Buchtipp: Mein Sohn, der Salafist

Neriman Yamans 16-Jähriger Sohn begeht einen islamistischen Terroranschlag. Vergeblich hatte die Mutter bei verschiedenen Stellen nach Hilfe gesucht, um seine Radikalisierung zu stoppen. Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben.

Mein Sohn der SalafistSeit Dezember 2016 steht Neriman Yamans Sohn Yusuf vor Gericht, weil er im vergangenen April in Essen einen islamistisch motivierten Bombenanschlag auf einen Sikh-Tempel verübt hat, bei dem drei Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Der selbstgebaute Sprengsatz explodierte, als dort gerade eine Hochzeit gefeiert wurde. Die Anklage lautet: versuchter Mord und gefährliche Körperverletzung. Doch wie konnte aus dem Kind Yusuf T. ein radikalisierter Attentäter werden?

Frühe Probleme und Auffälligkeiten

In ihrem Buch „Mein Sohn, der Salafist“ beschreibt Neriman Yaman die Geschichte seiner islamistischen Radikalisierung. Der verzweifelte Kampf um ihren Sohn beginnt, als er noch ein kleines Kind ist. Schon in der Grundschule wird Yusuf verhaltensauffällig: Er ist hyperaktiv, stört den Unterricht und seine Noten sind schlecht.

Aber er scheint aus den Problemen herauszuwachsen und schafft es sogar aufs Gymnasium. Alles scheint wieder normal zu sein. Rasch treten die Schwierigkeiten jedoch erneut auf. Die Familie wendet sich an mehrere Ärzte. Schließlich die Diagnose: ADHS – das Zappelphilipp-Syndrom. Die Medikamente, die ihm gegen die Krankheit verschrieben werden, verträgt Yusuf nicht. Schließlich muss er vom Gymnasium auf die Realschule wechseln.

Wie ein Teenager in die Fänge des Salafismus gerät

Als Yusuf 14 Jahre alt ist, nehmen die Geschehnisse eine dramatische Wende. Bis dahin war er ein nicht wirklich untypischer Teenager. Religion hatte für ihn keine Rolle gespielt. Er hörte lieber Gangster-Rap und rauchte Shisha. Als Yusuf unerwartet das Rauchen aufgibt und sich plötzlich für den Islam interessiert, nimmt die Familie das zunächst sogar wohlwollend zur Kenntnis. Doch dann häufen sich die Warnsignale.

Als Yusuf eine jüdische Mitschülerin bedroht, wird er vom Unterricht suspendiert. Er sucht Kontakt zu Salafisten, begeistert sich für die Predigten des radikalen Konvertiten Pierre Vogel und geht zu den „Lies“-Ständen, wo Salafisten gratis Korane verteilen. Yusufs Familie erkennt nicht schnell genug, welcher radikal-islamischen Bewegung sich der Sohn angeschlossen hat. Bis er in seinem dogmatischen und missionarischen Eifer immer intoleranter und aggressiver reagiert, nicht mehr mit sich reden lässt und die Familie mit dem Wunsch überrascht, nach islamischem Recht eine strenggläubige und tief verschleierte 15-jährige Freundin heiraten zu wollen. Ein Mädchen, das noch radikaler ist als er selbst und das ihn zur Ausreise nach Syrien bewegen will. Die Familie ist alarmiert und fängt an, nach Hilfe zu suchen.

Vergebliche Suche nach Hilfe

Voller Verzweiflung wendet sich die Mutter an Behörden und Beratungsstellen. Doch niemand nimmt ihre Sorge ernst genug. Man reagiert lediglich mit mehreren Schulverweisen. Neriman Yaman kontaktiert auch rund dreißig Moscheegemeinden. Vergebens. Keiner der Imame möchte sich näher mit dem salafistischen Gedankengut ihres Sohnes auseinandersetzen. „Vertrauen Sie auf Allah“, rät ihr ein Hodscha. Niemand, so scheint es, will mit terrorverdächtigen Salafisten zu tun haben. Dann eskaliert die Situation.

„Mein Sohn, der Salafist“ ist eine spannende und aufschlussreiche Lektüre über den konkreten Verlauf einer Radikalisierung. Sehr beklemmend und auf eindringliche wie anschauliche Weise beschreibt Neriman Yaman, wie sich ihr Sohn immer tiefer in die salafistische Bewegung verstrickt, sich dort immer weiter radikalisiert und am Ende für die Familie und andere Außenstehende kaum mehr erreichbar ist.

Was das Buch besonders lesenswert macht, sind vor allem die ehrlichen, kritischen und oft selbstkritischen Schilderungen aus der Perspektive einer Mutter, die trotz Liebe, Verständnis und hohem persönlichem Engagement ihren Sohn an den gewaltbereiten Salafismus verliert. Hilfreich und von großem Interesse ist auch das Nachwort von Claudia Dantschke, der Leiterin von „Hayat“, einer Beratungsstelle für Angehörige von Menschen, die sich islamistisch radikalisieren. Ein brandaktuelles Thema, klare Leseempfehlung!

Neriman Yaman: Mein Sohn, der Salafist, mvg-Verlag 2016, ISBN: 978-3868827644, 19,99 Euro