicht ausgesprochen worden.

Can Merey: Der ewige Gast, Blessing-Verlag 2018, ISBN 978-3-89667-605-4 , 17 Euro