GY: Anita Rée – Retrospektive | 06. Okt 2017 bis 04. Feb 2018 | Kunsthalle Hamburg

Selbstbildnis

 

GazelleYoung unterwegs mit der Künstlerin Maja Ilic durch Hamburger Ausstellungen, Teil 1

Sie lebte in Hamburg und meldete sich mit 19 Jahren zur Ausbildung an einer Malschule an. Wir fühlen uns mit Anita Rée verbunden, denn Ähnliches haben wir alle vor Kurzem getan: uns an Berufsschulen angemeldet. Der große Unterschied: Bei Anita Rée war das vor 113 Jahren und für die damalige Zeit absolut unüblich für eine junge Frau. Den Mut dazu hatte sie sich einfach genommen, sich auf die Suche gemacht nach einem Leben, das ihren Wünschen gerecht wird. Traurig und nachdenklich, dunkel und schön, verrückt bunt: So wirken Anita Rées Bilder auf uns. Wir sehen berührende Portraits, menschenleere Städte und weite Natur. Wie lässt sie diese Vielfalt entstehen? Wer ist sie?

Unsere Redakteurin Weronika Ferenc wirft in der aktuellen Ausgabe der GazelleYoung, der Nummer 6, die Frage danach auf, wo im männlich geprägten Kunstbetrieb die Künstlerinnen zu finden sind? Begleitet von Maja Ilic, selbst Künstlerin, haben wir uns auf die Suche nach ihnen begeben.

Unsere erste Entdeckung (weitere werden folgen) ist die Werkschau zu Anita Rée, eröffnet am 06. Oktober in der Hamburger Kunsthalle. Sie ist mit 200 Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und gestalteten Objekten die erste umfassende Ausstellung einer sehr bedeutenden, aber bis vor Kurzem viel zu wenig sichtbaren Malerin des frühen 20. Jahrhunderts. Wir empfehlen diesen Ausstellungsbesuch stadtübergreifend allen (nicht nur Frauen), die sich für Malerei interessieren – und möglicherweise auf einer ähnlichen Suche sind wie wir.

Neben unserer Redakteurin sind unsere Gestalterinnen Julia Fechner und Jenny Stampli der Frage nachgegangen, welches Bild sie beim Ausstellungsbesuch am meisten anspricht und warum. Diese Frage haben wir auch Maja Ilic gestellt. Die Antworten sind hier zusammengetragen.

 

Mädchenbildnis (Käthe Robinow?)
Öl auf Leinwand, vor 1917
Maedchenbildnis

Dieses Gemälde von Anita Rée spricht mich besonders an und sagt mir sogar, dass jede Frau und jedes Mädchen, unabhängig vom Alter, depressiv und traurig sein kann. Für mich ist die Botschaft des Bildes, dass das Mädchen sich um ihren Bruder, ihre Mutter oder sogar eine Freundin sorgt. Ihr Gesicht ist traurig und auch nachdenklich, und wenn sie ihre Hand an die Halskette legt, kann sie von Angst oder Nachdenklichkeit sprechen.

betrachtet von Weronika Ferenc, Redakteurin

Mondnacht in Positano
Aquarell, 1922-1925
Mondnacht

Dieses Bild sagt mir, dass es nachts schön ist. Sterne im dunklen Blau und Frieden auf den Straßen. Man könnte sagen, dass der Titel „Die Nacht – beste Zeit zum Nachdenken“ sehr gut zu diesem Bild passt.
betrachtet von Weronika Ferenc, Redakteurin

Casa Ferdinando con Città Morta, Positano
Aquarell, 1922-1925
Casa_Ferdinando_con_Citta_Morta

Ich habe das Bild nicht direkt in der Ausstellung ausgesucht, es war auch nicht unter den 3 Bildern, die zu meiner ursprünglichen Auswahl gehörten. Die Farbgebung, die changierende und das Bild fast sezierende, aufgebrochene Perspektive haben aber eine so überraschende Dynamik, dass es mich im Zurücksehen neugieriger als andere Bilder machte. Rée präsentiert hier ihr ganz eigenes Konglomerat aus Anleihen an verschiedene Epochen und Stilrichtungen, verwoben zu einem komplexen und individuellen Charakter. Der Titel hat mich zusätzlich herausgefordert; ein “mit” (der Titel in Übersetzung: „Haus Ferdinando mit toter Stadt“) schien mir fast anmaßend, kompositorisch ebenso wie perspektivisch.* Aber als Teil des Bildes betrachtet ist er organisch und komplettiert damit die Dynamik, die mich so angezogen hat. *Um auf einer zweidimensionalen Fläche Dreidimensionalität darzustellen, wird die Zentralperspektive („Fluchtpunkt“) eingesetzt. In diesem Bild sehe ich 2 Fluchtpunkte (also eine Zweifluchtpunktperspektive), die hier eher eine Trennung als ein Miteinander entstehen lässt. Daher die Irritation, die der Titel bei mir hervorgerufen hat, um sich dann in näherer Betrachtung umso eindrucksvoller wieder mit dem Bild zusammenzufügen.

 betrachtet von Maja Ilic, Künstlerin

Sylter Dünen
Aquarell über Bleistift, 1932/33
Sylter-Duenen

Besonders fasziniert hat mich das Aquarell von einer Düne auf Sylt. Ich hab das Bild gesehen und wurde sofort an einen meiner Urlaube auf der Nordsee-Insel erinnert. Wie ich in den frühen Morgenstunden zum Strand spaziert bin und weit und breit kein Mensch in Sicht war. Das Einzige, was ich sah, war die atemberaubende Natur und eine Düne wie auf diesem Bild im Museum. Ich finde es total faszinierend, wie etwas, das vor so vielen Jahren gemalt wurde, heutzutage noch in der Natur wiederzufinden ist.

betrachtet von Julia Fechner, Gestalterin

Bildnis Eleonora Duse
Kohle, 1926
Bildnis-Eleonora-Duse

Die Sprache dieses Porträts ist geradezu kindlich simpel. Es erzählt von einer stolzen Frau, die sich ihrer Rechtschaffenheit sicher ist. Eleonora war wahrscheinlich eine schöne und stilvolle Frau, und dieses Porträt erzählt davon.
                                                                                  betrachtet von Weronika Ferenc, Redakteurin

Fabeltier nach rechts
Öl auf Leinwand, um 1931
Fabeltier-nach-rechts

Zwei Fabeltiere
Öl auf Leinwand, um 1931
Zwei-Fabeltiere

Fabeltier nach links
Öl auf Leinwand, um 1931
Fabeltier-nach-links

Ein Großteil von Anita Rées Bildern wirkt auf mich eher düster und traurig. Da empfand ich den Raum mit den Fabelwesen als eine angenehme Überraschung. Die bunten Farben und verschnörkelten Formen bilden zu den anderen Bildern einen harten Kontrast und zauberten mir ein Lächeln aufs Gesicht. Wo die anderen Bilder mich sehr zum Nachdenken anregten, konnte ich hier spüren, wie Anita Rée bei dieser Bilderreihe über eine bessere Welt fantasierte, in der alles bunt und glücklich ist. Zudem sehen die Fabelwesen aus wie verrückte, bunt gemischte Gazellen. Also passen sie perfekt zu uns.

betrachtet von Jenny Stampli, Gestalterin

 

Weiterführende Links

www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/anita-ree
Anita Rée Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle

www.garten-der-frauen.de/erinnerung.html#ree

Zur Biografie von Anita Rée

 

www.gedok-hamburg.de/Kuenstlerin

Anita Rée, Mitbegründerin der noch heute aktiven Künsterinnengemeinschaft GEDOK

 

www.mkg-hamburg.de/de/ausstellungen/aktuell/eigensinn.html

Ausstellung „Eigensinn – GEDOK-Künstlerinnen in der Hamburger Sezession“, Laufzeit: 21. Oktober 2016 bis Februar 2018, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

 

Ausstellungsbesuch
Dienstag – Sonntag 10-18 Uhr | Donnerstag 10-21 Uhr | Montag geschlossen Öffentliche Führungen: samstags 15 Uhr, sonntags 12 Uhr
www.hamburger-kunsthalle.de/besuch

Audio-Guide
Sophie Rois, Schauspielerin und Sängerin, spricht den Audio-Guide zur Ausstellung. Anbei drei Bildbeschreibungen von ihr gelesen: www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/anita-ree
> Audioguides zur Ausstellung – mit der Stimme von Sophie Rois

Gespräch über Kunst
… und zur Frage, warum so viele berühmte Maler (Künstler) eigentlich Männer sind (Redakteurin Weronika Ferenc und die Künstlerin Maja Ilic)
Link zum Interview in der GazelleYoung6

Arbeiten von Maja Ilic
www.khm.de/personen_studierende/id.3047.maja-ilic/

Blog von GazelleYoung
Auf unserem Blog stehen bald Informationen über unsere nächsten Ausstellungsbesuche mit Maja Ilic. Gäste sind willkommen! Anmeldung per E-Mail an gazelle.young7@gmail.com

GazelleYoung auf Facebook
www.facebook.de/Gazelle-Young

 

Text: Weronika Ferenc, Maja Ilic, Julia Fechner, Jenny Stampli
Recherche: Weronika Ferenc, Mirjam Böhmer
Übersetzung Polnisch-Deutsch: Maja Ilic, Weronika Ferenc
Bildnachweis: Selbstbildnis © Hamburger Kunsthalle / bpk
Foto: Elke Walford; Fotos vom Ausstellungsbesuch: privat