„Wurzelbehandlung – Deutschland, Ghana und ich“ – Eine Annäherung

Esther_Donkor_WurzelbehandlungNeunundzwanzig Jahre lang, wusste ich nicht viel von meinem Vater aus Afrika. Dann nahm er mich endlich mit nach Ghana. Und ich schrieb ein Buch darüber.

Von Esther Donkor

Das ist aber dünn! Schreib mal ein bisschen dicker!“

Die ersten Worte, die mein Vater sprach, als er mein Buch frisch in den Händen hielt.

Wurzelbehandlung – Deutschland, Ghana und ich“, ein Reisebericht gespickt mit Tagebucheinträgen über unsere erste gemeinsame Reise in sein Heimatland, nach Ghana. Hundertvierzig Seiten. Und er sagt, es sei zu wenig.

Vor dieser Reise hätte ich mich sicher tierisch über seine Aussage geärgert. Der Schmerz der Identitätssuchenden pochte wie Zahnweh in meiner Seele. Neunundzwanzig Jahre lang, immer stärker und stärker werdend. Ich wusste kaum etwas von Ghana, kaum etwas über meinen Vater. Nicht wo er aufwuchs, wie er erzogen wurde, wer seine Geschwister sind und seine Eltern. Hinzu kamen die Fragen der Menschen in meinem Heimatland.

Woher kommst du?“
„Aus Köln, aus Deutschland!“
„Nein, woher kommst du wirklich?“

2014 stellten meine jüngere Schwester und ich unseren Vater vor ein Ultimatum.

Nimm uns endlich mit nach Ghana! Oder bedeuten wir dir nichts?“

Und er tat es. Widerwillig zunächst. Wäre es nach ihm gegangen, so hätte er noch das Haus in Accra fertig gebaut, alles arrangiert und weiter über die Ghanaer geschimpft. Es wäre jahrelang so weitergegangen wie bisher. Er hätte uns nicht mitgenommen.

Schreib mal ein bisschen dicker!“, sagte mein Vater, als er das Buch zum ersten Man in den Händen hielt. Dann setzte er seine Lesebrille auf und las mit gerunzelter Stirn den Klappentext. Ich wusste, er macht sich nicht viel aus Büchern. Dick sollen sie sein, sonst lohnt sich das Lesen nicht. Ich dachte, vielleicht wird er es nie lesen und der Gedanke brachte Erleichterung. Denn so, wie ich schreibe, konnte ich nie wirklich mit ihm reden.

In Ghana war das anders. Auch wenn mein Vater viel unterwegs war, so öffnete er sich. Er stellte uns seine Familie vor, zeigte das Haus, in dem er geboren wurde und erzählte Geschichten aus seiner Kindheit. Und ich spürte, auch in ihm gab es so viel Schmerz.

Wenn die Leute mich fragen: „Autsch! Warum heißt dein Buch Wurzelbehandlung?“, dann sage ich: vor einer Wurzelbehandlung hat man oft Angst. Man fürchtet noch stärkere Schmerzen erleiden zu müssen, ein qualvolles Verfahren. Aber wenn es dann kein Zurück mehr gibt, ist es gar nicht so schlimm. Die Behandlung lindert. Sie heilt.

Das hat mir gut gefallen!“, sagte Papa dann vor ein paar Wochen. Er hatte mein Buch gelesen, sprach mich fast zaghaft auf einige Passagen an. Wir unterhielten uns. Von Tochter zu Vater. Von Vater zu Tochter. Frei. Keine Schmerzen mehr nach unserer Wurzelbehandlung.Esther

 

Esther Donkor ist Autorin und Mibegründerin des Onlinemagazins krauselocke.de und hat kürzlich ihr erstes Buch veröffentlicht:  Wurzelbehandlung – Deutschland, Ghana und ich