Oh Simone

Simone de Beauvoir: Heute noch so aktuell wie damals

Dass Simone de Beauvoir mehr war als nur Feministin und Freundin Jean-Paul Sartres ist heute leider etwas in Vergessenheit geraten. Schade, denn Beauvoirs Werk ist alles andere als in die Jahre gekommen.

Von Julia Korbik

In einem meiner alten Tagebücher aus der Zeit, als ich ungefähr 18, 19 war und kurz vor dem Abitur stand, klebt ein kleiner Info-Text:

Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung betrachten Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir als die Fundamente aller Werte. Sie gehen davon aus, dass der Einzelne sich erst durch seine Handlungen definiert; es komme darauf an, sich zu entscheiden, ohne sich hinter Traditionen und Religionen, Doktrin und Ideologien zu verstecken – auch wenn die Verdammung zur Freiheit Angst hervorrufe.“

Freiheit, das war es, was ich wollte. Frei sein wie Simone de Beauvoir. Zu meinem 18. Geburtstag hatte ich ihren Roman Die Mandarins von Paris bekommen, eine hartnäckige Nasennebenhöhlenentzündung kurierte ich kurz darauf mit den Memoiren einer Tochter aus gutem Hause im Bett aus. Ich habe schon immer viel gelesen, war neugierig auf Geschichten, auf Autoren und Autorinnen. Aber nie war es so intensiv wie mit Beauvoir, ein coup de foudre, ein Blitzschlag, wie die Franzosen sagen – zu Deutsch: Liebe auf den ersten Blick. Diese Frau, die mal so ernst, mal so heiter schrieb, in deren Romanen sich Erlebtes mit Fiktion mischte. Deren Gedanken und Beobachtungen stellenweise so aktuell klingen, als seien sie erst gestern notiert worden. Und die trotzdem eine bestimmte Zeit spiegeln, bestimmte Gegebenheiten, einen bestimmten Ort. Bei Beauvoir gehen Werk und Leben fließend ineinander über, weshalb es schwierig ist, beides getrennt voneinander zu betrachten. Beauvoir selbst sagte einmal: „Mein wichtigstes Werk ist mein Leben.“

 

Gut gealtert

Dieses Werk, so scheint mir heute, ist größtenteils in Vergessenheit geraten. Zumindest in Deutschland wird kaum noch über Simone de Beauvoir als große Schriftstellerin gesprochen – für Die Mandarins erhielt sie 1954 den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs, den Prix Goncourt. Wenn überhaupt über sie gesprochen wird, dann meistens im Zusammenhang mit Das andere Geschlecht (Feminismus!) oder mit Jean-Paul Sartre (offene Beziehung!). Dabei war Beauvoir viel mehr als feministische Ikone oder Lebensgefährtin eines berühmten Philosophen. Wobei gerade diese beiden Aspekte wiederum ganz gut zeigen, warum Simone de Beauvoir auch heute noch so aktuell ist.

Viele feministische Werke sind nur ein paar Jahre ganz auf der Höhe der Zeit. Und das ist okay – mein Buch Stand up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene verstehe ich zu großen Teilen als eine Momentaufnahme. Die feministische Bewegung entwickelt sich ständig weiter, neue Akteur_innen tauchen auf, neue Diskussionen und Ereignisse. Wenn man sich aber Das andere Geschlecht (erschienen 1949) anschaut, so fällt auf: Das Buch ist gut gealtert, es hat über die Jahrzehnte nichts von seinem revolutionären Charakter verloren. Beauvoir schrieb: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“. Diese Feststellung ist heute nicht weniger umstritten als sie es 1949 war: Biologisten klammern sich hartnäckig an die These, dass es so etwas wie „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ gibt – Biologie schlägt Sozialisation. Wenn wir heute selbstverständlich von „sex“ und „gender“ sprechen, also vom biologischen und sozialen Geschlecht, denken wir dabei nicht zuerst an Simone de Beauvoir. Dabei hat die diese Unterscheidung in Das andere Geschlecht bereits gemacht. Es gäbe, so Beauvoir, keine weibliche Essenz, also kein weibliches Wesen. Das, was als weiblich gilt, wird von der Gesellschaft vorgegeben. Wie gesagt: Das war damals revolutionär und ist es heute noch. Und es ebnete den Weg für die Gender Studies.

 

Absolute Offenheit

Simone de Beauvoirs Beziehung zu Jean-Paul Sartre war vieles: einzigartig, modern, gleichberechtigt. Eines war sie aber ganz sicher nicht: unkompliziert. Geht es um das berühmte Philosophen-Paar und seine offene Beziehung, scheint es nur Extreme zu geben. Entweder wird diese Beziehung als Ideal, als perfekte Symbiose dargestellt – oder als überbewertetes Konstrukt, in dem Beauvoir widerwillig das Treiben des Frauenhelden Sartres ertrug. Wie so oft liegt die Wahrheit dazwischen. Als Beauvoir und Sartre 1929 ihren berühmten Pakt schlossen, war die Art der Beziehung, auf die sie sich verständigten, tatsächlich revolutionär: Neben ihrer „notwendigen Liebe“ waren Affären, sogenannte „Zufallslieben“, erlaubt, sogar erwünscht. Sartre und Beauvoir, damals 24 und 21 Jahre alt, schworen sich gegenseitig Offenheit – sie würden sich immer alles sagen.

Im Zeitalter von Polyamorie und offenen Beziehungen ruft ein solches Arrangement wahrscheinlich bei vielen nur Gähnen hervor. Sartre und Beauvoir hatten damals aber kein Vorbild, sie stürzten sich in etwas, von dem sie nicht wussten, welchen Schaden es ihnen zufügen würde. Denn während Sartre als Mann quasi tun und lassen konnte was er wollte, wurde von Beauvoir als Tochter aus gutem Hause erwartet, dass sie schnellstmöglich eine gute Partie machte und selbstverständlich als Jungfrau in die Ehe ging. Stattdessen schnappte sie sich einen kleinen, hässlichen Mann mit philosophischen Ambitionen aber ohne Intention, sie zu heiraten. Für Beauvoir stand also durchaus etwas auf dem Spiel – aber sie wählte Freiheit statt Standesgemäßheit. Und bei all den Krisen und Eifersüchteleien, Intrigen und Unsicherheiten, die es in ihrer Beziehung sicher gab: Sartre und Beauvoir waren einander ebenbürtig. Sartre behandelte seine Lebensgefährtin als seinesgleichen. In der damaligen Zeit ganz und gar nicht selbstverständlich.

 

Beauvoir von ihrem Podest runterholen

Wenn also vor allem Das andere Geschlecht und das ungewöhnliche Liebesarrangement von Simone de Beauvoir in Erinnerung geblieben sind, so ist das nicht ganz ungerechtfertigt. Aber auch darüber hinaus lohnt es sich, sich mit Beauvoir zu beschäftigen. Durch Sie kam und blieb konnte ich endlich konkret verstehen, was Sartre mit „Existentialismus“ abstrakt meinte. Durch die Briefe an Sartre und das Kriegstagebuch den Zweiten Weltkrieg und vor allem den Kriegsalltag erleben. Durch die Memoiren einer Tochter aus gutem Haus und In den besten Jahren von der Wucht erschlagen werden, mit der Beauvoir vor allem nach einem strebte: Freiheit. Durch Schriften wie Für eine Moral der Doppelsinnigkeit oder Moralischer Idealismus und politischer Realismus Beauvoir als eigenständige Denkerin entdecken, die mit kühlem Kopf und klarem Verstand moralische und politische Fragen analysierte. Das Wichtigste ist aber vielleicht, Beauvoir von dem Podest herunterzuholen, auf dem sie übergroß als Grande Dame des Feminismus‘ trohnt. Sich frei zu machen von dem, was man über sie gelesen und gehört hat – und endlich mal selber Beauvoir lesen. Denn ob alt oder jung: Beauvoir hat jede ihrer Lebensphasen mit voller Intensität gelebt und darüber geschrieben. Und vieles davon liest sich auch heute unglaublich lebendig.

 

Julia Korbik (*1988) lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin. 2014 erschien ihr Buch Stand Up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene bei Rogner & Bernhard. Seit Anfang Januar 2016 gibt es Julias Blog Oh, Simone, der ganz der französischen Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir gewidmet ist.