„Ich spreche doch mit meinen Patientinnen nicht nur über die Krankheiten“

Dr. Jalid Sehouli ist Direktor der Frauenklinik an der Berliner Charité und Schriftsteller

Dr. Jalid Sehouli ist Direktor der Frauenklinik an der Berliner Charité und Schriftsteller

Von Abderrahmane Ammar

Jalid Sehouli ist tagsüber Chirurg und am Abend Schriftsteller, Gesundheitspolitiker, Ehemann und Familienvater. „Auch früher hatten die Ärzte verschiedene Berufe“, sagt Jalid Sehouli, wenn man ihn auf seine vielfältigen Aktivitäten anspricht. „Diese Rollen stehen auch nicht im Widerspruch und nicht immer in Konkurrenz. Als Arzt sollte Mensch stets an das Ganze und die gesamte Persönlichkeit denken. Ich spreche doch mit meinen Patientinnen nicht nur über die Krankheiten, sondern auch über Dinge, die für sie und mich wichtig sind und auch einen erheblichen Einfluss auf die Gesundheit und der Krankheitsbewältigung haben.“
Professor Dr. Jalid Sehouli gehört zu den international renommiertesten Spezialisten auf dem Gebiet des Eierstockkrebses und ist zudem Direktor der Frauenklinik an der Berliner Charité und im Vorstand der Deutschen Stiftung Eierstockkrebs. Er ist ganz stolz darauf, dass er zuerst als Krankenpfleger seinen Weg in der Charité begann und über ein Vorstellungsgespräch den heiß ersehnten Medizinstudienplatz ergatterte. Er hat sich vom Medizinstudenten über den Assistenten, den Oberarzt, den leitenden Oberarzt zum Chefarzt und bis zum Direktor der Klinik weiterentwickeln können. Er scheint die Herausforderungen zu lieben.

 

Im Bann der Städte Marrakesch und Tanger

Im Jahr 2011 debütierte er mit seinem Buch „Marrakesch“, welches inzwischen in der dritten Auflage sowie in der russischen und arabischen Sprache vorliegt. „Niemand wollte zu Anfangs mein Buch. Wieder ein Arzt, der glaubt Schreiben zu können“, so hieß es zunächst von Verlag zu Verlag. „Dann aber las mein Buch ein Freund, der sonst nur medizinische Bücher veröffentlicht und er war begeistert von den Geschichten über einer der geheimnisvollsten und faszinierendsten Städte dieser Welt: Marrakesch.” Der deutsche Arzt mit marokkanischen Wurzeln, der nie in der Heimat seiner Eltern lebte und in Berlin geboren ist, reiste insgesamt fünf Mal nach Marrakesch. Er berührt mit den großen Themen Sehnsucht, Liebe und Schmerz und die scheinbaren Widersprüche dieser Stadt Marrakesch.
In seinem zweiten Buch dreht sich nun alles um Tanger. Die weiße Perle im Norden Afrikas. Sie ist die nördlichste Stadt des Königreichs Marokko, die wegen hungriger Schmuggler, exzentrischer Literaten, Getriebener und glückloser Glücksritter lange Zeit so verrufen war und Magnet unzähliger außergewöhnlicher Menschen und ihrer Geschichten ist.
Tanger ist auch die Heimatstadt Sehoulis Eltern. Es ist ein persönliches Buch über Tanger und Berlin. Das Buch war bereits begonnen, als der plötzliche Tod seiner geliebten Mutter dem Buch seine besondere Prägung gab; die Geburt seines Sohnes Lazar und ein brutaler Überfall auf ihn am helllichten Tage in der Klinik geben dem Buch eine starke Prägung. Obendrein fesseln die Geschichten Tangers und lassen einen nicht mehr los.

 

 

„Jeder braucht einen Raum für sich“

Dr. Jalid Sehouli im Interview

 

Warum schreiben Sie neben Ihren Lehrbüchern und Forschungsarbeiten auch noch über die Philosophie, die Kulturen und Ihrer Kindheit?

Schreiben ist für mich ein wunderbares Instrument mit mir selbst und mit anderen Menschen in Dialog zu kommen. Am Ende des Tages sind das doch die Aspekte, die unser Leben auszeichnen sollten. Es sind die menschlichen Beziehungen, nicht die käuflichen Attribute. Jeder braucht einen Raum für sich, wo er alleine ist, wo er sich fallen lassen kann und in dem er sich sicher und geborgen fühlt, für mich schaffe ich diesen Raum durch mein Schreiben über das Leben.

Hat denn Schreiben auch eine Bedeutung für die Medizin?

Schreiben hilft seine Gedanken und Emotionen auszudrücken. Das ist auch bei der Krankheitsbewältigung wichtig. Schreiben kann dabei helfen die Gefühle, die Ängste, die Zweifel zu artikulieren und sie sichtbar und bewusst zu machen. Schreiben oder Malen können daher dabei helfen. Wir an der Charité haben auch einen Kreativ-Schreibkurs für Krebspatientinnen entwickelt und die Patientinnen sind begeistert.

Schreiben Sie gerade ein neues Buch?

Ja! Es ist stets wichtig, dass Sie als Schriftsteller so wie auch als Arzt oder Wissenschaftler immer weitermachen. An sich weiterarbeiten und dadurch sich weiterentwickeln und verbessern können. Zur Zeit schreibe ich ein Buch über die Übermittlung von schlechten Nachrichten. Im englischsprachigen Raum spricht man von „Breaking Bad News“. Hierbei geht es mir darum keine Angst vor der Wahrheit zu haben und meine Erfahrung im Umgang mit Krebspatienten und ihren Familien zu teilen und die Geschichten nach der Übermittlung der schlechten Nachricht aus Sicht der Boten, der Empfänger und der Beobachter weiter zu erzählen.

Sie engagieren sich auch für das Thema interkulturelle Kompetenz im Gesundheitswesen. Was machen Sie da genau?

Interkulturelle Kompetenz ist ja in aller Munde, wenn man aber ehrlich ist, versteht jeder etwas anderes darunter und Forschung gibt es hierzu auch nicht viel. Ich habe vor einigen Jahren an der Charité begonnen Curricula für Ärzte und Pflegepersonal zu entwickeln, um dieses so relevante Thema in der klinischen Praxis strukturell und systematisch zu bearbeiten. Wie kann man von einer personalisierten Medizin sprechen, wenn wir hierzu nur ungenügend ausgebildet sind. Außerdem konnten wir nun mit der Unterstützung der Senatorin Frau Dilek Kolat eine Berliner Koordinierungsstelle einrichten, die die Aus- und Weiterbildungsangebote in allen medizinischen Berufen identifiziert und Umfragen zum Bedarf durchführt.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Hier geht es zur Leseprobe von  “Und von Tanger fahren die Boote fahren nach irgendwo”.