Auszug aus „Und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo”

Tanger Sehouli BuchcoverUnd in Tanger kommen die Schiffe an, und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo

Tanger liegt eine vier- bis fünftägige Autoreise von Berlin entfernt. Um nach Tanger zu kommen, muss man sich anstrengen. Ohne Anstrengung erfährt man aber nur selten etwas wirklich Besonderes. Tanger kann belohnen.

Tanger wird die weiße Taube auf der Schulter Afrikas genannt. Daher sind die Häuser Tangers wohl auch überwiegend weiß gestrichen, nicht purpurrot wie in Marrakesch, nicht himmelblau wie in Ifran, Chefchaouen oder Asilah. Weiß ist die Grundfarbe des bunten Tanger. Ich reise zu den schönsten Farben.

Aufgrund der einzigartigen Geschichte von Tanger, seiner Lage und seiner unzähligen Geheimnisse und heimlichen Parralellwelten war Tanger lange als das Mekka von Schmugglern, Abenteurern, Exzentrikern, selbsternannten Glücksrittern, Marginalisten und Schauspielern verrufen und geschätzt. Die Schmuggler wurden von den „Tangauis”, den Einheimischen Tangers, von denen viele nie eine Schule besucht hatten, stets nur Trabandos genannt und nicht, wie es auf Spanisch an sich heißt, Contrabandista.

Dabei wird stets zwischen den angesehenen und verrufenen Trabandos unterschieden. Drogen und Prostitution werden verachtet, von dem Schmuggel mit teuren Waren wird respektvoll gesprochen.

Verfolgte Juden und Gegner Francos, Faschisten, Menschen, die ein neues Zuhause suchten, alle fanden in Tanger immer Zuflucht. Tanger nimmt Menschen und ihre Seelen häufiger auf, als dass sie diese loslässt. In Tanger leben mehr Menschen, als dass sie hier sterben.

Manche von ihnen beendeten in Tanger ihre Flucht, manche setzten ihre Flucht weiter fort. So verschieden sie auch waren, Tanger machte sie einander ähnlicher. Tanger verwischt die Unterschiede und erweckt die Gemeinsamkeiten.

In Tanger muss sich weder das geheime Verbrechen noch das schwere Laster verkriechen. Tanger erlaubt vieles, Tanger verzeiht. In Tanger kann ein jeder frech und mit gehobenem Kopf die Straßen entlang stolzieren. Ein jeder Mensch kann in die Augen des anderen schauen, ohne schlechtes Gewissen. Das Gewissen interessiert in Tanger niemanden.

Unzählige Menschen wurden von Tanger magisch angezogen ‒ Arme, Reiche, Berühmte und Unbekannte. Manche rannten, andere liefen, einige wurden hierher getragen, andere wiederum vertrieben. Tanger liebt das Blut der Menschen, bringt es in Wallung.

Tanger ist der prognostische Puls der Welt, es ist wie ein Traum, der aus der Vergangenheit eine Brücke in die Zukunft schlägt, eine Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit“, so beschrieb es William Burroughs.

Für viele Menschen ist das Suchen das zentrale Thema ihres Lebens, mag es bewusst oder unbewusst sein.

In Tanger suchten unzählige Menschen nach ihrer ganz persönlichen Geschichte, nur wenige aber konnten sie finden.

Taher Shah, ein in Marokko lebender Afghane, traf in Casablanca auf der Suche nach seiner eigenen, ihm nicht bekannten Geschichte ganz unverhofft einen fliegenden Händler, der ihm unbedingt „etwas“ besorgen wollte. Aus Verlegenheit und wohl um ihn loszuwerden, fragte er den etwas penetranten Händler nach der Originalausgabe des Alf Lalla wa Lalla, der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht in der berühmten Übersetzung von Richard Francis Burton. Es war das Buch, welches sein geliebter Vater einem fremden Gast aus purer Gastfreundschaft geschenkt hatte und so seinem Sohn nicht vermachen konnte. Eine schier unlösbare Aufgabe für den Händler. Taher war über seine Antwort sehr zufrieden; er wollte den Händler doch endlich loswerden, und mit seinem wohl unerfüllbaren Wunsch war es ihm gelungen ‒ der Händler ging seines Weges.

Viel Zeit verging, vieles kam in Taher Shahs Leben dazu, vieles schien er inzwischen vergessen zu haben, auch seine kurze Begegnung mit dem fliegenden Händler an der Tür seines Hauses.

Aber dann, er konnte es nicht fassen, erhielt er einige Jahre später völlig unverhofft einen Anruf eines Italieners aus Tanger. „Ich habe das Buch“, sagte der Mann. Taher konnte es nicht glauben, er packte seine Sachen und fuhr hastig mit dem Zug nach Tanger. Schon kurz nach seiner Ankunft hielt er das Buch seines Vaters in Händen, und dies für einen Spottpreis. Tanger gab ihm aber mehr als nur ein Buch; Tanger half auch ihm bei seiner ganz persönlichen Geschichte. Tanger vergisst die Wünsche nicht.

Sage Tanger, was du suchst, und Tanger wird es vielleicht für dich finden….

Und von Tanger fahren die Boote fahren nach irgendwo,
Bebra Verlag, Berlin 2016