Wenn die Wahrheit Kopf steht – Die Islamfeindlichkeit von AfD, Pegida &Co.

Bei einer Pegida-Demo im Oktober 2016 bezeichnete die Aktivistin Tatjana Festerling den Islam als „Massenvernichtungswaffe“. Auch andere Islamgegner und manche Politiker der AfD behaupten, der Islam sei eine grausame totalitäre Ideologie, die weltweit zur gewaltsamen Unterwerfung aller Ungläubigen aufrufe. In nur wenigen Jahren ist der Islam auf breiter Basis zum Hassobjekt rechter Bewegungen avanciert. Wie konnte es soweit kommen und wie soll man damit umgehen?

Profunde Kenntnisse und Antworten liefert der Religionswissenschaftler und Journalist Christian Röther, der sich seit Jahren mit der islamfeindlichen Szene in Deutschland befasst. In seinem neu erschienenen Buch rekonstruiert Röther die Geschichte der antiislamischen Bewegung in Deutschland und bietet interessante Einblicke in die Welt der Islamgegner. Röther führte zahlreiche Interviews mit antiislamischen Aktivistinnen und Aktivisten und legt ihre Denkweisen, Strukturen und Ziele offen, um ihre Weltsicht – ihre Wahrheit –  nachzuvollziehen und verständlich zu machen.

Wie der Islam zum Feindbild avanciert

Der Autor beschreibt das erste Aufflackern einer antiislamischen Stimmung Ende der 1980er Jahre, als Franz Schönhuber, Vorsitzender der Partei Die Republikaner, bei einer politischen Veranstaltung in einer bierseligen Rede die Menge beschwor: „Niemals wird über Deutschland die grüne Fahne des Islam wehen.“ Dennoch wurde der Islam selbst bei rechten Parteien bis um die Jahrtausendwende nur selten thematisiert. Das änderte sich erst nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Weitere Anschläge in Europa folgten, der niederländische Filmemacher Theo van Gogh wurde ermordet, 2006 kam es zum Konflikt um die Muhammad-Karikaturen. Ereignisse, die den medialen Fokus auf den Islam lenkten und im Zuge derer die ersten islamfeindlichen Initiativen und Gruppierungen entstanden sind, allen voran das wohl wichtigste Kommunikationsmedium der Szene, der rechtspopulistische Hetzblog Politically Incorrect (abgekürzt PI-News oder einfach PI). Genannt werden des Weiteren die Pro-Bewegungen, die rechtspopulistische Partei Die Freiheit oder HoGeSa („Hooligans gegen Salafisten“). Wiederholt zeigt Röther auf, wie die jeweiligen Gruppierungen und Protagonisten untereinander vernetzt sind und welchen Einfluss von Beginn an rechtsextremistische Kreise und Personen an auf die anti-Islambewegung nehmen.

Pegida und AfD – vereint im Hass auf den Islam

Ausführlich widmet er sich vor allem der AfD und der Pegida-Bewegung, die sich seiner Ansicht nach gegen etablierte Politiker, Medien und Flüchtlinge richten, darüber hinaus aber in ihrer Motivation und ihren Zielen und Akteuren diffus und widersprüchlich bleiben. Nur die Ablehnung des Islam schweißt die Bewegung zusammen. Und auch die AfD, so kann Röther zeigen, hat zumindest am Anfang zwei Gesichter. Jedoch spätestens im Zuge der Flüchtlingskrise von 2015 wandelte sich die Partei von einer anti-Euro und anti-EU-Partei zu einer anti-Islampartei. Hatte der Parteigründer Bernd Lucke noch versucht, Distanz zu islamfeindlichen Standpunkten zu wahren, so konnten sich die Kräfte, die weiter rechts standen, in der AfD durchsetzen. Sie dominieren die Partei bis heute.

Was all diese antiislamischen Gruppierungen, Bewegungen und Parteien eint, ist ihr einseitig negatives Islambild. Röther ist der Ansicht, dass sich die antiislamische Bewegung eine Terror-Religion geschaffen hat. „Eine dämonische Verzerrung des Islams, der die Schuld an allem Übel dieser Welt tragen soll.“ (S.50) Der Autor verschweigt jedoch nicht, dass auch Teile der deutschen Massenmedien seit Jahren oft einseitig negativ über den Islam und die Muslime berichten und antiislamische Feindbilder bedienen, wie u.a. der Spiegel, der 2007 in einer seiner Ausgaben („Mekka Deutschland“) die stille Islamisierung beschwor.

Wie Islamgegner argumentieren

Anhand eines starren Freund-Feind-Denkens schüren Islamgegner Ängste und behaupten, „wir“ befänden uns im Krieg mit „dem Islam“. Den Islam bewerten sie als ultimative Bedrohung für die Menschheit, wobei sie Muslimen auch meist die alleinige Täterrolle zuweisen. Antiislamaktivistinnen und -aktivisten wähnen sich fast immer im Besitz der alleingültigen Wahrheit und argumentieren pauschal, einseitig und emotional, ohne ihren Aussagen (oder den Aussagen anderer) Raum für Differenzierung, Kritik oder Sachlichkeit zu lassen. Auch ihre Definition von Deutschland oder Europa als christlich, christlich-jüdisch, abendländisch, aufklärerisch oder zivilisiert dient nicht einer historischen Wahrheitssuche, sondern einer radikalen politischen und geschichtlichen Abgrenzung von allem Islamischen.

Islamgegner und Islamisten: Mehr Ähnlichkeiten als auf den ersten Blick erkennbar

Röther zeigt jedoch, dass auch die Weltanschauung vieler anti-Islamaktivisten nicht frei von Widersprüchen ist. Die Behauptung, im Islam „das Böse an sich” erkannt zu haben, wirkt mitunter absurd und skurril, denn ihre einseitig negative Islaminterpretation ähnelt der vieler Salafisten und Dschihadisten. So sehen Islamgegner z.B. im Koran einen übergeschichtlichen und nicht kontextabhängigen Aufruf an alle Musliminnen und Muslime, Ungläubige zu verachten und den Rest der Welt gewaltsam zu unterwerfen. Wer sich nicht daran hält, sei kein „wahrer Muslim”. Damit argumentieren Islamgegner fast identisch wie beispielsweise die Terroristen des IS.

Wenn die Wahrheit Kopf steht ist ein gelungener Beitrag zur Entemotionalisierung und  Versachlichung der Islamdebatte. Leider sind sowohl die Analyse der Ursachen der Islamfeindlichkeit wie auch die Darstellung der islamfeindlichen Bewegung selbst an diversen Stellen etwas zu kurz geraten. Entscheidende Zusammenhänge erschließen sich daher an manchen Stellen nur unvollständig und ein tieferer Einblick in die islamfeindliche Szene und ihre Strukturen bleibt somit ebenfalls verwehrt. Dennoch ein äußerst informatives wie lesenswertes Buch. Klare Kaufempfehlung!