Neue Serie “Frauengesundheit” – #1 Eierstockkrebs

 »Was Frauen unbedingt wissen sollten!«

Thema 1: Eierstockkrebs

Gespräch Krebsspezialist Prof. Dr. Jalid. Sehouli aus der Berliner Charité

Dr. Jalid Sehouli ist Direktor der Frauenklinik an der Berliner Charité und Schriftsteller

Prof. Dr. Jalid Sehouli ist Direktor der Frauenklinik an der Berliner Charité

Die Medizin hat sich in den letzten Jahren aufgrund intensiver nationaler und internationaler Forschungsaktivitäten erheblich weiterentwickelt. Dennoch erreichen viele medizinische Verbesserungen trotz ihrer Verfügbarkeit noch nicht alle Frauen. Information und Wissen sind die Grundpfeiler für eine aktive Einbindung der Frau in den medizinischen Entscheidungsprozessen.

Daher haben wir nun diese Serie für Sie ins Leben gerufen. Wir starten in dieser Ausgabe mit dem Thema Eierstockkrebs und werden in den folgenden Beiträgen u.a. die wichtigsten Fakten zum Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) und seiner Krebsvorstufen (Dysplasien), Gebärmutterkrebs (Endometriumkarzinom), Brustkrebs (Mammakarzinom) und Darmkrebs (Kolonkarzinom) aber auch gutartige Diagnosen wie Endometriose und Myome thematisieren.

Prof. Dr. Jalid Sehouli, Direktor der Klinik für Gynäkologie der Berliner Charité, Frauenarzt und renommierter Krebsspezialist beantwortet hierzu für Gazelle exklusiv die wichtigsten Fragen, gerne können Sie uns Anregungen zu den nächsten Themen und Ihre Fragen an die Redaktion zusenden.

 

Professor Dr. Jalid Sehouli,wie häufig tritt Eierstockkrebs auf?

Eierstock-, Eileiter- und Bauchfellkrebs sind an sich seltene Tumoren, nur etwa 14 von 100.000 Frauen erkranken jährlich in Deutschland daran, somit erkranken etwa 8.000 Frauen pro Jahr allein in unserem Land. Im Vergleich hierzu wird bei etwa 45.000 Frauen pro Jahr die Diagnose Brustkrebs ausgesprochen. Der Eierstockkrebs gehört aufgrund seiner komplexen Anforderungen an die Behandlung zu den echten Problemerkrankungen in Deutschland. Dies liegt zum Einem daran, dass bisher keine sichere Vorsorge existiert und zum Anderem die Qualität der Behandlung in Deutschland leider nicht flächendeckend gegeben ist und leider viele ungenügende und nicht-leitlinien entsprechende Behandlungen bei Frauen mit Eierstockkrebs, Bauchfell- und Eileiterkrebs durchgeführt werden, die erhebliche negative Einflüsse auf die Erfolgsraten haben.“

 

Sie sprechen immer von Eierstock,- Bauchfell und Eileiterkrebs, warum?

Weil diese Tumoren eine gemeinsame Diagnosegruppe darstellt, nur unterschiedliche anatomische Ausprägungen darstellen und sowohl von der Entstehung als auch der operativen und medikamentösen Krebsbehandlung identisch sind.

 

Was ist Eierstock-, Eileiter- und Bauchfellkrebs?

Der Eierstockkrebs entwickelt sich aus den oberflächlichen Zellen des Eierstocks oder des Eileiters. Neuere Studien zeigen aber, dass bei vielen Patientinnen die Krebsvorläuferzellen aus dem Eileiter stammen, und „rückwärts“ zum Eierstock wandern und sich dort erst zum eigentlichen Krebs umwandeln. Auch beim Bauchfellkrebs (Peritonealkarzinom) können bei etwa der Hälfte der Patientinnen diese Krebsvorläuferzellen in den Eileitern nachgewiesen werden. Das ist auch der Ansatz der vorbeugenden Eileiter- und Eierstockentfernung bei Frauen mit einem erhöhten Risiko, welcher minimal-invasiv, also über die Schlüsselloch-Chirurgie durchgeführt werden sollte.

 

Was sind die Ursachen?

Die genauen Ursachen dieser Krebserkrankungen sind trotz vieler neuer Einblicke in der Tumorbiologie des Eierstockkrebses noch nicht abschließend geklärt. Verschiedene Theorien existieren, die jedoch das Einzelschicksal nur ungenügend erklären können.

Bei ca. 10-20 Prozent der Patientinnen liegt eine genetische Veranlagung vor (Veränderungen des. BRCA-1 oder -2 Gens) vor, die dann mit 50 Prozent an die Kinder weitervererbt werden können

Auch die Ernährung (übermäßiger Verzehr von gesättigten Fettsäuren) kann wie bei anderen Krebsarten, wie Darm- oder Brustkrebs einen Einfluss haben. Bei der Entstehung von Eierstockkrebs ist das Zusammentreffen mehrerer (teilweise noch unbekannter) Faktoren ausschlaggebend. Die Psyche spielt bei Krebserkrankungen selbstverständlich eine große Rolle, entgegen der weitläufigen Meinung ist aber die Psyche nicht Ursache der Krebserkrankung. Nach einer eigenen Untersuchung gaben viele Patientinnen an, dass sie privaten oder beruflichen Stress als Gründe ihre Krebserkrankung ansahen, unzählige wissenschaftliche Untersuchungen konnten aber dies eindeutig widerlegen. Also psychsiche Faktoren sind nicht die Ursache der Krebserkrankung, es gibt auch keine Krebspsyche. Dennoch ist klar, dass jede schwere Erkrankung, die eigene Psyche und Seele berührt und daher dies auch zum modernen gesamtmedizinischen Konzept.

 

Sie sprachen die Vererbung an. Wer sollte sich wegen des Risikos genetisch untersuchen lassen?

Alle Frauen, die an Eierstock-, Bauchfell-, oder Eileiterkrebs erkrankt sind, haben aktuell die Möglichkeit als Kassenleistung eine genetische Beratung zu erhalten, dies schließt dann auch die Angehörigen ein. Jede muss aber für sich entscheiden, ob eine genetische Testung bei sich erfolgen soll. Dies hat natürlich Konsequenzen und betrifft meist nicht nur das Risiko für die Entwicklung eines Eierstockkrebses, sondern auch von Brustkrebs. Hierzu sollten Betroffene sich beispielsweise beim BRCA-Netzwerk und den Konsortialzentren informieren.

 

Warum gibt es denn keine Vorsorge?

Für den Eierstock-, den Eileiter- und Bauchfellkrebs existiert zurzeit leider keine sichere Früherkennungsuntersuchung, wie es beim Brust- oder Gebärmutterkrebs erfolgen kann. Die drei Krebsformen zeigen meist einen sehr schleichenden Verlauf mit zu Anfang sehr uncharakteristischen Beschwerden, wie anhaltenden Bauchschmerzen, Zunahme des Bauchumfanges und Harndrang. Große Reihenuntersuchungen an zigtausenden von Frauen zeigten, dass trotz systematischen Einsatzes von vaginalen Ultraschall, Tumormarkerbestimmungen im Blut und regelmäßigen gynäkologischen Untersuchungen es nicht gelang den Anteil der Frühstadien so zu erhöhen, dass auch die Gesamtprognosen günstig zu beeinflussen. Der Großteil der identifizierten Krebspatientinnen hatten leider sogar fortgeschrittene Tumorstadien.

Auch die bekannten Zellabstriche, wie beim Gebärmutterhalskrebs und der Erkennung seiner Frühstadien (Dysplasien), machen beim Eierstockkrebs keinen Sinn, da Ansiedlungen in die Gebärmutter nur sehr selten zu beobachten sind und der Zellabstrich (PAP-Abstrich) an sich nur Zellen des Gebärmutterhalses erkennen, kann. Der Eierstock hat zudem keine eigentliche direkte Verbindung mit der Gebärmutter. Die Krebszellen sind meist in der Bauchhöhle und nicht in der Gebärmutter.

Neuere Studien suchen aber weiter nach neuen Möglichkeiten zur Früherkennung. Da bin ich optimistisch, dass wir in den nächsten Jahren etwas präsentieren können. So untersuchen wir im Rahmen einer Studie beispielsweise gerade den Nachweis bestimmter Krebsgene in der Gebärmutter.

 

Stimmt es, dass nahezu jede zweite Frau mit Eierstockkrebs in Deutschland nicht adäquat behandelt wird?

Ja, auf Basis der seit Jahren eingeführten freiwilligen Qualitätssicherung mussten wir erkennen, dass sowohl in der operativen als auch medikamentösen Behandlung nicht alle Möglichkeiten aufgrund des fehlenden Wissens oder der fehlenden Expertise für die Patientinnen ausgeschöpft werden. Dazu gehört auch die Möglichkeit zur Teilnahme an innovativen Studien. Zudem ist die Studienteilnahme nach unseren Analysen ein Qualitätsmerkmal der Klinik und Praxis.

 

Was sind die Grundpfeiler der Behandlung?

Die operative Behandlung steht stets am Anfang des onkologischen Gesamtkonzeptes. In den allermeisten Fällen (Ausnahme: sehr frühes Tumorstadium) gehört auch eine anschließende Chemotherapie zur Standard-Erstbehandlung im Anschluss der Operation.

In den meisten Fällen sind Operation und Chemotherapie als ein gemeinsames integrales Konzept zu verstehen.

Die Operation gilt als die erste und wichtigste Säule in der Behandlung des Eierstock-, des Eileiter- und des Bauchfellkrebses. Die Operation verfolgt zwei ganz wesentliche und unverzichtbare Ziele:

Die Operation ist außerdem die wichtigste Diagnosemethode. Neben der Sicherung der Erkrankung mittels anschließender feingeweblichen Analyse während der Operation kann der Operateur nur durch den Blick in den Bauchraum und dem Abtasten aller Organe und Organstrukturen eine exakte Beschreibung der Tumorlokalisation und -ausdehnung vornehmen. Die Operation dient der sog. maximalen Tumorverkleinerung bzw. -entfernung. Sie versucht zum einen, die vorhandenen Beschwerden (z.B. Darmverschluss) zu beheben oder ihnen vorzubeugen und unter anderem stellt der sog. postoperative Tumorrest den wichtigsten Prognosefaktor dar. Frauen ohne oder mit nur sehr geringem Tumorrest haben im Vergleich zu Patientinnen mit großem Tumorrest eine deutliche bessere Prognose. Nur wenn die Operation optimal durchgeführt wird und es gelingt alle Tumorknoten zu entfernen hat die anschließende Chemotherapie eine echte Chance auch langfristig eine Tumorkontrolle zu erzielen.

Bei der sehr aufwendigen und häufig mehr als 5 Stunden dauernden Operation werden in der Regel folgende Maßnahmen durchgeführt: Entfernung der Eierstöcke (Adnektomie), Entfernung der Gebärmutter (Hysterektomie) und der Entfernung des sog. großen Netzes (Omentektomie).

Bei Befall von anderen Organen wird auch in vielen Fällen zur kompletten Tumorentfernung eine Darmresektion notwendig sein. In einigen Fällen ist auch das Bauchfell dermaßen befallen, dass auch dieses in größeren Teilen entfernt werden. Die Qualität der Erstoperation ist prognosenentscheidend und sollte daher nur in ausgewiesenen Zentren erfolgen!

Der Eierstock-, der Eileiter- und der Bauchfellkrebs haben die Eigenschaft, bereits frühzeitig Tumorzellen in die Bauchhöhle (Bauchfell) und Lymphknoten anzusiedeln. Auch wenn der Tumor operiert ist, verbleiben oftmals bösartige Zellen, die weder mit dem bloßen Auge, während der Operation noch mit den bildgebenden Verfahren sichtbar sind, aber Ausgangspunkt für einen Rückfall (Rezidiv) der Krebserkrankung sein können. Verschiedene Untersuchungen konnten eindeutig zeigen, dass eine über die Vene verabreichte Chemotherapie das Widerauftretungsrisiko erheblich verringern kann.

Großangelegte und internationale Studien zeigen zudem für die fortgeschrittenen Tumorstadien eine Verbesserung der sog. progressionsfreien Überlebenszeit, d.h. die Zeit bis zum Wiederauftreten oder Fortschreiten der Krebserkrankung, durch die Hinzunahme eines sog. zielgerichteten Medikament, des Bevacizumabs. Dieses Medikament hemmt insbesondere die Tumorgefässneubildung (Angiogenese), ein Mechanismus, den der Krebs zum Weiterwachsen, für seine Ernährung benötigt.

 

Wo können Interessierte weitere Informationen zu Eierstock-, Eileiter- und Bauchfellkrebs erhalten?

Der Eierstockkrebs, Eileiterkrebs und Bauchfellkrebs ist selten, auch in der Gesellschaft hört man sehr wenig über diese Erkrankungen. Positive Nachrichten zu diesen Themen sind noch seltener und dringen meist gar nicht zu den Patientinnen und Angehörigen, obwohl es diese gibt. Und nochmals dieses Bewusstsein ist wichtig, nicht nur für die Psyche, sondern auch für die Prognose. Daher empfehlen wir stets eine Zweitmeinung von kompetenter Stelle einzuholen.

 

Die Deutsche Stiftung Eierstockkrebs arbeitet genau dafür, dass Patientinnen und ihre Angehörige aber auch alle Beteiligten im Gesundheitssystem über diese Erkrankung besser und gezielter informiert werden. Die Aufklärung der Betroffenen mit Eierstockkrebs über alle Behandlungsmöglichkeiten und ihren Alternativen mit all ihren Auswirkungen auf die Prognose aber auch auf das persönliche Leben im täglichen Alltag ist die unabdingbare Grundlage jeglicher Therapieentscheidung. Hier existieren aber weiterhin noch erhebliche Defizite.

Die Stiftung Eierstockkrebs arbeitet mit Nachdruck daran, dies zu ändern und setzt sich in besonderem Maße auch dafür ein, dass die Aufklärung von Patientinnen und ihren Angehörigen zur Erkrankung und zu den einzelnen Behandlungsschritten entscheidend verbessert wird. In enger Zusammenarbeit mit dem Europäischen Kompetenzzentrum für Eierstockkrebs der Charité haben wir nun eine Vielzahl an Materialien für Patientinnen und ihre Angehörige erstellt. Hierzu zählen Broschüren, Interviews, die Zeitschrift „Die zweite Stimme“ und Videos und Filme und dies in verschiedenen Sprachen, wie deutsch, arabisch, türkisch und russsisch. An der Sprachbarriere darf Information und Aufklärung nicht scheitern.

 

Die Stiftung Eierstockkrebs fördert zudem innovative Forschungsprojekte zur Tumorbiologie, Diagnostik, Therapie und Nachsorge. Sie veranstalten nun mit der Deutschen Stiftung für Eierstockkrebs einen Literaturwettbewerb, wieso das?

Ja, das stimmt, und das freut uns riesig, dass wir soviel positive Resonanz hierzu erhalten.

Nach den letzten großen Erfolgen unserer Stiftung und DIWA-Community zu Mode (Modenschau Size Hero) und Singen („Singen gegen Eierstockkrebs“) startet nun diese Aktion zum Thema „Leben und Lebensfreude“. Wir wollen zeigen, dass es trotz schwerer Erkrankung doch stets um dieselben Lebensinhalte geht. Wir alle wollen gut und lange Leben. Jede kreative Bewegung kann unglaubliche und positive Energie auslösen und Menschen in Verbindung bringen. „Schreiben bedeutet ja in Dialog zu gehen, ganz bewusst und zwar mit sich selbst und mit der großartigen Möglichkeit mit anderen Menschen in Gespräch zu kommen. Wie sagte es der französische Autor Jules Renard: „Schreiben ist nur eine Art des Sprechens, bei der man nicht unterbrochen wird. In der Jury für die Auswahl der authentischsten Texte sind tolle Prominente, wie Nina George, Wolfgang Kohlhase, Moritz Rinke, Dr. Leonhard und Patricia Riekel.

Für den Literaturwettbewerb der Deutschen Stiftung für Eierstockkrebs bedeutet das: Es werden nicht nur klassische literarische Kriterien gesucht, sondern es geht um die Gefühle und Gedanken, die der Text erweckt und dessen Potential, Dialoge mit sich selbst und anderen Menschen zu provozieren. Alle Arten von Texten, Gedichten, Aphorsimen und Kurzgeschichten sind erwünscht, als Betroffene, als BegleiterIn oder BeobachterIn, Einsendeschluss ist der 28.02.2018.

 

Ich danke Ihnen für das sehr interessante Interview!

Ich danke Ihnen für die so freundliche Atmosphäre.

Das Interview führte der Journalist und Filmproduzent Ahmed Abida.

 Für weitere Infos:

www.deutsche-stiftungeierstockkrebs.de

DIWA (Du Ich Wir Alle) www.facebook.com/DIWA.community