Mustang: die unzähmbare Lebenslust von fünf Mädchen

Mutig und selbstbewusst rebellieren fünf türkische Mädchen, Wildpferden gleich, gegen patriarchale Traditionen. Aber der Preis für ihren Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung ist hoch. Unser DVD-Tipp: „Mustang“

Von Simone Wachter

Mustang DVD-CoverEndlich Ferien! Die fünf Schwestern Lale, Ece, Selma, Nur und Sonay sind glücklich und voller Tatendrang. Zusammen mit ihren Klassenkameraden feiern sie voller Lebensfreude und Unbekümmertheit den letzten Schultag ausgelassen herumalbernd beim Planschen im Meer. Wenig später zuhause angekommen, verfliegt die heitere Stimmung jedoch abrupt, denn eine Nachbarin hat von dem „schamlosen und unzüchtigen Treiben“ der Mädchen berichtet: Bei den unschuldigen Wasserspielen waren Jungs dabei.

Ein Strafgericht bricht über die Mädchen herein. Ein Zwangsbesuch beim Arzt, der ihre Jungfräulichkeit überprüft, ist nur der Anfang. Das freie und unbeschwerte Leben der quirligen Teenager ist ein für alle Mal vorbei, denn sie haben gegen die ungeschriebenen Gesetze der von Männern dominierten Gesellschaft verstoßen und missbilligendes Gerede ausgelöst.

Das unbeschwerte Leben ist vorbei

Die Eltern der Mädchen sind schon lange tot. Die Geschwister leben bei ihrer Großmutter und ihrem Onkel in einem kleinen Dorf in der anatolischen Provinz, wo archaische und patriarchale Traditionen herrschen. Überwachung, Disziplin und drakonische Erziehungsmaßnahmen bestimmen von nun an den Alltag der Mädchen. Ihr Zuhause verwandelt sich in ein Gefängnis, die Fenster werden vergittert und Zäune um das Haus errichtet. Ihr Schminkzeug und ihre Jeans werden ihnen ebenso abgenommen wie ihr Computer und ihre Handys. Sie dürfen nicht länger die Schule besuchen und nur noch in Begleitung Erwachsener können sie das Grundstück verlassen.

Unterricht im Kochen, Nähen und Putzen

Jeden Tag erhalten die Mädchen Unterricht im Kochen, Nähen und Putzen und müssen dabei sackartige, braune Kleider tragen. „Vorher waren wir frei, und plötzlich wurde alles Scheiße“, klagt Lale, die Jüngste. Aber es kommt noch schlimmer: Um den guten Ruf der Schwestern zu wahren, werden Zwangsehen arrangiert. „Unser Haus verwandelte sich in eine Ehefrauenfabrik“, wie Lale tief verunsichert feststellt. Die Schwestern sind schockiert, beginnen jedoch sofort – allesamt von großem Freiheitsdrang erfüllt – sich ebenso entschlossen wie unerschrocken gegen die ihnen auferlegten Grenzen aufzulehnen.

„Mustang“, der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Debutfilm der Filmemacherin Deniz Gamze Ergüven, ist Drama und Märchen in einem. Die 37-jährige Regisseurin  inszeniert die beklemmend und verstörend wirkenden Ereignisse mit einer von betörender Sinnlichkeit geprägten Leichtigkeit. Die unzähmbare Lebenslust der fünf Mädchen überzeugt genauso wie die kraftvollen, poetischen Bilder und die packende Regie.

mutmachendes Plädoyer für Lebenslust

Der autobiografisch gefärbte Film ist eine Geschichte über Freiheit und Unfreiheit, vor allem aber eine Geschichte über die Schwierigkeiten des Frauwerdens und Frauseins in einer seit Jahrhunderten von Männern geprägten türkischen Kultur, in der es Frauen nur selten möglich ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dennoch ist „Mustang“ kein wirklich trauriger oder gar melancholischer Film, sondern ein wunderbares und mutmachendes Plädoyer für Hoffnung, Lebenslust, Poesie und Kraft.

Mustang, 90 Minuten, Türkei 2015, Weltkino Filmverleih GmbH