Wenn Familienehre wichtiger ist als Kindeswohl

von Burak Yilmaz

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„Lieber einen Sohn im Knast als eine Tochter im Bordell.“ Das ist ein Spruch, den man sehr früh hört, wenn man in einer Familie aufwächst, in der die Familienehre heilig ist. Als Sohn denkt man sich bei diesem Spruch, dass die Familie ein Auge zudrückt, wenn man mal Mist baut. Als Mädchen dagegen muss man bei diesem Satz denken, dass wohl das ganze Familienleben vom eigenen Verhalten und Geschlecht abhängt.

Ehre ist das heiligste Element in diesen Familien, denn an der Jungfräulichkeit der Frauen hängt die gesamte Familienehre, die von den Männern beschützt werden muss. Doch welche Vorstellung und Erwartung vom Leben bringt man Söhnen und Töchtern bei, wenn sie mit solchen Sprüchen aufwachsen?

Bordellbesuch als Männlichkeitsritual

Während man Gewaltfantasien entwickelt beim Gedanken daran, dass die eigene Tochter im Bordell landen kann, ist es in diesen Familienstrukturen auch üblich, dass Söhne ihr “erstes Mal” oftmals im Bordell haben und dafür von ihrem Umfeld als “Ehrenmänner” oder gar “Helden” gefeiert werden. Der Bordellbesuch ist ein Männlichkeitsritual. Diese Maßstäbe geben Männern das Gefühl, alles machen zu dürfen, was sie wollen. Wenn aber die eigene Schwester sich ein Stück Freiheit erkämpfen will, wie zum Beispiel sich zu schminken, Alkohol zu trinken oder einen Freund zu haben, dann erfährt sie häufig Gewalt und muss im Extremfall um ihr Leben bangen.

Das sorgt für eine strikte Geschlechterhierarchie, die Frauen in engste Korsetts zwingt und Männer hervorbringt, die dafür gelobt und belohnt werden, wenn sie Gewalt anwenden um dieses System aufrechtzuerhalten. Als Männer lernen sie von klein auf, dass Gewalt dann etwas Positives ist, wenn sie die Familienehre beschützt. Doch wer hat die Frauen überhaupt gefragt, ob sie die Ehre der Familie sein wollen? Woher nehmen sich Eltern und andere Familienmitglieder das Recht, über die vermeintliche Ehre von anderen Menschen zu bestimmen? Wo bleibt da eigentlich die Unantastbarkeit der Menschenwürde?

Respekt, der allein auf Angst basiert

Natürlich gibt es auch Männer, die unter diesen Strukturen leiden, Ängste und Minderwertigkeitskomplexe haben, doch noch sind sie in der Unterzahl. Sie haben es satt, die Soldaten ihrer Väter zu spielen und sich ihren Eltern gehorsam unterzuordnen. Eine Vorstellung von Respekt, die auf nichts anderem als auf Angst basiert. Sie haben es satt, dass Nachbarn und Verwandte sich in das Liebesleben junger Menschen einmischen und sie permanent bevormunden. Die Sexualität des Einzelnen ist Privatsache, sie geht niemanden etwas an. Weder die Eltern, noch andere Familienmitglieder oder Bekannte. An Kontrolle der Sexualität durch Gewalt ist nichts ehrenvoll.

Diese Gewaltherrschaft zerstört ganze Familien, keines dieser Kinder und Jugendlichen hat Vertrauen zu den eigenen Eltern. Alle führen ein Doppelleben, in dem sie im Elternhaus eine andere Persönlichkeit vortäuschen, als sie eigentlich haben. Zu Hause ist man gehorsam, unterwürfig und jeden Tag Täter oder auch Opfer von Gewalt. Wundert es da jemanden, dass gerade diese Jugendlichen außerhalb des Elternhauses überdurchschnittlich depressiv sind?

Gewalt als einzige Form der Kommunikation

Das Urvertrauen zu ihren Eltern ist von Grund auf erschüttert, falls es überhaupt jemals da war. Denn wie soll es dieses Urvertrauen zu den eigenen Eltern auch geben, wenn Gewalt die einzige Form der Kommunikation in der Familie ist?

Burak Yilmaz ist Germanist und Coach beim Projekt Heroes Duisburg – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre. Er bildet junge Männer aus, die in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen als Multiplikatoren zum Thema Ehre, Sexismus und Gewalt arbeiten. Zudem ist er als Bildugsreferent aktiv im Bereich Erinnerungskultur, Geschichte in der Einwanderungsgesellschaft und Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen.