Brighton by the sea – willkommen in dem britischen Seebad

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Brighton hat dank des Golfstroms auch im Herbst und Winter seine Reize und bietet bis zu 40 km Ausblick von dem neuen Aussichtsturm (im Hintergrund)

Von Solveig Grewe

Spätsommer in Brighton. Weißgraue Tupfen jagen über den blassblauen Himmel, der Wind bläst ordentlich aus Ost. Die Möwen kreischen sich vor Freude darüber noch heiserer, als sie knapp über die Köpfe der letzten Sonnenhungrigen am Strand von Englands größtem und bekanntestem Seebad hinweg wieder in die Höhe schießen. Weit und breit kein Sand. Dafür empfängt Kies an diesem Teil der Ärmelkanal-Küste die nie endenden Wogen, die sich kräuselnd ihren Weg ans Land suchen. Das bunt gemischte Publikum schaut gedankenverloren im Sweater von einer Picknickdecke aufs Wasser, schleckt Eis oder joggt. Die überraschende Milde von Tag und Wasser verführt Mutige zum Bad in der Schaum gezierten Brandung.

Mitte des 18. Jahrhunderts startete die Karriere des Seebads Brighton

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Ein Gemälde aus der Mitte des 18. Jahrhunderts veranschaulicht die züchtigen ersten Badeausflüge.

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Die Felsformation der Seven Sisters etwa 30 Kilometer entfernt von Brighton.

Undenkbar in einer längst vergangenen Zeit, als Brighton noch ein beschauliches Dorf war und das Meer den Menschen dort ausschließlich zur Fischerei und zur Salzgewinnung diente. Gebadet wurde, wenn überhaupt, nur in Seen und Flüssen. Bis ein Arzt aus Brighton in der Mitte des 18. Jahrhunderts herausfand, dass kalte Seebäder sich wegen ihres Salzgehaltes stärkend und heilend auf den Organismus auswirken. Widerstrebend, aber letztendlich guten Willens, ließ sich der feine Teil der Bevölkerung in Holzkisten von Pferden ins Meer ziehen. Über einen Holztritt ging es in angemessen züchtiger Badekleidung hinab ins knietiefe Nass, wo man sich ein wenig mit Wasser bespritzen und rasch wieder ans Ufer bringen ließ. Das sollte reichen, zur Förderung der Gesundheit und zum Start der Karriere Brightons als Seebad, dessen etwa 280 000 Einwohner heute insgesamt rund elf Millionen Besucher im Jahr begrüßen. Viele von ihnen Tagesbesucher aus dem knapp eine Stunde entfernten London, die abends schon mal rot verbrannt wieder in den Zug zurück in die Metropole steigen.

Auf einem typischen britischen Frühstückstisch darf Marmite eigentlich nicht fehlen

Nach einer stürmischen Nacht startet der Tag grau und nieselig. Trotzdem bleibt Alis, Mitte 20, blond, mit üppiger Figur und reichlich tätowierter Haut unter dem Tupfenkleid im Stil der siebziger Jahre, optimistisch. Zumindest für den Nachmittag verspricht sie schirmlose Phasen. Sorgfältig drapiert sie im Frühstücksraum des Hotels „Pelirocco“ einen typisch britischen Start in den Vormittag mit Rührei und Spinat, reichlich fluffigem Toastbrot, gebratenem Schinken und frisch gepressten Orangensaft auf dem blank polierten Holztisch. Auf „Marmite“ als kulinarisches Angebot verzichtet sie heute leicht schmunzelnd und vielsagend. Nicht ohne Grund wird die vegetarische Würzpaste, die man morgens wie Nutella aufs Brot streicht, in Großbritannien mit dem Slogan „Love it or hate it“ vertrieben. Aus dem Lautsprecher eines realen Plattenspielers schluchzt die von Herzschmerz erfüllte Stimme von Paul Anka. Das außergewöhnliche Hotel am Regency Place mit seinen neunzehn Zimmern, jedes für sich einzigartig und ein wenig verrückt zu unterschiedlichen und mit umhäkelten Telefonen nicht nur zu musikalischen Themen wie Soul, Beat oder Rock ‘n‘ Roll mit den entsprechenden Accessoires eingerichtet, lockt Publikum jeder Altersgruppe an.

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Am Brighton Pier kann es auch schon mal stürmisch werden.

Britisches Understatement ist und bleibt der neue Aussichtsturm British Airways I 360

Wie vielleicht keine andere Stadt im Vereinigten Königreich steht Brighton für die Abweichung von der bürgerlich-konservativen Norm. Trotzdem bleibt die neueste Attraktion der quirligen Stadt, die sich selbst auch gerne „London by the sea“ nennt, bei der Bevölkerung nicht unumstritten. „I-Sore“, zu Deutsch in etwa „Schandfleck“, murmelt Sue, gebürtig aus Brighton, jetzt Kopf schüttelnd auf der Fahrt in der gläsernen Kapsel, die sich entlang der 138 Meter hohen Stahlsäule des Aussichtsturms British Airways I 360 nach oben schiebt. Von den Marketingstrategen wird die Fahrt als „Promenade in der Luft“ verkauft. Ausgerechnet an der Stelle, an der der West Pier, der erste Pier von Brighton, als Ruine an die Zeit erinnert, in der man noch hinaus aufs Meer flanierte. „Hätten sie doch den mal restauriert“, meint Sue. Doch die Tatsache, dass seit der Eröffnung Anfang August mehr als 100.000 Menschen dem Aufruf zur Ausfahrt in die Luft gefolgt, spricht für die moderne Interpretation von Vergnügen, von dem Brighton zweifelsfrei mehr als genug bietet.

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Die moderne Interpretation einer Promenade an der See.

 

Infos:
Mehrere Fluggesellschaften fliegen den Flughafen London – Gatwick an, der zwischen London und Brighton liegt. Busse fahren von dort aus rund eine Stunde, mit dem Auto braucht man etwa eine halbe Stunde. Brighton eignet sich eigentlich das ganze Jahr über für einen Besuch, allerdings kann es im Herbst und im Frühling schon mal recht windig sein. Dafür sorgt der Golfstrom dafür, dass es im Frühling wärmer als in Deutschland ist. Kostenlose Stadtführungen durch Brighton mit amüsanten Alltagsgeschichten, versteckten Ecken und Sehenswürdigkeiten abseits des Touristentrubels und viel Insiderwissen bieten die VisitBrighton Greeter (www.visitbrighton.com/greeters).

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Im angesagten Restaurant 64 Degrees in einer der kleinen Gassen im Brightoner Stadtteil The Lanes kreieren in der offenen Küche bis zu sechs Köche delikate Köstlichkeiten in Tapas Art. Man kann jederzeit Fragen zur Zubereitung stellen. Zum Beispiel, wie man den hauchdünnen Kohl an den Jakobsmuscheln mit Lemongras so sensationell mürbe hin bekommt. Die Antwort: Dehydration. Küchenchef Michael Bremner experimentiert gerne, was zu Geschmacksexplosionen führen kann. Der Name des Restaurants kommt übrigens von einem Ei, das genau 40 Minuten bei 64 Grad Fahrenheit kocht und unwiderstehlich schmecken soll! (www.64degrees.co.uk)

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Die Fassade des „Pelirocco-Hotels „in Brighton ist eher schlicht. Von außen lässt also erst einmal wenig auf das ausgefallene Innere des „The real Rock’n Roll Hotels“ mit seinen außergewöhnlich eingerichteten Zimmern schließen. Im Doppelzimmer „Soul Supreme“ hängen Gitarren und Bilder der Motown Stars an den Wänden, ein einsatzfähiger Plattenspieler wartet nur darauf, dass eine der Soul LPs aufgelegt wird. Wer mag, bucht den „Dirty Weekend Room“ mit einem 2,5 Meter großem runden Bett, einer verspiegelten Decke, einem 42 Zoll großen Fernseher und einer riesigen Badewanne. (www.hotelpelirocco.co.uk) Schräg gegenüber vom Hotel geht’s hinauf zum neuen Aussichtsturm „British airways i 360“. („Fahrpreis“ für Erwachsene: 15.00 £, Kinder : 7.50 £. )
Allgemeine Informationen zu Brighton: www.visitbrighton.com

Fotos: Solveig Grewe