Literaturreihe Maghreb #1 – „Stern von Algier“

Stern von AlgierJede Woche stellt uns Verlegerin Donata Kinzelbach ein Buch aus dem Maghreb vor. Den Anfang macht das Werk von Aziz Chouaki.

 

Den Spagat zwischen Tradition und Moderne thematisiert Aziz Chouaki in seinem Roman „Stern von Algier“ (Etoile d’Alger1). Moussa, der junge Protagonist, ist ein Musiker aus dem Volk. Er will Berbermusik mit westlicher Musik verweben, will „der Michel Jackson von Algier“ werden.
Das Armutsmilieu, in dem er sich tummelt, hat tausend Facetten zwischen Gelingen und Scheitern. Die Lebensfülle einer konfliktreichen Gesellschaft tut sich detailreich auf: Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Korruption, Schwarzmarkt – und der vermeintliche Ausweg in Alkohol und Drogen.
Wie ein Faustschlag wirkt schon der Name der Siedlung, in der Moussa wohnt: Sonne und Meer. Weckt dieser Name doch eher Assoziationen einer Urlaubsidylle, steht die Realität in krassem Widerspruch dazu: 14 Personen, vom quengelnden Kleinkind bis zur kranken Großmutter, teilen sich nur drei Räume, keine Chance auf Intimität oder auch nur persönlichen Rückzug. Moussas „Studio“: die Müllhalde hinter der Siedlung. Auf diesem Brachland mit Blick aufs Meer lässt Moussa sich vom Zauber der Klänge forttragen, von Lied zu Lied.
Zunächst ist er auf Erfolgskurs. Auf Auftritte in drittklassigem Milieu schafft er den Sprung in den angesagten Club „Triangle“, wo sich verzogene Schnösel und Kinder von Reichen tummeln. Zwar ist das nicht Moussas Welt, aber er schnuppert Morgenluft. Er will all sein Elend eintauschen gegen diese Welt, da will er hin!
Doch mit dem Erstarken der Fundamentalisten endet seine Karriere, bevor er wirklich durchstarten kann. In der Ideologie der Fundamentalisten ist Musik verwerflich – und der Musiker ein Taugenichts, eine Schwuchtel …
Durch den Wahn, mit dem gegen Kunst jeder Art vorgegangen wird, zerplatzen Moussas Träume wie Seifenblasen. Stattdessen sieht er sich mit Korruption konfrontiert, als er versucht, seinen Freunden ins französische Exil zu folgen. Letztlich scheitert auch dieses Vorhaben.
Was diesen Roman auszeichnet ist die Fähigkeit des Autors, den Protagonisten in unser Herz zu schreiben. Als Sympathieträger fiebert, hofft und leidet der Leser mit Moussa.
Das Spannungsverhältnis zwischen Musik und Realität wird zur Zerreißprobe.

Stern von Algier von Aziz Chouaki (Ungekürzte Ausgabe, 1. August 2009) Broschiert

Zum Autor:
Aziz Chouaki wurde 1951 in der Kabylei/Algerien geboren. Von Jugend an ist er Musiker, der arabo-andalusische Klassik mit Jazz verbinden will. Bis 1991 betrieb er einen Musik-Club in Oran. Studium der Englischen Literatur in Algier.
Chouaki lebt seit 1991 in Frankreich, wo er als Schriftsteller, Theaterautor und Musiker arbeitet. Er ist ein erbitterter Kritiker der Zustände in seinem Heimatland: Machtmissbrauch, Korruption, Fundamentalismus, Perspektivlosigkeit der Jugend. Der Autor besticht durch Sprachgewalt und Ideenreichtum. Man darf ihn zu den kreativsten Autoren der frankophonen Gegenwartsliteratur zählen.

(Aus dem Französischen übersetzt von Barbara Gantner)