Juwelen am Genfer See

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Von Solveig Grewe

 

Hier also verbrachte die österreichische Kaiserin ihre letzte Nacht, bevor sie im September 1898 durch die Hand eines Meuchelmörders so tragisch ums Leben kam. Es dürfte Sisi, wie sie weit über die Grenzen des damaligen österreichisch-ungarischen Reiches hinaus liebevoll genannt wurde, gefallen haben im Hotel Beau Rivage in Genf. Marmorsäulen, schwere Polstermöbel, Kronleuchter und Stuck dominieren das P1170007erste Haus am Platze, das in diesem Jahr seinen 150zigsten Geburtstag feiert. Weit reicht der Blick aus dem Fenster über die Uferpromenade mit den akkurat beschnittenen Platanen und den üppig bepflanzten Blumenkübeln auf die Fontäne mitten im Genfer See. Majestätisch gleitet der Schaufelraddampfer “Savoie”  vorbei. Weiter hinten erhebt sich die Kathedrale St. Pierre machtvoll aus der Altstadt und die Grenze des Panoramas bildet heute  der schneebedeckt funkelnde Gipfel des Mont Blanc im Blau des Spätsommertages. Ein Postkartenmotiv. Doch für den grandiosen Blick hat hier heute keiner Zeit. Im Ballsaal des Beau Rivage herrscht geschäftiges Treiben. In wenigen Stunden wird das P1170641Auktionshaus Sotheby’s Schmuckstücke, Gemälde und Uhren von beträchtlichem Wert versteigern. Potentielle Käufer oder einfach nur Schaulustige schieben sich geschäftig flüsternd  von Vitrine zu Vitrine. Die Blicke der Damen ruhen wohlgefällig auf dem einzigartigen rosafarbenen Diamanten, der einmal einer Nichte von Napoleon Bonaparte gehört haben soll. Die Blicke der Herren schweifen von der modernen und quietschgrünen Lacroix über die üppig mit Diamanten verzierte Rolex auf die klassische Patek Philippe daneben.

Johannes Calvin verbot einst das Tragen jeglichen Schmucks in Genf 

Schmuck als Kultobjekt und Gegenstand der Begierde. Das war für eine Zeitlang ganz anders in der  Schweiz. In der Region Genf verbot Johannes Calvin im Jahre 1550 das Tragen jeglichen Schmucks, weil er nach Ansicht des großen Reformators von Gott und vom Beten abhielt. Dafür hatte der Pfarrer in ganz Genf Standuhren aufbauen lassen, damit nur ja niemand seinen Gottesdienst verpasste. Angesichts solch begrenzter Geschäftsaussichten verließen die Juweliere damals in Scharen die Stadt. Einer wusste es besser. Er war auf einen findigen Uhrmacher mit einer famosen Geschäftsidee gestoßen. Gemeinsam fertigten sie aus den tolerierten Zeitmessern immer feinere Schmuckuhren, die Calvin nun beim besten Willen nicht mehr verbieten konnte. Heute gibt es nirgendwo sonst in der Schweiz so viele Uhrmanufakturen wie in Genf und das exklusive Quartier zwischen dem Place Bel-Air und dem Rond-Point de Rive säumen unzählige Juweliergeschäfte, in denen Kunden neben französisch auch gerne in fließendem arabisch und russisch geholfen wird. Den Uhrmachern und Juwelieren verdankt Genf auch sein Wahrzeichen. Der Jet d’Eau in der Mitte des Genfer Sees war mit 142 Metern Höhe lange Zeit die höchste P1170247Fontaine der Welt, bevor er von einem künstlichen Springbrunnen in Saudi-Arabien abgelöst wurde. Ursprünglich sprühte der Jet d’Eau (franz. für Wasserstrahl) nur wenige Meter hoch und diente den Juwelieren als Überdruckventil für die Druckwasserleitung, mit denen sie ihre Maschinen betrieben. Heute werden bei schönem Wetter pro Sekunde 500 Liter Seewasser mit einer Geschwindigkeit von 200 km/h in die Luft geschossen. Droht starker Wind die Gischtsäule zu nah an die Promenade des Sees zu treiben oder wird es frostig, wird der Hebel in der kleinen Schaltstation am Ufer schon einmal umgelegt und die Fontäne macht Pause.

Vom Float Inn hat man den perfekten Blick auf den Jet d’Eau 

Den Blick aus der Pole Position auf dieses abends sogar illuminierte Wasserspiel hat man vom Deck des „Float Inn“. Der über siebzehn Meter P1170252lange weiße Katamaran liegt zentrumsnah am Quai Gustave Ador. Jede der fünf unterschiedlich eingerichteten Doppelkabinen mit eigener Dusche und WC bietet aus ihrem weiten Bullauge einen grandiosen Blick über den See, der sich heute von seiner sommerlich sanften Art zeigt. Während sich die Sonne langsam über den Wellen erhebt, widmet sich Jean-Luc Oestreicher in der kleinen, aber bestens ausgestatteten Küche dem Frühstück für seine Gäste. Bei frisch gebackenen Hefezopf und Marmelade aus eigener Herstellung erzählt der ehemalige Physiotherapeut, wie er den Katamaran auf dem Landweg hierher brachte und ihn mit viel Herzblut zu dem machte, was er jetzt ist: ein exklusives B&B auf dem Wasser, das er zusammen mit seiner Frau bewirtschaftet. Zu besonderen Anlässe lässt Jean Luc schon P1170270mal die Leinen los und nimmt seine Gäste mit hinaus auf den größten See der Schweiz und nach dem Plattensee dem zweitgrößten Mitteleuropas. Gespeist wird der Genfer See hauptsächlich von der Rhone, die nach einem langen Weg durch die Gletscherwelt und ihrer Mündung in den östlichen Teil den See bei Genf wieder verlässt. Fast zehneinhalb Jahre braucht ihr Wasser für den Durchlauf.

Das schwimmende Hotel legt ab

Majestätisch bläht sich jetzt das Segel des Katamarans auf. Dank der Winde aus den unterschiedlichsten Richtungen gibt der Genfer See ein ideales Segelrevier ab. Segeln hat hier Tradition. Schon im 17.Jahrhundert trugen zweimastige Barken schwere Lasten von einem Ufer zum anderen. Jedes Jahr im Juni findet eine der wichtigsten Binnenseeregatten Europas statt, der Bol d’Or, zu deutsch: die goldene Schale. Die mehr als fünfhundert teilnehmenden Boote verschiedener Klassen dürfen die Strecke von etwa 125 Kilometern von Genf nach Le Bouveret in nicht mehr als 31 Stunden zurücklegen. Wir lassen es heute auf einem Teilstück der Strecke langsam angehen. Nur allzu gerne gibt Jean-Luc auch schon mal das Steuer aus der Hand, während sein Boot an üppigen Parks vorbei gleitet, aus denen heraus die eine oder andere Villa und manches Schlösschen über die Reling lugt. Erst jetzt, vom Wasser aus, wird die liebliche Landschaft erkennbar. Über das windgegerbte Gesicht von Jean Luc zieht ein zufriedenes Grinsen auf. Es gibt wohl schwerlich ein vergleichbares schwimmendes Hotel in einer der teuersten Städte der Welt.

Info

Von den meisten deutschen Flughäfen ist man etwa in einer Stunde Flug in Genf. Knapp zehn Minuten später erreicht man nach einer kostenfreien Zugfahrt (der Fahrkartenautomat der Genfer Verkehrsbetriebe steht etwas versteckt direkt neben den Gepäckbändern) das Stadtzentrum. Mit der kostenlosen Nahverkehrskarte „Geneva Transport Card“ kann man neben Zug und Bus auch die Taxiboote auf dem Genfer See nutzen. Genf bietet eine Fülle von Restaurants, leider selten für den etwas schmaleren Geldbeutel. Im  „L`Adresse“, einer gerade angesagten Mischung aus Restaurant und Modegeschäft, stehen leckere mediterane Gerichte mit exotischen Gewürzen und elegante Weine aus der Region zu erschwinglichen Preisen auf der Karte (www.ladress.ch).

Anschließend kann man bei einer geführten E-Bike-Tour (www.ebiketour.ch) durch die lieblichen Weinberge des Kantons Genf, immerhin drittgrößter Weinproduzent der Schweiz, einen Teil der Kalorien wieder verbrennen, bevor man sich dem sanften Anschub des Akkus ergibt. Nur allzu gerne verköstigen einen die örtlichen Winzer während der Pausen. Im Weingut „De la Clé de Sol“ gibt es von Mai bis Oktober jeweils am P1170110ersten Donnerstag im Monat für Besucher zum Pinot ein klassisches Konzert mitten auf dem Weinberg. (www.cledesol.ch). Danach sinkt man in die weichen Betten einer Kabine  im „Float-Inn“ und lässt sich sanft in den Schlaf schaukeln ( 150 Euro für zwei inklusive üppigem Frühstück, www.floatinn.ch)

Allgemeine Informationen:

http://www.geneve-tourisme.ch/genfueberrascht/

www.geneve-tourisme.ch