“Wie ich in einer schwäbischen Trattoria aufwuchs und trotzdem überlebte”

 

Über die Entstehung einer Liebe, einer Stadt,eines Restaurants

&

wie die Raketen in die schwäbischen Vorgärten kamen

Eine Leseprobe von Jessica Guaia

Geboren wurde ich also in einem Gasthaus. In Schwäbisch Gmünd, einer Stadt im Osten Baden-Württembergs. Auch im Osten: Die Landeshauptstadt Stuttgart. Sie ist fünfzig Kilometer weit weg. Schwäbisch Gmünd ist sowohl einwohner- als auch flächenmäßig die größte Stadt im Remstal. Sie erstreckt sich über eine Fläche von 113,78 Quadratmetern. Am 27. Mai 1987 lebten 56 754 Menschen in Gmünd. Das ist den Gmündern wahrscheinlich nicht bewusst. Denn sie benehmen sich, als wohnten sie in einem Dorf. Sie kennen sich untereinander und sprechen miteinander und übereinander. Es gibt Schützenfeste und Knabenchöre, Jahrgangsfeste mit Rosen und Zylindern und die Zeitungen schreiben über Auftritte von Kindergärten. Der Mittelpunkt Schwäbisch Gmünds ist der Marktplatz. Mein Mittelpunkt ist einige Meter vom Marktplatz entfernt. Links vom rosa Rathaus kommt man in eine kleine Gasse, die erst eine Linksbiegung und dann eine Rechtsbiegung macht. Die Ochsenbachergasse. Sie heißt so, weil die Ochsen, bevor sie verkauft wurden, schön aussehen mussten. Deshalb wuschen die Bauern sie im Bach und machten ihnen Zöpfchen. Mutter meint, der Name komme von einem Geschlecht, das im Mittelalter in Gmünd residierte. Die Herren von Ochsenbach. Jedenfalls wäscht heute hier niemand mehr Ochsen. Auch kein Geld. Nur noch Teller. In der Ochsenbachergasse steht die Trattoria Zum Krug. Es ist ein Fachwerkhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert. Es sieht aus wie jedes andere deutsche Gasthaus. Wie Zum Lamm. Oder Zur Krone. Nur riecht es nicht wie jedes andere deutsche Gasthaus. Es riecht ein wenig scharf: nach Basilikum. Und ein wenig sauer: Nach Zitrone. Auch ein wenig süß: Nach Pfirsich. Und eklig: Nach Zigaretten. Und der Koch, Renzo Spada, mein Vater, spricht auch nicht wie jeder andere deutsche Koch. Er sagt zum Hubschrauber Flugschraube und zu mir Papa. Ich bin Papa und er ist mein Papa. Die Haare von meinem Papa sind ein Helm. Kein Härchen steht ab. Wie in Stein gemeißelt sehen seine schwarzen Locken aus. Er hält sich auch für einen David. Nur das Bäuchlein passt nicht.

Mutter dagegen, die Wirtin Tiziana Spada, denkt nicht, dass sie die Venus sei. Obwohl sie ihr ähnlicher sieht als Vater dem David. Sie steht mit beiden Stöckelschuhen fest auf dem Boden. Der Gastraum wäre fremd ohne ihre Schritte auf den Fliesen. Die sind so rhythmisch. Schnell, aber nie gehetzt. Mutter lacht viel. Ich weiß nicht, warum, denn sie versteht keine Witze. Und sie ist auch nicht wie jede andere deutsche Wirtin. Was daran liegt, dass sie Italienerin ist.

Ich bin also auch Italienerin. Das steht in meinem Pass. Cittadinanza: Italiana. Nome: Jessica. Cognome: Spada. Dort hätte allerdings auch gar nichts stehen können, wenn Vater nicht mit sechzehn Jahren alleine nach Deutschland gekommen wäre, um sich ein Mofa zu kaufen. Vielleicht sollten wir also besser vor meiner Geburt mit der Geschichte beginnen.

In Italien erzählte man sich, dass die Gastarbeiter in Deutschland alle ein Mofa bekämen. Auch Vater kennt das Foto des Zimmermanns mit breitkrempigen Hut, Dreitagebart und seinem Mofa. Vater will es gar nicht geschenkt bekommen, er will es sich leisten können. Mutter sagt, dass das nicht der wahre Grund war. Ein Mofa, wie lächerlich. Sie meint, Vater hatte Hunger. Ich kann mir das gut vorstellen. Vater hat immer Hunger.

Als Vater also in Deutschland ist, merkt er, dass das nichts wird mit dem Gastarbeiter-Sein. Denn die Deutschen wollen nur Fachkräfte. Vater hat aber die neunte Klasse ohne Abschluss verlassen. So kommt er nicht weiter als zu den selbstständigen Italienern. Sie geben ihm Aushilfsjobs als Lackierer, Automechaniker, Pizzabäcker. Mit dreiundzwanzig Jahren kann er sich immer noch kein Mofa leisten. Eines Tages sitzt er auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer, schaut sich um und denkt, so erzählt er: »Wenn man hier … Nein, dumme Idee, aber wenn man hier eine Wand einschlägt, könnte eine Küche – und hier … Kein Geld für Stühle. Holz!«

Am nächsten Tag steht er auf und kündigt bei der Pizzeria Mamma Rosa, wo er als Pizzabäcker arbeitet. Die Pizzeria gehört seinem Cousin dritten Grades. Dieser sagte ihm auch, dass er nach Schwäbisch Gmünd ziehen solle. Eine Stadt voller Mofas. Voller Arbeit. Vater schlägt die Wand seines Bades ein, die nächsten Wochen sägt er Stehtische, schleift sie, baut sie zusammen und lackiert sie bei seinem alten Chef schwarz. Er kauft Hochstühle, die er mit gelbem Leder bezieht. Er schläft auf einer Plastikplane und träumt von den USA. Vor einem Jahr war er dort gewesen. Weil der Cousin dritten Grades aus der Pizzeria Mamma Rosa einen Bruder hat, der in New York auch eine Pizzeria Mamma Rosa besitzt, und einen Pizzabäcker brauchte. Drei Monate lang machte Vater genau die gleiche Arbeit wie in Deutschland. Aber an seinem freien Tag sah er die Columbia bei ihrem Start. Mit so viel Getöse, mit großen Rauchschwaden und Feuer unterm Hintern würde Vater auch gerne abheben wollen. Als er in Deutschland dann auf seiner Plastikplane aufwacht, macht er aus Gips einen Columbia-Abdruck. Diesen hängt er an die freie Wand. Am 5. Mai 1983 ist die Eröffnung seines Imbisses.

So entstand das »Columbia«.

Währenddessen studiert Mutter klassische Archäologie in Tübingen. Sie ist aber nur drei Mal die Woche dort. Sie pendelt. Ausziehen wollte sie nicht, das ist bei Italienern nicht üblich. Obwohl Mutter sonst immer alles anders macht als das was üblich, stört sie sich nicht daran. Ihre Eltern müssen sowieso den ganzen Tag arbeiten. Und abends ist ihr Vater mit Bonanza-Schauen beschäftigt und die Mutter mit Vorkochen. Was sie aber stört, so sehr stört, dass eine Vene auf ihrer Stirn sichtbar wird: Die Pershing.

Es ist der 25. November 1983. Nachts treffen die ersten Pershing-II-Raketenteile auf acht Sattelschleppern im Depot Mutlangen ein. Am 29. November um 3 Uhr 30 werden auf zwölf Sattelschleppern die restlichen Teile geliefert. Seit 1951 sind die amerikanischen Soldaten in Schwäbisch Gmünd. Jetzt werden sie noch länger in Gmünd bleiben. Die Gmünder bauten Baracken weit von der Stadt entfernt für die Soldaten. Doch trotzdem müssen sie sie immer sehen. Und besonders hören. Jeden Morgen bleiben einige Gmünder vor den Kasernen stehen und sehen den Amerikanern zu. Die Kinder schauen besonders aufmerksam. Manchmal winkt auch ein Soldat zurück. An drei Plätzen in Gmünd trainieren die Soldaten morgens. Sie tragen kanariengelbe Jogginganzüge und laufen immer zu zweit hintereinander her. Dazu singen sie in Reimen. »Your left, right, your left-right, left, right, you’re 56th Field Artillery Command, you’re outta sight! Your one, two, your three-four, what are you looking at me for?« Manche bekommen kaum Luft. Deshalb müssen sie auch dieses Training machen. Die Army-Führung ärgert sich über die nachlassende Kondition ihrer GI’s. Denn einige GI’s laufen weit hinter den anderen in Zeitlupe und versuchen vergeblich mitzuhalten.

Mutter demonstriert in einer hundertacht Kilometer langen Menschenkette händchenhaltend mit ihrem Professor für Assyriologie und Hethitologie. Nicht gegen die Soldaten ohne Kondition, sondern gegen die Pershing. Sie demonstriert mit Heinrich Böll und Günter Grass. Bis sie heiser ist, ruft sie: »Petting statt Pershing« und »Unser Mut wird langen, nicht nur in Mutlangen.« Sie ist neunzehn Jahre alt. Ihre Eltern wollen nicht mehr für ihr Studium zahlen, wenn sie den ganzen Tag demonstriert statt zu lernen, obwohl Mutter ihre Bücher auf der Wiese der Mutlanger Heide liest. Deshalb arbeitet Mutter als Kellnerin im Columbia.

Sie verliebt sich in ihren Chef. In Vater. Weil er so quer, so anders ist, so gegen den Strom schwimmend. Auch wenn es nur im Kleinen ist. Zum Beispiel isst er die Käserinde mit, obwohl auf der Packung steht: Nicht zum Verzehr geeignet – der Alltagsrebell. Mutter stach, wie sie stolz erzählt, eine Nebenbuhlerin aus, die aber, wie Vater stets betont, nie eine Konkurrenz gewesen sei. Die Nebenbuhlerin arbeitete auch als Kellnerin im Columbia. Sie hatte riesige Wimpern. Aber Mutter hatte längere. Erzählt mein Vater die Geschichte, blinzelt er hundert Mal in dreißig Sekunden bis er aussieht, als wäre ihm schwindlig. So versetzt er sich, sagt er, künstlich in die Situation zurück, als er das erste Mal meine Mutter sah.

Das Columbia ist klein. Es haben zwanzig Menschen darin Platz. Wenn man sehr quetscht, vierzig. Vor dem Imbiss steht eine Traube.

»Ihr müsst Schlange sein«, sagt Vater, der von der Küche aus den Andrang sieht, »Wir sind hier doch in Deutscland.« Und obwohl wir das sind, spricht Vater nur schlecht Deutsch. Deshalb spricht er mit Mutter nur Italienisch, obwohl sie lieber Deutsch sprechen würde. »What is he sayin’?«, fragt einer und »English please.«

»Si si, Zuppa Inglese«, sagt Vater.

»I thought you are an Italian American, because of the Columbia«, sagt ein anderer.

»Si si, Americano«, sagt Vater.

»Stay in line please«, sagt Mutter und »Coke and Margherita. Next!« Sie steht an der Kasse und bei jeder Pizza, die sie in Bestellung gibt, nennt Vater eine Zahl: Tausendvierhundertfünfundfünfzig. Tausendfünfhundert. Tausendfünfhundertzwanzig. Bei zweitausend Mark kommt er aus der Küche raus und streckt die Arme in die Luft und sagt: »Vi amo.« Mutter sagt, er soll es nicht übertreiben, aber er fängt schon an zu singen: »God Bless America, Land that I love.« Weil er nicht weiß, wie es weiter geht, singt er nur NaNaNa. Die Soldaten schauen ernst und ein paar singen weiter: »Stand beside her, and guide her.« Ein paar sitzen vor dem Haus auf dem Bordstein, essen aus dem Karton und wundern sich, wie flach die Pizza ist. »Great«, sagen sie hin und wieder. Ein paar Schwaben sitzen auf den Schößen der GI’s und sagen »Ned schlecht.« Auf Schwäbisch das größte Lob. »Ned gschimpft isch gnug globt«, sagt man hier.

Wenn die letzten GI’s an den Automaten ihre Münzen zählen und in die Bismarck-Kaserne zurückgehen, will Vater sich trauen. Er wird Mutter fragen, ob sie mit ihm ausgehen möchte. Mutter wischt über das Schild »Every Pizza only 5 Dollar!«

»Domani c’é una corsa al Hockenheimring«, sagt Vater. Morgen ist am Hockenheimring ein Rennen.

»Willst du mich«, sagt er und stockt.

Mutter hört sofort auf zu wischen und umarmt Vater.

»Ich will dich. Nur dich«, sagt sie und Vater sagt unbeirrt: »Willst du mich begleiten?«

»Ach so. Das wäre auch schön«, sagt Mutter und löst die Umarmung.

Mutter hat am nächsten Abend ein schwarzes Etuikleid aus Spitze an mit Schulterpolstern und schwarze Pumps mit goldfarbenen Pfennigabsätzen. Vater fragt sich, ob er ihr vor Aufregung fälschlicherweise gesagt hat, dass sie zum Pferderennen gehen.

»Du bist schön wie meine Mutter. Ich meine wie die heilige Mutter Gottes«, sagt Vater. Er hustet.

»Du bist schön, wie nur du es sein kannst«, sagt er schließlich. Mutter lacht und gibt Vater ein Küsschen auf die Wange. Der hält ihr ein Paket hin. Ohrschützer sind darin, weil es laut wird am Hockenheimring. Wie aufmerksam, denkt Mutter. Er hält ihr die Tür des weißen Fiat Cinquecento auf. Wie altmodisch, denkt Mutter. Vater dreht den Schlüssel im Zündschloss um, aber das Auto springt nicht an. Das passiere manchmal, wenn es zu kalt sei, meint Vater, vergräbt seinen Kopf im Lenkrad und flüstert: »Wenn du jetzt nicht anspringst, steche ich dir die Reifen auf!«

Mutter lacht, und Vater fragt, ob sie Gas geben könne, er würde anschieben. Aber Mutter hat keinen Führerschein.

»Schiebst du dann?«, fragt Vater.

Wie gar nicht aufmerksam, denkt Mutter und da steht sie und versucht auf ihren Zehn-Zentimeter-Absätzen die Kiste auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Sie solle sich mit dem ganzen Körpergewicht dagegen lehnen, ruft Vater aus dem Seitenfenster und gibt Gas. »Ja, jaja, aber pass auf, es ist glatt.« Es klappt, Vater fährt ein paar Meter, er schaut nach hinten und Mutter ist weg. Mutter liegt im Schnee. Sie ist, als Vater weggefahren ist, mit dem Kinn auf den Boden aufgeschlagen.

»So führst du mich also aus?«, sagt Mutter und spuckt Blut auf den Schnee. »Aufs Glatteis.«

»Ich hoffe du glaubst nicht an Zeichen, denn ich mag dich echt gern«, sagt Vater und nimmt Mutter auf den Arm und trägt sie in den Fiat.

Am nächsten Tag fehlt Mutter bei der Arbeit. Sie hat verschlafen oder ist verärgert, denkt Vater. Als sie mittags noch nicht da ist, schiebt Vater die Soldaten aus dem Raum. Ein einstimmiges Raunen. Er drückt einem Schwaben Kreide in die Hand und eine Tafel und sagt: »Ik musse weg. Sie bitte schreiben: Wegen Amore geslossen.« Vater schließt ab und will gehen, aber ihm fällt ein, dass man »Ich liebe dich, Tiziana!« darunter schreiben könnte, damit es die ganze Stadt weiß. Der Schwabe nickt, so bedächtig wie nur ein Schwabe nicken kann. Er schreibt: »I moog di scho saumässig, Tiziana!« Vater klopft an Mutters Tür, es riecht nach Weihrauch. Mutter öffnet und streckt ihren Kopf raus.

»Was?«, fragt sie.

»Der Fiat ist schuld! Fehler In Allen Teilen, sagt man doch so.«

Mutter schließt die Tür. Vater klopft wieder. Als Mutter öffnet, ist er weg. Als sie aber runter schaut, kniet er dort. Sie zieht an Vaters Kochjacke und fragt, was er da tue, ob er ihr nicht in die Augen schauen wolle. Er steht auf und sagt, er habe keinen Ring, aber er könne ihr etwas Symbolisches geben. Vater tut, als würde er sich das Herz aus der Brust reißen und es Mutter überreichen, dabei sagt er: »Bubumm. Bubumm.« Alles, was Mutter dazu einfällt, ist: »Wäh.«

Vater lässt sich nicht beirren und sagt auf Italienisch: »Ich wachse durch dich und du vielleicht durch mich. Das habe ich auswendig gelernt, schön, oder?« Mutter sagt nichts. »Jedenfalls muss ich nicht überlegen, ich weiß es: Willst du meine Frau werden?«

»Wir hatten gestern unser erstes Date«, sagt Mutter.

»Wir Italiener vertrauen auf Gefühle. Und meines ist, dass ich dich liebe.«

»Renzo, ich muss aber überlegen«, sagt Mutter und Vater sieht aus wie ein begossener Pudel, aber da sie in Schwaben sind, heißt es »Dackel«, Vollidiot. Oder noch schlimmer, in der eine schwäbischen Steigerungsform: »Halbdackel«. Das ist einer, bei dem es nicht mal zum ganzen Dackel reicht.

Im Columbia arbeiten Vater und Mutter wie immer. Nur manchmal schauen sie sich länger an.

»Warum schaust du so?«, fragt Mutter, während sie die Kassenrolle austauscht.

»Du bist einfach so …«, sagt Vater.

»So was?«

»Nichts. Dann wirst du eingebildet und denkst, du könntest dir jemand angeln, der besser ist als ich.«

»Das ist sicherlich kein Problem.«

»Du bist so hässlich«, sagt Vater und komischerweise versteht Mutter diesen Humor. Ein Mundwinkel bewegt sich.

»Ich mag dich«, sagt sie, »du bringst mich zum Lachen.«

»Na, das ist wohl übertrieben«, sagt er.

Von einem Tag auf den anderen bricht Mutter ihr Studium ab. So sehen es jedenfalls Freunde und Familie. Mutter hatte schon länger überlegt, abzubrechen. Seitdem Vater ihr gesagt hat, dass er sie liebt. Sie solle die rosarote Brille absetzen, sagt ihre Mutter. Aber Tiziana mag es so. Rosarot. Wenn Renzo sie eigentlich auf den Mund küssen will, dann aber doch nur die Wange trifft und ihre Ohren sich für einen kurzen Moment verhaken. Wenn er extra viel Parmesan über ihr Essen reibt, weil er sich gemerkt hat, dass sie das mag. Was aus ihrem Verstand geworden sei, fragt ihr Vater. Den setze sie nun für die Restaurantplanung ein. Der Vater aber nennt sie Opferliebhaberin. Sie habe Mitleid mit diesem Italiener, der kochen aber nicht wirtschaftlich denken könne. Sie liebe doch die Archäologie, sagen die Kommilitonen. Aber Mutter merkt beim Kellnern, dass tote Menschen nicht so interessant sind wie lebendige. Trotzdem erzählt sie gern Geschichten über tote Menschen. Denn: Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.

Die ganze Stadt Schwäbisch Gmünd soll es wegen eines verlorenen Rings geben. Die Herzogin Agnes, die Tochter von Kaiser Heinrich IV. und die Frau des Herzogs Friedrich von Staufen, verlor auf der Jagd ihren Trauring. Agnes versprach, dort eine Kirche bauen zu lassen, wo der Ring gefunden werde, falls er gefunden wird. Tatsächlich entdeckte ein Jäger den goldenen Ring am Geweih eines Hirschs. Er erlegte den Hirsch und dort, mitten im Wald des Remstales, ließ Agnes den Vorläufer der Johanniskirche errichten. Nach und nach wurde der Wald gerodet, um die Kirche herum siedelten sich Menschen an und Gmünd entstand. Gmünd entstand und bekam den Namen Gamundia. Denn als der Ring wiedergefunden wurde, soll der Herzog Friedrich von Schwaben gesagt haben: »Gaude munde!« Das heißt »Freue dich Welt!« Und die Welt sollte sich wirklich freuen, nicht nur, dass der Ring da ist, sondern dass es Gmünd gibt. Denn alles steht und fällt mit Schwäbisch Gmünd, meinen die Gmünder. Jeder Mensch in Europa ist mit dieser Stadt in Kontakt gekommen. Wenn auch über Ecken. Über die Lenkungen in den Autos. Oder sie waren sogar leibhaftig in dieser Stadt. Selbst ohne lebendig zu sein. Wie die Heiligen drei Könige zum Beispiel. Ihre Gebeine verbrachten eine Nacht in Gmünd. Aber das ist eine andere Geschichte, sagt Mutter, wenn ihr hinten im Gastraum wieder jemand zuwinkt, um zu bestellen.

»Warum mache ich das«, flüstert Mutter. Sie geht zu Vater in den Keller, der mehr Schnaps hochholen will. Sie stellt sich vor ihn und sagt: »Ja«.

»Was ja? Ja, die wollen noch Nachtisch? Wir haben keinen Nachtisch.«

»Bin ich kein Nachtisch?«

»Was meinst du?«

»JA! Aber wir heiraten erst in drei Jahren.«

Vater und der Halbdackelanblick schon wieder. Er sagt nichts und klemmt sich eine Flasche Fernet Branca, eine Flasche Ramazzotti und eine Flasche Sambuca zwischen Arm und Brust. Mutter schaut ihn an. Dann redet Vater endlich:

»Wie die Deutschen mit ihrer Probezeit. Alles erst probieren und nie festlegen. Ich bin doch kein Porsche.«

»Dafür ein Fehler in allen Teilen. Das ist süß. Also willst du mich beleidigen oder heiraten?«

»Lieber heiraten«, sagt Vater, »Ich hole kurz den Ring, ich habe einen gefunden … Ich meine, gekauft.«

»Nein, bleib hier«, sagt Mutter. Vater legt ihr eine Hand auf die Wange und schaut sie so lange an, bis Mutter ihn küsst. So zärtlich, dass Vater erst denkt, es wäre ein Sommerwind. Mitten im Winter. Im Keller.

Wie Mutter und Vater expandieren:

Ein neues Restaurant, ein Baby undein Großvater müssen her

In den Achtzigerjahren wird ein Lied zum Hit und wirkt sich direkt auf das Einkommen meines Vaters, aber auch auf seine Psyche aus. Wäre der Refrain wie geplant bei »Heiße Würstchen und ’ne Coca Cola« geblieben, hätte Vater keinen Rekord aufstellen können. Spliff entschied sich im letzten Moment aber für »Carbonara é una Coca Cola.« Die Gäste lieben es, bei der Bestellung den Satz aufzusagen. Nach drei Jahren Dauerbeschallung aus der Jukebox hat Vater genug. Dass die Leute in ihre Carbonara Sahne wollen, tut sein Übriges. Vater trägt den Teller Spaghetti aus der Küche, greift in die Nudeln und wirft sie dem Kunden, der sie bestellt hat, ins Gesicht. »Hier Carbonara!«, sagt er. Bevor er zur Cola kommt, ist der Gast rausgerannt.

Einen Gast verlieren sie. Aber andere Gäste kommen hinzu. Die Pizzen in der Columbia gehen weg wie warme Pizzen und Mutter hat eine Idee.

»Hast du gehört, dass das alte Gasthaus Zum Krug verpachtet werden soll?«, fragt sie Vater.

»Die Zerillis sind doch im Krug«, antwortet er.

»Gestern soll die Polizei ihr Restaurant auseinandergenommen haben. Sie haben dort wohl mehr als nur Teller gewaschen.«

»Eine Razzia bei den Zerillis?«

»Was denkst du?«

Sie denken beide dasselbe und stellen sich Wochen später einem Herrn Obermaier vor. Herr Obermaier ist bekannt in Schwäbisch Gmünd. Weil der Krug bekannt ist. Aber auch, weil er alt ist. Oder weil er alt ist und viel erlebt hat. Herr Obermaier ist der Meinung, wir wüssten nur die Hälfte von dem, was er erlebt hat. Was wir wissen: Er war Metzger und Weltmeister im Gewichtheben und er war auch noch französischer Kriegsgefangener. Außerdem trägt er immer grüne Cordhosen und hat einen Stock mit Schildkrötenkopf bei sich. Einige Leute glauben, dass der Krug bestimmt nicht schon wieder an Italiener vergeben werden würde. Aber Herrn Obermaier ist das egal, ob Italiener oder nicht, solange sie das Restaurant weiterführen. Weiterführen wollen Vater und Mutter auch das Columbia. Aber sie wollen die Verantwortung an einen Restaurantleiter abgeben, damit sie sich um den Krug kümmern können. Sie unterschreiben den Vertrag und pachten die Gaststätte mit sämtlichen Möbeln. Alles sei noch genau so gewesen, wie die Zerillis das Lokal verlassen hatten, erzählt Mutter. Die Tür sei noch eingetreten und eine Absperrung mit Band angebracht gewesen. Der Boden rutschig vom umgestoßenen Peperoni-Öl. Als sie den Kühlschrank aufmacht und den alten Zander riecht, übergibt sie sich sofort. Noch Wochen später muss sie brechen, wenn sie daran denkt. Allerdings könnte es auch an mir liegen. Sie ist schwanger, aber das weiß sie noch nicht.