Film „True Warriors“: Dieselben Ängste und Hoffnungen wie wir

2014 sprengt sich während einer Premiere des Azdar Theaters in Kabul ein Selbstmordattentäter in die Luft. Die Journalisten Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck haben mit Betroffenen gesprochen und eine Dokumentation gedreht. Im Interview mit  „Gazelle Young“ spricht Ronja von Wurmb-Seibel über ihre Erlebnisse in Afghanistan – und sagt, warum Künstler, die wahren Krieger sind.

True Warriors

Redakteurin Zeynab: Liebe Ronja, im November habe ich euren Film „True Warriors“ im Hamburger Abaton Kino gesehen. Das war die Deutschland-Premiere. Ich fand ihn sehr interessant, sehr stark und war so berührt. Vielen Dank, dass du heute Zeit hat, um mir für die „Gazelle Young“ ein Interview zu geben. Zuerst möchte ich dich fragen, aus welchem Grund du für dein Buch („Ausgerechnet Kabul“) und euren Film Afghanistan gewählt hast?

Ronja von Wurmb-Seibel: Ich bin 2012 eher zufällig nach Afghanistan gekommen. Das war für eine Reportage über den Abzug der deutschen Soldaten. Ich wollte wissen, wie es sich für sie anfühlt, den deutschen Krieg dort zu beenden. Damals hab ich nur ganz wenig von Afghanistan gesehen, weil die Soldaten fast nicht aus dem Feldlager rausdurften. Aber für mich war das wie ein Schaufenster – ich wollte danach unbedingt mehr von Afghanistan sehen und bin immer wieder hingefahren. Damals habe ich für „Die ZEIT“ geschrieben. 2013 entschied ich, länger in Afghanistan zu leben – und dort hab ich dann auch mein Buch „Ausgerechnet Kabul“ geschrieben. Darin hab ich versucht, zu beschreiben, wie es den Menschen in einem Land geht, in dem seit 40 Jahren Krieg herrscht. Das Buch erzählt von ganz verschiedenen Personen, die mich mit dem, was sie tun, besonders berührt haben. Und zum Film: Im Dezember 2014 waren mein Mann und ich zu einer Theaterpremiere eingeladen worden. Wr mussten absagen, weil wir unseren Flug nach Deutschland schon gebucht hatten und ihn nicht verschieben konnten. An unserem ersten Morgen zurück in Hamburg sind wir dann zu den Nachrichten auf Twitter und Facebook aufgewacht: Bei der Theaterpremiere hatte es einen Anschlag gegeben, zwei Menschen waren getötet worden, viele verletzt. Wir haben sofort versucht, unsere Freunde zu erreichen und haben dann ganz viele Geschichten gehört, darüber, wie sie den Anschlag erlebt haben. Nach zwei, drei Wochen wurde uns klar, dass wir daraus einen Film machen wollen. Anfangs dachten wir, dass es ein ganz trauriger Film werden wird – in dem es nur um Trauma und Angst geht. Aber als wir fünf Monate nach dem Anschlag die ersten Interviews in Kabul gemacht haben, waren wir total baff: Klar, die Leute hatten noch Angst, aber vor allem waren sie mutig und entschlossen, weiterzumachen, mit dem, was ihnen wichtig ist. Nach dem Motto: „Jetzt erst Recht!“

Wie war das Leben in Afghanistan für dich?

Ich habe direkt in der Innenstadt von Kabul gewohnt, in einer Straße mit Blumenläden, Bäckern, Obstständen… Unser Haus war ganz traditionell: ein einfacher Lehmbau mit großen Fenster. Ich mag solche Häuser gerne. Im Garten hatten wir Apfelbäume und Rosensträucher. Die Menschen, die ich kennengelernt habe, waren alle sehr gastfreundlich. Für mich war das Leben in Kabul die meiste Zeit sehr schön. Aber ich bin eben auch eine Ausländerin, das macht einen großen Unterschied. Für die meisten Afghanen, die in Kabul wohnen, ist das Leben sehr schwierig. Es gibt viel Armut und zu wenig Jobs. Viele Familien müssen jeden Tag darum kämpfen, dass sie genug Geld fürs Essen zusammenbekommen. Und es ist natürlich gefährlich. Damals gab es etwa alle zwei Wochen Anschläge – inzwischen sind es noch viel mehr geworden. Der größte Unterschied zwischen den Afghanen und mir ist, dass ich einen deutschen Pass besitze. Ich wusste immer: Wenn es wirklich schlimm wird, kann ich ein Flugticket buchen und bin am nächsten Tag raus. Aber die allermeisten Afghanen haben keine Chance, aus ihrem Land zu kommen – egal, wie gefährlich es dort ist. Das fühlt sich ungerecht an. Vieles an Kabul vermisse ich sehr: das Essen ist total lecker, die Landschaft ist wunderschön – Kabul liegt zwischen zwei Bergketten – und auf der Straße spricht jeder mit jedem. Das fehlt mir in Deutschland am meisten. Und die Afghanen, die ich kennengelernt habe, sind sehr witzig. Jeder versucht, den anderen zum Lachen zu bringen. Ich kann also sagen, dass ich in Kabul sehr viel Trauriges, aber auch sehr viel Schönes erlebt habe.

Hier in Deutschland kann man mit 18 Jahren alleine wohnen. Dort aber muss man zusammen bleiben.

Ja, das stimmt – in Afghanistan gibt es das eigentlich gar nicht so richtig, dass man alleine wohnt. Als Ausländerin hat mich das aber nicht betroffen. Nur bei den Leuten, die bei uns zuhause gearbeitet haben – eine Haushälterin und vier Pförtner – war das auch ein bisschen Familie. Sie haben ganz genau auf uns geachtet.

Ihr habt euren Film „True Warriors“ genannt. Wie seid ihr auf diesen Titel gekommen? Warum ist es ein englischer Titel und wie würdest du ihn ins Deutsche übersetzen?

Der Titel kommt von einem Satz, den die Schauspielerin Leena Alam, die bei dem Anschlag im Publikum saß, während ihres Interviews gesagt hat: Sie hat gesagt, für sie sind die Künstler in Afghanistan diejenigen, die wirklich für ihr Land kämpfen, eben „die wahren Krieger“. Zum einen, weil sie keine Waffen benutzen und niemanden töten, aber auch, weil sie ihre Gesellschaft verändern wollen und sich nicht selbst bereichern – in Afghanistan ist SchauspielerIn alles andere als ein angesehener Beruf. Auf Englisch ist der Titel, weil Leena Alam es auf Englisch gesagt hat und wir es dann im Original passender fanden als in der deutschen Übersetzung. Wir wollen mit dem Titel auch daran erinnern, dass diejenigen, die den Frieden wollen, genauso für ihn kämpfen müssen wie diejenigen es tun, die den Krieg wollen.

Leena Alam ist in Afghanistan sehr berühmt. Bevor der Anschlag passiert ist, war sie eigentlich nie draußen unterwegs. Sie hatte Angst, auf die Straße zu gehen und traute sich nicht aus dem Haus. Nach dem Anschlag und vor allem, nachdem die Religionsstudentin Farkhunda mitten in Kabul getötet worden ist, hat sich das total verändert. Leena Alam ging zu Demonstrationen, hat bei Farkhundas Beerdigung ihren Sarg getragen, und beschloss, 40 Tage nach Farkhundas Tod, ihren Mord nachzuspielen – mitten in Kabul, genau dort, wo auch der echte Mord passiert war, und ohne jede Sicherheitsmauern. Das war komplett revolutionär. In Kabul hat es so etwas wie Straßentheater noch nie gegeben. Weil es eben sehr gefährlich ist.

Was glaubst du ist die Wurzel dafür, dass Menschen in Afghanistan Selbstmordanschläge begehen? Was ist die Ursache dafür, dass der eine in Afghanistan freie Gedanken hat, zum Beispiel Theater spielt … und der andere einen Anschlag begeht, obwohl beide doch so nah zusammenleben, im selben Ort, am selben Platz?

Der Attentäter bei der Theaterpremiere war ein Jugendlicher, 16 oder 17 Jahre alt. Die Gruppen, die die Anschläge organisieren, entführen oft Jugendliche oder sogar Kinder und zwingen sie dazu, sich selbst in die Luft zu sprengen. Oder sie versprechen ihnen Geld. Sie sagen: „Wenn du es machst, zahlen wir deiner Familie so viel Geld, dass ihr restliches Leben versorgt ist.“ Grundsätzlich ist es so, dass es vor 2009 in Afghanistan kaum Selbstmordanschläge gab. Damals haben die USA unter Präsident Obama viel mehr Soldaten nach Afghanistan geschickt, mehr Bomben abgeworfen und mehr Drohnenangriffe geflogen. Und seitdem haben auch die Selbstmordattentate massiv zugenommen – sozusagen als Reaktion.
Wenn dein Bruder oder deine Schwester von einer Drohne getötet wird und du merkst, dass nichts passiert – dass die Polizei nicht kommt, dass kein Gericht ermittelt, dass niemand angeklagt und erst recht niemand bestraft wird, dann gibt es immer wieder auch Menschen, die beschließen, aus Rache nun gegen Amerika oder den Westen oder die afghanische Regierung zu kämpfen. Obwohl sie davor überhaupt kein Problem mit ihnen hatten.
Aber es gibt auch einen anderen Weg: Ein Bekannter von mir hat seinen Onkel bei einem britischen Drohnenangriff verloren – er wurde getötet, obwohl er kein Kämpfer war und nichts mit den Terroristen zu tun hatte. Er hatte einen kleinen Sohn, der inzwischen Teenager ist und kaum Erinnerungen an seinen Vater hat. Der Bekannte sagte sich damals: „Jetzt muss ich erst recht für Frieden kämpfen. Und hat eine NGO gegründet.“
Der jetztige US-Präsident hat aktuell beschlossen, wieder mehr Soldaten nach Afghanistan zu schicken, mehr Bomben zu werfen und mehr Drohnenangriffe auszuführen. Ich bin sicher, dass das nicht zu Frieden führen wird.
Bei meinem zweiten Besuch in Afghanistan habe ich einen guten Freund gefragt, der eine zeitlang in Deutschland gelebt hatte, was er glaubt, was das mit den Leuten macht, wenn man im Krieg aufwächst. Er hat damals gesagt: „Ich glaube, es gibt zwei Arten, darauf zu reagieren. Die einen sagen: ‚Ich hab gelernt, dass Gewalt alles kaputt macht. Also bin ich gegen Gewalt und gegen Waffen, und versuche, mit anderen Mitteln zu kämpfen. Die anderen sagen: Ich hab gelernt, dass am Ende immer Gewalt gewinnt. Und die folgen dann diesem Beispiel.“

Ist es ein Problem, dass viele Menschen in Afghanistan kaum Bildung erhalten? Nicht zur Schule gehen können?

Vielleicht bei den Leuten, die die Anschläge machen, aber das größere Problem sind die Leute, die dahinterstehen, die die Gewalt organisieren. Sie sind eine politische Gruppe, eine Kriegspartei. Von ihnen sind viele zur Schule gegangen. Ein großes Problem ist, dass die Arbeitslosigkeit in Afghanistan so hoch ist. Die Taliban und andere Gruppen haben durch den Drogenhandel und weil sie von anderen Ländern unterstützt werden viel Geld – sie können den Leuten Jobs bieten, mit denen die wiederum ihre Familien ernähren können. Wenn die Wirtschaftslage besser wäre, hätten mehr Menschen Arbeit und für die Taliban und andere Kämpfer wäre es schwieriger, Leute anzuwerben.

Gazelle Young-Redakteurin Zeynab im Interview mit Ronja von Wurmb-Seibel

Gazelle Young-Redakteurin Zeynab im Interview mit Ronja von Wurmb-Seibel

Jule: Wie ist die Berichterstattung über „True Warriors“ gelaufen? Die Kritiken sind ja alle sehr positiv. Habt ihr auch negative Kritik bekommen? Wie sind die Reaktionen in Afghanistan auf euren Film, trotz dass er dort nicht gezeigt wird?

Wir haben tatsächlich, außer in „Die Welt“, noch gar keine Rezension bekommen, in dem Sinne, dass jemand den Film bespricht und schreibt, was er oder sie gut bzw. schlecht daran fand. Bisher haben die JournalistInnen vor allem den Inhalt des Films beschrieben und gesagt, dass sie ihn gut finden. Wir sind auf weitere Besprechungen daher sehr gespannt. Zurzeit reisen wir mit dem Film durch Deutschland. Die meisten Menschen im Publikum reagieren sehr berührt. Am Wochenende sagte ein Afghane, dass wir den Film unbedingt in Kabul den konservativen Mullahs zeigen sollten – aber das ist ein bisschen zu gefährlich. Wir haben den Film auch eher mit einem deutschen bzw. westlichen Publikum im Kopf gemacht. Wir wollen etwas zeigen, das eigentlich selbstverständlich ist: dass die Menschen in Kabul im Grunde genau wie wir sind und die gleichen Ängste und Hoffnungen haben wie wir.

Sarah und Jenny: Hattest du, hattet ihr auch Angst, dass hier in Deutschland bei der Filmpremiere etwas passieren könnte?

Nein, darüber haben wir nicht nachgedacht. Als wir nach Partnern gesucht haben, um den Film zu produzieren, hat uns mal jemand abgesagt, weil er Angst hatte, dass bei der Premiere etwas passieren könnte. Aber aus unserer Sicht wäre das völlig absurd: Einen Film zu machen, darüber, wie wichtig es ist, sich dem Terror entgegenzustellen, und dann den Film aus Angst vor einem Anschlag nicht zeigen.

Agata: Werdet ihr den Film nochmal in Hamburg zeigen? Oder wird man ihn im Internet sehen können?

Es wird noch einige Zeit dauern, bis „True Warriors“ im Internet zu sehen sein wird. Jetzt läuft er erstmal in den Kinos, dann bei ARTE. Die Berliner Filmpremiere wird am 20.01.18 sein. Am 19.1.zeigt die Theatergruppe AZDAR, die bei dem Anschlag auf der Bühne stand, ein neues Theaterstück: „Malalai – die afghanische Jungfrau von Orléans“.

Das Interview erschien zuerst bei „Gazelle Young“. Wir danken für die Möglichkeit der Zweitveröffentlichung.

Links:
www.truewarriors.de
Aktuelle Termine zum Film

Website zum Theaterstück der Gruppe AZDAR

www.leena-alam.com
Webseite der Schauspielerin Leena Alam, berühmt in Afghanistan u.a. mit der Serie „Shirin“, in der sie eine Richterin spielt.

www.vonwurmbseibel.com
Webseite von Ronja von Wurmb-Seibel

Karten für die Berliner Filmpremiere gibt es hier.