Anne Chebu: „Afrodeutsche werden doppelt ausgegrenzt“

Es klingt wie eines der vielen Bücher aus der Rubrik Ratgeber. Doch Anne Chebus „Anleitung zum Schwarz sein“ ist viel mehr als das. Unsere Autorin Jeannette Oholi hat mit der Autorin gesprochen – über Rassismus, Arztbesuche und natürlich übers Schwarzsein.

Anne Chebu

Foto: Noel Richter

Frau Chebu, wie sind Sie darauf gekommen, eine „Anleitung zum Schwarz sein“ zu schreiben?

Das hatte mehrere Gründe. Zum einen habe ich meine Bachelorarbeit zu einem ähnlichen Thema – Schwarze* Menschen in deutschen Medien – geschrieben. Danach habe ich das erste Mal gedacht, man müsste ein Buch daraus machen. Dieser Gedanke wurde noch mal verstärkt auf einem Bundestreffen der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). Dort gibt es öfter Diskussionen unter den Schwarzen, weil sich manche schon extrem viel mit ihrer Hautfarbe auseinandergesetzt haben. Andere kommen das erste Mal in ihrem Leben auf ein Bundestreffen. Sie kommen aus einem kleinen Dorf, in dem es keine anderen Schwarzen außer ihnen selbst gibt. Manchmal kracht es dann zwischen einzelnen Teilnehmern, da sie sich einfach in unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden. Da habe ich mir gedacht, es bräuchte noch ein Bindeglied, damit sich Schwarze untereinander auch besser verstehen. Außerdem habe ich in meiner Heimatstadt Nürnberg einige Afrodeutsche kennengelernt, die ohne einen Schwarzen Elternteil aufgewachsen sind und ein schlechtes Selbstwertgefühl hatten. Ich hoffe, dass mein Buch Ihnen helfen kann.

* Im gesamten Interview wird ‚Schwarz‘ groß geschrieben. Anne Chebu schreibt dazu in ihrem Buch: „Da »Schwarz« keine Farbe ist, sondern eine politische Bezeichnung, ein selbst gewählter Eigenname, wird es groß geschrieben. Dies soll deutlich machen, dass Schwarz sein eben keine Eigenschaft ist. Wenn du Schwarz groß schreibst, zeigst du, dass Schwarz sein mehr ist als die Hautfarbe.“ (S. 35)

An wen richtet sich Ihr Buch?

Ich habe das Buch eigentlich für Jugendliche und junge Erwachsene geschrieben. Bei meinen Lesereisen sehe ich nun, dass mein Buch auch Ältere lesen. Ich bin davon weggekommen, zu sagen, das Buch sei nur etwas für Jugendliche. Wenn ich zurückdenke, wann für mich mein Schwarz sein eine große Rolle gespielt hat, dann war das im Studium. Was ich auch sehe ist, dass viele weiße Mütter von Schwarzen Kindern mein Buch lesen. Das finde ich ganz toll, weil sich die Mütter darum sorgen, wie es ihren Kindern geht und was auf sie zukommt. Oft habe ich auch erlebt, dass afrikanische Väter mein Buch lesen, weil sie sich nicht richtig vorstellen können, wie es ist, wenn man Schwarz ist, sich aber als deutsch definiert.

Wie war die bisherige Resonanz des Publikums auf Ihren Lesereisen?

Ganz toll. Die Lesungen machen richtig viel Spaß. Es kommen auch immer mehr Leute. Die erste Lesung habe ich selbst organisiert und es waren viele Freunde da. Mittlerweile kommen immer mindestens 50 Leute und in Berlin bei der Heinrich-Böll-Stiftung waren es sogar 150. Viele Schwarze junge Menschen sind sehr glücklich mit dem Buch und haben mir gesagt, dass es ihr Leben bereichert hat. Von weißen Menschen habe ich oft auch das Feedback bekommen, dass mein Buch ein ziemlich krasser Perspektivwechsel ist. Es zeigt eben viele Dinge auf und macht weißen Lesern ihre Position und ihre Privilegien bewusst.

Foto: Eleonora Cucina

Foto: Eleonora Cucina

In dem Kapitel „Alltagsrassismus“ schildern Sie einige Situationen, die vielen von uns Afrodeutschen schon passiert sind, zum Beispiel das ewige in die Haare fassen vollkommen fremder Menschen. Hat sich Ihr Umgang mit Alltagsrassismus im Laufe der Zeit verändert?

Ja, ganz stark. Als ich ganz klein war, habe ich die Dinge eher einfach so hingenommen. Meine Mutter hat dagegen sehr stark angekämpft. Das war mir eher unangenehm. Je älter ich wurde, desto mehr haben mich bestimmte Situationen im Alltag selbst gestört. Später hatte ich durch die Schule bedingt einen komplett weißen Freundeskreis. Ich erinnere mich immer noch an diese sogenannten „Witze“ wie: Jetzt machen wir das Licht aus, dann sieht man dich nicht mehr, Anne. Da kamen schon oft so komische, rassistische Sprüche. Ich weiß noch wie sehr mich das gestört hat, aber ich habe auch nichts gesagt. So richtig angefangen, mich zu wehren, habe ich erst in den letzten Jahren. Dadurch, dass ich Rassismus angesprochen habe, habe ich sehr viele schlechte Erfahrungen machen müssen. Mittlerweile bin ich wieder etwas diplomatischer. Ich bin zwar noch der Meinung, immer etwas zu sagen, aber ich mache das jetzt auf eine andere Weise. Wenn zum Beispiel jemand rassistische Begriffe nennt, dann sage ich nicht mehr, hey, das ist rassistisch, sondern wiederhole den Satz mit politisch korrekten Begriffen. Aber es kommt immer auf den Kontext an.

Ich merke an mir, dass ich sensibler werde, je mehr ich mich mit bestimmten Themen wie etwa Rassismus auseinandersetze.

Ja, man erkennt die Zusammenhänge. Ich kann mich daran erinnern, als ich angefangen habe bei der ISD. Das ist jetzt ungefähr sechs Jahre her. Da gab es ein paar Schwarze, bei denen ich mir dachte, man kann auch übertreiben. In meiner Wahrnehmung damals haben sie alles, was andere zu ihnen gesagt haben, als rassistisch empfunden. Je mehr ich mich jedoch mit der Thematik beschäftige, desto mehr sehe ich die Zusammenhänge. Mir fallen immer mehr Dinge auf, die mich stören. Zum Beispiel wenn ich von Servicemitarbeitern oder auch von Polizisten, die ich direkt anspreche, ignoriert werde. Für sie bin ich unsichtbar. Es gibt noch so viele unbewusste Rassismen in der deutschen Gesellschaft, die aus der Kolonialzeit stammen. Viele Bilder sind sehr tief verankert.

Foto: Eleonora Cucina

Foto: Eleonora Cucina

Wie finden Sie einen Ausweg aus solchen Situationen? In Ihrem Buch erzählen Sie, wie Ihnen ein Arzt einfach so in die Haare fasst. Als Reaktion haben Sie bei ihm dasselbe gemacht.

Wissen Sie was: Das ist mir jetzt schon wieder passiert. Ich habe den Arzt nun gewechselt. So gehe ich konkret damit um. Ich lasse mir so ein Verhalten nicht mehr gefallen. Eine Ärztin hat das letzte Mal eine Narbe an meiner Wade angeschaut und meinte, ich hätte so stramme Waden, weil ich aus Afrika käme. Ich entgegnete nur, ich habe so stramme Wadln, weil ich aus Bayern bin. (lacht) Was aber heißt Auswege? Manchmal deprimiert es mich so sehr, wenn Menschen mich so behandeln, aber dann denke ich daran, dass nicht alle weißen Menschen so sind. Das darf man nie vergessen. Natürlich ist der Schmerz trotzdem groß, aber ich versuche einfach, mich auf die tollen, reflektierten weißen Menschen zu konzentrieren. Bei einem Tief hilft mir außerdem der Austausch mit anderen Schwarzen Menschen.

Hat Ihnen Ihr Engagement bei der ISD dabei geholfen, Ihre Schwarze Identität entwickeln zu können?

Ja, auf jeden Fall. Ich wüsste gar nicht, wer ich ohne die ISD heute wäre. Als ich dort das erste Mal war, war es für mich wie eine zweite Geburt. Ich bin auf mein erstes Bundestreffen gekommen und habe das erste Mal gecheckt, wer ich bin. Und vor allem hatte ich das erste Mal in meinem Leben eine Gruppe, zu der ich gehörte. Wir Afrodeutschen leben hier letztendlich isoliert und werden in einer weißen Umgebung groß. Wir können uns nur ein stückweit mit dem Schwarzen Elternteil identifizieren, weil wir ja hier als Deutsche sozialisiert werden. Afrodeutsche werden doppelt ausgegrenzt. Wir gehören nicht richtig zur weißen, deutschen Gruppe, und oft auch nicht zur afrikanischen. In der ISD habe ich das erste Mal Menschen getroffen, die wie ich waren. Als ich zum Bundestreffen gekommen bin, dachte ich teilweise, dort hängt ein Spiegel. Ich habe links und rechts geschaut und überall mich gesehen.

Würden Sie sich selbst als Aktivistin bezeichnen?

Ja. Aber wenn Sie mich als Jugendliche gefragt hätten, dann hätte ich gesagt, oh Gott, was ist das denn. (lacht)

Zum Schluss: Wie stellen Sie sich ein Deutschland im Jahre 2075 vor? Was erhoffen Sie sich?

Ich hoffe, es gibt eine gute Faltencreme. (lacht) Ich glaube, in 60 Jahren wird sich schon einiges tun. Ich sehe bereits seit einigen Jahren Verbesserungen, vor allem in den Medien. Langsam geht es in einige Köpfe, dass Menschen mit sogenanntem Migrationshintergund auch Fernsehen schauen, Radio hören, Zeitung lesen und online gehen – oh Wunder! Langsam werden sie als Zielpublikum erkannt. Und dadurch versucht man, sie und bestimmte Themen im Programm abzubilden – zumindest ein kleines bisschen. Ich sehe jetzt, dass Migranten der dritten oder vierten Generation langsam sichtbar werden. Ich fahre ja ganz viel Zug in der letzten Zeit und habe schon oft Schwarze Schaffner gesehen. Ich habe auch schon Schwarze Apotheker und Ärzte gesehen. Und nicht nur Schwarze Deutsche, sondern auch andere People of Color und Menschen mit Migrationshintergrund werden sichtbar. Das ändert schon einiges. Ich denke, wenn diese Menschen in höhere Positionen kommen, wird sich noch mal einiges verändern. Ich denke aber nicht, dass es in 50 oder 60 Jahren in Deutschland keinen Rassismus mehr gibt. Ich glaube, es wird noch sehr, sehr lange dauern bis es soweit ist. Dennoch sehe ich, dass die jungen Leute, die heute heranwachsen, in einem anderen Deutschland groß werden. Sie sind von anderen medialen Bildern umgeben und haben auch ein globaleres Umfeld. Das macht Mut.

 

Cover Anleitung zum SchwarzseinAnleitung zum Schwarz sein,

UNRAST Verlag 2014,

ISBN 978-3-89771-527-1, 9,80 Euro