Buchtipp: Bangalore Masala – Mehr als nur ein Krimi

Korruption, politische Intrigen und mittendrin eine junge Inderin, die unbeirrt ihren Weg geht. In ihrem Krimi „Bangalore Masala“ wirft Karin Kaiser einen interessierten Blick auf Indien im 21. Jahrhundert.

 Von Nicole Karimi

BangaloreBangalore Masala ist ein Indien-Krimi von Karin Kaiser, die sich bereits mit Sachbüchern über die indische Kultur hervorgetan hat. Das Buch hat einen überschaubaren Umfang von 272 Seiten. Der Duktus ist klar; die Vermittlung verspielt, zuweilen traumwandlerisch. Am Ende des Buches ist ein hilfreiches Glossar angebracht. Der Krimi dürfte mehr eine weibliche Leserschaft ansprechen, aber auch allgemein Indieninteressierte.

Im Mittelpunkt des Krimis stehen eine junge, aufstrebende Journalistin und die Stadt Bangalore. Anjali Mathur, die Hauptprotagonistin des Krimis, kämpft als Mitglied der Aktivistengruppe „Action Green“ gegen ein skrupelloses Großprojekt namens ISTO. Im Auftrag von ISTO soll ein geschütztes Dschungelgebiet illegal in einen Technologiepark umgewandelt werden. Und so kämpft Anjali Mathur, als alleinerziehende und dazu noch als berufstätige indische Frau, nicht nur für die Zukunft ihres Sohnes, sondern auch für die ihres Landes. Doch zu welchem Preis? Anjali gefährdet schließlich bei der Aufdeckung der krummen Geschäfte, nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Mitarbeiter und ihres geliebten Sohnes. Die Bedrohung wächst noch, als sie in ihrer Recherche auf ein entscheidendes Beweisstück stößt.

Gefangen zwischen Tradition und Moderne

Kann eine junge, moderne, indische Frau traditionellen Werten gerecht werden? Warum riskiert ein Mensch sein Leben und das seines Kindes für die Aufklärung einer politischen Machenschaft? Ist es tatsächlich nur eine politische Machenschaft? All diese Fragen stellen sich dem Leser, weil die Gefahr groß ist, dass sich Literatur in Kitsch oder in bereits hundertfach erzählte Geschichten verliert, die man sonst von Hollywood kennt. Welcher Symbolcharakter verbirgt sich etwa hinter dem Topos einer alleinstehenden Frau – in Indien? Welches Sinnbild vermittelt Bangalore Masala?

Kaisers Buch ist mehr als ein Krimi. Es geht darin neben der spannenden Handlung um die innere Zerrissenheit der indischen Kultur zwischen Tradition und Moderne, zwischen einfachen, menschlichen Idealen und politischen Machenschaften. So ist die Protagonistin des Buchs, Anjali Mathur, in diesem spannungsvollen Netz verfangen. Sie recherchiert. Sie überschreitet Grenzen. Ihr Leben gerät in Gefahr. Der Atem des Lesers steht still. Immer wieder und immer erneut: Es ist eine indische Geschichte, Bangalore ist mehr als bloß eine Stadt, Anjali Mathur mehr als eine Journalistin; sie ist eine indische Frau, zerbrechlich und kraftvoll zugleich. Ist die Erzählung aber als Krimi gelungen? Schafft es die Autorin, dem Leser die Buntheit Indiens ein Stück näher zu bringen?

Gefühl von Heimat

Karin Kaiser fasst sowohl das Vertraute als auch die Besonderheiten dieses Landes derart in Worte, dass sich einem geradezu ein Gefühl von Heimat auftut. Sie schreibt etwa: „(…) die Frauen, blütengleich in ihren goldgesäumten Saris, magentarotes, smaragdgrünes und pfauenblaues Strahlen, ihre Stimmen, ihr Lachen – ein Lied aus Kindertagen in (…) den Ohren. (…) Man kann die Gesten ihrer Hände lesen, versteht die Geschichten, die sie in die Luft schreiben. (…) Man sieht Worte wie Perlen durch ihre Finger gleiten, wobei bunte Armreifen bei jeder Bewegung klirren. Gesichter schimmern wie kostbares dunkles Holz im Licht der diyas [Tonöllämpchen], die auf den Simsen und Vorsprüngen des Raums aufgestellt sind. Goldschmuck glänzt auf Stirnen und kleine goldene Glöckchen in den Ohren schwingen und klingeln. Vom hoch aufgesteckten Haar fließen Jasminblüten auf Schultern, verströmen eine Süße, die sich mit dem Rauch der agarbattis [Räucherstäbchen] vermischt.“

Kaisers Sprache ist verführerisch, zuweilen tragend, manchmal etwas viel, aber nicht zu viel. Karin Kaiser lässt einen in ein weiches und bereits viele Jahre getragenes, indisches Kleidungsstück schlüpfen – ist es doch fast schon so, als könne man plötzlich selbst all die Düfte riechen und die Geräusche hören, die sie beschreibt.

Weniger wäre mehr gewesen

Zudem hat die Autorin zahlreiche kulturelle, religiöse, soziale und auch rein sprachliche (meist Hindi und Tamil) Hinweise in die Geschichte eingeflochten. Allerdings könnte man sich dadurch auch etwas überschüttet fühlen – besonders dann, wenn einige der eher unwichtigen Wörter und Ausdrücke wie z. B.: „Also?“, „Dort drüben“, „Was?“ oder „Wer?“ extra auf einer der vielen indischen Sprachen geschrieben wurden, statt einfach auf Deutsch. Etwas weniger davon hätte dem Lesefluss gut getan.

Da das Hindu-Pantheon den Laien ohnehin zu überfordern droht, könnte sich manch ein Lesaer hinsichtlich der vielen Götternamen, die Karin Kaiser in ihrem Buch erwähnt, erschlagen fühlen: Hanuman, Lakshmi, Kali, Ganesha, Vishnu, Durga, Shiva, sein Sohn Murugan, Dämonen (Rakshasas) der indischen Mythologie, wie etwa Raavan und sogar Allah finden in „Bangalore Masala“ ihre Erwähnung. Doch stellt dieses religiöse kulturelle Surplus auf der anderen Seite auch einen informativen Mehrwert für dieses Buch dar.

Karin Kaiser hat mit Bangalore Masala einen ganz persönlichen Blick auf das so vielfältige Indien zu Papier gebracht, so dass es für den Leser im Grunde kein Entrinnen mehr gibt: Die Autorin lässt ihn teilhaben an all ihrer Liebe zu diesem Land und zu seinen Menschen. Nichtsdestotrotz hält Karin Kaiser ihre Augen vor den negativen Seiten es Landes nicht verschlossen – machen doch die kriminellen Machenschaften und die Ohnmacht vor der Korruption erst die Würze, eben das Masala, dieses Krimis aus.

 Karin Kaiser: Bangalore Masala, Conbook-Verlag 2014, 12,95 Euro, ISBN: 978-3-943176-64-3