“Die Literatur des Maghreb ist facettenreich”

Donata KinzelbachWer in Deutschland auf der Suche nach Literatur aus Marokko, Algerien oder Tunesien ist, wird beim Donata Kinzelbach Verlag fündig. Wir sprachen mit der Verlegerin über Büchermenschen, die Kölner Silvesternacht und ihren Ausblick in die literarische Zukunft.

 

Seit 1987 führen Sie den einzigen Fachverlag für maghrebinische Literatur im deutschsprachigen Raum. Wie kam es zur Gründung des Donata Kinzelbach Verlag?

Während meines Studiums (Vergleichende Literaturwissenschaft) habe ich die Literatur des Maghreb kennengelernt. Sie hat in mir eine Saite zum Schwingen gebracht, es ist ja beim Lesen auch sehr viel Emotionales dabei, biochemische Prozesse laufen im Gehirn ab … Ich dachte mir, wenn schon einen Verlag gründen, dann mit klarem Profil.

 

Wer sind Ihre Leserinnen und Leser?

Die Leserinnen und Leser – in der Tat sind es mehr Frauen als Männer, was aber auch auf andere Verlage zutrifft – rekrutieren sich aus allen gesellschaftlichen Schichten: da gibt es Studenten, da gibt es Leute mit Reise-Erlebnissen in diesen Ländern (insbesondere Marokko), da gibt es die Neugierigen, die sich einfach mal auf ein neues Terrain einlassen.

 

Was zeichnet Ihrer Meinung nach maghrebinische Literatur aus?

Die Literatur des Maghreb ist sehr facettenreich. Die Autorinnen und Autoren sind vielfach Cosmopoliten, haben in Frankreich, den USA oder in England studiert, rekurrieren auf Eigenes und reichern es mit Fremdem an. Das ergibt eine sehr spannende Mischung. Außerdem schreiben viele Autorinnen politisch, d.h. sie verarbeiten Traumata wie die Kolonialisierung, den Algerienkrieg, oder sie beschreiben den Alltag, der sich von unserem ja in Vielem unterscheidet. Korruption, Vetternwirtschaft, überbordende Bürokratie, Unterdrückung der Frauen, das sind die alltäglichen Widrigkeiten, mit denen sich die Protagonisten konfrontiert sehen.

 

Welche Themen treiben Ihre Autoren um?

Das Leben, die Liebe, die Suche nach dem kleinen Glück – letztendlich sind es überall die gleichen Themen, die uns Menschen umtreiben.

 

Worin liegt der Unterschied zur Literatur aus dem Nahen Osten?

Die Literatur aus dem Nahen Osten ist zuweilen härter, gnadenloser, so jedenfalls mein Eindruck.

 

Maghrebinische Literatur muss im deutschen Buchhandel gezielt gesucht werden? Warum ist die maghrebinische Literatur in Deutschland so selten?

Tja, das ist ein Problem vieler Buchhändler, die einfach denken, das suche bei Ihnen sowieso niemand. Und wenn es dann nirgendwo steht – allenfalls im Abholfach, also nicht öffentlich – dann wird es auch nicht nachgefragt. Es ist heute sehr schwer, engagierte Buchhändlerinnen und Buchhändler zu finden, die einfach mal sagen: “Wir machen mal ein Fenster oder einen Aktionstisch.” Natürlich ist es einfacher, sich stapelweise die Bestsellerlisten hinzulegen, die sich dann garantiert abverkaufen. Aber macht das Spaß, frage ich mich dann immer? Als Büchermensch trägt man doch auch eine Vision in sich …

 

Verlegen Sie auch Bücher von maghrebinischstämmigen Autorinnen und Autoren aus Europa? Sehen Sie da ein weiteres Betätigungsfeld Ihres Verlags?

Prinzipiell spricht nichts dagegen. Bislang habe ich lediglich einen Algerier veröffentlicht, der in Deutschland lebt: Akli Kebaili. Es gibt in Deutschland auch wenige Maghrebiner, die meist wegen der Sprache nach Frankreich gehen oder – zumindest früher – wegen größerer Akzeptanz – in die Niederlande.

 

Alle reden über die Kölner Silvesternacht und die Maghrebiner. Wie haben Ihre Autorinnen und Autorin die Ereignisse wahrgenommen?

Meine Autorinnen und Autoren waren erst einmal entsetzt über die Vorfälle und verurteilen diese selbstredend. Allerdings sehen sie sich nun mit einem Generalverdacht konfrontiert, was umso lächerlicher ist angesichts der verschwindend kleinen Zahl an maghrebinischen Migranten. Ich selbst war auch schockiert, wie abwertend selbsternannte Fachleute die Situation vor Ort schildern und wie viel Raum ihnen ungeprüft in renommierten Zeitungen eingeräumt wurde. Dagegen habe ich auf Facebook auch eine Gegendarstellung gepostet, nachdem die Zeitung diese nicht abdrucken wollte. Seitens meiner Autorinnen und Autoren, aber auch seitens der maghrebinischen Gemeinde wurde mir dafür viel Respekt gezollt.

 

Was wünschen Sie sich für die literarische Zukunft des Maghreb?

Zukunft – das ist immer (auch) unsere Jugend! Von daher wünsche ich mir viele gute Manuskripte von Nachwuchsautoren, die es natürlich gibt, die es aber schwer haben, sich auf dem nationalen Markt zu behaupten. Von daher begrüße ich Aktivitäten wie ein Come together junger Autorinnen und Autoren mit Verlegern und Kulturschaffenden aus aller Welt, wie es beispielsweise meine algerische Kollegin Nadia Sebkhi während eines internationalen Literaturkongresses in Algier im Dezember 2015 organisierte. Junge Leute überzeugten dort mit innovativen Schreibformen und mit neuen Themenkomplexen. Spannend!

Frau Kinzelbach, wir danken für das Gespräch!

 

In den kommenden Wochen stellt uns Donata Kinzelbach hier einige spannende Titel aus ihrem Verlag vor.