Zwischen Nazi-Propaganda und Weltflucht: “Hitlers Hollywood”

Hitlers Hollywood

Screenshot www.hitlershollywood.de

Von Simone Wachter

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden in Deutschland über 1.000 Spielfilme gedreht. In seiner Dokumentation „Hitlers Hollywood – Das deutsche Kino im Zeitalter der Propaganda 1933 bis 1945“ zeigt der Filmkritiker und Regisseur Rüdiger Suchsland eindrucksvoll, wie Propagandaminister Joseph Goebbels ein deutsches Hollywood erschaffen wollte.

Nach Hitlers Machtergreifung wurde das ehemals bunte und vielfältige Kino der Weimarer Republik gleichgeschaltet, systematisch zur Propagandamaschinerie umgebaut und ab 1937 verstaatlicht. Schon ab März 1933 erhielten jüdische, aber auch kommunistische Schauspieler, Regisseure und Mitarbeiter Berufsverbot. Viele der bekannten Stars der Weimarer Republik emigrierten. Dennoch erlebte das deutsche Kino während der Naziherrschaft einen ungeahnten kommerziellen Höhenflug. Mehr als 1000 Spielfilme wurden zwischen 1933 und 1945 in Deutschland hergestellt, darunter jedoch nur erstaunlich wenige NS-Propagandafilme wie das unverhohlen antisemitische Machwerk „Jud Süß“ oder der Kassenschlager „Hitlerjunge Quex“. Stattdessen bot der deutsche Film vordergründig zumeist leichte und oft auch seichte Unterhaltung. Gezeigt wurden vor allem Melodramen, Detektivgeschichten, Abenteuerstreifen, Komödien oder Revuefilme, die sich mit aufwendigen US-Produktionen messen und kulturell wie kommerziell den Erfolg Hollywoods übertrumpfen sollten.

 

Zensur, Popaganda, Indoktination

Verantwortlich für das deutsche Kino war Propagandaminister Joseph Goebbels, der das Kino als Mittel zur Volkserziehung betrachtete und die Wirkung des Massenmediums Films geschickt nutzte, um Unterhaltung und Propaganda zu kombinieren. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist unter anderem der Film „Wunschkonzert“ von 1940, eine der erfolgreichsten Produktionen des Dritten Reiches, der eine banale Liebesgeschichte zur Zeit der Olympischen Spiele 1936 in Berlin mit Aufnahmen Hitlers im Olympiastadion und Wochenschauaufnahmen aus dem Krieg verbindet.

Das deutsche Kino der NS-Zeit war ein industriell produziertes Studiokino, staatlich gelenkt und rigider politischer wie kultureller Zensur unterworfen. Die Vorgaben des NS-Regimes waren strikt: Alle Regisseure mussten ihre Filme schon im Drehbuch-Stadium der Zensur vorlegen. Ziel war, die  NS-Ideologie in den Köpfen zu verankern, um das Volk gefügig zu machen. Dies sollte jedoch nicht auf zu plumpe und offensichtliche Weise geschehen. Es ging eher darum, die Zuschauer wohldosiert damit zu indoktrinieren. Gefordert wurde aber auch, dem Publikum zur Ablenkung eine heile Welt zu präsentieren. Kino als Mittel zur Weltflucht. Dies galt insbesondere für die Filme, die nach Kriegsbeginn 1939 produziert wurden. Sie waren meist als Ablenkungs- und Einlullfilme konzipiert und verherrlichten das Aufgehen des Einzelnen in der Masse, seine Hingabe für ein höheres Ideal bis hin zur Todessehnsucht.

Aber selbst bei seichten Revuefilmen blieb der Zuschauer letztlich nicht von NS-Ideologie verschont: Vor jeder Filmvorstellung wurde die als Kinozusatzprogramm vorgeschriebene  Wochenschau gezeigt, NS-Propaganda in Reinformat, von Goebbels persönlich jede Woche abgesegnet. Danach erfolgte vor dem Hauptfilm der sogenannte Kulturfilm. Hierbei handelte es sich um ideologisch-verzerrende populärwissenschaftliche „Lehrfilme“ im Stil des Dokumentarfilms. All dies musste man als Kinobesucher über sich ergehen lassen, bevor man Stars wie Zarah Leander oder Heinz Rühmann zu Gesicht bekam.

 

Welche Bedeutung steckt hinter den Filmen?

Mit „Hitlers Hollywood“ liefert Rüdiger Suchsland eine ebenso spannende wie aufschlussreiche Analyse des NS-Kinos. Thematisch knüpft er damit an seinen ersten, 2014 erschienenen, Dokumentarfilm „Von Caligari zu Hitler“ an, in dem er das Kino der Weimarer Republik durchleuchtet. Wie in diesem gelingt es Suchsland auch hier, die „deutsche Traumfabrik“ sichtbar zu machen und kritisch zu hinterfragen. Welche Bedeutung steckt hinter den Filmen? Welche Themen, Botschaften und Motive tauchen in den zahllosen Filmen, die unter dem Nazi-Regime produziert wurden, immer wieder auf? Und was verraten uns diese Filme über das Dritte Reich und seine Menschen?

„Hitlers Hollywood“ ist eine kenntnis- und materialreiche Studie, die das deutsche Kino zwischen 1933 und 1945 als staatlich gelenkte, industrielle Produktionsmaschine zur Gleichschaltung und Manipulation der Massen auf höchstem technischem Niveau zeigt. Der Dokumentarfilm geht chronologisch vor und ergänzt seine Analyse mit Wochenschau-Ausschnitten, um die Zeitgeschichte hinter der Filmgeschichte in historischem Zusammenhang einzuordnen. Am Ende des Films erläutern Texteinblendungen, was aus den Stars des 3. Reiches nach dem Krieg wurde.

„Hitlers Hollywood“ ist jedoch beileibe nicht nur ein äußerst lehrreiches Dokument deutscher Filmgeschichte, sondern weist durchaus aktuelle Relevanz auf: Suchslands Dokumentation zeigt, wie Propaganda funktioniert und wie sie Einfluss auf Menschen nimmt, ohne dass diese es mitunter bemerken. Und das gilt nicht nur für den ehemaligen NS-Staat. Rüdiger Suchsland fordert uns dazu auf, uns mit der drängenden und unbequemen Frage auseinander zu setzen, wie (und vor allem wie leicht) Menschen nicht nur damals, sondern auch heute in Zeiten von Fake News und der Allpräsenz der Medien mittels Propaganda manipuliert werden können.

Arte zeigt am 11.12.2017   Hitlers Hollywood – Das deutsche Kino im Zeitalter der Propaganda 1933 bis 1945

Weitere Infos zur Dokumentation, Kinotour und Schulmaterialien: hitlershollywood.de

 

DVD: Hitlers Hollywood – Das deutsche Kino im Zeitalter der Propaganda 1933-1945
Regisseu: Rüdiger Suchsland
FSK: Freigegeben ohne Altersbeschränkung
Studio: farbfilm home entertainment / Lighthouse Home Entertainment
Produktionsjahr: 2016
Spieldauer: 101 Minuten
Preis: 15,49€