Buchtipp: Ich sehe dich sterben

Wie verändert sich das eigene Leben, wenn man mit einem Alkokoliker verheiratet ist? Lexa Wolf hat es erfahren und darüber ein Buch geschrieben. Ich sehe dich sterben liefert tiefe Einblicke in das Leben an der Seite eines Suchtkranken.

rezensiert von Simone Wachter

Lexa Wolf: Ich sehe dich sterbenLexa Wolf ist Anfang 20 als ihr Vater nach langem Leiden an Krebs verstirbt. Diese erste direkte Begegnung mit dem Tod verändert ihr Leben. Die lebenslustige junge Frau kann den Schmerz über ihren Verlust jedoch weder zulassen noch verarbeiten. Stattdessen wählt sie die Flucht nach vorn, beendet die Beziehung zu ihrem Freund Phil und stürzt sich ins Nachtleben. Dort trifft sie ihre alte Jugendliebe Jochen wieder. Rasch werden die beiden ein Paar.

Was Lexa zuerst ausblendet: Jochen ist Alkoholiker und wenn er getrunken hat, mutiert er zu einer völlig anderen Persönlichkeit. Er reagiert launisch, krankhaft eifersüchtig und ist verbal wie emotional übergriffig. Lexa versucht zunächst, Jochens Probleme zu ignorieren, aber seine Sucht gerät im Lauf der Zeit völlig außer Kontrolle. Er beleidigt und demütigt Lexa, schließlich kommt es sogar zu körperlicher Gewalt. Trotz großer seelischer Not und Verzweiflung hält Lexa an ihrer Beziehung zu Jochen fest, auch wenn der Alkohol zwischen ihrem Glück und ihrer Liebe längst eine unüberwindbare Barriere errichtet hat.

Aussichtsloser Kampf gegen die Macht des „Alkoholteufels“

Lexa lässt nichts unversucht, um Jochen zu helfen, bis sie schmerzhaft erkennen muss, dass sie seine Probleme nicht lösen kann. Wiederholt schafft sie es mit äußerster Anstrengung, ihn zum Entzug zu bewegen. Mit mäßigem Erfolg, denn Jochen wird jedes Mal wieder rückfällig, lehnt eine jede Form von Therapie zur Behandlung seiner Alkoholsucht ab. Aber Lexa kämpft und gibt nicht auf: Trotz massiver Bedenken heiratet sie Jochen. Und steuert damit unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu.

Ungeschönt, authentisch und gnadenlos ehrlich beschreibt Lexa Wolf das Leben mit der Sucht, den damit einhergehenden geistigen und körperlichen Verfall und die zerstörerischen Auswirkungen, die der Alkoholismus nicht nur auf das Leben des Süchtigen selbst, sondern auch auf das seiner Angehörigen hat. Mit einfachen und drastischen Worten, aber auch mit viel Humor und Selbstironie erzählt Lexa Wolf von ihrem Leben als Partnerin eines Alkoholikers inmitten der Hölle der Sucht. Auf beklemmende Weise beschreibt sie sowohl das Wechselbad der Gefühle, in das die Sucht ihres Partners sie all die Jahre gestürzt hat, als auch ihre Ohnmacht, ihrem Partner trotz immenser Willensanstrengung nicht helfen zu können.

Dramatische und überzeugende Autobiografie

Ich sehe dich sterben ist von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd und mitreißend geschrieben. Vor allem der flüssige und eingängige Schreibstil der Autorin überzeugt. Lexa Wolfs Geschichte liefert tiefe Einblicke in das Leben an der Seite eines Suchtkranken. Ihre Erlebnisse bewegen, verstören, machen nachdenklich. Die Autorin berührt darüber hinaus ein Tabuthema, obwohl Alkoholismus und Sucht im Allgemeinen heute zum Glück in Gesellschaft und Medien durchaus offen diskutiert werden.

Dennoch bleiben Bücher wie dieses eine Ausnahme, da zum Thema Sucht meist entweder (medizinische) Fachbücher oder die Erlebnisse ehemaliger Süchtiger publiziert werden. Angehörige und Partner süchtiger Menschen kommen mit ihren Erfahrungen und Gefühlen leider eher selten zu Wort. Was dieses Buch umso interessanter und wertvoller macht. Absolute Leseempfehlung!

Lexa Wolf, Ich sehe dich sterben, Books on Demand 2017, 440 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 3744830969