Zwischen Hass und Liebe liegt Schwäbisch Gmünd & die Trattoria “Zum Krug”

Von Jessica Guaia

 

„Groß ist die Kraft der Erinnerung, die Orten innewohnt“ – Cicero

Jessica Guaia_Autorenportrait

Autorin Jessica Guaia (c) Penguin Verlag

Penguin Verlag

Mit neunzehn Jahren zog ich aus, um die weite Welt zu sehen. Sie war nicht so weit, jedenfalls nicht weit weg von zu Hause. Hundert Kilometer. Mit einundzwanzig Jahren zog ich für das Studium nach Hildesheim. Fünfhundert Kilometer. Ich studierte in Griechenland, reiste nach China, aber wo ich auch war: Schwäbisch Gmünd, mein Geburtsort im Süden Deutschlands, verfolgte mich. Dort war ich noch die Nestbeschmutzerin, beklagte mich über die Enge und die Stirn, die Vorhersehbarkeit der Lebensläufe: Ausbildung bei Daimler, Reihenhaus, zwei Kinder, Saufen an Fasching und Sterben. Meistens an einem „Schlägle“, einem Schlaganfall. In China dann erklärte ich Fremden in der tiefsten chinesischen Provinz bei vergammelten Eiern und Hühnerfüßen meine tiefste schwäbische Provinz. Um nicht mehr fremd zu sein. Die Chinesen fanden Linsen mit Spätzle und Saitenwürstle ziemlich befremdlich, wie auch die Hildesheimer, die überdies von meinen schwäbischen Dialekt irritiert waren, den sie auf meinen Migrationshintergrund schoben. Doch die Fremde wurde an einem Punkt durchlässig und ich bemerkte: Es liegt nicht an der Stadt, nicht nur.
In einem Gasthaus in Ulm bedienten mich die erwachsenen Kinder des Inhabers. In Thessaloniki lief ich an einem Kafenion vorbei, in dem ältere Männer Kreise in die Luft rauchten und ein Teenager diesen fasziniert und gelangweilt zugleich nachschaute. In China landete ich nur bei den huntertjährigen Eiern, weil ich einem Mädchen zuzwinkerte, die in einem Imbiss unter dem Tisch spielte. Ich dachte daran, wie ich damals auf dem Boden unseres Restaurants krabbelte und eine Putzfrau hätte ersetzen können. Wie ich auf den Tischen acht Stockwerke hohe Bierdeckelhäuser baute. Dem Mädchen musste ich nichts erklären (dachte ich in einem Anflug von Identifikation). „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss“, schrieb Michael Vassiliadis. Ich muss nicht erklären, warum ich die Stille nicht ertrage, warum bei mir immer der Fernseher läuft, warum meine Tür auch ohne Termin offen steht, für zwei oder dreißig Menschen. Warum ich weiß, bei welcher Temperatur Hackfleisch am besten gelagert wird (Fangfrage!), warum mein Kind einmal sehr fett sein wird und ich wohl immer mehr Kellnerin als Akademikerin.

 

„Mama, Papa, Marlboro“

Es war ein Glücksfall, dass ich weg ging und Distanz zu Schwäbisch Gmünd und dem Restaurant bekam, dass sich Hass mit Liebe mischte. Man merkt, wie viel Dinge einem bedeuten, wenn man sie nicht mehr hat. Die Ironie des Lebens oder der Zustand von undankbaren Menschen. Aufeinmal arbeitete ich nebenberuflich wieder gerne als Kellnerin und Teamleiterin in der Gastronomie und ich merkte, dass ich den Dialekt, den ich zu verbergen versuchte, liebte. Dass in Gmünd eine Herzlichkeit und Lebensfreude vorherrscht, die sich nicht in dem beschriebenen Lebenslauf erschöpft. Dass ich Menschen kenne, die abseits der Perfektion ihr Päckchen zu tragen hatten. Von exklusiven Prostituierten, Schwulen, Alkoholikern oder auch Workaholics, Einzelkinder und Liebeskranken zu inklusiven Stammgästen, zu einem Teil der Familie. Ein Ort für alle. Und ich merkte auch, dass ich Menschen bewundere, wie meine Eltern, die alle gleich behandelten und mit größten Einsatz und den dazugehörigen Opfern versuchten das Restaurant gegen alle Widerstände für sie und uns zu bewahren. Also ein Glücksfall, dass ich mich erklären wollte, wenn ich nicht an meinen pathetischen Sehnsuchtsorten war. Nur so enstand mein Buch mit dem natürlich erklärenden Titel: „Wie ich in einer schwäbischen Trattoria aufwuchs und trotzdem überlebte“. Denn ich sprach und sprach und erzählte. Jemand sagte „Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“ und ich fragte: „Habe ich euch erzählt, wie meine Tante aus dem Kloster flog, weil sie zwei Nonnen mit einen Stuhl verprügelt hat?“ Eines Tages sagte eine Freundin, ich müsse einen Roman schreiben mit dem Titel „Mama, Papa, Marlboro“. Da wusste ich, was ich schon länger wusste, schon seit meinem sechzehnten Lebensjahr: Das ist mein Stoff. Die erinnerte Fantasie. Ein buntes Kaleidoskop aus Restaurant, Familie, Personal, Gästen. All die irren Figuren mit ihren Freuden und Nöten. Diese existieren nicht im luftleeren Raum, genausowenig wie Anna Karenina auf Hawaii lebte und 1001 Nacht am Nordpol spielt. Meine Figuren sind in Schwäbisch Gmünd verankert und machen die Stadt, das Restaurant und den Roman zu dem was sie sind. Eine kneipenähnliche Trattoria von italienischen Einwanderen geführt, in einer traditionell deutschen Stadt, die sich, als ich Ende der Achtzigerjahre auf die Welt kam, im Umbruch befindet. Zum einen waren dort Amerikaner stationiert, weil in der Nähe die Pershing, eine Mittelstreckenrakete, gelagert wurde. Die Soldaten prägen das Restaurant. Zum anderen leben dort Gastarbeiterkinder aus aller Welt, meistens schon in der zweiten oder dritten Generation, wie die Hauptfigur Jessica, die von culture clash und Schwierigkeiten, aber auch von der Selbstverständlichkeit erzählt. Zwischen Ernsthaftigkeit und Klamauk, zwischen „Ellbogen“ und „Maria ihm schmeckt’s nicht“. Zwanzig Jahre ist das Restaurant im Fokus, beinahe eine eigene Figur mit ihrem Aufstieg und Fall und mittendrin mein Alter-Ego Jessica, die in diesem Mikrokosmos ihre ganze weite Welt findet. Nicht weit weg von zu Hause. Null Kilometer.

 

Eine Leseprobe gibt es hier:  Wie ich in einer schwäbischen Trattoria aufwuchs und trotzdem

 

Jessica Guaia_Wie ich in einer Trattoria aufwuchsGazelle verlost 3 signierte Exemplare von “Wie ich in einer schwäbischen Trattoria aufwuchs und trotzdem”. Einfach bis zum 04.08.17 eine Email mit Betreff: Schwäbisch Gmünd und warum ihr das Buch lesen wollt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen!

 

 

Jessica Guaia:
Wie ich in einer schwäbischen Trattoria aufwuchs und trotzdem überlebte
Penguin Verlag 2017
ISBN: 978-3-328-10046-1
12 Euro