Oben bleiben – Max auf dem Berg im Passeier

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von Solveig Grewe

Wohlig blinzeln Ronja und Balu in die Frühlingssonne. Die nimmt jetzt jeden Tag einen sichtbar steileren Weg über die Berge. Und wo sie ihre Kraft schon spüren lässt, da wird es doch Zeit, dass Urlaubsgäste kommen und sich der einsamen Esel annehmen. Ihnen mal wieder ausgiebig ihre Mähnen kraulen. Wie sie dreinschauen, scheint es, als haben die Eselchen über den Winter die Kinder vermisst, die mit ihnen schmusen, sie hingebungsvoll putzen und, sofern die Kleinen groß genug sind, auch auf ihnen reiten dürfen. Zusammen mit Ziegen, Schafen, Hühnern, einem Mehrschweinchen und drei Pferden gehören die langohrigen Gesellen auf den Oberen Untereggerhof, der sich eng an einen Hang unterhalb des Jaufenpasses in Südtirol schmiegt. Aus 2049 Meter kommend, bietet sich den Gästen von Hotel und Restaurant von der Sonnenterrasse aus ein weiter Blick hinunter ins Passeiertal. Es trägt diesen Namen nach dem Flüsschen Passei  und erstreckt sich zwischen den Ötztaler und den Sarntaler Alpen. Nur das Rascheln des Strohs in den Eselsboxen und das muntere Brummen einer frühen vorwitzigen Hummel verhindern völlige Stille. Jetzt ist man angekommen in einer Welt mit klarer Luft, schneebedeckten Berggipfeln, Wasserfällen, blühenden Apfelbäumen an den Hängen und Milchkannen, die am Straßenrand stehen, wenn sie nicht gerade an einer Seilwinde langsam hinab ins Tal gleiten.

 

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Wie die meisten im Passeiertal lebt auch Max von der Milchwirtschaft. Der Endsiebziger wohnt mit seiner Frau auf dem Gögelehof oberhalb von dem kleinen Örtchen Moos. Etwa dreißig Kühe nennt er sein eigen. Der Sohn hat mit Frau und Kindern den Neubau bezogen, der ältere Teil des Hofes hat bereits mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel. In der guten Stube durchzieht der Duft von frischem Kuchen den niedrigen Raum, die Holzdielen knartzen. Hier ist die Welt noch in Ordnung, das geht einem durch den Kopf, während Max nebenan in der Küche auf dem alten Holzofen Kaffeewasser aufsetzt. Die Katze lümmelt sich am warmen Kachelofen, an den Wänden hängen neben einem Kruzifix verblichene Trockenblumen und Bilder vom Almabtrieb und diversen Hochzeiten. Lebende Bergidylle.

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Eigentlich wäre er ja viel lieber Deutscher als Italiener, gesteht Max, als er die geblümte Tasse mit dem eben aufgebrühten Kaffee über den Esstisch schiebt. Doch das stand nie zur Debatte in der wechselvollen Geschichte Südtirols, wo doch jeder deutsch spricht. Ein wichtiger Umstand, der die Region gleich hinter den Alpen bei uns so beliebt macht. Nur unterbrochen durch den 1809 vom Volkshelden Andreas Hofer geführten Aufstand gegen die bayerische und napoleonische Besetzung gehörte Tirol fast 500 Jahre durchgehend zu Österreich. Nach dem ersten Weltkrieg sprachen die Siegermächte die Region südlich des Brenners Italien zu. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Hoffnung vieler Südtiroler auf einen Anschluss an Österreich bitter enttäuscht. Immerhin wurden ihnen Autonomierechte zugestanden wie die Gleichstellung der deutschen mit der italienischen Sprache. Aber bis heute will kaum jemand italienisch sprechen, meint nicht nur Max. Seit Anfang der 1970er Jahre können die Südtiroler solche Bereiche wie Schulwesen, Gesundheit, Soziales und Infrastruktur immerhin weitestgehend selbstständig regeln.

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In vielen anderen Bereichen merke man aber, dass Rom einfach keine Ahnung habe, wie man in Südtirol so tickt. Ein merkwürdiges Wort aus dem Mund eines fast Achtzigjährigen. Doch die Antenne auf dem Dach des alten Gögelehofe verrät, dass auch hier in diesem kleinen Kosmos die große Welt Einzug gehalten hat, wenngleich Max den Fernsehapparat im Schrank in der Wohnstube versteckt und ihn nur wenigen Gästen gegenüber Augen zwinkernd zeigt. Er weiß sehr genau, dass wie in anderen Teilen Europas auch in Südtirol der Ruf nach Unabhängigkeit lauter wird. Die Mischung aus Knödeln und Spaghetti klappt hierzulande nur auf der Speisekarte gut. Ansonsten schimpfen die Deutschsprachigen über die italienische Unzuverlässigkeit und die Italiener über die deutsche Spießigkeit. Doch all das ist Klagen auf hohem Niveau. Wie in keinem anderen Land Italiens boomt der Tourismus in Südtirol. Wie in jedem Sommer werden auch in diesem Jahr Zehntausende nach Südtirol kommen, ihren Kindern in Streichelzoos die Zeit versüßen, derweil sie sich mit ernsteren Themen wie dem Volksaufstand von Andreas Hofer beschäftigen.

 

Informationen

Das Passeiertal in Südtirol zieht sich, ausgehend vom Meraner Talkessel, ca. 38 km in nördliche Richtung. Durch seine Öffnung nach Süden hin zeichnet es sich durch ein mildes Klima aus, im Westen wird es von der Texelgruppe und im Osten von den Sarntaler Alpen eingefasst. Am Talende befinden sich der Jaufenpass und das Timmelsjoch. Von München bis nach St. Martin im Passeiertal sind es etwa 320 km.

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Von der südseitig gelegenen Balkon der gemütlich eingerichteten Ferienwohnung auf dem „Antritthof“ aus kann man in aller Stille den Blick auf die einzigartige Bergwelt genießen. Das weite Spektrum an Wanderwegen in der Umgebung umfasst einfache Wege wie den Riffianer Waalweg bis zu Exkursionen zum Berg Hohe Wilde im Naturpark Texelgruppe. Wahre Herausforderungen für Radfahrer sind die Strecken über die Pässe Timmelsjoch und Jaufen. ( Antritthof, Walten 45, St. Leonhard in Passeier, T 0473 656 521 ).

 

Nur wenige Schritte entfernt liegt das Gasthaus Alpenrose. Hier kocht die Chefin persönlich, dabei wird großer Wert auf Gastfreundschaft in familiärer Atmosphäre gelegt. Besondere Highlights: Brettlmarende, Hirtenmaccheroni, köstliche Knödelvarianten und natürlich Kaiserschmarren. (www.gasthaus-alpenrose.com)

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Viehhändler, Rebellenführer, Held. Die Dauerausstellung über Andreas Hofer erklärt, wie es 1809 zum Aufstand der Tiroler gegen Napoleon kam und warum die Zeit aus Hofer trotz seines Scheiterns einen Helden machte. (Museum Passeier, Passeirerstraße 72, 39015 St. Leonhard in Passeier, www.museum.passeier.it)

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Allgemeine Informationen: info@passeiertal.it

www.passeiertal.it