Der Feind in mir

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“Diagnose Krebs” ist eine medial präsente Aussage. Doch was geht in einem vor, wenn Frau persönlich davon betroffen ist? Am eigenen Leib ein beängstigendes Achterbahngefühl durchlebt. Unsere langjährige Gazelle Autorin Solveig Grewe hat sich dieser Diagnose mit Zuversicht gestellt und sich die Zeit genommen, mit uns allen ihre persönlichen Gedanken und Erfahrungen zu teilen. Wir sagen Danke! Ein Must-Read!

 

Von Solveig Grewe

 

Es gab Zeiten, da waren meine Gefühle sogar freundlich gegenüber dem Zellhaufen, der sich in meinem Körper angesiedelt hatte. „Mild“ nannten ihn die Mediziner. Wie ein erster Frühlingswind, wie ein nicht zu scharf gewürztes Essen oder ein die Kopfhaut schonendes Haarshampoo. Bezogen auf einen Krebstumor heißt „mild“, dass er sich viel Zeit lässt mit dem Wachsen, sich lieber hinter tarnendem Gewebe versteckt und wenig Lust hat auf das verlockende Abenteuer, sich in seinem menschlichen Wirt auszubreiten und ihn schließlich gänzlich zu erobern. Ein eher schüchternes Wesen also, das machte ihn in einer ganz speziellen Weise fast sympathisch.

Wie alles begann

Krebsvorsorgetermine gehören in meinen Kalender zu den Terminen, die unverrückbar eingetragen werden und um die sich mein Leben herum aufbauen muss. Der Tod meiner an Brustkrebs erkrankten Mutter und die in einem Fall tödlichen Brustkrebserkrankungen ihrer beiden Schwestern hätte vermieden werden können, wenn der Krebs früh genug erkannt worden wäre. Wie in jedem Jahr flattert auch in diesem Jahr die Einladung zum „Screening“ ins Haus und wie immer ist die Begegnung mit dem kühlen und im wahrsten Sinne des Wortes erdrückenden Mammographiegerät gleichermaßen unangenehm wie aber schnell vorüber und über den Alltag hin rasch vergessen. Doch anders als in all den Jahren zuvor umfängt mich in diesem Jahr eine düstere Vorahnung, als ich etwa anderthalb Wochen später den Briefumschlag vom Screening Center öffne. Dort heißt es nüchtern, dass das erste Screening die Notwendigkeit weiterer Zusatzuntersuchungen wie Ultraschall oder weiterer Mammografieuntersuchungen ergeben hätte.

Die Entlarvung

Ein Satz, den man wieder und wieder liest mit dem Versuch, seinen Inhalt richtig zu erfassen und genau zu verstehen. Ein Satz, der einem den Boden unter den Füßen weg zu reißen scheint. Weil man ahnt, dass das, was jetzt kommt, nicht gut ausgehen könnte. Tröstende und aufmunternde Wort vom Partner, dabei klingt seine Stimme rau und voller Sorge. Die Tage vor der nächsten Untersuchung vergehen zähe. Der krampfhafte Versuch, sich mit der aufblühenden Natur des Wonnemonats Mai zu beschäftigen, wird immer wieder von dem Sog der Gedanken abgelöst, der stets dort beginnt, wo er mit dem verhängnisvollen Brief angefangen hat. Mit der Ahnung, es könnte Krebs sein. Die scheint bei der Folgeuntersuchung der linken Brust bestätigt. Der schützende Vorhang des dichten Gewebes wird endgültig zur Seite gezogen und entlarvt einen dunklen Schatten. Den Feind in mir. Gedämpft dringt die beruhigende Stimme des Radiologen vorbei an einem Schleier voller Tränen. „Sie haben alles richtig gemacht, das war der frühestmögliche Zeitpunkt, zu dem wir ihn überhaupt sehen können“, flüstert er, während er durch eine dünne Röhre eine Gewebeprobe entnimmt. Klein sei der Tumor, vielleicht sechs, vielleicht auch zehn Jahre habe er sich versteckt.

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Die Gewissheit

Und doch erschlägt es einen auf den ersten Blick, das fast kindskopfgroße Bild des Tumors, hunderttausendfach vergrößert und an die Wand des Besprechungszimmers projiziert. Der Radiologe und die Oberärztin des ausgewählten Krankenhauses erläutern das weitere Vorgehen. Das Gutachten der Pathologen liegt vor und bestätigt den Verdacht. Ein 10 mm großer, teilweise strahliger und bösartiger Tumor, der in Verdacht steht, sich trotz seines geringen Ausmaßes und seines langsamen Wachstums mehr in mein Leben gedrängt zu haben, als mir zunächst bewusst war. Er könnte unbemerkt doch schon sein mörderisches Werk begonnen haben, ohne dass man es mit den Methoden von Röntgenstrahlen oder Ultraschall erkennen konnte. Schlagartig ändern sich meine Gefühle. Schlagen um in grenzenlose Verachtung. Er soll vernichtet werden. Sofort.

Die Operation

Die Knoten, die die radioaktiv angereicherte Lymphflüssigkeit als erste erreichen, werden strahlen und den Chirurgen den Weg zu ihnen weisen wie Sterne im Weltall einem Raumschiff. Ein Bild, das mich durch mit Schlafmitteln erleichterte Nachtruhe begleitet. Erst wird der Feind in mir entfernt werden, dann werden zusätzlich in seiner Umgebung entnommene Gewebeproben sowie Lymphknoten hoffentlich den Beweis antreten, dass der Tumor sein böses Treiben gar nicht erst begonnen hat. Der Operationssaal, die beruhigenden Worte des Anästhesisten und sein Versprechen, nicht mit der Operation zu beginnen, bevor ich nicht eingeschlafen bin, versinken wie seine zwinkernden Augen in einem dicken, alles in sich aufnehmenden Nebel.

Bangen und Hoffen

Das Gefühl nach dem Aufwachen ist nach einem ersten Überdenken der eigenen Lage überraschend gut. Schmerzfrei und wie nach einem langen Schlaf erfreulich erfrischt. Ein vorsichtiger erster prüfender Blick in Richtung der linken Brust ergibt nichts außergewöhnliche. Kein Verband, nur eine Kompresse, über die eine Art Stretchunterkleid eng anliegt und erstmal keinen Einblick frei gibt. Dem schnellen Weg zur Normalität folgend, wird es schon am nächsten Tag von einem Sport-BH abgelöst. Die Folgen der Operation sind rein äußerlich, abgesehen von eine längeren Narbe unter der Achsel den linken Brustrand entlang, kaum sichtbar. Doch die innere Gefühlswelt wird zerrieben zwischen der Freude darüber, dem bangen Warten auf den Befund und der Hoffnung, dass nicht nachoperiert werden muss oder die Lymphknoten doch verräterische Spuren aufweisen.

Finale:

Seit dem erlösenden Anruf aus dem Krankenhaus steht fest, dass der Feind in mir nichts angefangen hatte, was er ohnehin nicht hätte beenden können. Das dicht gewebte Netz der regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen hatte meine Familie und mich vor Schlimmem bewahrt. Nach einer Phase der Bestrahlung wird es noch dichter werden, um neues Unheil rasch erkennen und sofort eingreifen zu können. Das Aufschreiben des Erlebten dient nicht nur der Bewältigung des Geschehenen, noch Unfassbaren, sondern endet mit dem dringenden Appell:

Bitte lasst keine der Krebsvorsorgeuntersuchungen einfach so verstreichen, ohne sie wahrzunehmen. Sie können Leben retten und ermöglichen frühestmögliche Eingriffe zur Heilung.