„Bei Salafisten ist es Bedingung, dass man hasst“

Dominic Schmitz war ein ganz normaler Teenager. Auf der Suche nach Sinn in seinem Leben konvertierte er 2005 im Alter von 17 Jahren zum Islam. Er nannte sich Musa al-Almani und wurde überzeugter Salafist. Bis ihn Zweifel zum Ausstieg bewogen. Heute möchte er zur Aufklärung beitragen, warum der radikale Islamismus auch viele Deutsche anzieht.

Interview: Simone Wachter

Dominic Schmitz

© Hans Scherhaufer

Sie sind mit 17 Jahren nicht nur zum Islam, sondern – wie Sie sagen – zu den “Hardcore-Muslimen”, zum Salafismus konvertiert. Sie haben Ihr komplettes Leben und Ihren gesamten Tagesablauf diesem neuen Glauben angepasst. Fast jede alltägliche Handlung und jede Äußerlichkeit war von Geboten und Verboten vorgeschrieben. Widerspruch und Zweifel waren nicht erlaubt. Sie sagen, dass Sieein 150-prozentiger Salafist geworden sind. Haben Sie denn in all der Zeit tatsächlich keinerlei Widersprüche oder Zweifel in sich wahrgenommen?

Es gab auf jeden Fall Widersprüche, die ich u.a. in der Literatur gefunden habe, dass sich z.B. Hadithe (Anm.: Aussprüche des Propheten Mohammed) widersprachen. Aber diese Sache habe ich entweder komplett verdrängt oder es hieß, dass mein Glaube zu schwach sei. Die Salafisten sagen: „Wenn dein Gehirn etwas nicht versteht, dann ist eher dein Gehirn zu schwach, als dass es Fehler in der Religion geben könnte.“ Deswegen liegt der Fehler bei dir und nie bei der Religion. Ich habe mich dann immer weiter hineingesteigert, weil Widerspruch oder Zweifel Unglaube gewesen wären. Ich wollte alles, nur nicht dass mein Glaube ungültig wird und ich in die Hölle komme.

Glauben Salafisten wirklich, dass z.B. die gesamte linke Körperhälfte schlecht und unrein ist, bzw. dass ein Mann nach dem Tod im Paradies 72 Jungfrauen erhält?

Ja, wenn man voraussetzt, dass der Koran und die Hadithe das authentische Wort Gottes sind. An ihnen gibt es keinen Zweifel und man darf sie auch nicht deuten oder interpretieren. Man nimmt sie wortwörtlich, obwohl Salafisten das auch nicht tun. Sie interpretieren auch einige Verse. Aber die Grundregel lautet: Eins zu eins übernehmen, buchstabengetreu.

Nachfragen ist nicht erlaubt?

Wenn man zu viel nachfragt, gilt man als Philosoph. Einmal fragen ist ok, aber wenn man zu viel fragt, macht man sich sofort verdächtig. Vor allem, wenn es in Richtung Zweifel geht, dann wird es sehr, sehr gefährlich.

Bis zu Ihrem Übertritt haben Sie wie ein ganz normaler junger Mann gelebt, Sie hatten Hobbys, Spaß, eine Freundin, Sie haben Musik gehört, Sie haben viele Freiheiten genossen. Warum haben Sie sich ausgerechnet für die rigide Lehre des Salafismus begeistert, in der ja all diese Freiheiten verboten sind?

Man kann im Mainstream eigentlich alles haben, man hat alle Freiheiten. Man kann eigentlich alles machen, was man will. Ich glaube, das ist für viele eine Reizüberflutung. Der Weg zum Salafismus ist das pure Gegenteil. Die pure Rebellion gegen diese Freiheiten und die westlichen Werte. Dennoch finde ich die Fragestellung ein bisschen falsch, weil ich im Salafismus nicht bewusst einen Ersatz gesucht habe. In erster Linie ging es mir tatsächlich um Gott. Ich dachte, das muss so sein. Das ist der Islam, das ist der Weg. Das ist genau das, was Gott von mir will. Ich habe zuerst nach einem Sinn gesucht. Unterbewusst habe ich wohl auch nach anderen Dingen gesucht. Das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, ein Rebell zu sein, eben anders zu sein als alle anderen. In einer Art Familie zu sein, unabhängig zu sein von vielen Vorstellungen, die gerade für Jugendliche enorm wichtig sind. Heute würde ich diese Frage anders stellen, nämlich: Welche Lücken hat der Salafismus gestopft?

Und was spricht Ihrer Meinung nach generell junge Menschen am salafistischen Weltbild an?

Wie ich bereits sagte, habe ich wohl eher unbewusst nach Zusammengehörigkeit und einer Art Elitegefühl gesucht. Ich glaube, dass diese Dinge sehr ansprechend für Jugendliche sind. Ich bin vor 11 Jahren konvertiert, aber heute hat sich die Szene geändert. Heute ist das für viele Jugendliche eine Subkultur. Sich dementsprechend zu kleiden, zu sprechen und zu denken. Mir war zumindest auch die Spiritualität wichtig. Aber die Jugendlichen heute, die nach Syrien ausreisen, die haben gar kein Interesse an Spiritualität.

Denken Sie, dass ein bestimmter Typus junger Menschen empfänglich für den Salafismus ist oder könnte jeder in die Fänge dieser Ideologie geraten?

Ich denke, dass jeder Mensch in seinem Leben Phasen hat, wo er anfällig ist für extremistisches Gedankengut, aber ich glaube nicht, dass jeder Salafist werden würde. Leute wie Abou Nagie (Anm.: ein szenebekannter salafistischer Prediger) würden gern Ärzte und Anwälte ansprechen, aber das sind Menschen, die fünf Minuten zuhören und wissen, dass Salafisten absolute Idioten sind. Aber für Jugendliche wirkt das besonders interessant. Die Argumentation der Salafisten ist bei der Jugend weit verbreitet. Die Feindbilder der Salafisten und diese ganzen Verschwörungstheorien, die bei ihnen kursieren, wie z.B. dass die Ungläubigen weltweit Muslime ausbeuten, damit können sich viele Jugendliche identifizieren. Jugendliche, die keine Perspektive haben, die sind anfällig. Wenn man glaubt, dass man nie etwas erreichen wird, dann stillt man sein Bedürfnis anderswo. Bei den Salafisten kann man schnell Karriere machen, man bekommt Anerkennung. Im realen Leben würde man das so schnell nicht erreichen. Man erfährt Brüderlichkeit und ehrliche Anerkennung, obwohl die Anerkennung nicht wirklich ehrlich ist, aber sie fühlt sich für Jugendliche ehrlich an.

Sie schreiben in Ihren Buch auch Folgendes: „Ich war ein fanatischer Jünger Allahs. Abgetaucht in eine Parallelwelt voller Hass (z. B. gegen Andersdenkende). Sie waren „ein Feind westlicher Werte“. Später betonen Sie sogar, Sie seien ein Faschist gewesen. Das klingt sehr verstörend und traurig – aber auch extrem aggressiv. Wie haben Sie das damals selbst empfunden, bzw. wie beurteilen Sie das heute? Wird dieser Hass von Salafisten sogar bewusst geschürt?

Bei Salafisten ist es sogar Bedingung, dass man hasst, dass man z.B. den Unglauben oder die Demokratie hasst. Das war mir am Anfang so nicht bewusst, aber relativ schnell hat sich mein Denken verändert. Der Westen und Israel sind die Feindbilder der Salafisten, und ich habe das übernommen und vieles nachgeplappert. Der Islam werde überall schlecht gemacht, so ihre Argumentation. Das war sehr einfach und plakativ. Das ist eine Parallele zu den Rechtsradikalen, dass immer mit der Opferrolle argumentiert wird. Es wurde immer mehr Hass produziert. Und so wird man vom Opfer zum Täter. Je mehr ich mich vollgepumpt habe mit hasserfülltem Gedankengut – das aber längst noch nicht so hasserfüllt war wie das salafistische Gedankengut heute – desto mehr habe ich manche Dinge gehasst. Und es stimmt, das war wirklich traurig, ich habe mich auch nicht wohl dabei gefühlt. Es ist tatsächlich kein schönes Lebensgefühl.

Warum sind Sie in Ihrer Heimatstadt geblieben, wenn alles um Sie herum doch so verachtenswert war? Sie hätten ja auch nach Saudi-Arabien auswandern können.

Das war auch mal eine feste Absicht von mir, das zu tun. Aber ich war noch zu jung und hatte kein Geld. Sonst wäre ich bestimmt ausgewandert.

Aber heute denken Sie ganz anders?

Heute würde ich in keinem anderen Land der Welt leben wollen als in Deutschland.

Mit 19 haben Sie eine deutsche Konvertitin geheiratet, die Sie bis dahin kaum gekannt haben. Eine arrangierte Ehe, die Sie als den größten Fehler Ihres Lebens bezeichnet hasben. Welche Rolle spielen eigentlich Frauen im Salafismus – eine eher untergeordnete oder eine wichtige Rolle?

Teils, teils. Eher eine untergeordnete Rolle. Salafisten behaupten immer, dass sie der Frau einen Wert geben. Aber das ist nicht vergleichbar mit dem Wert, den die Frau hier hat. Dass die Frau im Westen ein Sexobjekt ist, wird immer als Argument benutzt, um den Wert der Frau im Salafismus als Mehrwert zu bezeichnen. Im Gegenzug werden der Frau aber viele Verbote auferlegt. Ihre Rechte sind extrem eingeschränkt. Sie darf nicht mal alleine ohne Zustimmung des Mannes das Haus verlassen.

Was motiviert junge Mädchen und Frauen dazu, sich dem Salafismus anzuschließen? Nach gängiger Vorstellung sind Mädchen und Frauen im Islam generell unterdrückt und nicht gleichberechtigt. Man kann sich nur schwer vorstellen, warum Frauen ausgerechnet den Salafismus attraktiv finden.

Das könnte daran liegen, dass Frauen angeblich einen ganz bestimmten Wert im Salafismus haben, ohne auf ihr Äußeres reduziert zu werden. Wobei das per se so nicht stimmt. Denn auch Salafisten wollen immer die hübschere Frau heiraten. Ich glaube, dass auch die blumige Sprache der Salafisten Frauen anspricht, z.B. Aussagen wie „Du bist eine Perle“. Das ist ein bisschen wie im Märchen von Tausendundeiner Nacht. Ich glaube, dass sich Frauen davon unheimlich erhöht fühlen. Viele Frauen fühlen sich auch auf ihr Äußeres reduziert und bei den Salafisten bekommen sie den totalen Gegenentwurf: „Bei uns zählt nur dein Inneres“.

Lehnen Salafisten Emanzipation und Feminismus als unislamisch ab?

Auf jeden Fall. Eine Karriere ist für Frauen nur sehr selten erlaubt. Die meisten Mädchen sollen noch nicht mal Abitur machen, oder bestenfalls Abitur und das war’s dann. Im Prinzip ist die Frau nur da, um die Kinder zu erziehen.

Respektieren Salafisten Frauen? Wie gehen sie mit Frauen um? Und wie werden Nichtmusliminnen beurteilt?

Man unterscheidet klar zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Frauen und dann zwischen bedeckten und nichtbedeckten Frauen. Letztlich werden nur die bedeckten Frauen respektiert. Im Allgemeinen werden Frauen meiner Ansicht nach nicht respektiert, weil sich die Frau ganz klar unterzuordnen hat. Nur die Mutter hat einen hohen Stellenwert, die Ehefrau bereits einen weit geringeren. Eigentlich will der salafistische Mann eine Frau, die eine Gebärmaschine ist.

2013 haben Sie den Ausstieg geschafft. Wie haben Sie es geschafft, letztlich doch die Lebens- und Denkweise der Salafisten infrage zu stellen? Gab es ein bestimmtes Ereignis oder war es eher ein langsamer Prozess, der zum Ausstieg geführt hat?

Das war ein sehr langsamer Prozess. Ich habe angefangen zu zweifeln und sehr viel nachzudenken. Das fing 2010 an. Ich habe mich bei anderen muslimischen Gruppen informiert, z.B. bei Schiiten und Sufis. Ich habe sehr viel über mich selbst nachgedacht. Ich habe mich gefragt, was mich noch als Individuum ausmacht. Ich bin auch älter und reifer geworden und teilweise aus dem Salafismus herausgewachsen.

Wurden Sie eigentlich von Seiten der Salafisten bedroht bei Ihrem Ausstieg?

Direkt nach dem Ausstieg nicht, aber später, als ich auf Youtube, im Radio und im Fernsehen kritisch Stellung bezogen habe, da ging es heftig zur Sache. Seitdem gab es immer wieder Drohungen. Vor ca. 2 Wochen habe ich z.B. eine Morddrohung bekommen.

Gibt es Hilfsangebote wie z.B. Beratungsstellen für ausstiegswillige Salafisten, so wie man das für ehemalige Sektenaussteiger oder Rechtsextremisten kennt?

Die gibt es auf jeden Fall. Das ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, aber es gibt gute Ausstiegshilfen.

Dominic Schmitz hat über seine Erfahrungen ein Buch geschrieben: „Ich war ein Salafist“ (Econ, 250 Seiten, 18 Euro).