Dokumentation “Rettung auf der Todesroute”

Nadia Kailouli (c) privat

Nadia Kailouli (c) privat

Der WDR zeigt am 23.05.16 um 22:10 Uhr die Dokumentation Rettung auf der Todesroute. Wir sprachen mit der Filmemacherin Nadia Kailouli, die die Arbeit von SOS MEDITERRANEE mit der Kamera begleitete.

 

SOS MEDITERRANEE ist ein Rettungseinsatzteam vor der Küste Libyens. Du hast drei Wochen lang die Arbeit der Crew begleitet? Warum?

Flüchtlingskatastrophen sind mehr als eine Nachrichtenmeldungen. Ich wollte, dass die Berichterstattung über Flüchtlinge weg von der Sachlichkeit kommt und persönlicher wird. Ich wollte den Menschen, die sich so humanitär engagieren ein Gesicht geben und den Flüchtlingen eine Stimme. Und ich wollte so nah wie möglich miterleben, welche Arbeit SOS MEDITERRANEE leistet.

 

Auf den Schlepperbooten befinden sich Frauen, Kinder und Männer aus Ländern wie Eritrea, Somalia, Nigeria, Gambia oder Äthiopien. In deinem Film erfahren wir viel über die Umstände unter denen sich die Menschen auf diese lebensgefährliche Reise begeben. Denn viele haben gar nicht unbedingt das Ziel Europa vor Augen.

Die Fluchgründe sind humanitär und politisch. Das Ziel der Menschen ist erst einmal Sicherheit, Frieden, und Arbeit. Durchquert man die Länder in Afrika ist dieses Ziel schwer zu finden. Viele von den Menschen, die ich kennengelernt habe sind nach Libyen gegangen. Libyen ist bekannt für seine Stahl- und Ölindustrie. Die Hoffnung hier Arbeit zu finden ist groß. Doch um in Libyen anzukommen, müssen viele erstmal einen brutalen Marsch durch die Wüste auf sich nehmen, und dabei verlieren viele Menschen bereits ihr Leben. In Libyen anzukommen gleicht einer Ankunft in der Hölle.

 

Alles kommt dann anders. Wie überreden die Schlepper die Menschen zu diesem Schritt?

Sie überreden sie nicht, sie zwingen sie. Das Geschäft ist brutal. Schwarze Menschen sind in Libyen nichts wert. So die Aussage mehrerer Flüchtlinge. Sie leben dort versteckt und in täglicher Gefahr ihr Leben zu verlieren. Schwarze Menschen werden täglich in Libyen willkürlich verhaftet und weggesperrt. Nicht weil sie straffällig geworden sind, sondern weil das Wegsperren ein Geschäft ist. Denn der einzige Weg aus dem Gefängnis ist sich freizukaufen. Das Geld haben viele von ihnen noch gar nicht verdienen können. Also müssen sie Kontakt aufnehmen zu ihren Familien in ihren Herkunftsländern. Die treiben das Geld auf um Sohn, Tochter, Ehemann oder Ehefrau aus dem Gefängnis zu kaufen. Das Geld, das die Familien eh so gut wie gar nicht haben bekommen sie in dem sie sich verschulden oder das letzte Vieh verkaufen. Wer dann nicht zahlt, wird im Gefängnis sterben. Zu hunderten werden die Menschen in einen Raum gesperrt. Täglich gibt es ein Stück Brot. Misshandelt und geschlagen werden alle. Viele werden angeschossen oder erschossen.

Wer aus dem Gefängnis kommt wird von Schleppern direkt angesprochen, dass es einen Weg raus aus dem Land gibt. Ein Boot nach Europa. Das kostet natürlich. Also rackern viele bis zur absoluten Erschöpfung um das Geld für einen Platz auf dem Boot zu bekommen. Denn länger in Libyen zu bleiben, heißt länger in der Hölle bleiben und jeden Tag die Gefahr auf sich zu nehmen erschossen zu werden. Es gibt keinen festen Preis. Der eine verlangt 300€, der andere 500€ usw. Sprich die Menschen werden systematisch menschenunwürdig gefoltert bis der einzige Ausweg das Boot nach Europa ist. Viele der Flüchtlinge haben mir erzählt, dass sie bei Ankunft am Strand in der Nacht das Schlepperboot gesehen haben und nicht einsteigen wollten. Ihnen wird dann gesagt, dass auf sie ein großes Schiff wartet. Was sie dann vorfinden ist aber ein kleines Plastikboot. Vielen wird bewusst, dass dieses Boot gar nicht geeignet ist um damit aufs offene Meer zu steuern und dass das Boot viel zu überfüllt sein wird mit den ganzen Menschen. Auf ein Boot zwingen die Schlepper über 100 Menschen. Einige haben mir erzählt, dass sie sich geweigert haben dort einzusteigen. Aber sie haben keine andere Wahl. Hinter ihnen stehen die Schlepper mit Waffen, wer nicht einsteigt, wird erschossen. Denn jeder, der an Land bleibt und den anderen davon berichtet, was die Flüchtlinge wirklich erwartet, macht das Schleppergeschäft kaputt.

 

Die libysche Küstenwache ist personell und aufgrund der destabilen politischen Lage gar nicht in der Lage die schiffbrüchigen Menschen zu retten. Wohin fließt das Geld der europäischen Union zur Sicherung der europäischen Außengrenzen und welche Verantwortung muss deiner Meinung nach Europa für diese Menschen übernehmen?

Die EU möchte mit dem Geld zum einem die libysche Küstenwache aufbauen, damit es die Flüchtlinge erst gar nicht aufs Meer schaffen und damit gegen die Schlepper vorgegangen werden kann. Und die EU möchte, dass Libyen wieder zu einem halbwegs funktionierenden Staat wird. Das kann aber Jahrzehnte dauern. Wenn wir jetzt also sagen: Wir machen alles dicht, dann verhindern wir damit zwar, dass Menschen eine Flucht übers übernehmen. Und alles menschen- und politischmögliche tun um diesen Menschen zu helfen. Denn wir Europäer haben doch jahrzehntelang für Menschenwürde und Menschenrechte gekämpft. Es liegt in Europas Verantwortung dort humanitär einzugreifen und zu helfen, wo Menschenrechte eben keine große Bedeutung haben. Eine Organisation wie SOS MEDITERRANEE ist in der Lage durch die europäische Zivilgesellschaft Spenden zu sammeln um Menschenleben zu retten. Die Zivilgesellschaft macht da weiter, wo die Politik versagt hat. Menschen werden flüchten solange sie humanitäre Katastrophen erleben. Da können wir die Grenzen noch so dicht machen. Es finden sich Wege, aber solange diese illegal sind, werden sie auch brutal bleiben.

 

Wie ist die Lage der Frauen aus Zentralafrika in Libyen?

Wir haben einige Frauen aus Nigeria kennengelernt. Vor der Kamera wollten sie nicht reden. Aus Angst. Von vielen Frauen habe ich gehört, dass sie vergewaltigt wurden. Wer sich ein bisschen mit Nigeria beschäftigt hat und von Boko Haram gelesen hat, der braucht die Frage nicht stellen, warum diese Frauen flüchten. Frauenhandel und Vergewaltigungen gehören zum Alltag. Wir haben aber natürlich auch Frauen an Board, die aus Eritrea, Somalia, Äthiopien oder dem Sudan gekommen sind. Entweder alleine, mit ihrem Bruder oder mit ihrem Ehemann. Zwischen Mann und Frau wird in der Brutalität in Libyen kein Unterschied gemacht. Ich habe mit gestandenen Männern gesprochen, die so schwach, traumatisiert und seelisch unheilbar verletzt sind, durch das was ihnen passiert ist. Jeder kann sich jetzt also vielleicht vorstellen, welche Verletzungen die Frauen in sich tragen.

 

Was können wir Außenstehenden tun?

Unseren Wohlstand teilen. Damit meine ich nicht, dass wir Haus und Hof hergeben sollen. Aber wir können unsere Türen in unseren Ländern öffnen. Politisch und menschlich signalisieren, dass wir in Europa gemeinsam für humanitäre Hilfe stehen. Wir können uns bewusst machen, dass sich keiner aussuchen kann, wo er geboren wird. Wir können Verständnis zeigen für die Menschen, die auf der Flucht sind. Wir können Europas soziale Werte leben. Wir können an Organisationen Spenden, deren Arbeit es ist Menschenleben zu retten.

 

Wir danken für das Gespräch!