Serienkost auf höchstem Niveau: “The Night Of”

The Night of (c)HBO

The Night of (c)HBO

Von Simone Wachter

 

Der pakistanischstämmige, aber in den USA geborene und aufgewachsene Nasir “Naz” Khan (Riz Ahmed) lebt zusammen mit seinem Bruder und seinen hart arbeitenden Eltern zurückgezogen im New Yorker Stadtteil Queens. Partys und Diskobesuche sind für den schüchternen BWL-Studenten seltene Ereignisse. Doch an diesem Abend möchte er unbedingt eine Feier in Manhattan besuchen. Weil er aber ohne Mitfahrgelegenheit bleibt, stibitzt er das Taxi seines Vaters. Auf dem Weg nimmt er eine junge Frau mit. Eine fatale Entscheidung, wie sich wenige Stunden später herausstellt. Denn Naz findet sich in einem Albtraum wieder, als er zum Hauptverdächtigen an deren Ermordung avanciert und in die Mühlen des amerikanischen Justizsystems gerät. Alle Indizien sprechen dafür, dass er die junge Frau, die ihn mit in ihre Wohnung nahm, grausam getötet hat. Naz beteuert seine Unschuld, doch die Beweislast ist erdrückend. Der schrullige und vermeintlich inkompetente Anwalt Jack Stone (John Turturro) übernimmt Nasirs Verteidigung – ein fast aussichtsloses Unterfangen. Als Nasirs Eltern die hohe Kaution nicht aufbringen können, wird der Verdächtige in Untersuchungshaft nach Rikers Island verlegt, der knapp 1,7 Kilometer großen Gefängnisinsel im East River. In der Hölle des überfüllten Gefängnisses bestimmen Gewalt und Missbrauch von nun an Nasirs Leben.

 

Permanenter und nur wenig subtiler Rassismus

Die Neo-Noir-Miniserie “The Night of” zeigt auf höchst eindringliche Weise, was einem bislang unbescholtenem Normalbürger passiert, wenn man in die Fänge eines übermächtigen Justizsystems gerät. Eine ebenso spannende wie sozialkritische Geschichte, die an sich nicht gerade originell ist, aber in diesem Fall so überzeugend und gekonnt in Szene gesetzt wird, dass der Zuschauer regelrecht eingesogen wird in das narrativ großartig geschriebene und packend inszenierte Geschehen. Die Serie ist Drama und Justizthriller zugleich und entlarvt das amerikanische Rechtssystem als skrupellose und von Einzelinteressen gesteuerte Maschinerie, in der es keinem der Beteiligten um die Person des Angeklagten oder zumindest um Recht und Gerechtigkeit geht, sondern nur um die Wahrung des eigenen Vorteils. Mit düsteren Bildern legt “The Night Of” die Absurdität eines Apparats offen, in dem geld- und sensationsgierige Anwälte, desillusionierte Ermittler und genervte Richter innerhalb von Minuten über das Schicksal eines Menschen entscheiden.

Über all dem schwebt ein permanenter und nur wenig subtiler Rassismus. Von der ersten Folge an wird Nasir mit Stereotypen und Anfeindungen konfrontiert, die mit seiner pakistanisch-muslimischen Herkunft in Verbindung gebracht werden. Niemand möchte akzeptieren, dass er in New York aufgewachsen und in erster Linie Amerikaner ist. Rassendiskriminierung und Vorurteile gegenüber Muslimen und anderen Minderheiten spielen im Verlauf der Serie eine nicht unwesentliche Rolle, womit sich „The Night of“  als schonungslose Analyse jener Übel erweist, an denen die US-Gesellschaft seit Langem krankt.

„The Night of“  ist Serienkost auf höchstem Niveau, stimmig bis ins kleinste Detail. Das Drehbuch stammt von Krimibestseller-Autor Richard Price, der schon für „The Wire“ verantwortlich zeichnete. Regie führte Hollywood-Veteran Steven Zaillian (Oscar für das Drehbuch für „Schindlers Liste). „The Night of“ besticht sowohl durch die detailliert-authentische und sorgfältige Genauigkeit des Erzählens als auch durch die ungewöhnlich ruhige, aber dennoch spannende Inszenierung. Auch die Wahl der exzellenten Darsteller ist optimal, allen voran Riz Ahmed als Nasir Khan und John Turturro als Jack Stone, dessen Rolle eigentlich von “Sopranos”-Star James Gandolfini übernommen werden sollte. Dieser hatte bereits den Pilot abgedreht, als er 2013 überraschend verstarb.

Fazit: „The Night of“  ist ein TV-Erlebnis auf höchstem Niveau. Die Serie lässt kaum Wünsche offen und punktet mit einer beängstigend glaubwürdigen Story, hervorragenden Schauspielern, einer fesselnden und spannenden Handlung, einer exzellenten Inszenierung und einer authentisch düsteren Atmosphäre. Auch technisch weiß die Serie zu überzeugen: Vor allem die Blu-Ray bietet ein gelungenes Bild sowie einen starken Sound. Schade hingegen, dass es keinerlei Bonusmaterial gibt. Ein Making-Of oder Interviews wären bestimmt interessant gewesen. Alles in allem jedoch eine klasse Kurzserie, die man nicht versäumen sollte. Daumen hoch. Absolut sehenswert.

TRAILER