Filmtipp: Timbuktu – Wenn selbst das Lachen unter Strafe steht

Von Simone Wachter

Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn Islamisten die Macht übernehmen? Regisseur Abderrahmane Sissako geht dieser Frage in seinem Film „Timbuktu“ nach. Der Terror des „Islamischen Staats“ liefert dazu den schrecklichen aktuellen Hintergrund.

Timbuktu_Plakat_A5Im Norden Malis übernehmen Dschihadisten die Kontrolle über die Stadt Timbuktu und führen eine strenge Form der Scharia ein. Schnell und unerbittlich entfaltet ihr Regime seinen Schrecken. Eine allgegenwärtige Sittenpolizei schikaniert Passanten und zwingt Frauen, sich in der Öffentlichkeit komplett zu verhüllen, stets Handschuhe und Strümpfe zu tragen. Die Islamisten patrouillieren durch die Straßen und verkünden per Megaphon das Verbot von Fernsehen, Radio, Musik und Tanz, Fußball, Alkohol und Zigaretten.

Die Bewohner reagieren zunächst irritiert. Viele machen sich über die Islamisten und ihre rigiden und oft völlig absurd wirkenden Regeln lustig – bis diese sogar das Lachen verbieten und jede „Sünde“ mit drakonischen Strafen ahnden. Brutalität und unerbittlicher Terror nehmen immer stärkere Auswüchse an. Rasch ist alles Leben in Timbuktu erstarrt vor Angst. Junge Frauen werden gegen ihren Willen und den Willen ihrer Eltern zur Heirat gezwungen, Musiker und Sängerinnen zu öffentlichen Peitschenhieben verurteilt. Die grenzenlose Grausamkeit und der menschenverachtende Sadismus der Islamisten gipfeln schließlich in der Steinigung eines Liebespaars.

Verschont von all dem Terror bleibt nur der Hirte Kidane, der friedlich mit seiner Frau und Tochter sowie seinem Adoptivsohn außerhalb der Stadt in deren die Stadt grenzenden Wüste lebt. Als aber ein Fischer eines von Kidanes Tieren tötet und er den Täter bei der folgenden Rangelei versehentlich erschießt, wird Kidane verhaftet und steht plötzlich dem Regime des Islamisten gegenüber.

Die Scheinheiligkeit der Islamisten

In seinem Film „Timbuktu“ thematisiert der 1961 in Mauretanien geborene und in Mali aufgewachsene Regisseur Abderrahmane Sissako („Bamako“, 2006) reale Begebenheiten, die sich von April 2012 bis Anfang 2013 in Timbuktu ereigneten, als die Stadt am Rand der Sahara von Dschihadisten der al-Qaida nahen Gruppierung Ansar Dine erobert und besetzt wurde. Timbuktu galt lange Zeit als ein Zentrum islamischer Gelehrsamkeit, Kunst, Literatur und Musik. Eine Welt, die die Islamisten zerstören wollen.

Fantasievoll, mit klugem Witz und gelassener Distanz beobachtet Sissako das Geschehen. Er verzichtet darauf, zu emotionalisieren oder gar zu moralisieren. Stattdessen stellt er mit stiller Eindringlichkeit die Scheinheiligkeit und Bigotterie der Islamisten bloß, die der Bevölkerung brutal ihre rigiden Regeln aufzwingen, jedoch dreist ihre eigenen Prinzipien verletzen. Sissako wagt einen riskanten Spagat: Anstatt die Islamisten zu dämonisieren, demaskiert er sie und legt ihre Doppelmoral und Absurdität offen. Denn nicht selten wirken diese eher unfähig und von ihrem eigenen Moralkodex nur wenig überzeugt.

Macht statt Frömmigkeit

Die Doppelmoral der Unterdrücker (die z.B. das Rauchen verbieten, aber selbst rauchen) wird geschickt der Lächerlichkeit preisgegeben. Sie vermögen nicht zu überzeugen mit ihrer angeblichen Gottesfurcht, denn sie kämpfen nicht aus Frömmigkeit für den Dschihad, den sie lediglich instrumentalisieren, sondern sie wollen ausschließlich Macht, Frauen und Reichtum

Das Augenmerk des Regisseurs gilt jedoch vor allem den Menschen, die sich dem allgegenwärtigen Terror der Islamisten widersetzen, sei es aus religiöser Überzeugung, aus trotzigem Freiheitswillen oder aus nackter Verzweiflung. Sissako gibt den Menschen eine Stimme, die versuchen sich zu wehren, um ihren Stolz und ihre Würde zu bewahren, obwohl die Islamisten fast jede Form stillen wie offenen Widerstands rasch im Keim ersticken.

Poetische Bildsprache, überragende Schauspieler

In seinem hochaktuellen und mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Film schildert Sissako, was geschieht, wenn eine Gesellschaft unter die Kontrolle von Islamisten gerät. Er zeigt aber auch, dass mit einer vereinfachten Darstellung stereotyper Feindbilder wenig gewonnen ist.

„Timbuktu“ ist ein außergewöhnlich sanfter, leiser und zeitloser Film von immenser Wucht. Er überzeugt besonders durch seine poetische, meisterhaft in Szene gesetzte Bildsprache und die überragenden schauspielerischen Leistungen aller Darsteller. „Timbuktu“ ist einer der bislang überzeugendsten filmischen Beiträge über den islamischen Fundamentalismus. Ein Meisterwerk über Würde, Widerstand und Toleranz.