Literaturreihe Maghreb #2 – „Straße der Verwirrten“

Straße der VerwirrtenJede Woche stellt uns Verlegerin Donata Kinzelbach ein Buch aus dem Maghreb vor. Heute mit einem Werk von Mohamed Magani.

Vor einer Reise in fremde Gefilde führt der Weg meist in die Buchhandlung, wo ein Reiseführer erstanden wird. Von ihm erhofft man sich Informationen, sachlich und konkret. Aber die Seele eines Landes finden Reisende dort nicht. Literatur hingegen kann mit einer Formulierung, mit einer geschickt gewählten Metapher die Lebensform, die Wünsche und Enttäuschungen ans Licht bringen.
Im Mittelpunkt seines achten Romans stellt Mohamed Magani eine herrenlose Hündin, die vom Algerier Mahyou aufgenommen wird, der sie lehrt, ihr Bellen in eine vernehmbare Stimme zu verwandeln. Sie wird Expertin darin, Bücher aus den Mülltonnen der Siedlung zu retten, die ihr neuer Herr systematisch sammelt. Mahyou, der aus undurchsichtigen Gründen in eine andere Region versetzt wird, verliert seine Hündin, verliert die Siedlung und die ihm vertraute Straße der Verwirrten. Nur auf seinen Freund Lazreg kann er noch zählen.
Wenn im neusten Roman von Mohamed Magani „Straße der Verwirrten“ (Rue des perplexes) ein Streunerhund zur Hauptperson wird und dem Protagonisten Mahyou als treuer Freund zur Seite steht, dann sind sozialer Mangel und menschliche Frustration angesprochen. Und wenn dieser Hund schließlich abgerichtet wird, Bücher aus Müllhalden zu retten und seinem Herrchen vorzulegen, dann sieht der Leser eine große Bildungswüste vor sich, die nach Bepflanzung, Bewässerung und Wachstum ruft.
Der Hund apportiert aber nicht nur Bildung ─ diese wiederum eine Metapher für Fortschritt ─ sondern er bringt auch Wärme und Nähe zu Mensch und Tier und zur Natur überhaupt. Ein neues Leben lässt sich erträumen, die Eröffnung einer Buchhandlung scheint realisierbar. Der Hund wird zum Ursprung eines kulturellen Projektes. Ganzheitlich werden Natur und Leben betrachtet, ein sinnvolles Leben scheint nur im Einklang von Mensch und Natur lebbar.
Mohamed Magani thematisiert das Thema Umwelt in seinem Roman, ein Thema, das bislang in der algerischen Literatur keinerlei Beachtung fand. In einigen Ländern, wie etwa der Schweiz, ist die Natur in der Erklärung der Menschenrechte enthalten. In Algerien ist man bislang – das ist auch vorrangigeren Problemen geschuldet – weit davon entfernt, ein solches Bewusstsein zu entwickeln.
„Mit der Natur sind wir alle eins“, so Mohamed Magani in einem Interview.

Es gibt die Seidenstraße, die Tee- oder Tabakstraße, die Straße des Salzes, der Nomaden und der Sklaven, alles bekannte Routen, die die Fantasie beflügeln. Doch der Weg, der heute zu nehmen ist, hat mit Geographie nichts zu tun, er beschreibt Mahyous Lebensweg durch den der Hündin.

Straße der Verwirrten

Zum Autor:
Mohamed Magani wurde 1948 in El Attaf, im Norden Algeriens, geboren. 2003 wurde er Gründer und Vorsitzender des Pen algérien, war Dozent an der Universität von Algier und widmet sich aktuell dem Schreiben.
(Aus dem Französischen von Katharina Grabowski)