Eile mit Weile – mit dem Volvo P 1800 ES bei der Rallye Hamburg-Berlin-Klassik

Das Ziel Der HBK 2015 ist erreicht: Mit dem "Schneewitchensarg" im Hamburger Hafen

Das Ziel der HBK 2015 ist erreicht: Mit dem “Schneewittchensarg” im Hamburger Hafen

Von Solveig Grewe

Eile mit Weile. So werden Oldtimerrallyes gerne werbewirksam verpackt. Wer sich aber auf eine gemütliche Schnauferlschaukelei mit viel Muße einstellt, wird bei der Teilnahme an der Hamburg-Berlin-Klassik (HBK) schnell eines Besseren belehrt. Die Fahrer und Fahrerinnen der meisten der 180 Autos, die in diesem Jahr bei der 8. HBK gestartet sind , haben eigentlich nur ein Ziel vor Augen. Das heißt, möglichst schnell und exakt die achtzehn Wertungsprüfungen auf der 730 Kilometer langen Strecke zu absolvieren. Und das mit Fahrzeugen, deren Bauzeiten die Bandbreite

Vorkriegszeit bis Anfang der Neunziger....

Vorkriegszeit bis Anfang der Neunziger….

von der Vorkriegszeit bis zu den frühen Neunzigern abdeckt. Unentbehrliches Werkzeug, um die Lichtschranken und Messschläuche auf den Punkt genau in einer bestimmten Zeit durchfahren zu können, sind eigentlich nur eine oder mehrere zuverlässige Stoppuhren und eine Portion Verständnis für die Berechnung einer Durchschnittsgeschwindigkeit von Nöten. Ein Blick auf ins Fahrzeuginnere der meisten Teilnehmer zeigt aber, dass die Chronomaster-App für das iPad längst Einzug gehalten hat und den Ehrgeizigen Unschlagbarkeit verspricht. Da kontert der Veranstalter eben mit geheimen Wertungsprüfungen, die nicht programmierbar sind.

Die Copilotin betet die Sekunden bis zum Ziel laut herunter

Start im Berliner Olympiastadion

Start im Berliner Olympiastadion

Die „schönste Rallye des Nordens“ startet diesmal nicht in Hamburg, sondern zur Abwechslung diesmal wie eins um andere Jahr in Berlin. Die erste Bewährung am alten Olympiastadion steht bevor. Auf der elegant gezeichneten eisblauen Blechhülle des Volvo P 1800 ES aus dem Jahr 1973 markieren heute oberhalb der Kotflügel knallgrüne Postings die Position der Räder. Leicht ist es trotz dieser Hilfestellung nicht, aus dem Inneren die Dimensionen des Fahrzeugs richtig einzuschätzen und die Lichtschranke auf die hundertstel Sekunde genau zu treffen. Die Copilotin  betet laut die Sekunden bis zum Ziel herunter, während der „Schneewittchensarg“ etwas unwillig ruckelt. Der

"Schneewitchensarg" wird der Shooting Brake von Volvo liebevoll genannt.

“Schneewittchensarg” wird der Shooting Brake von Volvo liebevoll genannt.

schwedische Shooting Brake, dem die Deutschen seinen märchenhaften Namen wegen der langen rahmenlosen gläsernen Heckklappe verpasst haben, schätzt diese betont langsame Fahrt nicht wirklich.

Begeisternd klatschende Old – und Youngtimerfans säumen die Kreuzungen

Auf den sanft geschwungenen Landstraßen in Richtung Tangermünde fühlt er sich dann im mittleren Drehzahlbereich sichtlich wohler. Die Hatz mit den Kollegen, die jetzt bei freier Strecke so richtig Fahrt machen, nimmt der Vierzylinder mit 123 PS locker auf. Wenn es über 4000 Umdrehungen dann laut wird, hilft der elektrische Overdrive. Zwischen Birkenhainen fliegen jetzt Stoppelfelder vorbei, die leuchtend gelben Köpfe der Sonnenblumen nicken uns ebenso freundlich zu wie die begeistert klatschenden Old – und Youngtimerfans überall an den Kreuzungen. Kurz vor Wolfsburg zwingt unüberhörbares und immer dominanter werdendes Quietschen aus dem Motorraum zum unfreiwilligen Halt. Erste, natürlich rein theoretische Diagnose: Der Keilriemen. Theorien der Soforthilfe mit einem Damenstrumpf schießen einem durch den Kopf. Doch der technische Support im Begleitfahrzeug findet schnell den wahren Grund: Der Motor der Belüftung sorgte für die unerwünschte akkustische Untermalung. Nun übernehmen die niedlichen Ausstellfenster die Luftzufuhr in dem Dreitürers, bis nach drei Tagen dann das Ziel im Hamburger Fischmarkt erreicht ist.