Buchtipp: Der Dschihadist – Vom al-Qaida-Sympathisanten zum V-Mann

Irfan Peci verbreitete im Internet deutschsprachige Terrorbotschaften und Drohvideos für al-Qaida. 2009 ließ er sich vom Bundesamt für Verfassungsschutz als V-Mann anwerben. Nun gewährt er in einem Buch einen interessanten Einblick in die Arbeitsweise deutscher Sicherheitsbehörden.

 Von Simone Wachter

Der Dschihadist von Oliver SchroemBis zur 8. Klasse hatte sich Irfan Peci nicht für den Islam geschweige denn für den Dschihad interessiert. Als Schüler war der Deutsch-Bosnier weniger mit guten Noten, sondern eher mit seiner wachsenden Aggressionsbereitschaft aufgefallen, die ihm mehr und mehr Probleme bereitete. Bis ihn eine strenggläubige muslimische Mitschülerin tief beeindruckte und er beschloss, sein Leben zu ändern. Es blieb jedoch nicht bei der Wiederentdeckung seines muslimischen Glaubens.

Peci geriet in islamistische Kreise und radikalisiert sich – vor allem über das Internet. Dort stieß er zur „Globalen Islamischen Medienfront“ (GIMF), die seit 2004 dschihadistische Terrorpropaganda veröffentlicht und damit zum wichtigsten aktiven Unterstützungsnetzwerk von al-Qaida im deutschsprachigen Raum avanciert. Peci wurde zu einem ihrer eifrigsten Mitarbeiter.

Chefpropagandist für al-Qaida

Polizei und Justiz verfolgten das Treiben der Online-Gotteskrieger mit großer Sorge und enormem Aufwand. Nach der Verhaftung des Leiters der GIMF übernahm der damals erst 18 Jahre alte Peci das Ruder und radikalisierte sich immer weiter. Er stellte grausame Videos ins Netz und drohte mit Terroranschlägen in Deutschland. Bei bloßer Propaganda blieb es nicht, denn mittlerweile leistete die GIMF Dschihadisten tatkräftige Unterstützung bei ihrer Ausreise nach Afghanistan und Waziristan.

Pecis Treiben rief den Verfassungsschutz auf den Plan. Der Online-Dschihadist spielte nun selbst mit dem Gedanken, in den realen Dschihad zu ziehen und plante seine Ausreise nach Pakistan. Kurz zuvor war er 2008 nach einer Schlägerei verhaftet worden. Auf die Untersuchungshaft folgte eine elfmonatige zermürbende Isolationshaft. Peci wurde nachdenklich. Ein Sinneswandel begann.

Angeworben vom Verfassungsschutz

2009 treten Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz an Peci heran und bieten ihm Hafterleichterung an für den Fall, dass er mit den Behörden kooperiert. Peci willigt ein. Bis Ende 2010 leitet er als V-Mann Informationen über Terrorverdächtige in Berlin, darunter Mitglieder der „Berliner Gruppe“ und der „Deutschen Taliban Mujaheddin“ an den Verfassungsschutz weiter.

Und er findet sogar Gefallen an seinem Agentenjob. Die Arbeit verschafft ihm sowohl Nervenkitzel als auch bares Geld, denn der Verfassungsschutz hat einiges zu bieten und zahlt gut. Anfängliche Skrupel aufgrund des Verrats seiner ehemaligen Kumpel aus der Islamistenszene überwindet Peci schnell: Bis seine Tätigkeit als V-Mann auffliegt.

Informative Einblicke in die Arbeitsweise des Verfassungsschutzes

Irfan Pecis Buch ist leicht und flüssig zu lesen. Der Autor beschreibt seinen persönlichen Weg in den gewaltbereiten Islamismus und seine Arbeit als V-Mann auf ebenso selbstkritische wie ehrlich und authentisch anmutende Weise, ohne zu beschönigen oder zu verharmlosen. Er liefert Antworten auf die drängende Frage, wieso junge Menschen in islamistische Kreise geraten und wie islamistische Internetpropaganda zu ihrer Radikalisierung einen entscheidenden Beitrag leistet.

Darüber hinaus gewährt „Der Dschihadist“ interessante Erkenntnisse über die Strukturen und Akteure der deutschen Dschihadisten-Szene und deren Unterwanderung durch internationale Geheimdienste. Die Journalisten Johannes Gunst und Oliver Schröm, mit denen Peci das Buch verfasst hat, bieten einen überaus spannenden, aufschlussreichen und kontroversen Einblick in die Arbeitsweise deutscher Sicherheitsbehörden.

Irfan Peci, Johannes Gunst, Oliver Schröm: Der Dschihadist. Terror made in Germany – Bericht aus einer dunklen Welt, Heyne Verlag 2015, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-453-20085-2