Buchtipp: Frauen für den Dschihad

Mit einem verstörenden Manifest will der sogenannte Islamische Staat (IS) Frauen aus dem Westen anwerben. Das Pamphlet gibt einen Einblick in die frauenverachtende Ideologie der Dschihadisten. Jetzt ist es in einer kommentierten deutschen Übersetzung erschienen.

 Von Simone Wachter

ISHunderte junge Frauen aus westlichen Ländern haben sich in den vergangenen Monaten der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) angeschlossen, manche von ihnen sind noch minderjährig. Die Rekrutierung erfolgt vor allem über soziale Netzwerke. Angelockt werden sollen die Frauen aber auch von einem Manifest, das ein ebenso verzerrt-romantisches wie idealisiertes Bild des IS malt.

Verfasst wurde das Schriftstück mit dem Titel „Die Frau im Islamischen Staat“ von der Al-Khansa, einer Frauenbrigade, die in der vom IS beherrschten syrischen Stadt Raqqa auf den Straßen patrouilliert und Frauen maßregelt, die sich nach den Vorstellungen des IS unislamisch verhalten. Wer genau die Verfasserinnen dieses Textes sind, ist unbekannt.

Im Internet tauchte das Manifest erstmals Anfang dieses Jahres auf. Britische Extremismusforscher der „Quilliam Foundation”, einer anti-islamistischen Denkfabrik mit Sitz in London, übersetzten das Dokument ins Englische und machten es so einer breiten Leserschaft zugängig. Zusätzlich zum arabischen Original ist das Manifest nun in deutscher Übersetzung im Herder Verlag erschienen, ergänzt um einen ausführlichen Kommentar der iranischstämmigen Paderborner Theologin und Juristin Hamideh Mohagheghi, die den Text theologisch und historisch eingeordnet hat und ihm eine aufgeklärte Version des Islam gegenüberstellt.

Hass auf die westliche Welt und ihre Errungenschaften

Das Manifest richtet sich an Frauen in arabischen Ländern wie im Westen und soll sie zum Dschihad und zu einem Leben im „wahren Islam“ aufzurufen. Im ersten Teil appelliert das Pamphlet an das politische Bewusstsein der Frauen und versucht, westliche Zivilisation, Modernität und westliches Denken zu widerlegen. In verächtlichem Ton wird die Abkehr von westlichen Werten und vom westlichen Lebensstil gefordert, denn westliche Wissenschaften, Lebensgewohnheiten und Erziehungsmodelle, vor allem aber der als westlich propagierte Feminismus werden ebenso zu Teufelswerk erklärt wie Schönheit, Mode und Kosmetik.

Im zweiten Teil des Manifests wird ein IS-Islam als Gegenentwurf proklamiert. Der Text verspricht den potentiellen IS-Anhängerinnen Romantik, moralische Überlegenheit, Gemeinschaft, Auserwähltsein und Wertschätzung. Mit pathetisch-euphemistischen Worten wird beschrieben, wie das idealtypische Leben und Verhalten einer gläubigen Muslima aussehen soll. Mädchen und Frauen sollen nur rudimentär Bildung erhalten. Sie sollen Kochen lernen und den Koran lesen. Naturwissenschaften sind unwichtig, hier genügen Grundkenntnisse.

Unterwürfig, unsichtbar, unmündig

Mädchen müssen in einem Alter zwischen 9 und 16 Jahren verheiratet werden, Ehe und Mutterschaft gelten als einziger Lebenssinn, denn: „Ihr Schöpfer hat festgelegt, dass sie nicht mehr Verantwortung hat, als dass sie Frau ihres Mannes ist.” Diesem hat die Frau jeder Zeit zu gehorchen, ihm Kinder zu gebären und aufzuziehen. Das Haus soll sie möglichst nie verlassen und eine berufliche Betätigung ist ihr nur im Ausnahmefall erlaubt. Außer Haus muss ihr kompletter Körper bis auf die Augen verhüllt sein. Unterwürfig, unsichtbar und unmündig – so stellt sich der IS die ideale Muslima vor. Einer Aufgabe jedoch dürfen sich Frauen außerhalb ihres Zuhauses widmen: dem Dschihad. Frauen dürfen in den Krieg ziehen, „wenn der Feind ihr Land angreift und nicht genügend Männer vorhanden sind.”

Fundierter Kommentar mit argumentativen Lücken

In ihrem Kommentar bezeichnet die Theologin Hamideh Mohagheghi die IS-Propagandaschrift vor allem als „ein Dokument der Verachtung der modernen Lebensweise nach westlichem Vorbild“, das die Entmündigung der Frau als Erlösung vom westlichen Joch der Freiheit verkaufe. Mohagheghis Kritik setzt sehr grundsätzlich an: bei den Grundlagen des „Islamischen Staates“ und seiner totalitären und menschenfeindlichen Ideologie, die meist trotz oder gerade wegen ihrer intellektuellen Schlichtheit erfolgreich ist.

Was das Frauenbild des IS anbelangt, zeigt die Theologin entscheidende Widersprüche innerhalb des Manifestes auf. Neben einer inhaltlichen Analyse vermittelt Mohagheghi theologisches wie historisches Hintergrundwissen. Sie erläutert zentrale Begriffe wie „Kalifat“ oder „Dschihad“, um sie im theologischen Kontext einzuordnen. Dennoch wissen ihre Argumente nicht immer völlig zu überzeugen. Etwa wenn sie vorgibt, dass der IS „gegen alle islamischen Prinzipien und Ideale“ verstoße. Damit macht es sich Mohagheghi zu leicht. Aussagen wie diese zielen zu sehr darauf ab, dass der IS mit dem Islam nichts zu tun habe. Sie wirken ebenso wenig glaubhaft wie die Behauptung des IS, den einzig wahren Islam zu repräsentieren. Unbedingt zuzustimmen ist Mohagheghi jedoch bezüglich ihrer Forderung nach einer kritischen Diskussion innerhalb der islamischen Theologie.

Mohagheghi, Hamideh (Hrsg.) (Übersetzt von Hanane El Boussadani): Frauen für den Dschihad. Das Manifest der IS-Kämpferinnen, Herder-Verlag 2015, ISBN 978-3-451-34832-7, 14,99 Euro