Mary J. Blige – Souldiva ohne Starallüren

von Anne Chebu

Sie war ein Star der 90er- und der Nuller-Jahre. In der vergangenen Wochen ist Soulsängerinnen Mary J. Blige nach zehn Jahren erstmals wieder in Deutschland aufgetreten. Unsere Rezensentin Anne Chebu erlebte eine Sängerin, die sich neu erfunden hat – und doch auch ihre Klassiker darbot.

Mary J. BlingeDie Jahrhunderthalle in Frankfurt am Main macht am Dienstagabend der vergangenen Woche ihrem Namen alle Ehre, denn gefühlt kommt Mary J. Blige nur alle hundert Jahre nach Deutschland, zuletzt 2006. Nachdem ihr letzte Europatour 2008 wegen „technischer Probleme“ abgesagt wurde, bleibt es bis zuletzt spannend, ob sie dieses Mal wirklich kommt.

Und ja, sie kommt und liefert einen mitreißenden Auftritt. Doch zuvor stimmt die deutsche Musikerin Jenniffer Kae das Publikum mit ihrer tollen Stimme, ruhigen und tanzbaren Songs ein.

Die Jahrhunderthalle ist zwar gut gefüllt, aber nicht ausverkauft. Große Soulsängerinnen, die in den USA gefeiert werden, sind oft in Deutschland eher unbekannt. Mary Janes Fans sind in der Halle zwischen 25 und 50 Jahren alt. MJB hatte ihre Hochzeit in den 90ern und Anfang der 2000-Jahre. Mit Songs wie „911“, „Family Affair“ und „No More Drama“ hatte die Sängerin auch Erfolg in Deutschland.

Musik für Clubs, nicht für die Bühne

Ihr neues Album „The London Session“ geht in eine andere musikalische Richtung. Zwar sind circa sechs klassische Soul-Nummern dabei, aber der Großteil der Songs wurde mit elektronischen Beats aufgepumpt. Der Klang erinnert an Bonussongs mit diversen DJs auf Singel-CDs.

Anscheinend wollte Marie J. Blige oder ihr Management ihre Musik damit für Clubs attraktiver machen. Dies gelang mit dem House-Duo Disclosure und dem Song „F For You“. In den Youtube-Kommentaren dazu ist zu lesen: „Endlich ist MJB nicht mehr langweilig.“ Kein Wunder: In den USA ist elektronische Musik seit ein paar Jahren so richtig im Kommen.

Das Publikum in der Jahrhunderthalle schaut aber eher verwundert aus, als Mary J. nach schnellen Elektro-Rhytmen springt und singt. Dabei geht ihr ein wenig die Puste aus und der Gesang leidet darunter (z.B. „My Loving“, „Nobody But You“). Eine neue und etwas befremdliche Seite der Soulqueen, die eher an eine Club-Sängerin erinnert, die nachts den DJ begleitet. Diese Songs sind vielleicht Erfolge in Diskos, live auf der Bühne werden sie ihr aber nicht gerecht.

Songs verbunden mit persönlichen Geschichten

Auch Lieder ihrer alten Alben „Share My World“ und „My Life“ stehen auf dem Programm in Frankfurt. Ihre Authentizität und Ausstrahlung beeindrucken und kaschieren, dass sie bei ihren alten Songs nicht jeden Ton – vor allem die sehr tiefen Töne – so singt wie 1994 und 1997 auf ihren CDs.

Mary J. Blinge 2Umso größer ihr Auftritt bei ihren neueren souligen Songs, die aus „The London Session“, „The Breakthough“ oder „The Reflections“ stammen. Man kann Mary genau ansehen, mit welchen Liedern sie eine persönliche Geschichte verbindet. „No More Drama“, „I’m Going Down“, „One“, „Not Gon’ Cry“ und „Take Me As I Am“ sind die Highlights. Mary J. Blige singt dabei inbrünstig, ausdrucksstark und mit vollem Körpereinsatz – sie fühlt den Song und jedes einzelne Wort, was beim Publikum zu Gänsehaut und Tränen in den Augen führt: tosender Applaus.

Mary J. Blige präsentiert eine große Bandbreite ihrer Lieder. Dabei werden aber auch ganze Alben ausgelassen, wie zum Beispiel „Stronger With Each Tear“ oder „Growing Pains“.

Unterhaltung ohne große Show

Zwei Stunden lang zeigt Mary, wie viel Spaß ihr der Auftritt und die Musik machen. Ab der Hälfte des Konzertes übertrifft sie sich stimmlich selbst. Diese Songs liegen ihr einfach und passen perfekt zu ihrer Stimmlage. Wie ein James Brown in den Anfängen seiner Karriere lebt sie den Soul auf der Bühne und steckt mit ihrer energischen Art das Publikum an. Die Fans singen, tanzen und applaudieren zwischendrin minutenlang mit „Mary-Sprech-Chören“.

Ohne große Show schafft sie es zu unterhalten. Sie zeigt dem Frankfurter Publikum akrobatische Tanzschritte auf Zwölf-Zentimeter-Pfennigabsätzen und scherzt dabei mit dem Publikum, wie es Freundinnen untereinander tun. Mary J. dankt ihren Fans aus ganzen Herzen und erklärt, es sei Inspiration und Quelle ihrer Kraft.

Die Band und der Backgound-Chor sind fabelhaft, vor allem bei „Therapy“ hört man die wunderschönen Stimmen sehr gut. Leider kann man die Sängerinnen nur hören, denn sie werden fast komplett vom Keyboardspieler verdeckt.

 Motivierendes fürs Publikum

Eine Gruppe Frankfurterinnen findet das Mary-J.-Blige-Konzert „überwältigend und ist emotional sehr stark bewegt“. Gut gefalle ihnen, dass Mary J. dem Publikum zwischen den Songs viel Motivierendes sagt. Das wird auch bei dem Song „Doubt“ sehr deutlich. Mary fordert das Publikum auf, ihre Hände zu Fäusten zu ballen, in die Luft zu strecken um ein Power-Zeichen zu setzten. Alle folgen diesem Aufruf.

In „Doubt“ geht es darum, seinen Weg zu gehen. Obwohl Mary J. viele Menschen sagten, dass sie es nie zu etwas bringen werde, erreichte sie ihre Ziele. Einer der vielen Songs von MJB, die viele Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen Mut zusprechen. Genau wie der Abend in der Jahrhunderthalle. Die Fans verabschieden sich glücklich und dankbar, eine MJB gesehen zu haben, die sich wohl nur alle Jahrzehnte lang in Deutschland zeigt.