Wenn der Berg ruft – Herausforderung im Garda Trentino

IMG_1866

Von Solveig Grewe

Ohne ordentliche Steigungen und atemberaubende Ausblicke kann ein Waldweg auch schnell langweilig werden. Das ausgerechnet dann, wenn man mal drauf aus ist, an die eigenen Grenzen zu stoßen und den inneren Schweinehund der Bequemlichkeit zu überwinden. Links neben dem Wegweiser zur nächsten Jausenstation ragt jetzt ein Felszahn aus dem Bergmassiv. Seine Ausmaße verheißen das Abenteuer, dem Himmel näher zu kommen. Meinem Vorschlag, vom Spazierweg abzuweichen und den Aufstieg zu wagen, beantwortet ein zweifelnder Blick von Bergführer Andrea auf mein Schuhwerk und die Jacke.

IMG_1865

 

Schuhwerk und Jacke halten der Überprüfung stand

Sie halten seiner Prüfung stand und „alles Weitere wird sich schon zeigen“, grinst er. Es hat schon ein Auge dafür, wenn Teilnehmer seiner geführten Wandertouren durch die Bergwelt des Trentino Garda eine gehörige Portion Selbstüberschätzung mitbringen. Der schlanke 24-Jährige mit klarem Blick und Wuschelhaar stammt aus Arco. Die kleine Stadt nördlich des Gardasees nennt sich selbst auch die Heimat des Kletterns. Seit 1987 findet dort jedes Jahr das Rockmaster-Festival statt, der bekannteste Sportkletterwettkampf der Welt. Im ersten Jahr traten die Kletterer noch an einem Naturfelsen an, seit 1988 geht es an einer künstlichen Kletterwand um den Sieg in den Disziplinen mit Seil, ohne Seil und Geschwindigkeit.

IMG_1875

Die Liebe zur Natur und die Kraft aus ihr sind Motto für Bergführer Andrea

Nicht  nur der Spaß am Klettern, sondern die Liebe zur Natur und die Kraft, die man aus der Begegnung mit ihr schöpfen kann, sind Motto für Andrea und das Team der “Friends of Arco“ , wie sich die staatlich ausgebildeten und auf Gruppenführungen spezialisierten Bergführer nennen. „Wie schade, dass viele Touristen den Weg zur inneren Ruhe nur mit Mühe finden “, bedauert Andrea. Schon Kinder werden von digitalen Wächtern gehetzt, die mit ihren Bling-Blings und sonstigen Klingeltönen den Tagesablauf nahezu pausenlos diktieren. Da hilft nichts anderes, als die Handys vor einer Tour einzusammeln, schmunzelt Andrea. Der Seitenhieb sitzt, mein Telefon bleibt für den Rest des Tages nicht nur lautlos, sondern ausgeschaltet. Wir lassen die Jause rechts liegen und wählen am Wegweiser den Weg mit der Nummer 420 Richtung Mazza di Pichea, was zu Deutsch Kopf des Pichea heißt.

IMG_1890

In 1879 Metern Höhe lockt das Gipfelkreuz des Mazza di Pichea 

Die mit 1879 Meter angegebene Höhe schreckt nicht wirklich, zumal hier auf 600 Meter Höhe schon ein gutes Stück hinauf hinter uns liegt. Zudem steigt der von Latschenkiefern und Felsen gesäumte Weg moderat an. Weiße Blüten brechen hier und da schon aus dem mattbraunen Gras des letzten Winters. Schneerosen, erklärt Andrea, und schiebt auch den lateinischen Namen noch nach. Weil die große Wassermasse des Gardasees als Wärmespeicher wirkt und die Berge vor den kalten Nordwinden schützen, geht es auf ihrer Südseite schon früh los mit der Frühlingsblüte. Nur noch wenige Wochen, dann folgen Enzian, Edelweiß und etliche andere geschützte Blumenarten. Sogar Orchideen sollen hier wachsen.

IMG_1882

Die Inschrift an der Hütte weckt Gedanken an den ersten Weltkrieg

Bevor der Weg steiler und anspruchsvoller wird, bietet sich eine Schutzhütte zur kurzen Rast an. Eine Inschrift erinnert an einen Hauptmann namens Ludwig Riccabona. Der Österreicher mit dem italienischen Namen kämpfte in dieser Gegend mit seinem Regiment der Tiroler Kaiserjäger während des ersten Weltkriegs gegen die italienischen Alpini. Über zwei Jahre lang lieferte sich Österreich-Ungarn mit dem Nachbarn von Kälte, Lawinen und Steinschlag geprägte Kämpfe. Heute markiert eine weiße Taube den 520 Meter langen Sentiero della Pace, den Friedensweg, der vom nahen Tonale-Pass zum Gletscher bedeckten Marmolada führt. Alten Schützengräben, Bombentrichter und Reste der in die Felsen gesprengten Gefechtsstellungen säumen ihn. Die Reste des „Grande Guerra“, wie der erste Weltkrieg auf italienisch heißt und an den in fast jedem Dorf ein Denkmal erinnert.

IMG_1945

Die Luft wird dünner, der Kreislauf kommt in Schwung

Die etwas beklemmende Stimmung erlöst die banale Frage: „Wie weit ist es noch bis oben?“. Das Gewirr der Gedanken, das einen zwangsläufig umfängt, bricht ab mit der Antwort, die Andrea sofort gibt. Irgendwie scheint auch er jetzt weg von der Vergangenheit kommen zu wollen: „Noch etwas über eine halbe Stunde.“ Wo die Sonne den Weg noch nicht oder nicht mehr erwischt, lauert vereistes Geröll. Der Blick schweift, sucht nach sicheren Stellen, die Halt versprechen. Während Andrea mit seinen profilierten Wanderschuhen fast federnd über die spiegelglatten Steine marschiert, hangele ich mich hinter ihm mit Halt suchenden Griffen ins Gestrüpp beiderseits des Pfades ziemlich wackelig vorwärts. Ob dieser Wanderaufstieg wirklich eine gute Idee war, frage ich mich mehrfach, aber nur im Stillen. Die Luft wird dünner, der Kreislauf kommt mächtig in Schwung. Ich keuche und kreuche. Das letzte Stück vor dem Gipfelkreuz führt über einen steinigen, kaum einen Meter breiten Steig. Andrea bleibt zurück, wartet hinter mir geduldig und dirigiert mich über die schwierigste Passage des Trips. Beim Griff an das Drahtseil durchdringt Kälte die zerkratzten Hände. Ziemlich mühsam ziehe ich mich in die Höhe, während Andrea jeden meiner Fußtritte sorgfältig beobachtet. „ Lass dir Zeit, du schaffst das.“ Das steht für mich nun auch fest, nach einigen Zweifeln weiter unten. Ich verstehe nun, warum die Gruppen bei den geführten Touren klein sein müssen. „Bei fünf Leuten kann das schon mal eine Stunde dauern, bis alle oben sind“ sagt Andrea.

IMG_1907

 

Kein Laut stört die Stille unter dem Gipfelkreuz

Das Keuchen und alles ist weg, verdrängt vom der süßen Gewissheit: geschafft! Oben zu sein. Ein sanfter Wind umspielt das eiserne Gipfelkreuz auf dem schmalen Grat. Grandios der Blick nach Norden zu den weißen Eisriesen der Presanello und der Adamello Gruppe, während der Gardasee gerade unter dichten Wolken abgetaucht ist. Kein Laut stört die Stille auf dem Gipfel. Berge sind stille Meister und machen schweigsame Schüler, sagte einst Goethe. Er hat natürlich Recht. Die Stille wirkt so gewaltig, dass man sie fast schreien hört. Wir stehen stumm für eine ganze Weile.
Glaube keiner, der Abstieg von einem Berg sei leichter als der Aufstieg! Mehr gerutscht als geklettert komme ich unten an. Andrea vermeidet es diplomatisch, meine Art der Fortbewegung zu kommentieren. Das meine ich jedenfalls aus den italienischen Sätzen herauszuhören, die er mit dem Gastwirt des Refugio Pernici austauscht, nicht ohne mir dabei ein strahlendes Lächeln zu schenken. An den Tischen sitzen hier Kletterer, Biker und Spaziergänger einträchtig bei deftigem Schmaus. Am Ende gilt für alle, dass sie, jeder auf seine Art und Weise, ein weiteres Ziel im Leben erreicht haben.

IMG_1901

Infokasten
Das Garda Trentino – ein Verbund der sechs Gemeinden Riva del Garda, Arco, Nago-Torbole, Dro, Drena und Tenno mit zusammen 42.000 Einwohnern – zählt zu den beliebtesten Ferienregionen in Europa. Der Gardasee ist der größte See Italiens, seine Umgebung wird von der mediterranen Vegetation, den Brenta-Dolomiten im Norden und dem Monte Baldo im Süden geprägt. Dort treffen das Trentin0, das Veneto und die Lombardei mit all ihren unterschiedlichen kulinarischen Spezialitäten zusammen. In Riva del Garda am nördlichen Gardasee kocht im Restaurant Viletta Annessa Koch Lukas Bombardelli feine traditionelle Gerichte, außerdem gibt es leckeres Fleisch vom offenen Grill  (www.vilettaannessa.com)

Für Outdoor-Sportarten bietet das ganzjährig geöffnete, natürliche Fitnesszentrum perfekte Voraussetzungen, im Umkreis von 15 Kilometern sind sämtliche Disziplinen auszuüben, von Wassersport mit Segeln, Kanu oder Canyoning, über Trekking, Free-Climbing und Klettern   (www.friendsofarco.it/de/home.htm ) bis zum Mountainbiking.

Der am nächsten gelegene Flughafen ist Verona Valerio Catullo. Der schnellste Weg mit dem Auto verläuft über die Autobahn A22 Modena – Brenner. Die Ausfahrt ist Rovereto Sud – Lago di Garda Nord, von hier sind es noch 17 Kilometer bis Riva del Garda. Der nächstgelegene Bahnhof ist Rovereto auf der Brenner-Linie, 20 km von Riva del Garda entfernt.

Allgemeine Informationen:

www.gardatrentino.it